Es ist mir fast unmöglich, liebe Myriade, irgendetwas um mich herum nicht im Schatten des neuen Kriegs wahrzunehmen. Die von dir gesetzten Impulse der neuen Reihe sind davon nicht ausgenommen. Und so will ich durch alles hindurchgehen und meine Assoziationen dazu in wenigen Worten aufschreiben.
Mein erster Gedanke bei dem ersten Bild: Etwa so wird die vom Krieg betroffene Region nach dem Krieg aussehen: eine radioaktiv verseuchte Wüste mit Blut- und Aschespuren. Hat nicht der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika gerade verkündet: „Ich erwäge ernsthaft, Gebiete und Bevölkerungsgruppen, die bisher nicht als Ziele in Frage kamen, nun vollständig zu vernichten, weil der Iran sich so daneben benommen hat“? Und hat nicht der US-Kongress mit sehr großer Mehrheit dem Präsidenten freie Hand gegeben, gegen die Menschen im Iran zu tun, was ihm beliebt? Ja. Der Krieg soll, darf und wird eskalieren, bis der Iran (wer genau?) bedingungslos kapituliert. So die Direktive aus Washington und aus dem Kriegsministerium im Pentagon.

Das Bild erinnert mich aber auch an Blut und Spermien, also an die gewaltsame Seite von Sexualität. „Everything in the world is about sex — except sex. Sex is about power.“ Die Kakophonie von Sex und Macht im Sinne von Machtmissbrauch, um Sex zu erzwingen und sich am Leiden der Missbrauchten zu ergötzen (zB Epstein-Files), tönte ja monatelang durch alle Kanäle, bis sie ins Getöse des Kriegs einmündete und vom Einschlag der Raketen übertönt wurde. Die sogenannten Eliten hatten sich, scheint’s, „daneben benommen“, und man hatte sie ertappt. Wie schon zu Clintons Zeiten, als eine Sex-Affaire den Präsidenten bedrohte, musste schleunigst ein Krieg her. Schluss mit dem Rumgestochere im Sumpf!* Her mit dem großartigen Waffenarsenal. Das wird die Leute auf andere Gedanken bringen und ihnen zeigen, was wir für tolle Kerle sind.
Das zweite Foto zusammen mit dem Mosaikstück kommt mir vor wie ein bitterer Kommentar zu dem, was gerade geschieht. Denn was bedeutet dieser Krieg, wenn er sich denn tatsächlich voll entfaltet, anderes als: Zurück an den Start der Menschheitsentwicklung und „Neubeginn“?

Das dritte Bild, liebe Myriade, lässt mich von Frieden träumen. Hier möchte ich verweilen, auch wenn ich weiß, dass die Möwen ins Wasser starren, bereit, jedes Fischlein, das sich zeigt, zu vertilgen. Das Naturgesetz von Fressen und Gefressenwerden schreckt mich nicht. Denn immer ist dort, wo Leben ist, auch Tod.
Und so hat auch das vierte Bild einer sterbenden Tulpe – du nennst es „Tulpenleiche“ – nichts Schreckliches an sich. Nichts Natürliches ist schrecklich. Schrecklich ist nur der Mensch, der sich aus dem Naturzustand des „Ötzi“ herausentwickelt und die Chance der Freiheit hat, sich für Frieden und Vervollkommnung oder für Krieg und Vernichtung zu entscheiden.

—————-
*Meine Assoziationen machten vom Wort „Sumpf“ einen Bogen hin zu dem Roman „Schwanenwege“, den ich 2005 zu schreiben versuchte. Mir fiel eine Szene ein, wo Swantje sich an einen Streit zwischen Epaphos (Sohn von Zeus und Io, empfangen durch „Berührung mit dem Göttlichen“, als Musiker verkörpert) und ihrem Zwillingsbruder Swen erinnert. Epaphos macht da eine Anspielung auf die Merkwürdigkeit, dass der Sumpf, in dem der Grundstein für das Pentagon gelegt wurde, „Devil’s Ground“ hieß, sowie auf die noch größere Merkwürdigkeit, dass diese Grundsteinlegung am 11. September 1941 – also genau 60 Jahre vor dem Anschlag vom 11. September 2001 auf das Welthandelszentrum – stattfand. Hier die entsprechende Stelle aus dem Roman „Schwanenwege“:
Was hatte Epaphos geantwortet? „Auch du kannst ein Gott sein, wenn du nur willst! Aber willst du denn? Traust du dich? Bist du nicht verblendet wie sie alle, scharf auf Erfolg, gierig nach Geld und technologischem Abfall? Interessiert es dich denn wirklich, am Großen Werk zu arbeiten und die Welt zu vervollkommnen? Bist du nicht auch nur ein Adept der gierigen Dummköpfe, die ihr Hauptquartier im Zeichen des Pentagon aufgeschlagen haben und hecken und spinnen? Auch du tanzt ja fröhlich nach ihrer Pfeife! Und glaubst, du seiest frei! (…) An einem elften September haben sie den Grundstein des Heiligen Pentagramms in den Teufelsgrund gesenkt. Vielleicht sagt euch das ja etwas? Was glaubt ihr wohl, welche Musik dort gespielt wird? (…)“





























