Von Philippe habe ich keine Nachrichten, weiß nicht, wo er sich momentan aufhält. Irgendwo im Nahen oder Fernen Asien, vermute ich, um als Repräsentant der Liebe für Frieden und Versöhnung zu werben.
Heute zeige ich seinen metallenen Stellvertreter im Rahmen von Wortmans Projekt „25 Wochen – ein Objekt“. Er steht vor einer Landschaft, die wenig vertrauenserweckend aussieht. Ist es überhaupt eine Landschaft? Alles scheint in Unordnung geraten zu sein. Es türmen sich Kartons, Sofas oder Berge, Festungen, Särge oder Bauklötze – wer will das entscheiden? Inmitten dieser Wüstenei entdecke ich zwei freundliche Wesen. Eines steht hinter dem Kleinen Prinzen und scheint Kontakt zu ihm zu suchen. Das andere, einem großen dicken Kind vergleichbar, hockt stumm auf dem Boden. Der kleine Prinz steht still und lauscht auf sein Herz, um klar zu sehen, was not tut.
Ich lasse die drei jetzt allein, vielleicht dass sie gemeinsam herausfinden, wie man Harmonie in die Welt bringen kann, die durch menschliches Fehlverhalten in so bestürzende Unordnung geraten ist.
oder auch dieselbe Kugelvase mit der unverwüstlichen künstlichen Mistel.
Schließlich lande ich beim 19.April 2022. Es ist das Dora-Jahr. An jenem Apriltag ist die Sonne über einer regennassen Welt aufgegangen, die in den Strahlen leuchtet und glitzert. Dora ist begeistert über alles und jedes. Ich erkläre ihr ein paar Namen und denke über Dora nach, die nur diesen einzigen Frühling 2022 erleben wird
„Immer wieder vergesse ich, dass dies Doras erster und einziger Frühling ist. Dass sie noch nie eine Ackerwinde gesehen hat und auch keinen Hahnenfuß. Ich müsste all die kleinen Blüten mit ihr betrachten, mit ihr zusammen wieder lernen zu staunen, so als sähe ich all dies zum ersten Mal. Oder zum letzten Mal. Habe ich es überhaupt schon je gesehen – ich meine: wirklich gesehen -, was da nach dem nächtlichen Regen so wundersam aus der Erde sprießt?“
Als sie eine Blatttränke für Insekten entdeckt, ist sie vor Verzücken außer sich.
„Und ich gebe zu: Auch ich habe selten so etwas Feines gesehen. Die Tränke steht witzigerweise direkt vor dem Pumpenhäuschen der Wassergesellschaft. In jedem der wie Schöpfkellen geformten in vielen Etagen übereinander stehenden Blätterschalen liegt eine wohlgeformte glänzende spiegelnde Wasserperle! Dora versucht, mir eine zu bringen, ohne dass sie zerrinnt.“
So schrieb ich vor vier Jahren.
Für Dora war alles neu, nichts wiederholte sich. Denn sie war ja ein Jahres-Geschöpf, das nur einmal den Jahreszirkel durchlief. Für mich aber wiederholt sich vieles, denn ich erlebe nun schon den 84. Lenz. Auch die Natur wird nicht müde, sich zu wiederholen. Wieder-Holen, was vergessen war, was untergegangen ist. Ja, warum nicht?
„Die liebe Erde allüberall / Blüht auf im Lenz und grünt / Aufs neu!“ „„Allüberall und ewig/Blauen licht die Fernen! Ewig… ewig…“ So verklingt der 6. Satz von Mahlers „Lied von der Erde“: Abschied.
Immer wieder dasselbe und immer wieder vollkommen neu….
Es geht weiter mit meinen April-Kalenderzeichnungen, die ich unter ein Thema gestellt habe: „Emanzipation geometrischer Elemente“. Ich zeichne erst ein ziemlich realistisches Stillleben und wähle dann geometrische Elemente oder auch nur Bruchstücke von Umrisslinien der Zeichnung aus, übertrage sich frei auf die nächste Seite und gestalte sie farbig aus.
Dieses Mal ist es ein Stillleben auf unserem Teewagen. Die Hauptattaktion ist ein Glas mit Pistazien, daneben gibt es ein anderes mit Walnüssen, ferner eine helle dicke Kerze, ein Tonschälchen mit einer zweiten Kerze und noch dies und das. Der Teewagen ist mit Kacheln mit traditionellen Mustern ausgelegt -wir fanden ihn in einem Altmöbellager in Kalamata, eingeführt aus Bayern. Im unteren Regal liegen Zeitschriften und Broschüren, obenauf „the books journal“.
Die erste Variante zeichnete ich auf die gegenüberliegende Seite.
Die dicken schwarzen Linien zog ich mit Filzstift, der auf die Rückseite und auch noch auf die dann folgende Seite durchschlug. Diese durchgeschlagenen Linien bilden die Struktur der Zeichnung vom 17.4.. Bei der Zeichnung vom 18.4. spielen sie eine untergeordnete Rolle.
Die Ausgangszeichnung und die drei Variationen nebeneinander:
Meine vorerst letzte Kunstbuchkreation, heute wieder am Kamin. Beim Suchen nach einem Thema fielen mir Eulenaufkleber ins Auge – danach war alles einfach.
Betrachtet man die gestern gezeigten „blühenden Bilder“ von Nahem, schauen einen geistergleich Gesichter an, und qualmende Brände steigen aus den Tiefen empor, als solle die Welt in Rauch und Flammen aufgehen.
Gesichter:
Gesichter sehe ich (wie wohl jeder Mensch) in vielen natürlichen Formationen. Manchmal zeigen sie sich auch beim Malen und werden zur Besessenheit: Ich kann dann nicht umhin, ihnen deutlicher Gestalt zu geben.
Du siehst nicht, was ich sehe? Jetzt aber!
Ich habe den erscheinenden Kopf dann farblich herausgearbeitet:
Wenn ich erst mal damit angefangen habe, den Pareidolien zu folgen, gerate ich in ihren Bann. Überall erscheinen Gesichter und verlangen, zur Kenntnis genommen zu werden.
Hier verbirgt sich das Gesicht unter einer hohen helmartigen Kopfbedeckung mit kaum geöffnetem Visier:
Und so entwickelt sich das Bild weiter, weil ich mich den in Erscheinung tretenden Gesichtern nicht entziehen kann. Du wirst, außer den drei nun schon bekannten, mindestens noch zwei weitere entdecken:
Nicht minder überzeugend sind die Weltuntergangsszenarien, die sich unter der Einwirkung der Natur über meinen Bildern ausgebreitet haben.
Bei dem letzten Bild spielt das vom Schimmel überwucherte Ausgangsbild am Effekt mit.
Dies war das Ausgangsbild.
Beim Betrachten des „blühenden Bildes“ kamen mir Erinnerungen an die „Alexanderschlacht“ (1529) von Albrecht Altdorfer, von der ich in frühen Jahren einen Ausschnitt in Aquarell malte.
Als ich heute ins Atelier hinunterging, bemerkte ich, dass sich der leichte Schimmelgeruch nicht nur nicht verflüchtigt, sondern sogar verstärkt hatte, und ich machte mich auf die Suche nach der Ursache. Ich fand sie auch: eine Reihe größerer Arbeiten, die ich zwischen Plastikfolie und Pappen gesichert hatte, waren nicht getrocknet. Die Pappen zeigten lebhafte Verfärbungen auf, die mich stark an Myriades Bild No 1 erinnerten.
Ich löste die Bilder von den Pappen, soweit das möglich war, fotografierte sie und hängtew sie zum Durchtrocknen auf. Wahrscheinlich werdee ich sie wegwerfen müssen, denn ich möchte keine weitere Schimmelbildung im Atelier riskieren, Meine Bronchien schrieen schon heute Alarm.
Die „blühenden Bilder“ auf den Pappen sind eindrucksvoll, und mit Hochachtung vor der Natur möchte ich sie hier präsentieren. Eines versuchte ich, farblich ein wenig an Myriades Monotypie anzupassen…
den Rest zeige ich in seiner tatsächlichen Einfärbung.
Eines meiner Bilder ist so fest verwachsen mit der Pappe, dass ich es nicht ablösen konnte.
Meine eigenen Bilder mag ich auch, wenngleich sie an die blühende Fantasie der Natzur nicht heranreichen.
Wieder habe ich im Kalender ein Stillleben realistisch gezeichnet und dann einige der Elemente – geometrische Formen oder Bruchstücke von Konturlinien – isoliert, neu abgeordnet und farbig gestaltet.
In einem anderen Block machte ich gleich noch eine Zeichnung, um eine weitere der unzähligen Möglichkeiten zu demonstrieren.
Stellt man die beiden Abstraktionen nebeneinander, kann man kaum erkennen, dass sie auf demselben Original beruhen. Bei der ersten Zeichnung habe ich die latenten, bei der zweiten die dominanten Linien bevorzugt behandelt. Es ist halt wie in der Politik: Wenn du die dominanten oder aber die latenten Elemente herausstellst und interpretierst, wird das Ergebnis jeweils sehr unterschiedlich sein.
Du wirst dieses Drabble – ein Text von genau 100 Wörtern nach einer Wortspende von Wortman – besser nicht lesen, wenn du solche gruseligen Themen nicht aushälst. Also bitte: ich hab dich gewarnt.
Die gespendeten Wörter sind: Kaffee, nackt, Bombe.
Die Zistrosen blühen an den Hängen, ich freue mich. Es sind ja meine Lieblinge unter den Frühlingsblütern. Ich liebe ihre zerknitterte hellviolette Eleganz mit dem goldenen Innenleben, seit ich sie erstmals in Griechenland sah.
Die Rosentrauerkäfer freuen sich auch.
Mögen sie sich freuen und nicht trauern, solange es nicht zu viele werden!
Die Atmosphäre ist mal wieder voll Wüstenstaub, aber nun regnet es und spült den Himmel rein. Der Wüstenstaub düngt unser Land. Es soll mir also recht sein.
Das Gewebe der gewachsenen Strukturen auflösen und die Elemente freisetzen – das versuchte ich als zeichnerische Aufgabe zu lösen.
Wie mit gemalten Strukturen kann ich auch mit Texten verfahren, dachte ich, und setzte zu jedem „befreiten“ Winkel eine aus ihrem Kontext gelöste Silbe.
Welcher Text ergibt sich da, wenn ich ihn von oben nach unten in gewohnter Leserichtung entziffere?
Be wo du fen und ge ben ge un mir heim ben kann nis le ten au len des stof vol viel.
Klingt schön und geheimnisvoll, wenn man es rhythmisch liest. Es gefällt dir nicht? Na, es stehen dir ja noch viele andere Möglichkeiten offen, zum Beispiel dieser Text, in dem sich manche Silben zu bekannten Wortbedeutungen zusammenfinden:
Ge-ben le fen heim du aus mir un-ten vie stof kann fen nis vol wo und ge-be les len.
oder vielleicht so?
Kann aus mir un-vie-len wo du heim vol-les ge-ben und stof be-ten le-be fen nis.
Ich finde, diese Zeilen lassen sich wunderbar rhythmisch lesen. Sie scheinen geheimnisvoll aus mir und unbekannten Stoffen gewebt zu sein.
Unsinn? Dann erinnere dich an den Urtext, dem die Silben entstammen. Der lautet so:
Geheimnisvolles Leben du, gewoben aus mir und vielen unbekannten Stoffen.
Es ist die Anfangszeile eines Gedichts von Rilke, das ich heute bei Christiane fand (hier).