Heute führte mich mein Weg wie jeden Sonntag ins Archiv. Ich landete im ersten Jahr meiner Blogtätigkeit. An jenem 19. Juli vor elf Jahren präsentierte ich ein Liebesdrama, das dieser Tage in einem gigantischen Leinwandspektakel erneut aufgerollt wird: Odysseus (Matt Damon) bei Kalypso (Charlize Theron). Regie: Christopher Nolan. Gesehen hab ichs noch nicht, werde es aber tun.
Heute nehme ich mit meiner eigenen Darstellung vorlieb (siehe hier). Auch die ist spektakulär. (kursiv = mein damaliger Text)

Sofern ihr den Film schon gesehen habt, werdet ihr die Geschichte ja parat haben: Odysseus hat, seiner Gefährten beraubt und nun völlig allein, zum zweiten Mal zwischen Skylla und Chabisdis hindurchgefunden. Was folgt, ist seine Rettung durch Kalypso.
Wie und warum Kalypso das tut, beschrieb ich in folgenden Worten:
Kalypso, die Nymphe (griechisch für Braut, heiratsfähiges Mädchen), hat ihr Alleinsein gründlich satt. Einen schönen Haushalt hat sie sich in ihrer Höhle eingerichtet, sie kann weben und spinnen, ihre Stimme ist geschult – ach, ihre einsamen Gesänge an der Küste der Insel Orygia, wo nur sie, nur sie allein, lebt, ein quellender Leib inmitten einer quellenden Natur! Was Wunder also, dass sie entzückt ausruft: „Ein Mann!“, kaum dass sie des Schiffbrüchigen ansichtig wird. „Ein tüchtiger Mann, scheints“, stellt sie zufrieden fest, nachdem sie den Ohnmächtigen begutachtet hat. Sie schleppt ihn in ihre Höhle, salbt ihn, streichelt ihn, belebt ihn.
Ich kann mir vorstellen, dass Hollywood etwas mit dieser Szene anzufangen weiß. Bei mir lauten der erste Wunsch und das erste Versprechen der Kalypso (beides wird sich sieben Jahre lang wiederholen):
„Ich gebe dir alles, Gesundheit und ewige Jugend“, flüstert sie dem Erwachenden ins Ohr. „Wenn du mich nur liebst“.
Da war es nun gefallen, das magische Wort. Das Wort für den Preis der Rettung. „Liebe mich“.
Und er liebt sie. Liebt sie bei Tag, liebt sie bei Nacht. Kalypso ist selig.
Ein Superthema für Hollywood! Und eigentlich ein Happy-End. Hier, auf dieser fruchttragenden Insel Ogygia, hat Odysseus ein bequemes Leben und eine wunderschöne gefügige Geliebte zu seiner freien Verfügung. Eine ideale Mann-Frau-Beziehung! Was will er noch mehr?
Woran mangelt es Odysseus, dass er nicht selig ist, sondern das Leben mit Kalypso zunehmend als Gefängnis empfindet? Denn das tut er. Ihre duftende Präsenz wird ihm zum Alptraum. Fort will er von der üppigen Geliebten und der üppigen Insel, fort sehnt er sich und klagt: meine arme karge Insel brauche ich, meine alternde Gattin – ach mein Ithaka, ach meine Penelope! Ach, besser wäre es, Skylla hätte mich gefressen und Charybdis verschlungen – als dass ich Opfer werde dieses alles verschlingenden Weibes! Ich, Odysseus, ein Sexsklave, ich, der zuhause ein König ist! Ein Souverän!
Mir scheint, auch dies wird dem Geist von Hollywood gerecht. Eine „allesverschlingende Geliebte“ und ein Mann, der sich nicht allein über seine Sexualkraft definieren mag, sondern als einsamer Reiter am Horizont verschwindet, neuen Abenteuern oder seiner Pflicht entgegen – man kennt es aus so manchem Western. Ich bin gespannt, wie sie das im Film gemanaged haben.
Man sieht, wir haben es hier mit einem Archetyp zu tun: Der Heros erlebt das Weibliche als verschlingende Macht. An jedem der sieben mal sieben mal 56 Tage und Nächte auf ihrem Lotterbett erscheint Kalypso ihm bedrohlicher.
Ihm schwinden die Sinne, seine Persönlichkeit löst sich auf. Er wird wieder zum Niemand. Seine Taten, sein Lebensweg werden annuliert. Das Weib, das ihn gebar, saugt ihn zurück in ihren Uterus.

Er muss sich befreien. Fliehen? Das ist kaum möglich. Die einzige Lösung: von der Geliebten selbst das befreiende Wort erlangen: „Geh! Zieh dahin, wohin es dich verlangt! Du hast meine Starthilfe und meinen Segen.“ O, Kalypso! Du hast geliebt! Und du hast dich geopfert! Prächtig bist du, göttergleich! Du bist das perfekte Weib der männlichen Träume, sofern du auf Alleinstellungsansprüche verzichtest.
Kalypso ist zwar EIN Archetyp der Weiblichkeit – aber durchaus nicht der einzige. Ihre bösartigere Schwester ist Zirze, die die Männer in Schweine verwandelt. Ihr konnte Odysseus entrinnen. Den Gesängen der Sirenen konnte er widerstehen, weil er sich an den Mast seines Schiffes hat fesseln lassen. Zwischen Skylla und Kabybdis (auch sie weibliche Archetypen) konnte er sich hindurchwinden, freilich nur unter der Bedingung, alle seine Kameraden zu verlieren und vollkommen allein zu bleiben. Und so ist er zu Kalypso gelangt, die eine gemilderte, kultivierte Form der Weiblichkeit darstellt. Sie ist keine reine Naturkraft mehr, sondern eine „Braut“. Sie rettet ihn aus den Fluten, sie beherrscht weibliche Handwerke, sie weiß zu lieben, ohne zu vernichten, und sie weiß zu verzichten, wenn es darumgeht, dem Mann sein Wachstum und seine „Heimkehr“ zu sich selbst zu ermöglichen.
Je weiter sich der Held vom Kriegsgeschehen entfernt, dessen Auslöser ein Streit um eine göttliche Frau (Helena) war und der sich dann in wüsten Gräueltaten an Frauen entlud – je weiter, sage ich, er sich entfernt, desto hilfreicher und zivilisierter wird der weibliche Archetyp, dem er begegnet. Und so kann er sich heilen und uns seine Geschichte erzählen.
Von Kalypso gelangt Odysseus zu …
Wenn dich die Fortsetzung interessiert: hier weiterlesen!

ps. Die Odyssee habe ich 2015 in zwei Leporellos nacherzählt. Die Szene mit Kalypso ist eine davon. Die Nacherzählung koppelte ich mit Kommentaren zur ersten Regierungszeit des Syriza unter Alexis Tsipras, Januar-Juli 2015, die Griechenland sehr nahe an den wirtschaftlichen Zusammenbruch brachte.