Immer wieder hat mir das Zeichnen aus Zuständen der Grübelei herausgeholfen. Denn beim Zeichnen findet ein Prozess der Konzentration von Auge, Hirn, Hand und Herz statt, der keinen Raum für Grübelei lässt.
„Zeichnen statt Grübeln“ habe ich einen Eintrag vom 12. Juni 2019 überschrieben, den ich heute aus meinem Archiv gefischt habe. Die fünf Zeichnungen, die ich an jenem Tag machte, erfreuen auch heute noch mein Herz und/oder mein Auge. Und so zeige ich sie gerne noch einmal.
Die erste zeigt meinen lieben Tito in stark verkürzter Perspektive,

Die zweite zeigt einen Haufen unsortierter Bücher. Der dicke Wälzer ist der dritte Band einer Familiensaga aus Neuseeland (Sarah Lark, Der Ruf des Kiwis). Ich hatte ihn im Papierwarenladen unter zehn anderen deutschsprachigen Büchern entdeckt – ein Mängelexemplar und sehr billig. Was drin steht? Keine Ahnung, ich habe es vergessen.

Warum zeichne ich so etwas? Tito, klar, der geliebte Hund ist ein wichtiges Sujet. Aber dieser Haufen längst vergessener Bücher? Nun, ich meine, alles lohnt sich zu zeichnen. Das war in früheren Zeiten natürlich anders, da malte man bedeutende Menschen und Schlachtenszenen, Heilige und Heerführer, Veduten schöner Städte und altehrwürdige Tempel, auch reiche Kaufherren und aufgeputzte Frauen. Die Gegenstandswelt gab es natürlich auch, aber sie war dem bedeutenden Thema untergeordnet.
Dann aber kamen mit der Demokratie Landschaften, Alltagsszenen und -gegenstände als Hauptthema auf, und heute ist es schon vollkommen gleich, WAS man zeichnet, denn es kommt allein auf das WIE an. Es braucht überhaupt keine Sujets mehr, ein o.T. (ohne Titel) tut es durchaus.
Nun aber weiter, bevor ich wieder ins Grübeln gerate.
Bei der dritten Zeichnung jenes 12. Juli 2019 besann ich mich auf das WIE. Man kann zwar einen Tisch mit Buch, Handy, Eulentasse, Fruchtschale, Lehnen eines Schaukelstuhls und einen Arbeitstisch mit Stühlen und noch dies und das erkennen – wenn man will. Aber darauf kommt es wirklich nicht an. Es ist halt eine Ecke unseres Zuhauses, das ich als Anregung nahm, um im freien Spiel der Linien das Zeichenblatt zu gliedern, lebendig zu machen, ohne es zu füllen.

Bei der vierten Zeichnung reizte es mich, es mit einer ausgefallenen Komposition zu versuchen: eine Zinnvase beherrscht übergroß das Zentrum. Gestänge eines Schaukelstuhls queren und verwirren den Raum. Die kugelige Basis einer Lampe bildet ein zweites nur schwach mit dem ersten verbundenes Zentrum. Ein paar kleine Gegenstände haben sich darunter versammelt. Kann eine solche Komposition ins Gleichgewicht gebracht werden?

Bei der fünften Zeichnung ging es mir nun aber doch ums Sujet: ein „lost place“ reizt mich immer. Hier kommen Architektonisches, Geschichte und Gemütszustände zusammen und rufen mir zu: Halt ein, bleib stehen! Im Stehen, während die Ameisen an meinen Beinen hochliefen, skizzierte ich ein verfallenes Haus mit fächerartig auseinanderfallenden Deckenbalken, die scharfe Schatten warfen. An den bröckelnden Pfeiler des Eingangs hat jemand sinnigerweise das Wort „PAST“ gesprayt.


















