Gastbeitrag: Flüchtlingsbetreuung auf Samos

Meine Freundin Ingrid schickte mir einen letzten Bericht von ihren Erfahrungen mit der Flüchtlingsbetreuung auf den ostägäischen griechischen Inseln, den ich euch nicht vorenthalten möchte. Sie selbst hat sich den Arm angebrochen und ist, außer Gefecht gesetzt, nun an der türkischen Küste unterwegs. Aber lest selbst.

BERICHT SAMOS 3. 3.

 

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Luise und Artemis

Viel ist in letzter Zeit die Rede von der Frauenrolle im Islam. Heute las ich hier von einer als Buch erschienenen Übersetzung: die Frauen des Dschihad, einer Propagandaschrift von IS. Und stellte mal wieder fest, wie kurz das historische Gedächtnis gewöhnlich ist. Denn das Schreckliche, was dort geschildert und in den Kommentaren angeprangert wird, ist ja der Kern, um den sich in Jahrhunderten die Schale aller religiösen Dogmen bildete. (Das Christentum macht da keine Ausnahme. Nur Jesus stand anders zu den Frauen, nicht seine Adepten.).

Der Kern der religiösen Dogmen ist, auf einen Nenner gebracht, die Verkrüppelung der Frau. Oder, weniger hart formuliert: die Gefügigmachung der Frau. Wird sie garantiert, werden auch die Dogmen geschluckt.

In meiner Geschichte „Luise“ hier und hier und hier und hier habe ich eine Frau beschrieben, die sich nicht gefügig machen ließ und ermordet wurde. In meinen Augen vertritt sie einen Typ, den ich „Artemis“ nenne. (Luises Lebensgeschichte möchte ich ein anderes Mal ausspinnen. )

Wer war  Artemis ?

Eine der Olympischen Zwölf, Zwillingsschwester von Apoll,  die mit den Tieren und dem Bogen, Jungfrau und Jägerin….

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Vravron, Heiligtum der Artemis

In Vravron (Brauron) in Attika unterstand ihr ein Pensionat für Mädchen und Knaben, in dem diese geschützt vor männlichen Übergriffen aufwachsen konnten, auch schwangere Frauen fanden hier Zuflucht, und totgeborene Kinder wurden hier bestattet. Die Menschen ehrten und liebten sie und brachten ihr Opfergaben.

Auch Iphigenia fand hier ihre letzte Ruhestätte.

Iphigenie, Grab Vravron

Iphigenias Grab in Vravron (Brauron)

Iphigenia war die älteste Tochter von Klythaimnestra und nach dem noch geltenden Mutterrecht die Erbin von Mykene. Ihr Vater Agamemnon opferte sie in Aulis, unweit des Artemistempels, damit die Achäer in den Krieg gegen Troja ziehen konnten. Mit der Ermordung von Iphigenia durch den Vater, dann auch Klythaimnestras durch den Sohn (Orest), und mit der Legitimierung dieser Morde durch den Areopag und die Dichter der klassischen Zeit (Sophokles) endet faktisch das Mutterrecht. An seine Stelle tritt das Vaterrecht, das sich fast überall auf der Welt durchgesetzt hat.

Vieles ließe sich erzählen über die große Göttin Artemis. Doch will ich mich hier auf einen Charakterzug beschränken, der in Sparta verehrt wurde:

Dort stand ein hölzernes Bild von Artemis Orthia: die aufrecht Stehende. Ορθός – ihr kennt das Wort aus Zusammensetzungen wie Orthographie (Rechtschreibung), Orthodoxie (der rechte Glauben) heißt : aufrecht, gerade, richtig, recht.

Diese ORTHIA verkörpert, so meine ich, die Aufrichtekraft der Frau. Ihr Rückgrat wurde, wenn sie, schon als Kind verheiratet, rechtlos, demütig, ein Gegenstand des Mannes war, angepasst, willig, gebeugt. War sie nicht gefügig, wurde sie verstoßen, ins Kloster gesperrt, als Hexe verbrannt, oder im Sand vergraben und gesteinigt.

Und doch ist sie unzerstörbar. Das ist Artemis in ihr. In allen Frauen. In uns allen.

Die aufrechte Haltung – gepaart mit Fürsorge, Milde, Freundlichkeit gegenüber den Kleinen und den Tieren -, das ist es, was Artemis in uns bewirkt, wenn wir sie und uns selbst in ihr ehren.

Vravrona Plakat

 

 

 

 

 

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Kunst oder Nicht-Kunst? Zufällige Installationen

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Zur Ergänzung der beiden vorigen Beiträge („In einem Meditationsraum“ und „worauf wir gehen“) möchte ich euch heute mit einem griechischen Phänomen bekannt machen, das für mich ein Augentrost ist: „Installationen“ von allerlei Dingen, die man in Deutschland selten sehen kann. … Weiterlesen

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Worauf wir gehen

Katrin hier brachte mich mit ihrem Kommentar zu meinem vorigen Beitrag „in einem Meditationsraum“ auf die Idee, euch heute gleich noch eine Fotoreihe von Böden zu zeigen. Denn wer beachtet schon den Boden, auf dem er geht?

Die Fotos habe ich nach einem Besuch des Naturkundlichen Museums Goulandri im Athener Vorort Kifissia aufgenommen. (Hier ein paar Fotos vom Nautilus und anderen Wunderwerken der Natur, an denen sich das Gesetz des Fibunacci demonstrieren lässt)

Argonautis Muscheln 2 Nautilus Abb Nautilus

Wahrscheinlich hatte sich meine Aufmerksamkeit gesteigert, wie meist, wenn ich Ausstellungen angesehen habe, und so fielen mir die Marmorfliesen auf dem Vorplatz auf, die von feinen Löchern übersät sind, damit man bei Nässe nicht drauf ausgleitet. Und da ich nun mal dabei war, auf den Boden zu gucken, fielen mir noch etliche großartige Bilder auf, die sich da zu meinen Füßen hingelegt hatten, und über die die Menschen gewöhnlich achtlos schreiten.

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Bodenfliesen

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Ich gestehe: solche Bilder faszinieren mich mehr als vieles, was ich in Galerien sehe.

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In einem Meditationsraum…

… im Athener Stadtzentrum, entronnen den Wirren und dem Lärm der Großstadt, geschah es, dass ich mich in den Fußboden verguckte. Folgend den geschwungenen Linien des Holzes, fließend und kreisend, stürzte ich in die Tiefe der Augen des Baumes, der hier aufgeschnitten zu meinen Füßen lag,

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Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – und umgekehrt

Ich möchte, angeregt durch den heutigen Beitrag von Jutta  hier (Jutta ist wahrhaftig eine Ideengeberin!) heute mal von meiner kunsttherapeutischen Arbeit plaudern. Der titelgebende Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ hier– ist die Kernthese der modernen Gestalttheorie und wurde – ihr erratet es! – bereits von Aristoteles formuliert. Der Satz lässt sich aber auch umdrehen! Das ist kurios und ein wenig paradox: Die Summe der Teile ist mehr als das Ganze. Seht her! Das Ganze ist ein weißes Blatt Papier, die Summe der Teile ist … etwas ganz Eigenständiges, Aussagekräftiges, eine besondere Gestalt (rechts das Ausgangsmaterial – links das Ergebnis. Demonstration Dr. Avi Goren-Bar)3 Avi, the sum of 3 the parts is more than the whole 2Das machte ich mir in meiner kunsttherapeutischen Gruppenarbeit zunutze. Wenn du jedem das gleiche Ausgangsmaterial gibst – ein leeres Blatt DinA4 Papier -, wird jeder etwas anderes daraus gestalten. Dieses „andere“ wird Aufschluss geben über seine Befindlichkeit, sein Wollen und Denken. Mit diesem Bild könnten wir dann weiterarbeiten…

Der erste Schritt: Jede/r TeilnehmerIn bekommt ein Blatt Papier, das er/sie nach eigenem Geschmack zerreißt oder zerschneidet. Die Teile – und zwar alle ausnahmslos – sollte er/sie dann zu einem Bild zusammenfügen.

Αρχοντιά 1 φάσηΔιονυσία 1 φάσηΜαρία 1 φάσηΑλέξανδρος 1 φάσηΕλένη 1 φάσηΜαρκέλλα 1 φάση

Großes Staunen! Man war überrascht, bewunderte, wunderte sich auch. Nun ließ ich alle eine persönliche Signatur aus Knete herstellen und auf ihrem Bild platzieren, dazu auch einen Titel finden und draufschreiben.

Μαρκέλλα 2 φάσηΝτίνα 2 φάσηΜαρία 2 φάσηΕλένη 3 φάσηΔιονυσία 2 φάσηΑρχοντιά 2 φάση

und um zu demonstrieren, dass man aus seinem Leben tausend Sachen machen kann, ohne das geringste hinzuzusetzen, ließ ich die TeilnehmerInnen nun neue Bilder finden.

Ντίνα 3 φάσηΜαρκέλλα 3 φάσηΜαρία 3 φάσηΔιονυσία 3 φάση

Nun aber galt es zu demonstrieren, dass das Ganze eben doch mehr ist als die Summe seiner Teile: Die einzelnen sollten sich mit ihrem Bild in ein gemeinsames Bild einbringen. Das war ein gar nicht so einfacher Prozess, denn man musste kooperieren und Kompromisse finden. Das Gesamtbild besprachen wir dann, und wenn sich jemand unbequem eingeordnet fand, durfte er um Korrektur bitten und sie auch vornehmen – bis alle zufrieden waren.

ομαδα 2 φάση (επαμβαση Ελένη)Dies war mein erster Versuch unter dem Slogan: Ich mache was aus dem, was ich habe. Ich habe dasselbe wie die anderen auch, aber ich mache daraus mein Ding. Und wenn wir alle das, was wir machen, zusammenfügen, kommt schon was recht Prächtiges dabei heraus.

Μαρκέλλα 2 φάση α

Gerade im Griechenland der Krise schien es mir geeignet, Mut zu machen, um aus dem wenigen etwas ganz Eigenes und Wundervolles zu gestalten. Und zu erfahren, dass, wenn man sich in einer Gruppe einbringt, noch tausendmal reichere Ergebnisse erzielen kann. Und wenn man mit seinem ersten Produkt nicht zufrieden ist, kann man – einzeln oder gemeinsam –  ein anderes machen und wieder ein anderes, bis es einem oder allen wirklich gefällt.

Das Folgende ist ein Beispiel aus der individuellen Arbeit mit einer Frau (eine Sitzung). Ihr seht vier Stadien von der ersten Legearbeit bis zum befriedigenden Ergebnis.

Eleftheria 023 Eleftheria 040 Eleftheria 041 Eleftheria 045

oder diese individuelle Arbeit eines Mannes, in drei Stadien:

Nikos 019 Nikos 036 Nikos 039

Und noch ein paar Beispiele, die ersten beiden von Männern, das dritte und vierte von Frauen (erste Phase)

Savvas 025 Stathis 026 Stavroula 021 Stella 028

Jedes  Bild ist ein hoch persönlicher Ausdruck, ein Fingerprint, mit dem man dann weiterarbeiten kann. Und das alles aus fast nichts: aus einem weißen Blatt Schreibmaschinenpapier… und gelegentlich ein bisschen Knete oder, stattdessen, ein paar  Buntstiften.Evthimia 042

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Tom und Martha (3)

Liebe FreundInnen des geschichtengenerators http://juttareichelt.com/in Aktion . Ihr habt in letzter Zeit allerlei Leute mitsamt ihren Geschichten kennengelernt, davon einige, die ich aufgeschrieben habe. Da waren der bleiche John, der gerne ein moderner Maler sein wollte, und Nina, die aus ihrer eigenen Gaststätte floh, weil sie die Kommentare ihrer Gäste nicht ertrug, da waren das Modell Luise und ihr bitteres Ende, Flo der Sprayer und Erkan, den sie als Hauptverdächtigen an einem Mord einsperrten, da waren der Polizeimann Manfred, der um seine Beförderung kam, und Emma, die als Kunsttherapeutin auf John angesetzt wurde, welchselber in der Psychiatrie landete (Genie und Wahnsinn liegen eben nah beieinander), da war ein anderer Erkan, Arzt und Abteilungschef in der Psychiatrie und lebhaft an Emma interessiert, da war eine andere Emma, Verkäuferin an einer Käsetheke im Supermarkt, die den schwarzen Dichter Victor kennen und lieben lernte … und nun sind wir bei Tom und Martha. Zwei Mal habe ich schon von ihnen erzählt, dies ist die dritte Folge. Es wird auch die letzte sein, denn manche Geschichten muss man einfach abbrechen. Man darf sich nicht länger mit den Protagonisten befassen, denn irgendwann ist es  an ihnen selbst, eine Lösung für ihre Probleme zu finden. Wer bin ich, sie ihnen zu diktieren?

Und wenn ich ganz ehrlich bin: bei Tom und Martha handelt es sich um Charaktere, die mein Interesse schneller erschöpfen als all die anderen, denen meine Sympathie und sogar Liebe weiterhin gehört, auch wenn ihre Geschichten nun nicht mehr erzählt werden.

Hier also noch ein letztes Mal: Tom und Martha.

 

Tom und Martha (3)

Tom sah den Film nicht bis zu Ende an. Zu öde. Ein paar Minuten zappte er sich noch durch ein paar Kanäle, dann gab er auch das auf, legte die Fernbedienung zur Seite, lehnte sich zurück, blickte an die Decke. Schlafen gehen? Es war noch früh. Nicht mal elf. Seufzend hievte er sich aus dem Sessel hoch, um ins Bad zu gehen. Durch die Schlafzimmertür hörte er Marthas lautes Schluchzen. Einer ihrer hysterischen Anfälle, die sie immer kriegte, wenn sie mal zusammen ausgegangen waren. Erst ihr ständiges „Ich muss zur Toilette“ und dann Kritik und Heulkrampf. Also nicht ins Bett gehen. Bad. Zurück zum Fernsehsessel. Oder doch lieber Zeitung. Ach was, die Nachrichten ödeten ihn an. Alles ödete ihn an.

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Unschlüssig ging er durchs Zimmer, blieb vor dem Fenster stehen, überprüfte, ohne sich darüber Rechenschaft abzulegen, ob es auch in den Ecken geputzt war – ja, war es -, schaute hinüber zum gegenüberliegenden Wohnblock, hinunter auf die Straße. Seine Gedanken waren unruhig. Beunruhigt. ‘Wie konnte ich den Schlüsselbund vergessen. Mich selbst ausschließen und wie ein Esel im Treppenhaus rumstehen, bis dieser junge Mann von unten mit seinem Werkzeugkasten ankam. Albaner aus dem Kosovo, redete wie ein Buch, erzählte seine ganze Lebensgeschichte, während er am Schloss rumprokelte. Seit zehn Jahren in Deutschland, mit den Eltern, liebt die Deutschen, ist mit einer Frau aus Albanien verheiratet, seine Schöne ist schwanger, erstes Kind, wird ein Sohn. Na, meinetwegen. Wunderbar. Gratuliere. Sehr nett von Ihnen. Das Schloss machte ihm nicht wirklich Probleme, das sah man. Er tat nur so und redete dabei wie ein Wasserfall. Damit er keinen Verdacht auf sich zog, nehme ich an. Ist kein so gutes Gefühl, wenn unter dir jemand wohnt, der ein stinkteures Sicherheitsschloss in einer Sekunde geknackt hat. … Neuerdings passieren mir solche Sachen. Heute habe ich vergessen, Bestellungen gleich einzutragen, und hinterher fiel mir der Name des Kunden nicht ein. schuld sind die neuen Techniken, diese ganzen Ausdrücke. Jimmy, ja, der versteht was davon, hat den Internet-Verkauf angekurbelt. Dem habe ich das Handwerk von der Pieke an beigebracht, aber was soll er jetzt noch damit. Alles ändert sich so schnell. Ich versteh schon, dass er abgehauen ist, ich bin halt ein altmodischer Videohändler.

IMG_5974aAber dass er auch gleich die Hälfte der Kundschaft mitgenommen hat, finde ich doch erbärmlich. War sowieso schon nicht mehr viel los im Geschäft, und seit Jimmy weg ist, ist es fast ganz aus. Videotheken sind einfach out. Sackgasse. Die alten Kunden sterben oder verblöden und verschwinden in Altersheimen, neue kommen selten mal über die Schwelle. Außer Ausländern, da kommen einige, seit ich auch ausländisches Zeug im Programm habe. Aber die werden schon bald selbst auf den Trichter kommen und eine Videothek mit arabischen und indischen Titeln gleich um die nächste Ecke aufmachen. Wie die Türken schon längst. Die ganz harten Sachen gehen auch immer mal, aber meistens werden sie von Jugendlichen verlangt, und mit dem Jugendschutz lege ich mich nicht an. Es gefällt mir auch nicht, ehrlich gesagt, was da so alles produziert wird.’

Toms Gedanken liefen im Kreis, kehrten immer wieder zurück zu seiner zunehmenden Vergesslichkeit, die ihn sehr beunruhigte. Wahrscheinlich war er einfach nur überanstrengt. Die wirtschaftlichen Sorgen, von denen Martha keine Ahnung hatte, zermürbten ihn. Immer wollte sie in Urlaub fahren, dies und das unternehmen, neue Sachen anschaffen, den Kindern große Geschenke machen, ohne nach den Kosten zu fragen. Henry, sein Ältester, studierte schon seit Jahren angeblich BWL, doch anstatt endlich mal mit einem Examen rüberzukommen und ihm im Geschäft zu helfen, eröffnete er letztlich dem verdutzten Vater, dass er anders disponiert habe. Online-Poker, sagte er. Keine riesigen Einsätze, alles im Rahmen und unter Kontrolle. Manchmal fahre er auch zu Wettbewerben, um sein Profil zu verbessern. Dieser Junge. 24 und reist durch die Welt, als wär er Millionär. Und Susi? Die will unbedingt ans Theater oder lieber noch zum Film. Braucht ne Menge Geld für ihre Ausbildung, dazu auch die eigene Wohnung, all das. Bis die mal selbst Geld verdient. Hübsch ist sie allerdings und auch begabt. Hat schon früh mit Singen und Tanzen angefangen und im Schultheater schwierige Rollen übernommen. Da hat er sie dann sehr gelobt, und auch Martha war mächtig stolz auf ihr Töchterlein und hat ihr die Flausen mit der Schauspielausbildung in den Kopf gesetzt. Ganz unschuldig war er selbst wohl auch nicht. Kino, Filme, das war ja seine Leidenschaft gewesen, da hat er sie mit angesteckt.

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Ob Martha inzwischen schlief? Hoffentlich. Tom fühlte eine schwere Müdigkeit und hatte Sehnsucht nach seinem Bett. Aber keinesfalls wollte er riskieren, dass sie ihn jetzt mit ihren Geschichten traktierte. Er hatte nicht den geringsten Bock auf Grundsatzdebatten, wie sie sie so gern führte, besonders dann, wenn er sowieso schon fertig war. Sie war ziemlich wütend gewesen heute abend, hatte sich nicht mal verabschiedet. Ob er sich auf das Sofa legen sollte? Aber dann bestand die Gefahr, dass sie mitten in der Nacht antanzte und ihm die Leviten las. Weil er die Schlüssel im Schloss vergessen hatte, weil sie zu fremden Leuten auf die Toilette musste, und überhaupt. Lieber wartete er noch ein bisschen ab und schlich sich dann leise in sein Bett. Morgen früh würde sie sich wohl abgeregt haben.IMG_5973

 

 

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Tom und Martha (2).

Erste Fortsetzung der Geschichte von Tom (Treppenhaus, suchen, ausgeschlossen!), angereichert durch Martha (die vielleicht beim nächsten Mal Nein sagt)

mit herzlichem Dank an http://juttareichelt.com/in Aktion

 

„Weinen nach unten“, dachte Martha und musste unwillkürlich lächeln, als sie nicht mehr zurückhalten, sondern weich herausströmen lassen durfte, was sich an bitterer Flüssigkeit in ihr angesammelt hatte und was sie, der ihr anerzogenen Gedankenzensur gehorchend, „Wasser“ nannte. Sie ließ also Wasser, und dabei streifte ihr ebenfalls weich gewordener Blick im Raum umher. Der war ganz in Rosa gehalten, rosa die Wände, rosa die Kacheln mit Rosenmuster, rosa das Waschbecken und das Toilettenpapier, rosa die weiche flauschige Auflage auf dem Toilettensitz. Ein bisschen lässig lagen und hingen Dinge herum: Handtücher, ein Höschen – nein, nicht rosa, sondern weiß mit Spitzen -, Tuben und Gläser, ein Rasierpinsel mit Schaumresten. „Hier hat die Frau das Sagen“, dachte Martha. IMG_5972 Wie anders bei ihnen! Da herrschte strikte Ordnung im Bad: Wehe, die Handtücher waren nicht ordentlich gestapelt  und die Schminksachen befanden sich nicht in der dafür vorgesehenen Schatulle, sondern trieben sich unbeaufsichtigt auf der Ablage herum. Nur Toms Rasierapparat durfte immer griffbereit neben dem Becken liegen, natürlich sauber und im rechten Winkel zur Wand.

Martha war fertig mit dem, was sie hierher geführt hatte. Ihr blieb nur noch, ein Stück von dem rosa Toilettenpapier abzureißen, das sich schön weich anfühlte, als sie es benutzte. Nett war das junge Paar gewesen und sehr verständnisvoll. Die Frau hatte sogar, um Martha das Gefühl der Peinlichkeit zu nehmen, auf ihren eigenen Bauch gewiesen und gesagt: „Passiert mir auch laufend, bin im siebten“. Nun, bei Schwangerschaft war das normal, niemand nahm Anstoß daran. Als sie selbst schwanger war – Martha hatte zwei Kinder zur Welt gebracht und eine Schwangerschaft verloren -, machte es ihr auch nichts aus, wenn sie öfter mal „austreten“ musste, aber jetzt war es etwas anderes. Jetzt erinnerte es sie jedes Mal daran, dass ihr Bauch leer war. Keine Gebärmutter, keine Eierstöcke mehr. Schuld war ein Geschwür gewesen. Sie hatte es auf dem Screen gesehen, faustgroß war es gewesen und sehr dunkel. „Mein Trauerkloß“, hatte sie  es getauft. Kein Krebs, zum Glück. Immerhin. „Wozu braucht eine Frau über 50 Eierstöcke?“ hatte Tom gesagt, als sie ihn um Rat fragte. „Am besten alles wegoperieren, dann hast du deine Ruhe.“  Sie hätte ihn gern gefragt, wie ihm zumute wäre, wenn man ihm seine Dingsda abschneiden würde. Aber das sagte sie natürlich nicht. Nie sagte sie wirklich, was sie dachte und was sie erleichtert hätte. Stattdessen folgte sie seinem Rat: alles weg. Und nun war sie leer und ihre Blase war abgesenkt und sie musste ständig.

Ob die Wohnungstür wohl inzwischen auf war? Der junge Mann hatte sich angeboten, Tom zu helfen. Er hatte gleich seinen ganzen Werkzeugkasten unter der Spüle hervorgezogen – der Werkzeugkasten unter der Spüle! Wenn Tom das wüsste! – und war nach oben gegangen. Martha stand auf, wusch sich die Hände, trocknete sioe an einem rosengemusterten Papiertuch ab, und warf einen Blick in den Spiegel, der von einem Kranz Kunstrosen umrahmt war. Hübsch war es, sich so zu sehen: das Gesicht gerahmt in Kunstrosen. Das war natürlich schrecklich kitschig, aber hübsch war es eben auch. Martha fand ihre blauen Augen in diesem Rahmen ganz in Ordnung.

IMG_5973a Sonst kamen sie ihr immer zu blass vor. Vielleicht war auch die Beleuchtung bei ihnen zu Hause schuld. Neonlicht macht eben blass und hässlich. Sie hatte Tom schon hundertmal vorgeschlagen, die Beleuchtung auszuwechseln, aber er fand das völlig überflüssig. Licht war dazu da, dass man was erkennen konnte, und die Neonröhre erfüllte vollständig ihren Zweck.

Fast ein wenig wehmütig verabschiedete sich Martha von ihrem Ebenbild und von diesem freundlichen rosa Bad. Und wie es oft ist, wenn man gern an einen Ort zurückkehren möchte, sich aber nicht traut, sich das einzugestehen, vergaß sie ihre Handtasche. Sie ging durchs Wohnzimmer, grüßte die junge Frau und auch den Mann, der grad zur Tür hereinkam und ihr die Tür aufhielt. Vergnügt rief er ihr zu: „Alles in Ordnung!“

Martha stieg die Stufen zum vierten Stock hoch. Nein, befand sie. Es ist nicht alles in Ordnung. Irgend etwas ist sehr sehr veränderungsbedürftig.

Die Wohnungstür stand offen, sie ging hinein und fand Tom wie gewöhnlich vor dem Fernseher sitzen. Noch ein Film derselben Sorte. Wozu waren sie überhaupt ins Kino gegangen? „Ich wollte dir einen Gefallen tun“, würde er sagen. „Ich bleibe viel lieber zu Hause, wie du weißt“. Sie würde sich bei ihm bedanken müssen. Sie würde hinter seinen Fernsehsessel treten, würde ihre Arme um seinen Hals legen, würde ihm einen Gutenachtkuss aufs schüttere Haar drücken und  mit ihrer süßesten Stimme sagen: „Danke für den schönen Abend, Tom. Es tut mir leid, dass du wegen der Tür Scherereien hattest. Ich geh dann schon mal schlafen, ja?“ „Gute Nacht, Schatz, schlaf gut, ich komme dann auch!“ würde er ihr ein wenig ungeduldig zurufen, denn der Film wurde gerade spannend.

Nein, heute würde das alles nicht passieren. Nein! Martha ging grußlos ins Bad, machte Licht und schaute sich um. Sie starrte hasserfüllt auf die gestapelten Handtücher, auf die weißen Kacheln, auf den Rasierapparat, der im rechten Winkel zur Wand stand.  Sie starrte auf ihr eigenes Gesicht im Spiegel, das ihr grau und fleckig vorkam, die Augen wässrig blau. Dieses Neonlicht brachte sie um. Was sollte sie nur tun? Sie könnte einen Vorschlaghammer suchen und alles zertrümmern. Und dann? Und dann?

 

 

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Tom – Treppenhaus – ausgeschlossen! geschichtengenerator (7)

Die heutigen Stichwörter des geschichtengenerators http://juttareichelt.com/in Aktion sind Tom (sucht etwas) – Treppenhaus – ausgeschlossen!

Drei kleine Skizzen habe ich dazu in Juttags blog als Kommentar hinterlassen (s.o.). Hier folgt nun das erste Kapitel einer richtigen Geschichte.

 

IMG_5970  „Du hast die Schlüssel drinnen stecken lassen!“ Martha sagte es halb vorwurfsvoll, halb hämisch. Denn Tom machte bekanntlich nie Fehler, und so sagte er auch jetzt erwartungsgemäß: „Ausgeschlossen!“

Martha biss die Zähne zusammen und hielt den Mund. Sie wusste: Es war ganz aussichtslos, Tom dazu zu bringen, einen Fehler einzugestehen. Er würde noch morgen früh hier rumstehen und seine Taschen durchsuchen nach den Schlüsseln, denn es war ja ganz AUSGESCHLOSSEN!, dass er sie hatte stecken lassen. Lieber würde er im Treppenhaus übernachten, als seinem Selbstbild eine solche Schramme zuzufügen. Eigentlich wusste Martha auch schon, was folgen würde, wenn die Tatsachen nicht mehr abzuleugnen waren: die Beschuldigung! „DU“, würde er sagen, „hast sie steckengelassen.“ Und sie würde antworten: „Quatsch, ich habe meine Schlüssel, hier, kann sie aber nicht gebrauchen, weil die Schlüssel von innen stecken, und das sind DEINE!“ Dann würde er eben sagen: „Wer hatte es denn vorhin so eilig? Du hast mich ganz konfus gemacht mit deinem ‘Wir kommen zu spät ins Kino’.“ Immerhin wären sie dann schon ein Stück weiter: Tom würde nicht mehr rigoros abstreiten, dass es seine Schlüssel waren, die da drinnen steckten, aber die Antwort auf die Schuldfrage bliebe dennoch unweigerlich dieselbe: Sie, Martha, war schuld. Tom KONNTE nicht schuld sein, das war AUSGESCHLOSSEN.

Martha hatte sich geirrt, wie gewöhnlich. Tom warf ihr nicht vor, ihn mit ihrem Gerede schusselig gemacht zu haben. Vielmehr war sie schuld, weil sie in letzter Minute noch auf die Toilette gewollt hatte. Da waren sie eigentlich schon an der Tür. Aber immer, wenn sie ausgingen, musste Martha noch mal schnell auf die Toilette. Sie hatte seit ihrer Operation, als sie sie ausnahmen wie ein Hühnchen, eine Blasensenkung, und sie fürchtete, irgendwo unterwegs Probleme zu bekommen. Zwei Stunden im Kino plus zwei Mal eine halbe Stunde Weg, das war das Äußerste. Tom hasste es, dass er, kaum öffnete er die Tür, zu hören bekam: ‘Ach bitte, Tom, warte einen Moment, ich komme dann gleich’. So war es auch heute gewesen. Und als sie dann endlich gehen konnten, hatte er eben die Tür zugeschmissen, ohne vorher seinen Schlüssel, der immer von Innen steckte – aus Sicherheitsgründen, wie er sagte – rausgezogen zu haben.

Das Dumme war: Sie musste jetzt unbedingt in die Wohnung, es war dringend. Sie hielt es einfach nicht mehr aus. Auch machte es sie nervös, dass die Treppenhausbeleuchtung ständig ausging. Sie stand nicht gern im Dunkeln. Drei Mal schon hatte sie diesen verdammten Schalter gedrückt, und nun drückte sie ein viertes Mal. Herrgott, Tom machte keinerlei Anstalten, etwas zu unternehmen! Wie lange sollte das noch gehen? Sie musste sich selbst etwas einfallen lassen.

Martha war nicht die Frau, die ohne weiteres nachts auf die Straße rennt und versucht, einen Schlüsseldienst aufzutreiben. Sie war auch nicht die Frau, nachts in die nächste Bar zu gehen und zu fragen, ob sie mal die Toilette benutzen dürfe. Sie verließ sich in allem auf Tom, denn der machte ja keine Fehler. Nie. Und nun steckten die Schlüssel da drinnen. Martha war dem Weinen nah. Schon der Film! Es war natürlich Toms Vorschlag gewesen, diesen blöden Actionfilm zu sehen. Sie hasste Action-Filme, aber wenn sie überhaupt mit Tom mal was Gemeinsames unternehmen wollte, dann musste sie sich eben seinem Geschmack fügen. Diesmal war es besonders scheußlich gewesen, action mit allem Drum und Dran: Vergewaltigung, Verfolgungsjagden, Folter, Massaker, Huren, Blut und zig Toten. Es war zum Kotzen. Sie hatte schon im Kino auf die Toilette gehen wollen, aber sie traute sich nicht im Dunkeln, besonders nicht, weil sie grad so gruselige Sachen gesehen hatte, außerdem waren die Klos da nicht besonders hygienisch. Jetzt aber musste sie.

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Diesmal ging des Licht von selbst an. Jemand hatte das Treppenhaus betreten. Martha sah auf der Fahrstuhlanzeige: 3. Stock. Sie selbst wohnten im vierten. Also fasste sie sich ein Herz und rannte die Treppe zum dritten Stock runter. Die Fahrstuhltür öffnete sich und ….

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Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

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Victor (Nein sagen) und Emma, 5. Fortsetzung: Die Feier

Victor (sagt Nein), Emma, Fortsetzung No 5: Die Feier zur Verleihung des Lyrikpreises

inspiriert durch http://juttareichelt.com/in Aktion)

IMG_5968 Die andern halten mich für ne Zimperliese, weil ich nicht gleich mit jedem geh und immer noch allein bin. Aber wenn mir jemand echt gefällt, habe ich auch Mut. Und der Victor, ja, der gefällt mir, der ist was anderes als die Männer, die ich sonst so kenne. Ich zog mir also am Samstag Abend was Hübsches an und schminkte mich ein bisschen, denn immerhin war es ein Festtag für ihn. Als ich an der Ecke Fußgängerpassage ankam, stand der Bunte da schon, mich abzuholen. Mit nem Mofa! Bonsoar, Madame, und so – er war sehr höflich. Also, ich hinten drauf und los. Es ging ne ganze Strecke bis in einen Stadtteil, den ich gar nicht so kenne. Puh, war mir kalt und auch ein bisschen unheimlich. Aber ich hielt mich an der Jacke vom Bunten fest und sagte mir: Wer A sagt, muss auch B sagen. Schließlich bog er in einen Hof ein, half mir vom Mofa und wies auf eine Treppe, die nach unten führte. Durch die vergitterten niedrigen Fenster drang ein bisschen Licht, auch meinte ich eine Musik mit Trommeln zu hören. Was sollte ich tun? Mitgefangen, mitgehangen, sagte ich mir, und als der Bunte mir galant die Hand gab, um mich die Stufen runterzuführen, ging ich mit. Er öffnete die Tür und ließ mich vorgehen. Da sah ich Victor schön angezogen auf einem Lager aus Kissen und Decken. Mann, war ich erleichtert. Rundum waren Teppiche und niedrige Sitzmöbel ausgebreitet, auf denen Leute saßen. Ob die extra so niedrig saßen, damit sie Victor nicht überragten? Viel konnte ich von den Leuten nicht erkennen, denn es brannte nur eine Lampe, und außerdem hatten sie dunkle Gesichter. Eigentlich sah ich mehr ihre Kleidung, die in dem Halbdunkel leuchtete. Ich hörte auch ihre Stimmen, die in einer mir fremden Sprache durcheinander redeten, und die Trommelmusik.

Danke, dass du gekommen bist, Emma, liebes vertrauensvolles Täubchen, rief Victor mir zu. Hab keine Sorge, dies hier sind alles gute Freunde, die mit mir feiern wollen. Und er begann, die Leute vorzustellen. An zwei Frauen erinnere ich mich: die eine war eine mächtige Matrone mit einem Kind auf dem Schoß, die hieß Sarah, die andere, Judith, war jünger und hübsch anzusehen in ihren fließenden Gewändern. Ich wunderte mich, dass die alle so biblische Namen haben. Später erfuhr ich, dass sie Christen sind, daher. Es gab auch Männer mit bunten Kappen auf dem Kopf, und einer trug ganz weiße Kleider. Mehr habe ich nicht mitgekriegt, denn ich musste immer Victor ansehen, der in seinem hellen Anzug richtig schick aussah. Und bei dem schwachen Licht fielen seine Narben im Gesicht gar nicht auf.  Ich war immer noch total verfroren. Victor merkte das gleich und ließ mir eine bunte Decke bringen, in die ich mich einwickeln konnte. Ein Hocker war auch schon für mich da, gleich neben seinem Lager. Darauf sollte ich mich setzen. Jetzt sah ich auch den niedrigen langen Tisch, auf dem Speisen standen. Man reichte mir ein Glas mit heißem Tee. Mir wurde immer wohler, und ich begann, mich zu entspannen.

Nachdem alle ein bisschen hin und her und durcheinander geredet hatten, wurde die Musik ausgemacht. Der Bunte, der richtig Abraham heißt, zog ein Blatt Papier aus seinem Gewand und rückte die Lampe so, dass er lesen konnte. IMG_5965a Dann las er einen langen Text, der sich wie ein Gedicht anhörte. Leider verstand ich nichts. Ich fragte Victor, ob ich das Blatt mitnehmen konnte, vielleicht können Sie es mir übersetzen? Ich möchte doch allzu gern wissen, was da drin steht.

Ich habe übrigens auch ein ganz hübsches Foto von uns bekommen. Da sehen Sie dann auch, wie schön und friedlich alles war.

IMG_5968Ich bin froh, dass ich hingegangen bin. Victor ist so ein netter Mann, und auch seine Freunde gefallen mir sehr. So freundlich. Und das Essen und die Musik, gefiel mir alles sehr. Bestimmt gehe ich wieder hin. Schade nur, dass ich kein Französisch kann.

PS. Emma gab mir einen Text auf einem Schreibmaschinenblatt. Ich stellte gleich fest, dass es eine Art französische Ballade war. Beim Übersetzen fiel mir auf, dass es sich rhythmisch stark an das Lieblingsgedicht von Victor anlehnte, das er mir früher mal zum lesen gab. Ich meine Brechts „Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration“. Ihr findet es auch bei https://gerdakazakou.com/2016/02/19/victor-juttags-geschichtengenerator-no-5/. Hier nun meine etwas stümperhafte Übersetzung.

Preislied auf Victor, anlässlich der Verleihung des Lyrikpreises.

Als er fünf war und die Freude in ihm mächtig / Rannte er und tollte rund ums Haus / Mit dem Freund, dem Bruder und mit Papageien prächtig / Grell schrien die Möwen mit dem weißen Flaus / Und das Spiel war niemals aus. 

Als er zehn war, kamen fremde Horden / Mit Macheten und mit Messern angetan / Und sie gingen in das Haus um Frau und Hund zu morden / Und das Weiß im Auge glimmte fahl im Wahn. / Er war noch nicht dran.

Und er nahm, was er noch fand an Dingen / Ein Hemd, das Messer und auch seine Schuh / So ging er weg, das Leben musste ihm mit wenigem gelingen / Er sah noch einmal seinen Möwen zu / Und sprach zu sich, nun wein nicht, du. 

Und ging den Weg, der führte längs am breiten Fluss / Den wandert’ er so hin bis in die Dämmerung. / Und in dem Ohr klang noch ein Schrei und  Schuss / Der seiner Mutter galt, die war noch jung / Sie ist nun Erinnerung. 

Weil er nicht ewig hungrig bleiben konnte und allein, / ging er mit andern, die auch auf der Straße gingen / und wo’s was gab in Häusern, da gingen sie hinein / und nahmen sich,  was ihnen nützlich schien an Dingen. / Es durfte nicht misslingen.

So kam er in die Stadt, die große unbekannte / Ein Keller hier, ne Bank, ein Mensch, was lag daran / und einer stahl und einer fiel zu Boden, einer rannte / Auch er war da und sah und lernte und wuchs schnell heran / So wurde er zum Mann. 

Und noch war Krieg und Mord, und mancher ward erschossen / und mancher sprach, ich hab es satt, ich gehe in den Krieg / hab lange schon das bittre Armutsbrot genossen./  Er aber sprach sein erstes NEIN, das war sein erster Sieg / in diesem ew’gen Krieg.

Er suchte Lehrer, suchte Bücher, Wörter zu begreifen / Und schrieb auch Reim auf Reim in fremder Sprache auf / Wie langsam wollte diese Nahrung in ihm reifen! / Er betete zur Muse, dass sie ihn nicht quäle, / dass sie ihn auserwähle.

Und so ward’s ihm geschenkt. Den Preis, den er bezahlte, / in Wundenwährung, Schmerzensgeld, den zählt er nicht. / Er ist nicht einer, der mit Schmerz und Leiden prahlte. / Er sucht nur eines, sucht des Lebens Schönheit und das Licht / Was andres sucht er nicht.

Heut sind wir hier, um einen Dichter zu verehren / Der NEIN zu sagen sich getraute und nicht schwieg / Die Hand, zum Schreiben nutzt, nicht zum Vermehren / Der Toten, und mit wilder Tat die Heimat zu verheeren. / Er sagte NEIN. Und lebt von Sieg zu Sieg. / Das ist sein Krieg.

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