Juttas geschichtengenerator. Treppenhaus (Tom, ausgeschlossen)

IMG_5991  Nun also doch noch mal: Treppenhaus. Mit Bild. Angeregt durch http://juttareichelt.com/2016/03/11/9-geschichtengenerator-in-aktion/

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Treppenhäuser gehören zu den am meisten gehassten Örtlichkeiten, besonders wenn du im 5. Stockwerk wohnst und es keinen Fahrstuhl gibt. Man hat zu schleppen: Kind, Einkäufe, Kohle aus dem Keller, gelegentlich auch das Fahrrad, damit es nicht fremdgeht. Das Treppenhaus riecht, um nicht zu sagen: es stinkt. Die Gerüche aus Küchen, von Reinigungsmitteln, Rauch und Kohlenstaub mischen sich, und du musst fünf Treppen ersteigen, das Kind auf der rechten Hüfte, drei Einkaufstüten in der linken Hand, einen Rucksack auf dem Rücken. Im dritten Stock wohnt eine Alte, die kann nicht mehr in den Keller, also guckt sie raus und versucht einen Menschen abzufangen, damit man ihr einen Eimer Kohle hochholt. Heute bin ich dran. Ja, Moment, ich bring dies grad mal hoch, Frau K, dann komme ich. Atemlos, das Kind absetzen, den Schlüssel hervorkramen. Wo zum Teufel ist der Schlüssel. Im Rucksack, Außentasche. Nein. Da sollte er aber sein. Ist er aber nicht. Von unten die Stimme der Alten: Kommen Sie nun? Moment, einen Moment bitte. Das Kind sitzt am Boden zwischen den Einkäufen, immerhin. Hoffentlich bleibt es da und fängt nicht an, über die Tüten zu krabbeln und sich zu verheddern. Wo ist der verdammte Schlüssel? Hinter der verschlossenen Tür klingelt das Telefon. Das muss Tom sein, der wollte sich für heute Abend verabreden. Silvester, bisschen Knallerei gucken und dann zusammen anstoßen. Rausgehen geht nicht, wegen dem Kleinen. Natürlich fängt er an zu krabbeln, fischt Salzstangen aus der einen Tüte, reißt die Packung fröhlich auseinander. Gluckst, als die Dinger zerbrechen, stopft sich drei Bruchstücke gleichzeitig in den Mund. Immerhin, er ist beschäftigt. Aber der Schlüssel, wo ist er. Den Rucksack habe ich schon fast ausgeleert, kein Schlüssel. Das Klingeln bricht ab, um gleich wieder zu beginnen. Kommen Sie nun, Frau N, ruft die Alte von unten. Moment! rufe ich, mein Schlüssel, ich kann hier nicht rein, Moment bitte. Ich hab ihn doch hoffentlich nicht drinnen stecken lassen? Das würde mir grad fehlen. Ich bücke mich und kneife das eine Auge zusammen, um mit dem anderen deutlicher zu sehen. Mist, verdammter, der steckt von innen. Und jetzt? Wo kriege ich einen Schlüsseldienst her? Als ich mich aufrichte, sehe ich: Der Fischsalat für heute Abend ist jetzt dran, der Kleine verschmiert ihn grad in seinem Gesicht, zieht eine Schnute, denn er schmeckt ihm nicht. Und drinnen klingelt zum dritten Mal das Telefon, nun aber nur kurz, bricht ab. Ich setze mich auf die oberste Treppenstufe, schnappe mir das Kind, setze es mir auf den Schoß und befreie die Packung Fischsalat aus seinem Händchen. Gar nicht so einfach, denn jetzt will er ihn. Irgendwo im Rucksack muss ich Tempos haben. Für seine Hände, für meine Tränen. Von unten ruft die Alte:

Wann kommen Sie denn, bitte?

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Marsyas

Es gibt einen entsetzlichen griechischen Mythos. Der Gott Apoll und der phrygische Satyr Marsyas (dem Gott Pan sehr ähnlich, aber eben kein Gott) treten zum Wettstreit an – der eine mit der Kythara, der andere mit der Doppelflöte. Die Musen sind die Schiedsrichter. Sie finden zunächst beide gleich gut, doch als Apoll zum Saiteninstrument den Gesang fügt, ist es aus mit Marsyas. Apoll hängt ihn in einen Baum und lässt ihn bei lebendigem Leib enthäuten.

Marsyas hat die Kunst, aber auch die Philosophie vielfach beschäftigt. Bei den Alten wird der Wettstreit dargestellt

bei den neueren, angefangen in der frühen Renaissance, steht das Martyrium des Marsyas im Mittelpunkt, wobei an grässlichen Einzelheiten nicht gespart wird (hier: Tizian)

Warum diese schreckliche Strafe?  Was ist das Vergehen des Marsyas? Worum geht es in dem Mythos eigentlich? Um Hybris, meinen manche. Wie konnte es ein Satyr wagen, den Gott Apoll herauszufordern! Doch war nicht Apoll selbst der Herausforderer, und daher Marsyas  von Anfang an zum Tod verurteilt, egal wie gut er spielte? Soll hier gezeigt werden, dass die Götter eben immer recht haben? Eine Kaprize der Götter halt?

2-M120-M3-1655 L.Giordano, Apoll und Marsyas Giordano, Luca 1634-1705. 'Apoll und Marsyas', undat. (Apollo schindet Marsyas). Oel auf Leinwand, 201 x 263 cm. Neapel, Privatsammlung. E: Giordano, Apollo and Marsyas Giordano, Luca 1634-1705. 'Apollo and Marsyas', undated. (Apollo flays Marsyas). Oil on canvas, 201 x 263cm. Naples, private collection.

Mythen muss man lesen wie Wahr-Träume. Es kommt auf die Details an. Zu denen gehört: Apoll siegt, nachdem er sein Instrument umdreht und zum Spiel auch singt. Das kann Marsyas ihm nicht nachmachen: Die Flöte kann man nicht umgekehrt bespielen, und Singen kann man auch nicht, wenn man sie spielt. Ein übler Trick von Apoll, wie manche meinen? O nein!

Ein anderes Detail: Marsyas hat die Flöte „gefunden“, denn erfunden hat sie Athene. Als sie aber merkt, dass sich ihr Gesicht beim Spielen verzerrt, wirft sie sie weg. Ist sie eitel? O nein!

Und dann ist da noch das abgezogene Fell des Marsyas – wozu diente es? Vielleicht wurde es zum Trommelfell oder zum Dudelsack. Die phrygische Doppelflöte, im Klang der Oboe ähnlich, die Trommel und der Dudelsack – das sind Instrumente, die zum rauschhaften Tanz, zur Selbstvergessenheit auffordern. Das Gesicht der Spieler verzerrt sich, die Vernunft des Menschen trübt sich, er gibt sich den Trieben, der Lust seines Leibes und seiner „Flöte“ hin. Die Folge ist: Das Instrument (der Leib) beherrscht den bewussten, logischen Anteil des Menschen.

Apoll siegt, als er zur Musik den Gesang fügt. Melos und Logos: Melodie und Wort wirken zusammen. Der Mensch soll auf seinem Instrument (Leib) spielen, nicht der Leib den Menschen beherrschen. Klarheit, Schönheit, Harmonie sind die Aufgaben der Kunst, nicht Rausch und Wollust. So will es das klassische Griechentum. Darum wird Marsyas zum Gehängten, dem das Fell bei lebendigem Leib abgezogen wird. Nackt, felllos, wird er erst zum Menschen. Das ist ein äußerst schmerzhafter Prozess, der wohl bis heute nicht abgeschlossen ist.

Platon verbannt die phrygische Flöte des Marsyas aus seinem utopischen Staat, denn er findet die Reizung der Sinne eine für die menschliche Entwicklung schädliche Untugend. Johann Sebastian Bach komponiert eine Kantate („Geschwinde ihr wirbelnden Winde“) über den Wettstreit zwischen „Phoebus und Pan“, wie er die Akteure nennt, und schlägt sich ebenfalls auf die Seite des Apollinischen.

Es ist das alte Thema: Soll die Kunst apollinisch oder dionysisch sein? Soll sie, als Geistiges, dazu verhelfen, dass der Mensch als Meister über sein natürliches Triebleben, seine Süchte und Verschwommenheiten herrscht, oder soll die Kunst rauschhaft und entfesselnd wirken, damit der Mensch aus seiner Vereinzelung zurückfindet in die Selbstvergessenheit und die Umarmung der größeren Natur?

Vom Marsyas (oder Pan) habe ich ein Bild gemalt, ohne mich in dieser Frage zu entscheiden. Ich zeige hier, meiner Gewohnheit nach, verschiedene Phasen der Entstehung.

19.12. Pan 1 a    Pan 2

und so seht ihr, dass ich beim Nackten, Enthäuteten (Neugeborenen) beginne und ihm ein Fell wachsen lasse, während er auf seiner Flöte bläst.

Pan 5

Pan 6

 

 

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Zeichnen als anschauliches Denken

„Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern Kunst macht sichtbar.“ (Paul Klee)

 

Beim Zeichnen denkt meine Hand, nicht mein Kopf. Ich überlasse ihr die Führung, damit sie sichtbar, anschaubar macht, was als vage Idee in mir lebt.

Links ein Wald, festes Land – rechts Segelboote,  Wind, Meer. Zunächst notiert der Stift nur leicht die Idee.

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(Ich bitte, die schlechte Qualität der Fotos zu entschuldigen. Es ist schwer, mit einem iphone und minderer Beleuchtung eine Fläche von 60 x 180 cm zu fotografieren).

Während ich zeichne, wird die Idee deutlicher. Zuerst bilden sich die Segel, ruhig in Landnähe, doch heftig bewegt, wenn der Wind sie auf offenem Meer ergreift. Ihre Formen spiegeln sich. Eine waagrechte Linie trennt das Luftelement vom wässrigen Element.

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Aber noch fehlt der Übergang vom Festen ins Windige und Wässrige. Die Hand sucht, strichelt.Wie komme ich vom Festen hinaus, hinüber, ins Weite?

15.12.13, Fortsetzung 6

Allmählich kristallisiert sich die Lösung heraus: Die Bäume haben ihr Holz geopfert, und aus dem lichten Mangrovenwald stoßen spitze Formen in Richtung Meer: Boote.

15.12.13, Fortsetzung 3

Die Anfangs-Idee ist anschaulich geworden:  Der Wald opfert sein Holz, so entstehen Verdichtung und zugespitzte Form – die Boote. Die stoßen, wenn sie sich lösen können aus der Umarmung  des mütterlichen Waldes, hinaus in die freie Bewegung, in die Weite des Meeres, des ungebundenen Lebens.

 

15.12.13, Fortsetzung

 

 

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Flüchtlingspolitik: Wir distanzieren uns

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Wütend? Mach was draus! (Zum Tag der Frau)

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Für den Anfang schon mal ganz gut, denke ich, als ich dieses zertrümmerte Glas im Gelände vor unserem Stadtwald liegen sehe. Besser, der Ziegelstein trifft ein ausrangiertes Fenster als einen Kopf. Oder gar den „alten Mann“ (Gott, Vater, Ehemann, Ex, Lehrer, Männer im Allgemeinen), auf den so manche wütend ist.

Jetzt also liegt das zertrümmerte Glas im Gras, und der Himmel spiegelt sich freundlich darin. Auch das Gebüsch spiegelt sich.

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Wo sich alles spiegelt, ist auch für mich ein Spiegel aufgestellt, dort unten am Boden.

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Falls dir, Frau, immer noch nach Wut ist, male ein Wutbild, lass es schnauben und lache drüber. Das hilft bisweilen. ……………………Wünsche einen wundervollen Tag der Frau! (Son Quatsch, ein Tag von 365 für die Hälfte der Erdbevölkerung. Aber meinetwegen).

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Wutbild. Kohle, Ölkreide auf Papier

 

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Montag ist Fototermin: Wandernde Steine

Das Lied von der Moldau

Am Grunde der Moldau wandern die Steine.

Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.

Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

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Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne

Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt.

Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne,

Es wechseln die Zeiten, da hilft kein’ Gewalt.

Hierzu eine kleine persönliche Anekdote. Ich lernte meinen Mann 1967 kennen, kurz nachdem in Griechenland die Junta der Obristen die Herrschaft an sich gerissen hatte. Die wenigen Griechen von Kiel und ein paar versprengte deutsche und südamerikanische Linke formierten in der Kieler Innenstadt einen Protestzug.

Vorne weg trugen sie ein großes Transparent, darauf stand: „Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne, es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.“ Bertold Brecht. Dazu auch die griechische Flagge.

Die meisten Kieler Bürger übersahen den kleinen Zug, aber ein Herr fragte interessiert: „Wird ein neues Stück von Brecht gegeben?“ Das wäre allerdings eine Sensation, denn Brecht stand in Schleswig-Holstein noch auf der Liste der verbotenen kommunistischen Autoren. Nur wenig relevante „Jugendwerke“ wie „Im Dschungel der Städte“ konnten gezeigt werden.

Auch dieser interessierte Herr hatte offenbar nicht mitbekommen, dass im Mutterland der Demokratie gerade die Demokratie abgeschafft worden war. Sieben Jahre später „wechselten die Zeiten“ mal wieder, und die „blutigen Hähne“ verschwanden im Gefängnis.

Doch was sind sieben Jahre oder auch siebzig im Strom der Zeit?

Am Grunde der Moldau wandern die Steine.

Es liegen drei Kaiser begraben in Prag.

Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.

Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.

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Zeichnen als Selbsterkundung

… mit Graphitstift auf laufender Papierrolle. Das tue ich manchmal. Lasse den Stift laufen. Er gehorcht Impulsen, die ich selbst nicht kenne. So äußern sie sich. Und ich kann sie lesen. Ich komme mir einen Schritt näher, ich verstehe mich besser.

14.12.13, Zeichnung SW ganz

Zeichnung Graphitstift auf Papier, 60 x 180 cm

Ich betrachte die Linien, wie sie aufeinander stoßen, sich  kreuzen, zittern, zagen, nicht wissen, in welche Richtung sie sich entfalten sollen, und doch nicht anders können, als sich kräftig zu äußern …

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… die Fläche zu ergreifen und schon an ihren Rand zu stoßen, irritiert …

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oder sich vielleicht auch in sanftem  Verzicht zurückzuziehen, müde des Kampfes.

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Panagiotis Tetsis starb heute.

IMG_4105Panagiotis Tetsis. 91 Jahre alt ist er geworden und hat ein großes Werk hinterlassen. Am Montag wird er auf seiner Heimatinsel Hydra bestattet.

Mit großem Dank im Herzen verabschiede ich mich und verneige mich vor einem großen Lehrer und Künstler.-

Griechische Kunst am Sonntag: Panagiotis Tetsis

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Ich habe dich nicht gekannt. Luises Geschichte

Siehe auch: https://gerdakazakou.com/2016/02/05/luise-juttas-geschichtengenerator-in-aktion/

Diese Geschichte wurde angestoßen vom geschichtengenerator http://juttareichelt.com/.

 

Luise M, 67, wurde am … im stillgelegten Bahnhofsgelände bestialisch ermordet. Als Täter wurde der ortsbekannte Maler John K identifiziert, für den sie zuletzt als Modell gearbeitet hat. John K wurde in der Psychiatrischen Klinik in P interniert und ist in Behandlung. Das ärztliche Gutachten spricht von einem psychotischen Schub, der zu dieser grausamen Tat geführt habe.

Beide – Täter und Opfer – waren Ortsfremde. Auch der junge Mann, E.M., auf den sich zunächst der Hauptverdacht der Polizei richtete, lebt erst seit kurzem in unserer Stadt. Das führte bei einigen unserer Mitbürger zu der verständlichen Reaktion, dass „alles Übel von außen“ kommt.

Da der Mordfall unsere Stadt in große Aufregung versetzt hat, haben wir uns entschlossen, alle Informationen über die Hauptpersonen des Dramas zusammenzutragen und Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, zu präsentieren. Sie haben ein Recht darauf, die Hintergründe zu erfahren und sich selbst ein Bild über das Opfer, den Täter und den inzwischen wieder auf freiem Fuß lebenden Hauptverdächtigen zu machen.

Teil I: Das Opfer – Wer war Luise M?

IMG_5770a Luise M kam am … 1940 in …. als viertes Kind des bekannten Hamburger Chirurgen K.M Welt. Die Familie bewohnte im wohlhabenden Hamburger Stadtteil … eine Villa mit großem Garten und besaß ferner ein Landhaus an der Ostsee, in dem sie ihre Sommerferien verbrachte. Im Jahre 1954, als Luise 14 war, zerbrach die Ehe der Eltern. Luise reagierte mit Trotz. Sie widersetzte sich den erzieherischen Absichten ihrer Eltern, entwickelte ein provozierendes Verhalten gegenüber ihren älteren Schwestern und musste wegen Fehlverhaltens und Schwänzens mehrfach die Schule wechseln. Mit 16 verließ sie die Realschule ohne Abschluss und begann, sich herumzutreiben. Ihre besorgte Mutter vermittelte sie daher als Au pair-Mädchen in einen Ärzte-Haushalt in der Schweiz. Doch auch dort blieb sie nicht lange. Wie wir erfahren konnten, kletterte sie bei Nacht und Nebel aus dem Fenster der Villa und verschwand.

Im Jahre 1958, wurde sie erstmals als Modell in der Kunsthochschule in …. geführt. Nach den uns zur Verfügung gestellten Unterlagen war Luise dort als Interessenvertreterin aktiv und kämpfte dafür, dass die Männer und Frauen, die in jenen Jahren als Modell arbeiteten, eine feste Anstellung und einen angemessenen Lohn erhielten. Als sie sich mit diesen Forderungen nicht durchsetzen konnte, verließ sie die Kunstakademie und arbeitete freiberuflich in verschiedenen Ateliers. Sie wechselte oft ihren Wohnsitz. Anscheinend lebte sie auch mehrere Jahre im Ausland, unter anderem in Neuseeland. Zuletzt ging es ihr finanziell sehr schlecht. John P kannte sie aus ihrer Zeit an der Kunstakademie in K. Hatten sich ihre Wege auch danach wieder gekreuzt? Kam sie in unsere Stadt, weil sie sich von ihm Hilfe versprach?

Lesen Sie morgen die Fortsetzung: Wer war John K?

Nina schob die Zeitung in die hölzerne Halterung und hängte sie an den Garderobenhaken neben die anderen Lokalblätter. Luise. Habe  ich dich gekannt?  Wer warst du, Luise?

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Modell sein – das heißt Gegenstand sein. Luise fühlte sich, als sie das erste Mal nackt vor den Augen der Kunststudenten posierte, wie in der Klinik, als man ihren Körper den Studenten als Anschauungsmaterial vorführte. Dass ihr Bauch schmerzte und ihre Seele zerrüttet war, spielte damals wie heute keine Rolle. Eine Universitätsklinik ist eine Ausbildungsstätte, also halt still. Dies ist die Anatomie, du bist schon tot und gestorben, halt still.  IMG_5905 Und eine Kunstakademie – was ist das? Eine Ausbildungsstätte. Du bist ein Gegenstand, Luise, also halt still. Vor allem: HALT STILL. Rühr dich nicht, zucke nicht. Sei still wie das Plakat an der Wand. IMG_5788x Wie sonst können die Studenten den richtigen Winkel zwischen Hals und Schulter und den Abstand zwischen den Schenkeln finden?

Sie finden ihn sowieso nicht, diese Stümper. Sie zeichnen dich ab, aber sie verstehen dich nicht. Sie gehen nicht von Innen nach Außen, sondern bleiben im Außen stecken. IMG_5801 Wie ein Apfel von außen, ohne Geschmack, ohne das Wunder seiner Kerne, ohne die Fähigkeit seiner Haut zu schrumpfen, eine Form nur, wesenlos. Der Winkel zwischen Hals und Schulter, der Abstand zwischen den beiden Schenkeln – er ist nicht in Graden zu messen, sondern in Befindlichkeiten.

Ich, Luise, verstehe mehr davon als ihr. Ich sehe euch, wie ihr euch abmüht. Du da drüben, bleichgesichtiger Jüngling IMG_5809, der du immer wieder prüfend deinen Messstab hebst – ich könnte dir sagen, dass deine Mutter eine Furie ist, eine gelbgesichtige. Sie hasst dich, weil sie ihren Mann hasst. Sie führt ihn am Gängelband, und du schaust ihr dabei zu, voller Wut und Angst.IMG_5920   IMG_5814 Und nun, groß gewachsen und bleich, hasst du dich selbst. Da hilft dir auch alles Messen nicht. Solange du versuchst, deiner Mutter zu imponieren, stehst du auf verlorenem Posten, John. Du wirst keine Frau begreifen, also auch kein Bild von ihr zustande bringen. Besser, du suchst dir einen anderen Beruf. Werde Buchhalter, meinetwegen.IMG_5680aa IMG_5809s

Und du da drüben, Mädchen, hübsch anzusehen, glaub du nur nicht, du Püppchen, dass ich nicht sehe, wie du meinen Körper sezierst im Glauben, dass du immer die Hübsche bleiben wirst. Du begreifst nicht, dass dein eigener Körper dich bereits verlässt. Wie solltest du also mich verstehen und meinen Körper? Vielleicht schaffst du es ja mal zur grau gesichtigen Illustratorin von Kinderbüchern. Dann sei froh und zufrieden.

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Ich steh hier. Mein rechtes Bein muss die gesamte Last meines Körpers tragen, damit du da hinten, mein Fräulein, einen schönen Hüftschwung aufs Papier bringst. Aber wenn du ihn nicht in dir hast, wenn du den Hüftschwung nicht eben jetzt, wo du meine Winkel ausmisst, in dir spürst, wenn du nicht begreifst, wie deine Hüfte zurückschwingt und sich ein Lächeln in deinen Mundwinkeln einnistet, weil der Lehrer dich anschaut, dann könntest du genauso gut einen Kleiderständer abmalen.

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Kindheit und „Flüchtlingskrise“

Als ich ein Kind war, lebte ich in einer kleinen Stadt an der Ostsee. Die hatte vor dem Krieg 3 000 Einwohner. Nach dem Krieg, 1945, waren es 12 000 geworden. Ja, woher waren die denn alle gekommen? Zugegeben, damals gab es noch viele Störche, aber ein solcher Zuwachs hätte diese liebenswerten Vögel doch ein wenig überfordert.

Es waren – ihr habt es erraten – Flüchtlinge. Sie wurden überall einquartiert (bei uns wohnten zeitweilig in fünf Zimmern fünf Familien) oder im rasch gebauten Barackenlager untergebracht. Auch unsere Schulen waren Baracken, klar, denn für so viele Kinder konnte man nicht so schnell Schulraum beschaffen. Uns machte das nichts aus – außer im Winter, wenn der Wind durch die Holzwände pfiff. Dann gruppierten wir uns um den Bullerofen und ließen den Lehrer frieren.

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Was ihr hier seht, war unser Gymnasium und unsere Klasse, 1952. Wir waren die Sexta, also 1. Klasse des Gymnasiums. Das entsprach dem 5. Schuljahr. Wir waren zehn oder elf Jahre alt. 46 Schüler in der Klasse, und alle quietschvergnügt. Mich könnt ihr gleich erkennen, dritte Reihe, dritte von links: Ich war halt immer schon ein heller Kopf 🙂

Warum sollte nicht heute möglich sein, was damals ging? Die Zahlen sind ja heute sehr viel geringer, und die Wirtschaftskraft unvergleichlich viel größer. „Das schaffen wir“ ist ein richtig guter Satz in meinen Ohren.

 

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