
Ein Rastplatz mit Tisch und Bänken und einem Brunnen, aus dem frisches Wasser strömt.
So viel gibt es über Brunnen zu sagen! Ist es denkbar, dass Menschen siedelten dort, wo sie keine Brunnen bauen konnten? Wo also beginnen?
Ich beginne an diesem Rastplatz mit einem schön gemauerten Brunnen, der uns an einem heißen Tag Erfrischung bot. Und lasse mich gedanklich treiben…
Der Brunnen liegt in Westmessenien am Eingang einer tiefen Schlucht, durch die ein Bach mit eiskaltem Wasser fließt.

Über diesem Wasserwunder gibt es eine sehr alte Siedlung, um 1500 v.Chr. war sie ein lebhaftes Verwaltungszentrum. Ausgezeichnet renoviert ist eines der vier mykenischen Gewölbegräber, vertrocknet ist, nach einem langen Sommer, das Feld davor. (mehr hier)

Peristeria, „Taubenhaus“, heißt der Ort, und die Schlucht ist nach den Neraiden benannt.

Gestürzter Baum mit Neraide (Foto-Zeichnung-Collage)
Die junge Frau, die diesen gestürzten Baum mit der schlafenden oder vielleicht schon gestorbenen Neraide besucht (denn Neraiden sterben, wenn ihr Baum stirbt), trägt in ihrem Gewand einen Krug mit Wasser. Es ist ein Trankopfer für die Göttin Artemis. (Die anderen beiden bringen ihr eine Taube und ein Häschen zum Opfer. Vravron, Ost-Attika)

Seit wir die Neraiden nicht mehr verehren: dürfen wir hoffen, auf unseren Wanderungen noch Brunnen mit frischem Wasser zu finden? O ja, es gibt sie noch!

Kein Dorf ohne seinen Brunnen! Diesen sah ich in einem Taygetosdorf.

Brunnen, wirst du sagen, sind das aber nicht, sondern gefasste Quellen. Brunnen gehen in die Tiefe.
„Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schläft“, so klagt Zarathustra in Nietzsches großem Werk.
Oh Mensch! Gieb Acht! / Was spricht die tiefe Mitternacht? / „Ich schlief, ich schlief —,/„Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —/ „Die Welt ist tief,/„Und tiefer als der Tag gedacht. /„Tief ist ihr Weh —,/ „Lust — tiefer noch als Herzeleid:/„Weh spricht: Vergeh! /„Doch alle Lust will Ewigkeit —,/„— will tiefe, tiefe Ewigkeit!“/—
„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ so beginnt Thomas Mann sein monumentales Werk „Joseph und seine Brüder„.
Der goldene Ball der Prinzessin fällt in einen feuchten Brunnen, in dem ein Frosch wohnt. (Der Ball rollt in den Brunnen, „der war tief, so tief, dass man keinen Grund sah“. Die goldene Kugel bedeutet die Vollkommenheit des Kindes, intakte Unschuld und Jungfräulichkeit. )

Der Brunnen ist sowohl lebensspendend als auch bedrohlich – wie das weibliche Sexualorgan.

An diesem Brunnen, so sagt der Mythos, ruhte die verzweifelte Göttin Demeter, als sie nach ihrer Tochter suchte, die Hades, Gott der Unterwelt, geraubt hatte. Er befindet sich in Eleusis und führt womöglich direkt in Hades΄ Reich.
Ich habe in meinem Roman „Schwanenwege“ meine Heldin Swantje in höchster Not in einen Brunnen fallen lassen, dem einzigen Ausweg. Sie fällt und fällt und landet in auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen. (Die ganze Passage findet sich hier).
Eine Eidechse glitt über einen Stein, hob das Köpfchen, stutzte, krabbelte auf Swantjes Hand. Die Berührung war wie ein zarter Hauch. Funkelte nicht ein Krönchen auf ihrem Kopf? Swantje hielt ganz still und flüsterte:
Kroko, Krone, Krokodilchen,
hast wohl Lust auf Liebesspielchen?
Das Eidechschen züngelte und lispelte:
Woher kommst du, holde Nymphe?
Aus dem schwarzen Sog der Sümpfe?
Aus dem tiefen Brunnenloch,
woher kommst du, sags mir doch!
Wo fandst du das goldne Leibchen,
schönstes aller schönen Weibchen?
Wart ich bring dir sieben Schleier,
dass geschmückt du gehst zur Feier.
Tanzen wirst du, schönes Kind,
tanzen mit dem Frühlingswind!
und schon raschelte es davon.

Woher kennen wir das, dass in der Tiefe des Brunnens die Natur verständlich redet? Ach ja, von „Frau Holle„! Oder auch von „Goldmarie und Pechmarie“, wo die Apfelbäume Schüttel mich! rufen, und die Brote im Backofen rufen „Hol mich heraus!„, und die gute fleißige Goldmarie tuts und wird reichlich belohnt.
Eine „Frau am Brunnen“ spielt auch eine biblische Rolle. Wer war sie? Jesus traf sie in Samaria an einem Brunnen und kam mit ihr ins Gespräch. Das gehört sich eigentlich nicht, denn Juden reden nicht mit Samaritern. Diese Frau hatte, wie sich herausstellt, schon „fünf Männer“ und ist daher nach jüdischen Moralvorstellungen eine doppelt Geächtete. Sie sprechen über das Wasser, das die Frau jeden Tag schöpft und nach Hause schleppt. Wenn man es getrunken hat, wird man wieder durstig. Das ist ärgerlich. Als die Frau hört, es gebe ein Wasser, das für immer den Durst lösche, wird sie neugierig und will von diesem Wasser haben…. Diese Frau, eine Samariterin mit unordentlichem Liebesleben, wird in der christlichen Tradition zu Fotini (die Erleuchtete oder Leuchtende) und zur ersten Missionarin des Christus. Ihr sind viele Kirchen geweiht an Orten, an denen zuvor die dunkle Hekate verehrt wurde.

Ag. Fotini am Ilissos, Athen
Nun, das sind ein paar winzige Bruchstücke zu einem großen Thema. Danke für den Impuls, liebe Myriade!



Die Wände sind, wie es hier in der Mani üblich ist, mit alten Fresken geschmückt, deren Gesichter nach dem allgegenwärtigen Vandalismus der osmanischen Jahre wieder hineingemalt wurden.

Ich habe mich gelegentlich in den nur durch das Tageslicht und die ewigen Lichter ein wenig erhellten Raum gesetzt und gezeichnet.








Malerisches Moos und Flechten hatten die Fresken überzogen.





Auf diesem Foto erkennt man auch, dass die Bauform nicht einheitlich ist: der byzantinische Kern stammt aus dem frühen 12. Jahrhundert und basiert auf dem Bautypus des „Freien Kreuzes mit Kuppel“. Während der Herrschaft Venedigs kam es im 17. Jahrhundert zu Umbauten und Erweiterungen, auch der Glockenturm ist venezianischer Herkunft.













Zeichnung: Bananenblätter und verwelkte Rodsen (September 2018)






