Heute stieg ich zehn Jahre zurück. Und was fand ich? Einen schweren gußeisernen Topf ohne Deckel, der herrenlos am Geröllstrand lag.

Dieses „objet trouvέ“ (gefundenes Objekt) regte mich damals zu einem Ausflug in die Kunstgeschichte an (hier). Ich rekapituliere:
Die Künstler des DaDa und des Surrealismus haben das sogenannte „Objet trouvé“ kunstfähig gemacht. Sie nahmen ein gefundenes Objekt, menschengemacht oder natürlich, das ihnen gefiel, signierten es und stellten es aus. Siehe, das ist die wahre Kunst! riefen sie den verdutzten Kunstfreunden zu.
Als diese nun ihrerseits allerlei Kram zu Kunst erklärten, sahen sich die armen Künstler um Kundschaft und Brot betrogen. Und so fiel ihnen die Assemblage ein: Gefundene Dinge, schön und gut, aber erst durch die künstlerische Bearbeitung, durch die geniale Handschrift des Künstlers, wird das Ding zum Kunstobjekt.
Der erste und gewiss auch der klügste unter ihnen, der ein object trouvé in ein „ready made“ verwandelte, war Marcel Duchamp. 1912 montierte er das Vorderrad eines Fahrrads auf eine Achse auf einen Hocker in seinem Atelier.

Es gefiel ihm, daran zu drehen, es inspirierte ihn. Vielleicht inspirierte es ihn sogar zu seinem berühmtesten Werk – Nackte, eine Treppe herabsteigend -, wer weiß?

Das Werk wurde nicht zur Ausstellung der Unabhängigen im Paris von 1912 zugelassen. Es ging den Kubisten zu weit. Wenn sie geahnt hätten, wie Duchamp es ihnen heimzahlen würde!
Mit seiner „Nackten“ verabschiedete Duchamp sich von der Malerei. Es lebe das Ready-made! Sein Werk „Fountain“ (ein im Kaufhaus erstandenes Pissoir, das er mit einem Namen zeichnete) löste sogar im fortschrittssüchtigen Amerika einen Skandal aus.*

Replik von Duchamps Fountain im Musée Maillol, Paris (Das Original von 1917 ist verschollen)
Duchamp aber machte erneut eine Kehrtwende: seine neue Leidenschaft wurde die surreale Wortkunst, die er unter seinem weiblichen alter ego Rrose Sélavy (“Eros, cést la vie” oder “arroser la vie”) veröffentlichte (hier).
Duchamps Fahrradrad-auf-dem-Hocker gibt es schon lange nicht mehr, es ging bereits 1915 den Weg aller Dinge. Doch setzte es eine nicht mehr umkehrbare Bewegung in Gang, die uns immer noch umtreibt. Wir heutigen Künstler hängen irgendwie alle an diesem Drehding, das die Abkehr von der Malerei und den Beginn von Konzept-Kunst, seriellem Druck a la Warhol, Film, Video und digitaler Kunst – und, ja warum nicht, auch meiner recycling-Legekunst einleitete.
Mit all diesen Gedanken im Kopf betrachtete ich den Topf. Und ich hörte ihn fragen: „Ist diese ganze hundertjährige Kunstbewegung womöglich der Deckel, der mir abhanden gekommen ist? Fehlt der Deckel, kann die Suppe nicht kochen. Sitzt der Deckel zu fest, kocht die Suppe über. Einen gut passenden Deckel – ja, den wünsche ich mir“.
„Woher soll ich arme kleine Künstlerin so einen Deckel nehmen? Und was nützt dir der beste Deckel, wenn das Feuer fehlt?“ fragte ich zurück. Denn das Zurückfragen ist, wie jeder weiß, die sicherste Reaktion, wenn man in der Bredouille sitzt.
Das geschah vor zehn Jahren, am 26. Juli 2016, als ich den eisernen Topf fand. Ganz anderes dachte ich im Jahr zuvor, am 27. Juli 2015, als es in Griechenland drunter und drüber ging und sich täglich lange Schlangen vor den Bankautomaten bildeten, um die erlaubten 60 E abzuheben. Auch da fabulierte ich von einem Topf : vom Topf des Überflusses. Du kennst es vielleicht: das Märchen vom süßen Brei?
Es war einmal ein armes, frommes Mädchen, das lebte mit seiner Mutter allein, und sie hatten nichts mehr zu essen. Da ging das Kind hinaus in den Wald, und begegnete ihm da eine alte Frau, die wußte seinen Jammer schon und schenkte ihm ein Töpfchen, zu dem sollt es sagen: „Töpfchen, koche,“ so kochte es guten, süßen Hirsebrei, und wenn es sagte: „Töpfchen, steh,“ so hörte es wieder auf zu kochen. Das Mädchen brachte den Topf seiner Mutter heim, und nun waren sie ihrer Armut und ihres Hungers ledig und aßen süßen Brei, sooft sie wollten.
Du kannst hier nachlesen, wie es weiterging.

- Dieses Pissoir, das es ebenfalls schon lange nicht mehr im Original gibt (doch existieren eine Reihe von Nachbildungen), wurde seinerseits zum Anknüpfungs- und Verwertungsobjekt für nachfolgende Künstler. So sammelte der französische Konzeptkünstler Saâdane Afif seit 2008 Abbildungen von Marcel Duchamps Fountain und lässt sie als Teil seines Kunstprojektes Fountain Archive rahmen. (Quelle: Wikipedia, Ready-made (Kunst).