Dora zum SiebtenAchten: Lebendiges und Totes (Palmengarten 2)

„Was hat dir im Palmengarten eigentlich am besten gefallen?“ frage ich Dora und schaue vom Computer auf.

Dora steht an der offenen Tür unseres Steinhauses in der Mani und freut sich.“Es regnet“, verkündet sie. „Ja, das auch!“ antworte ich und lausche dem Regen, der vom Dach herunterrauscht und auf die Steinfliesen des Hofes klatscht und plätschert. Am Morgen schwamm ich unter wolkenlosem Himmel im Meer.  Dann bauten sich Wolkenberge auf, es wurde unerträglich schwül. Und nun regnet es. Möge der Regen anhalten!

„Sag mal: Was hat dir im Palmengarten am besten gefallen?“ wiederhole ich meine Frage. Es interessiert mich wirklich. Was hat sie von all den Informationen aufgenommen? Hat sie neue Einsichten gewonnen?

„Die Knirpse!“ kräht Dora. „Die waren witzig!“ Die Kinder, so, ja. Recht hat sie. Die waren witzig. Winzlinge mit gelben Hüten trabten unter erwachsener Aufsicht durch das Tropenhaus. Ich konnte nicht feststellen, dass sie sich für die Pflanzen-Arrangements interessierten, Nur ein Wasser spritzender Arbeiter zog kurz die Aufmerksamkeit eines Knirpses auf sich. Die Betreuer, übrigens sehr fürsorglich und liebevoll, hatten ihre Mühe, das Häuflein der Gelbbemützten zusammenzuhalten und sicher über die Stege und Treppchen zu befördern.

Dora ist wie die Kinder. Für Schautafeln,  Pflanzennamen, historisch Bemerkenswertes interessiert sie sich einen Deut. Nur Lebendiges scheint für sie Bedeutung zu haben. Und Spielplätze mag sie, vorzugsweise die mit Wasserrutschen. Während ich, im Palmengarten unter Apfelbäumen stehend, ehrfürchtig nachlese, dass dies das Apfelgärtchen der Familie Goethe gewesen sei, und versucht bin, einen der grünen Äpfel der Sorte Malus domestica zu pflücken und anzubeißen, um mir den großen Dichter ein Stück weit einzuverleiben …

hampelt Dora auf einer der Stelen herum, die in einem der diversen Goethe-Jahre dort aufgestellt wurden.

Ich lese den Text und seufze. Wieso interessiert sich Dora nicht für Dichtung? Oder hat sie vielleicht Recht? Ehrt es den Poeten wirklich, wenn seine lebendigen Zeilen in Eisen gegossen zur Schau gestellt werden? Am Boden ein Feld eiserner Ginkgo-Blätter … So ehrt man Tote, nicht die Lebenden.

Still memoriere ich die unsterblichen Verse, die er einst für Marianne von Willemer oder doch wohl für sich selbst und für uns alle schrieb:

Ginkgo Biloba

Dieses Baumes Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Dass man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn.
Fühlst du nicht an meinen Liedern,
Dass ich eins und doppelt bin ?

Der Regen hat aufgehört. Ich glaube, ich gehe mal raus und schaue, wie es im Garten aussieht..

 

 

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Skizzen von unterwegs: Architektur und Kristall (kleine Beobachtungen)

a) Vergoldeter Säuleneingang im Palmengarten.

Da sitze ich nun also. Schatten und ein köstlich kühler Früchtetrunk, der so bio ist, dass sich sofort Wespen einfinden, um ihn mit mir zu teilen.

Gern hätte ich die beiden am Nachbartisch sitzenden Mamas mit ihren Kleinstkindern skizzziert, traue mich aber nicht. Stattdessen folge ich mit Blick und Stift den Bögen der Fenster, den eleganten Rundungen der dorischen Schnecken an den Säulenkapitelen und den Linien des mehrstufigen Simses des Schlösschens, das jetzt als Cafe dient. Nebenbei folge ich dem Gespräch der beiden Mamas, das sich um die schwierige Koordinierung von Studium, Geldjob und Mutterschaft dreht. Immerhin, denke ich bei mir, habt ihr Zeit, an einem Montagvormittag eure Kinder im Palmengarten herumzuschieben und eure Probleme zu beklönen. Es sei euch von Herzen gegönnt.

b) Elegant gewinkeltes Haus in Kassel.

Die Apfelbäume im hinteren Garten spenden wohltuenden Schatten. Ich sammle heruntergefallene Früchte aus dem feuchten Gras in einen Korb, später werden wir sie schälen, die wurmstichigen Teile herausschneiden und köstlichen Apfelmus bereiten.

Das Haus vor mir ist ein ungewöhnlicher Bau, innen wie außen. Ich versuche, die rosa Außenfront mit dem Schieferdach zu zeichnen, so weit sie über die blühenden Büsche hinausragt.

Die Blüten davor zeichne ich auf ein anderes Blatt.

c) Verwinkelter Innenraum (ausgebaute Dachmansarde) in Düsseldorf.

Hier schlafe ich in der letzten Nacht vor meinem Rückflug nach Kalamata. Um die Mansarde zu erreichen, muss ich zwei enge Treppen ersteigen. Mir gefällt der Raum mit seinen großen Klappfenstern zum Himmel. Sky View heißt er zu Recht.

Sogar den neuen Sichelmond erspähe ich, als ich, schlaflos, hinüberschaue zum blinkenden Kontrollturm des Flughafens. Um halb fünf in der Früh werde ich meinen Rucksack schultern, mich die Treppen hinunter tasten und durch den bleichen Morgen zum Flughafen hinüberwandern. Jetzt aber versuche ich, die Logik dieses spitzwinkligen Innenraums zu verstehen: die tragenden dunklen Holzpfeiler in der Mitte, die angeschnittenen Fenster und die eingebaute kleine Küche links, den Treppenaufgang mit dem Geländer, die dunkle Nische mit den Betten rechts.

Während ich dies schreibe, vergleiche ich die beiden „Architekturen“:  das großzügig überdachte rosa Haus in Kassel und das verwinkelte Innenleben der Dachmansarde in Düsseldorf. Und mir kommt ein anderes Objekt in den Sinn, dass ich in dem rosa Haus zeichnete: ein Quarz-Kristall aus dem Inneren der Erde. Halb durchsichtig ist er, mit klaren Schnittlinien und ungleichmäßig gewachsenem getrübtem Innenleben.

Ich mache mehrere Anläufe, denn dies Ineinander von Innen und Außen, Transparenz und Opazität fasziniert mich. Auch versuche ich zu imaginieren, wie dies lichtvolle Gebilde im dunklen Schoß der Erde heranwuchs.  Woher wusste es vom Licht?

Ich nehme den Kristall in die Hand und beobachte, wie meine Finger sich beim Hindurchscheinen verbiegen.

Das geschliffene Glas mit dem Rotwein nimmt die Kristallstrukturen auf und öffnet, was geschlossen war, in elegantem rundem Schwung zu einem anderen Sky View – Himmelsblick.

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Palmengarten-Besuch (1): Wasserwelten, Schmetterlinge.

Ein freier Vormittag. Ich könnte Kontakt aufnehmen zu Menschen, denen ich vor Jahren freundschaftlich verbunden war. Manche leben ja noch hier. Ich mag aber nicht, mag keine Schicksale erfahren, mag auch nicht von mir selbst Mitteilung machen. Ich möchte lieber allein sein – eine x-beliebige Touristin auf Sight-Seeing-Tour in Frankfurt am Main. Auch zu längeren Fahrten mit Öffis habe ich keine Lust. Also wandere ich zum nahegelegenen Palmengarten.

Bin ich wirklich in den neun Jahren meines Aufenthalts in Frankfurt nie hineingegangen? Ich erinnere mich nicht. Mit meiner frisch erworbenen Eintrittskarte (7 E) öffne ich die elektronische Schranke des Drehkreuzes und darf hinein in das weitläufige grüne Areal.  Das erste, was mir auffällt: Wasser! Wasserfontänen springen in die stickige End-Juli-Atmosphäre, Gartenarbeiter sprengen große Mengen Wasser über die Pflanzungen, um sie vor dem Verdorren zu bewahren, künstliche Teiche bieten Enten und Gänsen (und auch mir) ein angenehmes Ambiente. Ein Jungvogel stakst durch das Ufergrün.

In den Pflanzhäusern sprudeln künstliche Bäche, kleine Wasserfälle stürzen in Tümpel mit Seerosen, Brückchen spiegeln sich in trüben Gewässern.

Die schöne Calla – diese aus nur einem Blütenblatt gewickelte Wunderblüte – wuchert in Weiß und Rot im sumpfigen Grund.

 

In die Wände einer Grotte sind kleine Aquarien eingelassen, in denen herrlich funkelnde Fische ziellos herumschwimmen. Ich bleibe lange bei ihnen stehen, schaue ihnen zu, fotografiere sie, so als müsse ich ihrem traurigen Aquarienleben ein wenig Extra-Sinn hinzufügen.

Wohltuend ist dieser Wasser-Überfluss, ich genieße ihn angesichts der städtischen Dürre  und verbiete mir die Frage: Wo kommt es her? Wo wird es abgezogen? Fehlt es womöglich an anderer Stelle? Ich bin Touristin, bin nicht verantwortlich, ich darf dies künstliche Paradies genießen.

Ich darf mich auch belehren lassen. Denn dafür ist der Palmengarten wohl vor allem geschaffen worden. Schautafeln, Schaukästen, wandgroße Fotos informieren mich beispielsweise über den Körperbau, die Lebensgewohnheiten  und die Verwandlung von Schmetterlingen. Schier Unglaubliches wird da berichtet. Fasziniert betrachte ich die übergroßen Fotos von Eiern, Raupen, Puppen (s. Foto) …

Schautafel Puppen

und natürlich von den Faltern selbst, lese mich in ihren Wander- und Verwandlungsgeschichten fest –  Geschichten, die nun in mir als Rohmaterial lagern und darauf warten, besser verstanden und selbst verwandelt zu werden.

Schautafel Flügel eines Schmetterlings (Detail)

Das Lied vom Schmetterlinge 

Liebes, leichtes, luft’ges Ding,

Schmetterling,

Das da über Blumen schwebet,

Nur von Thau und Blüthen lebet,

Blüthe selbst, ein fliegend Blatt,

Das, mit welchem Rosenfinger!

Wer bepurpurt hat?

J.G.Herder, (1744-1803), 1. Stophe

Hier mache ich erstmal einen Punkt und erzähle später noch ein bisschen weiter von meinem Palmengarten-Besuch.

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Skizzen von unterwegs: Vor dem Abflug aus Kalamata (kleine Beobachtungen)

2. Im Büro:

Ich warte bei einer Freundin im Büro. Sie hilft mir, meinen Flug zu buchen.  Man sieht ihre Konzentration am Zeigefinger, der sich in die Wange bohrt. Der andere Arm ruht entspannt auf den Tasten. Das zeigt: Sie hat Routine, aber dennoch ist höchste Aufmerksamkeit geboten, um keinen Fehler zu machen.

3. Abflughalle Kalamata

Die Abflughalle in Kalamata ist klein und intim. Hinter der undurchsichtigen Fensterfront liegt das Flugfeld. Die Wartenden haben nichts zu tun als zu warten. Alle schweigen, manche hören über Kopfhörer Musik oder machen sich an ihrem Handy zu schaffen. Die Bekleidung der Passagiere an diesem glühend heißen Vormittag zeigt: dieser Raum ist klimatisiert. Das Flugzeug wird auch klimatisiert sein. Also besser den Kragen hochstellen, den Pullover überziehen oder griffbereit um die Hüften schlingen.

Von meinem Platz aus sehe ich zwei Reihen von Wartenden – eine als dunkle Silhouetten en face, die andere als Rückenansicht.  Die Menschen sitzen also einander zugewandt, doch ist jeder mit sich selbst beschäftigt, ein Austausch findet nicht statt. Der Mann auf der ersten Skizze en face, auf der zweiten in Rückenansicht (er wechselte den Platz, weil er sich durch eine Hinzukommende offenbar gestört fühlte) hat seinen Laptop wie ein Baby in seinem Schoß (englisch: lap) oder genauer in der Beuge zwischen Unterbauch und Oberschenkel deponiert. Aha! So erklärt sich der Name „Laptop“! On top of the lap.

 

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Dora zum SechstenAchten: Frühstücken (Reisebericht)

Frankfurt, 25.7.2022. Mein Tag beginnt im leeren sonnigen Frühstücksraum des Hotels, nach freundlichster Begrüßung durch die… ja, wie nennt man denn die Frauen, die das Frühstücksbufett richten und beaufsichtigen und dich fragen, ob sie dir Kaffee und wenn ja, in welcher Form bringen sollen? Diese hier hat ein so warmes Lächeln und zeigt eine so herzliche Bereitschaft, mir alles und jedes Gewünschte zu servieren, dass auch mir ganz warm ums Herz wird. Aber mehr als ein Kännchen Kaffee brauche ich wirklich nicht, nein, auch keines der Eier, deren farbige Eierwärmer-Kokons meine Neugier wecken.  Ein bisschen Joghurt, eine Frucht vielleicht – denn ich bin später mit einer Frankfurteer Bloggerin zum Brunch verabredet.

Während ich die Stille im hellen eleganten Raum, den Kaffee, den Joghurt genieße, rollert Dora geschickt um die geschweiften Stuhlbeine herum und saust über den spiegelnden Boden.

Ich schaue aufs Handy. Gibt es Nachrichten? Ja, das Treffen zum Brunch muss wegen Kindes- und Selbsterkrankung leider ausfallen. „Macht doch nix!“, kräht Dora, als sie die Neuigkeit erfährt. „Wir machen was anderes Tolles!“ und zaubert ganz nebenbei den Bogen der Morgengöttin Iris auf die Fliesen.

Na dann! Und was machen wir mit dem freien Vormittag? (Kliffhänger)

Bevor ich aufbreche, werde ich nun doch noch ein Omelett auf meinen Teller häufen und auch eine Scheibe des köstlichen Bauernbrotes nehmen. Und einen Orangensaft trinken. Und vielleicht noch einen Kaffee? Und die friedliche Atmosphäre des durchlichteten Raumes genießen.

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Skizzen von Unterwegs 1: Im Zugabteil

Das hellgrüne Skizzenbuch hat sich auf der Deutschland-Reise wieder mit ein paar Skizzen gefüllt. Nach und nach werde ich sie zeigen.

1. Im Zugabteil:

Mitreisende zu zeichnen, ist schwierig, zu schnell zieht man die Aufmerksamkeit auf sich.  Aber das reizende gelockte Kind mit seiner leider maskierten Mama musste ich unbedingt festhalten, um es nicht zu vergessen. Die anderen sind zwei beliebige Mitreisende.

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Dora zum FünftenAchten: Ankunft in der fremden Heimat (Frankfurt am Main)

Als ich, den alten Rucksack, der mir schon bei jugendlichen Trampereien diente, auf dem Rücken, den blauen Strohhut auf dem Kopf und die Eulentasche mit dem Skizzenbuch und den Reisepapieren über der Schulter, den Zug verlasse, stehe ich auf dem Frankfurter Südbahnhof. Es ist unbekanntes Terrain. „Zu meiner Zeit“ gab es hier keinen Bahnhof, durch den die IC- und ICE- und wie-sie-alle- heißen-Züge rauschen. Ich wollte hier auch gar nicht landen, aber mein in Düsseldorf aus Amsterdam erwarteter Zug erschien nicht, und so nahm ich einen anderen.

Dora hüpft um mich herum und schreit und fuchtelt: Hier gehts lang! Aber was weiß meine arme Dora schon von dieser Welt aus Hinweisschildern und Apparaten! Ist denn niemand zum Befragen da? Amtspersonen gibt es anscheinend nicht, und so folge ich einfach dem vielsprachigen Menschenstrom, der sich vom Bahnsteig in die Schächte der Städtischen Verkehrsbetriebe verliert.

An der Hauptwache tauche ich wieder auf, erkenne aber nichts wieder. Doch ja, die altehrwürdige Hauptwache, die kenne ich schon noch, aber dieses versenkte Zement-Rondell mit dem elektonischen Museum und allerlei anderen Diensten überquere ich zum ersten Mal. Auch verstellen gläserne Türme den Horizont. Mir fällt der Bauer aus Samothrake ein, der mir von seiner Verwirrung in Athen erzählte: wie sollte er sich orientieren, wenn er keinen Horizont sah?

Auch ich versuche vergebens, mich zu orientieren: Wo gehts lang zur Bockenheimer Warte? Ein Mann mit Fahrrad gibt mir Bescheid: „Da drüben der Turm!“ Neun Jahre Frankfurt sind zum Glück nicht spurlos an mir vorbei gegangen – der gewiesene Turm ist durchaus nicht der Bockenheimer, sondern der Eschenheimer Turm.  So verzichte ich weise darauf, dem Ortskundigen zu folgen, und tauche ein weiteres Mal hinab in den Untergrund, in dem sich schmuddelige Plätze und Gänge wie in einem schlecht gewarteten Kaninchenbau in alle Richtungen ausbreiten.

Um es kurz zu machen: Ich finde die richtige U-Bahn („Ich sagte es dir, nimm die U Vier!“ reimt Dora), finde auch mein kleines freundliches Hotel, gleich gegenüber von meinem ehemaligen Arbeitspatz: dem Pädagogenturm. „Wo issn der?“ fragt mich Dora. Ich hab ihr öfter mal von diesem einst höchsten Turm Frankfurts erzählt (alles Wissenswerte hier), und wie ich dort neun Jahre als Lehr- und Forschungsassistentin malocht habe. Na schön, nicht eigentlich malocht, es waren privilegierte Arbeitsbedingungen, ich konnte meine Arbeitszeit weitgehend selbst regeln, konnte promovieren, und gut bezahlt war der Job sowieso. Aber der Turm war ein Graus.  Unter dem Sturm ruht der Sturm oder Im Turm lebt ein Wurm – derlei Graffiti-Sprüche zierten den schmutzigen Treppennotaufgang  aus Rohbeton, den ich oft anstelle der stets von Studenten umlagerten und oft ausfallenden Aufzüge benutzte, um ins 13. Stockwerk zu gelangen.  Die Fenster der Büros ließen sich nicht öffnen – wegen Selbstmordgefahr. Sich von einem dieser anonymen Stockwerke hinabzustürzen – die Versuchung war groß.

„Den Turm gibt es nicht mehr“, gebe ich Dora Bescheid. „In einem erleuchteten Moment hat der Magistrat beschlossen, ihn zu sprengen“. Ich versuche gar nicht, meine Genugtuung zu verbergen. Dora schaut mich fragend an. Dass ich Turmsprengungen begrüße, ist ihr neu.

„Netter Laden“, meint Dora anerkennend, als wir vor dem Hotel Beethoven stehen. Ich stimme gern zu, kenne „den Laden“ von einem früheren Aufenthalt. In dieser Gegend ehrt man deutsche Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts per Straßennamen : Schubert, Mendelssohn, Schumann, Beethoven, auch nicht mehr sehr bekannte romantische Dichter (Ernst Moritz Arndt, Moritz von Schwind) und der völlig in Vergessenheit geratene Maler Peter von Cornelius werden in Erinnerung gerufen. Das passt zu der gediegenen Vorkriegs-Architektur, finde ich. Der Angestellte am Empfang fragt mich sogleich, ob ich Griechisch spreche (Name und Ausweis signalisieren es) – nun ja, das tue ich, er auch, ja, er ist Grieche, und so ist es schon fast wie zu Hause. Ob ich noch zu speisen wünsche? Er könne ein Restaurant in der Nähe empfehlen.

„Ist das nöt’ge Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut“ (Brecht, 3-Groschenoper) – fällt mir ein, als ich in den Garten des italienischen Restaurants eintrete. Er ist gut besucht. Unter einer hübsch bemalten Sichtblende tafelt eine ethnisch durchmischte Gesellschaft., die ich von meinem Einzeltischchen an der Lagusterhecke aus beobachte, sofern ich nicht  die Speisekarte studiere. Ich wähle Reis mit Safran und winzigen Tintenfischen. Vorweg gegen den Durst ein Bier vom Fass, zum Essen ein gutes Glas Weißwein und zum Nachtisch Vanilleneis mit Erdberen? Ein Limoncello zur Abrundung und Verdauung wäre auch nicht schlecht.

Speisend denke ich an zuvor beobachtete Straßenszenen, und mir fällt ein anderes Brecht-Zitat ein:

Dann löst sich ganz von selbst das Glücksproblem: Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm.

Wie im Traum wandere ich später  „heimwärts“ durch die stillen Straßen dieses gediegen-wohlhabenden Stadtbezirks. Direkt am Weg – hier braucht es wohl keine Zäune, um Vandalen abzuhalten –  plätschert Wasser über einen glatten Stein, fein beleuchtet inmitten von Kies und Pflanzen.

Die nun dunkle Kulisse der Christuskirche hebt sich scherenschnittartig gegen den Abendhimmel ab. Schon ist der kleine umgebende Park vom nächtlichen Dunkel verschluckt.  Den Himmel beherrschen die strahlenden Paläste als Glas und Beton, die anstelle des gestürzten Pädagogenturms nun die Kulisse des westlichen Frankfurt bilden.

„Welche Verschwendung an Ressoucen“, murmele ich und drücke auf den Klingelknopf am Eingang des Hotels, in dem ich abgestiegen bin und nun, hoffentlich, gut schlafen werde.

„War das was?“ wispert Dora, als ich die Treppe hinaufsteige. „Ja, Dora, das war was“, gebe ich zur Antwort und sperre die Zimmertür auf.  Am Morgen bin ich in Kalamata ins Flugzeug gestiegen, bin in Düsseldorf gelandet, habe die Schwebebahn zum Flughafen-Bahnhof kennengelernt, sah mich dann einem Chaos von Lautsprecher-Ansagen gegenüber, die ich nicht verstand, während ich auf einen Zug aus Amsterdam wartete, der nicht kam, stieg in einen anderen  Zug, der mich immer am Rhein entlang nach Frankfurt trug, wo ich mich verirrte, fand endlich den Weg zum Hotel, wo ich griechisch empfangen wurde, speiste italienisch,  um schließlich in einem bequemen Bett zu landen. Bevor ich einschlafe, fallen mir die bekannten Verse von Kavafis ein (Ithaka):

Wenn du aufbrichst nach Ithaka, / wünsche dir, dass der Weg lang sei, / voller Abenteuer, voller Erkenntnisse. / Die Laistrygonen und die Zyklopen, / den wütenden Poseidon fürchte nicht, /solche wirst du auf deinem Wege niemals finden, / wenn dein Denken hoch, wenn erlesene / Empfindung deinen Geist und Körper anrührt. / Den Laistrygonen und den Zyklopen, / dem wilden Poseidon wirst du nicht begegnen, / wenn du sie nicht in deiner Seele trägst, / wenn deine Seele sie nicht vor dich hinstellt….

Wünsche dir, dass der Weg lang sei. / Mögen der Sommermorgen viele sein, / an denen du, mit welcher Zufriedenheit, welcher Freude, / in nie zuvor erblickte Häfen einfährst. / …. in viele Städte Ägyptens geh, / zu lernen und zu lernen von den Wissenden.

Beschleunige deine Reise durchaus nicht. /Besser, sie dauert viele Jahre / und du gehst, ein Greis schon, an der Insel vor Anker, / reich an dem, was du auf dem Weg gewannst…

Nun bin ich alt und doch wünsche ich mir noch viele Jahre der Reise.  Ithaka darf gerne noch ein Weilchen warten!

 

 

 

 

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Wie schön sich Bild an Bildchen reiht … (Am Rhein entlang)

Trakls Gedicht „Verklärter Herbst“ begleitet mich, als ich, immer dem Lauf des Rheins folgend, mit dem Zug von Düsseldorf nach Frankfurt fahre, mit der Zeile: „Wie schön sich Bild an Bildchen reiht….“. 1913, 26jährig, schreibt Georg Trakl das Gedicht. Ein Jahr später ist er tot (Grodek*).

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluß hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

Wie schön sich Bild an Bildchen reiht… Kein Vogelzug freilich. Und nicht Herbst, sondern Hochsommer – jedenfalls der Jahreszeit nach. Ich klebe mit der Nase am Zugfenster. Vater Rhein! Nichts soll mir entgehen. Linkerhand der Fluss, Niedrigwasser,  ab und an die Andeutung einer Stromschnelle, dann und wann ein Lastkahn, breite Sandbänke, Vögel versammeln sich drauf, die Wälder auf den jenseitigen Hügeln wirken leicht verdorrt. Kirchen gleiten ins Blickfeld, Burgen, Siedlungen, Fabriken, ein Atomkraftwerk. Sagt ein Landmann: Es ist gut? Abendglocken tönen herüber. Über allem scheint mir eine tiefe Müdigkeit zu liegen. Schwer zu sagen, ob es meine Müdigkeit ist oder die des Landes, das ich nach so vielen Jahren wiedersehe.

Reisen. Eigenes Erinnern schiebt sich unter die Eindrücke der Gegenwart und färbt sie ein. Bilder des Heute und Jetzt schieben sich über liebliche früherer Jahrhunderte. Natur und menschlicher Eingriff, Geschichte und Gegenwart sind einen Moment lang im  Gleichgewicht. Die Seele wird ruhig im Anblick der Bilder, die aus dem Repertoire der Romantiker zu stammen scheinen.

Diese Landschaften sind nur mehr Kulissen für Dramen, die längst zu Ende gespielt wurden, sagt der Kopf. Doch was tut’s? Tief im Innern lösen sie Echos aus, die zu vibrieren beginnen und zu tönen.

Das Echo tönt, und ich lausche und höre:

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Ein Märchen aus alten Zeiten
Das kommt mir nicht aus dem Sinn….

                                                                                         (Heinrich Heine, Loreley, 1824)

 

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  • In und um Grodek fanden zu Beginn des Ersten Weltkriegs einige schreckliche Schlachten statt. Die kaiserliche österreich-ungarische Armee rang mit der zaristischen russischen Armee um Galizien, Hauptstadt Lemberg, heute das west-ukrainische Lwiw. Trakl schrieb dort das unsterbliche Gedicht Grodek. Er selbst starb, unfähig, das Grauen zu ertragen, an einer Überdosis Kokain.
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Dora zum DrittenAchten : Selbstreflexion

„Du bist doch schon seit gestern zurück aus Deutschland. Warum erzählst du nicht endlich, was wir alles erlebt haben?“ nörgelt Dora. „Deine Leserinnen und Leser wollen endlich mal wieder was von uns hören“.

Ich lächele nachsichtig. Wenn Dora wüsste, wie egal meinen Leserinnen und Lesern meine Geschichten sind! „Weniger ist mehr“, hallt es aus dem Internet zu mir herüber.

Mein Zögern hat freilich einen anderen Grund. „Ich weiß nicht, wie ich es erzählen kann. Es war ja vor allem eine Begegnung mit mir selbst.“

„Mit dir selbst?“ fragt Dora und runzelt die Stirn. „Wie meinst du das?“

Statt einer Erklärung krame ich eines der vielen Fotos heraus, die ich auf dieser Reise gemacht habe. „Schau mal“, sage ich. „Ich spiegele mich in der Fensterscheibe eines Hauses. Es ist ein schöner Raum, in den ich von Draußen reinschaue. Aber drinnen bin ich auch.“

„Du bist drinnen, wenn du draußen bist? Wie soll das gehen?“ fragt Dora begriffsstutzig. „Na, erstens weiß ich, wie es sich drinnen anfühlt, ich kenne den Raum ja lange genug. Da ist dann auch ein Stück von mir selbst drin hocken geblieben und unterhält sich weiter mit der Freundin, die da wohnt. Nicht erst jetzt, sondern schon viele viele Jahre unterhalten wir uns, und ich stehe da draußen und blicke hinein in ihre Welt, in der ich auch einen Platz habe.“

Dora schaut mich hilflos an. Sie weiß nicht, was sie aus meiner Rede machen soll. Von Philosophie hat sie keine Ahnung, und so fällt ihr auch der Satz nicht ein: „Wie drinnen, so draußen“ oder meinetwegen auch: „Erfülle deinen Geist mit Welt, auf dass du dein Selbst einst in der Welt findest“.

„Außerdem hängen da drinnen auch ein paar Bilder, die ich vor etlichen Jahren gemalt habe“, füge ich hinzu. – „Ach so meinst du das!“ ruft Dora erleichtert aus. „Welche Bilder denn?“

„Das eine hängt da hinten über dem Flügel. Ich zoome es mal ran. Es zeigt einen einstürzenden Tempel, der von einem roten Balken mühsam aufrecht erhalten wird. Äußerlich gleicht er ein wenig einem dorischen Tempel. Auf der Tür ist ein Grundriss solcher Tempel abgebildet.“

 

„In so einer Bruchbude würde ich als Gott nicht gerne wohnen“, meint Dora und legt ihr Köpfchen schief. „Wer wird denn da angebetet?“ – „Gott Mammon„, erwidere ich. „Man nennt solche Tempel heute Börse.“ – „Böse?“ – „Nein, Dora: BöRse. Mit R in der Mitte. So wie DoRa“.

 

 

 

 

 

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Dora zum DreiundzwanzigstenSiebten: Sendepause

Ich bin am Packen. Leichtes Gepäck nur. Viel braucht man bei diesen sommerlichen Temperaturen ja nicht.

„Wohin willst du denn?“ fragt mich Dora ein wenig besorgt.

„Nach Deutschland!“ erkläre ich zerstreut und tausche den roten gegen einen blauen Pulli aus.

„Gibt es da auch ein Meer zum Segeln und Schwimmen?“ hakt Dora nach.

„Hm, ja, im Prinzip schon. Aber da, wo ich hinwill, nicht.“

„Warum willst du denn da hin? Gefällt dir das Meer denn nicht mehr?“

„Kannst du mich mal in Ruhe packen lassen, Dora? Du machst mich ganz konfus.“

Das ist natürlich eine dumme Ausrede. Ich weiß nur nicht, wie ich Dora erklären soll, dass ich mich ausgerechnet jetzt, wo alle froh sind, am Meer zu sein, in ein Flugzeug setze, um ins deutsche Binnenland zu reisen. Dabei habe ich wirklich gute Gründe. Ich mag sie ihr aber nicht auseinandersetzen.

„Komm doch einfach mit, Dora, dann siehst du, was ich dort vorhabe,“ antworte ich schließlich.

Das war ein kluger Schachzug. Dora ist begeistert: „Eine Überraschung? Klar komme ich mit! Ich pack schon mal meine Latüchte ein!“

Allen Leserinnen und Lesern dieses Blogs wünsche ich angenehme sorgenfreie Tage! Bis bald wieder!

Kaffeeehaustisch, heute mit Kuli auf eine Serviette gezeichnet

Beste Grüße auch von Dora! (Hoffentlich gefällt ihr es in Deutschland so gut wie hier, denke ich, nun meinerseits ein wenig besorgt. Das Meer ist gerade herrlich.)

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