Tom und Martha (2).

Erste Fortsetzung der Geschichte von Tom (Treppenhaus, suchen, ausgeschlossen!), angereichert durch Martha (die vielleicht beim nächsten Mal Nein sagt)

mit herzlichem Dank an http://juttareichelt.com/in Aktion

 

„Weinen nach unten“, dachte Martha und musste unwillkürlich lächeln, als sie nicht mehr zurückhalten, sondern weich herausströmen lassen durfte, was sich an bitterer Flüssigkeit in ihr angesammelt hatte und was sie, der ihr anerzogenen Gedankenzensur gehorchend, „Wasser“ nannte. Sie ließ also Wasser, und dabei streifte ihr ebenfalls weich gewordener Blick im Raum umher. Der war ganz in Rosa gehalten, rosa die Wände, rosa die Kacheln mit Rosenmuster, rosa das Waschbecken und das Toilettenpapier, rosa die weiche flauschige Auflage auf dem Toilettensitz. Ein bisschen lässig lagen und hingen Dinge herum: Handtücher, ein Höschen – nein, nicht rosa, sondern weiß mit Spitzen -, Tuben und Gläser, ein Rasierpinsel mit Schaumresten. „Hier hat die Frau das Sagen“, dachte Martha. IMG_5972 Wie anders bei ihnen! Da herrschte strikte Ordnung im Bad: Wehe, die Handtücher waren nicht ordentlich gestapelt  und die Schminksachen befanden sich nicht in der dafür vorgesehenen Schatulle, sondern trieben sich unbeaufsichtigt auf der Ablage herum. Nur Toms Rasierapparat durfte immer griffbereit neben dem Becken liegen, natürlich sauber und im rechten Winkel zur Wand.

Martha war fertig mit dem, was sie hierher geführt hatte. Ihr blieb nur noch, ein Stück von dem rosa Toilettenpapier abzureißen, das sich schön weich anfühlte, als sie es benutzte. Nett war das junge Paar gewesen und sehr verständnisvoll. Die Frau hatte sogar, um Martha das Gefühl der Peinlichkeit zu nehmen, auf ihren eigenen Bauch gewiesen und gesagt: „Passiert mir auch laufend, bin im siebten“. Nun, bei Schwangerschaft war das normal, niemand nahm Anstoß daran. Als sie selbst schwanger war – Martha hatte zwei Kinder zur Welt gebracht und eine Schwangerschaft verloren -, machte es ihr auch nichts aus, wenn sie öfter mal „austreten“ musste, aber jetzt war es etwas anderes. Jetzt erinnerte es sie jedes Mal daran, dass ihr Bauch leer war. Keine Gebärmutter, keine Eierstöcke mehr. Schuld war ein Geschwür gewesen. Sie hatte es auf dem Screen gesehen, faustgroß war es gewesen und sehr dunkel. „Mein Trauerkloß“, hatte sie  es getauft. Kein Krebs, zum Glück. Immerhin. „Wozu braucht eine Frau über 50 Eierstöcke?“ hatte Tom gesagt, als sie ihn um Rat fragte. „Am besten alles wegoperieren, dann hast du deine Ruhe.“  Sie hätte ihn gern gefragt, wie ihm zumute wäre, wenn man ihm seine Dingsda abschneiden würde. Aber das sagte sie natürlich nicht. Nie sagte sie wirklich, was sie dachte und was sie erleichtert hätte. Stattdessen folgte sie seinem Rat: alles weg. Und nun war sie leer und ihre Blase war abgesenkt und sie musste ständig.

Ob die Wohnungstür wohl inzwischen auf war? Der junge Mann hatte sich angeboten, Tom zu helfen. Er hatte gleich seinen ganzen Werkzeugkasten unter der Spüle hervorgezogen – der Werkzeugkasten unter der Spüle! Wenn Tom das wüsste! – und war nach oben gegangen. Martha stand auf, wusch sich die Hände, trocknete sioe an einem rosengemusterten Papiertuch ab, und warf einen Blick in den Spiegel, der von einem Kranz Kunstrosen umrahmt war. Hübsch war es, sich so zu sehen: das Gesicht gerahmt in Kunstrosen. Das war natürlich schrecklich kitschig, aber hübsch war es eben auch. Martha fand ihre blauen Augen in diesem Rahmen ganz in Ordnung.

IMG_5973a Sonst kamen sie ihr immer zu blass vor. Vielleicht war auch die Beleuchtung bei ihnen zu Hause schuld. Neonlicht macht eben blass und hässlich. Sie hatte Tom schon hundertmal vorgeschlagen, die Beleuchtung auszuwechseln, aber er fand das völlig überflüssig. Licht war dazu da, dass man was erkennen konnte, und die Neonröhre erfüllte vollständig ihren Zweck.

Fast ein wenig wehmütig verabschiedete sich Martha von ihrem Ebenbild und von diesem freundlichen rosa Bad. Und wie es oft ist, wenn man gern an einen Ort zurückkehren möchte, sich aber nicht traut, sich das einzugestehen, vergaß sie ihre Handtasche. Sie ging durchs Wohnzimmer, grüßte die junge Frau und auch den Mann, der grad zur Tür hereinkam und ihr die Tür aufhielt. Vergnügt rief er ihr zu: „Alles in Ordnung!“

Martha stieg die Stufen zum vierten Stock hoch. Nein, befand sie. Es ist nicht alles in Ordnung. Irgend etwas ist sehr sehr veränderungsbedürftig.

Die Wohnungstür stand offen, sie ging hinein und fand Tom wie gewöhnlich vor dem Fernseher sitzen. Noch ein Film derselben Sorte. Wozu waren sie überhaupt ins Kino gegangen? „Ich wollte dir einen Gefallen tun“, würde er sagen. „Ich bleibe viel lieber zu Hause, wie du weißt“. Sie würde sich bei ihm bedanken müssen. Sie würde hinter seinen Fernsehsessel treten, würde ihre Arme um seinen Hals legen, würde ihm einen Gutenachtkuss aufs schüttere Haar drücken und  mit ihrer süßesten Stimme sagen: „Danke für den schönen Abend, Tom. Es tut mir leid, dass du wegen der Tür Scherereien hattest. Ich geh dann schon mal schlafen, ja?“ „Gute Nacht, Schatz, schlaf gut, ich komme dann auch!“ würde er ihr ein wenig ungeduldig zurufen, denn der Film wurde gerade spannend.

Nein, heute würde das alles nicht passieren. Nein! Martha ging grußlos ins Bad, machte Licht und schaute sich um. Sie starrte hasserfüllt auf die gestapelten Handtücher, auf die weißen Kacheln, auf den Rasierapparat, der im rechten Winkel zur Wand stand.  Sie starrte auf ihr eigenes Gesicht im Spiegel, das ihr grau und fleckig vorkam, die Augen wässrig blau. Dieses Neonlicht brachte sie um. Was sollte sie nur tun? Sie könnte einen Vorschlaghammer suchen und alles zertrümmern. Und dann? Und dann?

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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3 Antworten zu Tom und Martha (2).

  1. Ulli schreibt:

    Ich wünsche Martha den Mut zu gehen oder Tom rauszuschmeissen! Haben Marthas Mut 😉 ?

    herzliche Grüsse an dich, liebe gerda
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Tja, wenn die beiden sich nicht trennen, sehe ich schwarz. Aber werden sie das? Können sie das? Solche Dramen entstehen ja nicht von heute auf morgen. – Er wird bald den Laden zumachen und von einer schmalen Rente leben müssen, Martha wird doch noch Krebs kriegen, es sei denn, er stirbt vor ihr und sie erbt die Rente. Oder der Sohn verdient mit seinem Poker so gut, dass er die Eltern rausreißt und die beiden Luft kriegen. Sich vielleicht ja doch noch mal lieben lernen. Was sie ja wohl irgendwann mal getan haben, als er noch Filme liebte und sie ihren Tom.
      Ich habe heute extra noch mal den Tom zu Wort kommen lassen, der ja vielleicht ein Pedant, aber kein Scheusal ist. Irgendwie tut er mir sogar leid. Was für eine Zukunft hat er denn?
      Liebe Grüße dir, Ulli! Gerda

      Gefällt 1 Person

      • Ulli schreibt:

        -m- liebe Gerda, ist es denn nicht so, dass jede und jeder die eigene Zukunft gestalten kann? So wie du es gerade schreibst oder ich dich verstehe ist Tom ein Opfer und Martha sowieso …
        Andererseits beschreibst du den ganz „normalen“ Wahnsinn vieler Ehen …
        Immerhin beginnt Martha zu spüren, dass es auch anders gehen könnte, wenn sie nur mal den Mund aufmachen würde oder sich rosaweiches Klopapier gönnen würde … da bin ich ganz bei ihr und wünsche ihr eben Mut!

        Gefällt mir

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