Impulswerkstatt: Stichwort „Brunnen“. Mythisches und Märchenhaftes

Ein Rastplatz mit Tisch und Bänken und einem Brunnen, aus dem frisches Wasser strömt.

So viel gibt es über Brunnen zu sagen! Ist es denkbar, dass Menschen siedelten dort, wo sie keine Brunnen bauen konnten? Wo also beginnen?

Ich beginne an diesem Rastplatz mit einem schön gemauerten Brunnen, der uns an einem heißen Tag Erfrischung bot. Und lasse mich gedanklich treiben…

Der Brunnen liegt in Westmessenien am Eingang einer tiefen Schlucht, durch die ein Bach mit eiskaltem Wasser fließt.

Über diesem Wasserwunder gibt es eine sehr alte Siedlung, um 1500 v.Chr. war sie ein lebhaftes Verwaltungszentrum. Ausgezeichnet renoviert ist eines der vier mykenischen Gewölbegräber, vertrocknet ist, nach einem langen Sommer, das Feld davor. (mehr hier)

Peristeria, „Taubenhaus“, heißt der Ort, und die Schlucht ist nach den Neraiden benannt.

Gestürzter Baum mit Neraide (Foto-Zeichnung-Collage)

Die junge Frau, die diesen gestürzten Baum mit der schlafenden oder vielleicht schon gestorbenen Neraide besucht (denn Neraiden sterben, wenn ihr Baum stirbt), trägt in ihrem Gewand einen Krug mit Wasser. Es ist ein Trankopfer für die Göttin Artemis. (Die anderen beiden bringen ihr eine Taube und ein Häschen zum Opfer. Vravron, Ost-Attika)

Seit wir die Neraiden nicht mehr verehren: dürfen wir hoffen, auf unseren Wanderungen noch Brunnen mit frischem Wasser zu finden? O ja, es gibt sie noch!

IMG_0342gr

Kein Dorf ohne seinen Brunnen! Diesen sah ich  in einem Taygetosdorf.

Brunnen, wirst du sagen, sind das aber nicht, sondern gefasste Quellen. Brunnen gehen in die Tiefe.

„Wehe mir! Wo ist die Zeit hin? Sank ich nicht in tiefe Brunnen? Die Welt schläft“, so klagt Zarathustra in Nietzsches großem Werk. 

Oh Mensch! Gieb Acht! / Was spricht die tiefe Mitternacht? / „Ich schlief, ich schlief —,/„Aus tiefem Traum bin ich erwacht: —/ „Die Welt ist tief,/„Und tiefer als der Tag gedacht. /„Tief ist ihr Weh —,/ „Lust — tiefer noch als Herzeleid:/„Weh spricht: Vergeh! /„Doch alle Lust will Ewigkeit —,/„— will tiefe, tiefe Ewigkeit!“/—

„Tief ist der Brunnen der Vergangenheit. Sollte man ihn nicht unergründlich nennen?“ so beginnt Thomas Mann sein monumentales Werk „Joseph und seine Brüder„.

Der goldene Ball der Prinzessin fällt in einen feuchten Brunnen, in dem ein Frosch wohnt. (Der Ball rollt in den Brunnen, „der war tief, so tief, dass man keinen Grund sah“. Die goldene Kugel bedeutet die Vollkommenheit des Kindes, intakte Unschuld und Jungfräulichkeit. )

IMG_5780

Der Brunnen ist sowohl lebensspendend als auch bedrohlich – wie das weibliche Sexualorgan.

An diesem Brunnen, so sagt der Mythos, ruhte die verzweifelte Göttin Demeter, als sie nach ihrer Tochter suchte, die Hades, Gott der Unterwelt, geraubt hatte. Er befindet sich in Eleusis und führt womöglich direkt in Hades΄ Reich.

Ich habe in meinem Roman „Schwanenwege“ meine Heldin Swantje in höchster Not in einen Brunnen fallen lassen, dem einzigen Ausweg. Sie fällt und fällt und landet in auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen. (Die ganze Passage  findet sich hier).

Eine Eidechse glitt über einen Stein, hob das Köpfchen, stutzte, krabbelte auf Swantjes Hand. Die Berührung war wie ein zarter Hauch. Funkelte nicht ein Krönchen auf ihrem Kopf? Swantje hielt ganz still und flüsterte:

Kroko, Krone, Krokodilchen,
hast wohl Lust auf Liebesspielchen?

Das Eidechschen züngelte und lispelte:

Woher kommst du, holde Nymphe?
Aus dem schwarzen Sog der Sümpfe?
Aus dem tiefen Brunnenloch,
woher kommst du, sags mir doch!
Wo fandst du das goldne Leibchen,
schönstes aller schönen Weibchen?
Wart ich bring dir sieben Schleier,
dass geschmückt du gehst zur Feier.
Tanzen wirst du, schönes Kind,
tanzen mit dem Frühlingswind!

und schon raschelte es davon.

Woher kennen wir das, dass in der Tiefe des Brunnens die Natur verständlich redet? Ach ja, von „Frau Holle„! Oder auch von „Goldmarie und Pechmarie“, wo die Apfelbäume Schüttel mich! rufen, und die Brote im Backofen rufen „Hol mich heraus!„, und die gute fleißige Goldmarie tuts und wird reichlich belohnt.

Eine „Frau am Brunnen“ spielt auch eine biblische Rolle. Wer war sie? Jesus traf sie in Samaria an einem Brunnen und kam mit ihr ins Gespräch. Das gehört sich eigentlich nicht, denn Juden reden nicht mit Samaritern. Diese Frau hatte, wie sich herausstellt, schon „fünf Männer“ und ist daher nach jüdischen Moralvorstellungen eine doppelt Geächtete. Sie sprechen über das Wasser, das die Frau jeden Tag schöpft und nach Hause schleppt. Wenn man es getrunken hat, wird man wieder durstig. Das ist ärgerlich. Als die Frau hört, es gebe ein Wasser, das für immer den Durst lösche, wird sie neugierig und will von diesem Wasser haben…. Diese Frau, eine Samariterin mit unordentlichem Liebesleben, wird in der christlichen Tradition zu Fotini (die Erleuchtete oder Leuchtende) und zur ersten Missionarin des Christus. Ihr sind viele Kirchen geweiht an Orten, an denen zuvor die dunkle Hekate verehrt wurde.

Ag. Fotini am Ilissos, Athen

Nun, das sind ein paar winzige Bruchstücke zu einem großen Thema. Danke für den Impuls, liebe Myriade!

Veröffentlicht unter alte Kulturen, Dichtung, Fotocollage, Fotografie, Geschichte, Impulswerkstatt, Legearbeiten, Liebe, Märchen, Meine Kunst, Mythologie, Natur, Psyche, Tiere, Träumen, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | 6 Kommentare

abc-etüde: Ungereimtes vom Alter (in gebundener Rede)

Abglanz
säuerlich
scheuern.

Das sind die Wörter, die der abenteuerzeit-familienreise-Blog für Christianes abc-etüden spendete.

 

Vom Alter

Dein Körper riecht jetzt säuerlich

Und in den Augen ist kaum mehr

Ein Abglanz früher Lebensfreude zu erkennen.

Das ist das Alter.

 

Willst du es tarnen? Wen willst du denn

Mit Düften, die nicht deine sind, verlocken?

Willst künstlich Glanz in deine Augen träufeln,

die welke Haut vielleicht

Mit Bürsten scheuern, bis sie rötlich

Wie bei den Jungen glüht?

 

Tus nicht! Sei keine Närrin!

Das Alter hat die Schönheit weggefressen

Und keine Rezeptur bringt sie zurück.

Was anderes hat dir das Alter aufgetragen

Als mit verliebtem Äugeln zu betören

Du brauchst jetzt Weisheit, meine Liebe,

und Verstand, und viel Geduld.

 

Vor allem aber musst du schweigen lernen.

Denn niemand braucht mehr, was du einst

Gelernt hast oder warst und träumtest.

 

Wenn brav du in der Ecke sitzen bleibst

Und manchmal einen neuen Hut spendierst

(Es darf auch gern ein teures Armband sein)

Dann wird die Jugend dir dein Alter wohl verzeihn.

 

Veröffentlicht unter abc etüden, Farben, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Philosophie | Verschlagwortet mit , , , , , , | 3 Kommentare

Impulswerkstatt, Bild 4: Kirchen und Kapellen in meiner Umgebung

Was wäre Griechenland ohne seine Kirchen? Dein Impuls No 4, liebe Myriade, ermuntert mich, noch ein paar weitere Kirchen, Kirchlein und Kapellen zu präsentieren, die so charakteristisch für die griechische Welt sind. Viele habe ich fotografiert, etliche gezeichnet. Hier beschränke ich mich auf wenige aus meiner unmittelbaren Umwelt.

Ich beginne mal mit dem allerkleinsten: Ist das schon eine Kapelle? Nein, es ist ein Nebengebäude in einem kleinen Kloster.

Kaum größer ist dieses alte byzantinische Kirchlein, das schön gerahmt von Zypressen und Ölbäumen den Eingang zu einem einst prächtigen, jetzt aber verwaisten Geschlechterturm bewacht.

Die Wände sind, wie es hier in der Mani üblich ist, mit alten Fresken geschmückt, deren Gesichter nach dem allgegenwärtigen Vandalismus der osmanischen Jahre wieder hineingemalt wurden.

 

Bedeutender, aber in keinem besseren Zustand sind die Fresken in der sehr alten byzantinischen Kirche in unserem Zentraldorf.  Erbaut wurde sie im 12. Jahrhundert mit Spolien (recycelten Bauteilen) aus dem 5. Jahrhundert und steht unter Denkmalschutz.

IMG_5452Ich habe mich gelegentlich in den nur durch das Tageslicht und die ewigen Lichter ein wenig erhellten Raum gesetzt und gezeichnet.

Hier sieht man sie von außen, vom Zentralplatz aus gezeichnet.

Die Hauptkirche des Ortes hat natürlich ganz andere Ausmaße. Man baute sie im 19. Jahrhundert, als die ursprüngliche zu klein wurde. Heute ist sie viel zu groß für das kleine Dorf. Architektonisch ist sie typisch für die stilunsichere Zeit des 19. Jahrhunderts: Es handelt sich um eine neoklassizistisch beeinflusste Kreuzkuppelkirche.

Rein byzantinisch und unverfälscht ist diese besonders schöne Kirche in Karytaina (Arkadien) aus dem 12. Jahrhundert, die wunderbar eingebettet in grünem Grund liegt. Schade nur, dass die Fresken sehr unfachmännisch renoviert wurden.

Ganz anders ist die Bauform der prächtigen Hauptkirche des Mani-Dorfs Ano Doloi. Sie ist deutlich venezianisch geprägt. Venedig beherrschte die Peloponnes (Moreas) von 1204/1209 bis 1500 und erneut von 1685/1688 bis 1715. Ich vermute, die Bauzeit liegt in der zweiten Epoche.

Aus der zweiten venezianischen Epoche stammt auch die Kirche in Alt-Kardamili, die ich sorgfältig zeichnete, freilich ohne den ganzen Glockenturm aufs Blatt zu bekommen. Und auch der Haupteingang wurde abgeschnitten, ts, ts!

IMG_5774

Ich mag es, wenn eine Kirche (und kein Windrad) die Silhouette einer Berglinie prägt. Diese hier steht oberghalb des Mani-Dorfs Stavropygio, wo ich mein Öl pressen lasse.

Die Kirche im Nachbardorf Malta – hier als Zeichnung mit überblendetem Foto – hat  venezianische Merkmale, wurde aber durch die Kuppeln dem byzantinischen Typus angeähnelt.

Namenlos ist keine der Kirchen, aber leider weiß ich meistens nicht, wem sie gewidmet sind. Von dieser aber weiß ich den Namen: „Lebenspendende Quelle“ heißt sie und liegt abseits im Gebirge neben einer Quelle, die jetzt freilich in Rohren eingefangen und für Bewässerungszwecke im Tal missbraucht wird.

 

Die kleinen Kirchen Griechenlands sind fast immer offen, so auch diese, die mir bei Regen inmitten wilder Natur Schutz gewähren sollte. Nur musste ich zuvor den Riegel mithilfe eines Steins öffnen.

Malerisches Moos und Flechten hatten die Fresken überzogen.

Zuflucht bei schwieriger Witterung bot unserer Wandergruppe auch diese geräumige leere Kirche, die gleich in eine Taverne umgestaltet wurde.  Sie liegt im winzigen Bergdorf Ano Verga, dessen Lichter mir immer des Nachts vom gegenüberliegenden Berghang herüberleuchten.

Nein, ich werde jetzt nicht auch noch die großen Kirchen von Kalamatas vorstellen, von denen es zahlreiche gibt. Denn Kalamata ist Bischofssitz und stark kirchlich geprägt. Hier nur zum Abschluss die Skizze einer der größeren Kirchen, die ich immer sehe, wenn ich den Zeitungskiosk ansteuere. Ich zeichnete den komplizierten Säulenvorbau und fügte später die Farben durch Überblendung mit einem Foto hinzu. In Wirklichkeit ist sie gelb.

 

Veröffentlicht unter alte Kulturen, Architektur, Fotografie, Geschichte, Meine Kunst, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 11 Kommentare

Impulswerkstatt Bild 4: Die hl. Apostel-Kirche („Freiheit oder Tod“)

Schnell schnell noch ein Eintrag zu Kirchen, einem auch bei mir (architektonisch-zeichnerisch) stark vertretenen Thema, liebe Myriade. Gut, dass du mich durch deinen heutigen Eintrag daran erinnertest!

Die historische Kirche Ag. Apostoloi im Zentrum der Altstadt von Kalamata, wie ich sie vom Tisch einem Kaffeehaustisch aus zeichnete. Im Hintergrund die Revolutionshelden, gezeichnet von Skitsofrenis.

Es ist gar nicht so leicht, sie ganz aufs Bild zu bekommen, wenn man im Sitzen zeichnen will. Hier habe ich eine Zeichnung mit einem Foto überblendet, um einen kompletteren Eindruck zu vermitteln.

Vollständig erscheint sie auf der offiziellen Seite der Stadt Kalamata (rechts dahinter die früheren Markthallen, jetzt archäologisches Museum):

Ναός Αγίων Αποστόλων Auf diesem Foto erkennt man auch, dass die Bauform nicht einheitlich ist: der byzantinische Kern stammt aus dem frühen 12. Jahrhundert und basiert auf dem Bautypus des „Freien Kreuzes mit Kuppel“. Während der Herrschaft Venedigs kam es im 17. Jahrhundert zu Umbauten und Erweiterungen, auch der Glockenturm ist venezianischer Herkunft.

Der Innenraum ist jetzt museal. Lass dich nicht durch die vielen Bögen der Altarfront täuschen: es ist ein schlichtes Kirchlein, das freilich eine große Vergangenheit hat.

Denn hier trafen sich die Verschworenen der „Revolution von 1821“ und legten einen Eid ab: den Kampf für die Befreiung des Landes bis zum endgültigen Sieg zu führen. „Freiheit oder Tod“ war ihre Devise. Dieses ruhmreiche Treffen, das Kalamata in der modernen griechischen Geschichte eine besondere Bedeutung verlieh, wird jedes Jahr mit großer Hingabe gefeiert.

 

Veröffentlicht unter alte Kulturen, Architektur, Fotografie, Leben, Meine Kunst, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , | 2 Kommentare

Unser täglich Boot, 25.-26.Oktober: Lebenssituationen, Seelenzustände

Gestern und heute sind vier neue Zeichnungen im Boots-Zeichenbuch entstanden. Wieder habe ich eigene Gemälde als Vorlage benutzt und frei in Zeichnungen übersetzt. Jedes Bild stellt eine besondere Lebenssituation und einen Seelenzustand dar.

Ich habe versuchsweise ein paar Fragen dazu gestellt. Welche Situation beschreibt dich im Moment am besten? Welcher Seelenzustand entspricht dir gerade jetzt am meisten?

Heimkehr: Das erste zeigt Bild eine nächtliche Heimkehr. Wie war die Reise? Wie wird das Ankommen erlebt?

Sichere Reise: Das zweite zeigt ein gemächliches Dahinsegeln zwischen Landmassen. Das Meer bietet freie Bewegung. Die Küsten bleiben in gleicher Entfernung. Ist das Land bekannt und freundlich? Oder wird es als bedrohlich empfunden?

Freie Fahrt: Im dritten Bild hat das Boot Fahrt aufgenommen. Der Wind bläht die Segel und treibt es kräftig voran. Kennt es den Kurs? Wer sitzt am Steuer?

Ruhe, Gemeinschaft: Im vierten Bild dümpelt das Boot zusammen mit anderen träge vor sich hin, die Spiegelungen seiner selbst und seiner Gemeinschaft genießend. Vermittelt das ein Gefühl des Friedens? oder der bedrückenden Enge und des Stillstands?

Zum Vergrößern bitte anklicken.

Veröffentlicht unter Leben, Meine Kunst, Psyche, Vom Meere, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 3 Kommentare

25 (52) Wochen – ein Objekt: Der Kleine Prinz auf dem Granatapfelplaneten

Jeden Sonntag dasselbe Objekt in unterschiedlichem Surrounding zu fotografieren, war Wortmans Neujahres-Idee. Das Projekt ist nach einem halben Jahr zu Ende gegangen, aber ich mache weiter und lasse die Metall-Figur des Kleinen Prinzen weiterhin durch die Welt wandern.

Heute stand er still auf dem Granatapfelplaneten und beschaute traurig die herabgefallenen Früchte. Warum fielen sie ab und verfaulten sinnlos am Boden? „Die Früchte“, so belehrte ich ihn, „können nicht ausreifen, weil sie keine Sonne bekommen. Der Baum hat sich einen ungünstigen Platz gewählt. Aber nun ist er hoch gewachsen, und die Früchte ganz oben bekommen Sonne und können reifen. Komm, ich zeig sie dir!“

Und so stiegen wir die Treppe hoch und schauten von oben auf den Baum.

Sehen kann man diese Früchte, nicht aber pflücken, und so werden auch diese „sinnlos“ zu Boden fallen, fürchte ich. Zum Glück gibt es einen anderen Baum, der gut zugänglich ist. Und so konnte ich dem Kleinen Prinzen eine nähere Bekanntschaft mit der mythischen Frucht verschaffen. Was sie sprachen? Ich hörte es nicht, so viel ich auch lauschte.

Veröffentlicht unter Allgemein, Farben, Fotografie, Leben, Liebe, Mythologie, Natur, Philippe, Psyche | Verschlagwortet mit , , , | 7 Kommentare

Sonntags ins Archiv: 25.10.: Zauber

Am 25.Oktober im ersten Jahr meines Bloggerdaseins – das war 2015 – . womit habe ich mich damals wohl befasst? Wie jeden Sonntag gehe ich ins Archiv und finde: treibende Blätter waren mein herbstliches Thema (hier).

IMG_4952aaaa

Es war ein zauberhafter Oktobertag, so lese ich. Ein Sonntag wie heute, doch nicht trübe, sondern blau und golden. Einige Menschen holten ihre Flügel aus dem Schrank und ließen sich über Land und Meer treiben. Ein leichter Wind blies von rechts, trieb sie in Richtung Vergangenheit.

Ich sah sie so treiben, und eine süße Nostalgie überkam mich nach den Sommertagen, die nun dahinschwinden.

Manche sagen, es seien Blätter gewesen, die der Wind dahintrieb.  Sie irren sich. Ich konnte sie deutlich erkennen. Schaut selbst. Es sind Leute wie du und ich, nur haben sie ihre Arme mit Flügeln vertauscht.

IMG_4950

Dieser Eintrag ist meine träumerische Antwort auf Brunis gestrige Frage nach dem: in welcher Form und wohin? wenn wir sterben.

Veröffentlicht unter die schöne Welt des Scheins, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Natur, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 6 Kommentare

Abschied von „unserer“ Taverne, Erinnerungen

Sie war ein Viertel Jahrhundert lang unser zweites Zuhause und unsere Postadresse. Nun macht sie dicht. Die Betreiber fühlen sich zu alt, und die Nachkommen konnten sich nicht einigen. Die Kosten sind zu hoch, die Arbeit ist zu viel, es rechnet sich nicht. Heute nahmen wir dort unsere Henkersmahlzeit mit Artischocken und Erbsen, kleinen Fischen, grünem Salat.

Es wird schwer sein, diesen Verlust zu kompensieren. Ein wichtiger Aspekt meiner Lebenswelt verschwindet. Natürlich gibt es andere Tavernen, und zu Hause kann man auch gut speisen. Auch werden wir auf die ausgezeichnete traditionelle Küche der Wirtin nicht verzichten müssen, auf Bestellung wird man sich Gerichte abholen können.

Aber es ist natürlich nicht dasselbe. Die menschliche Umwelt wird verschwinden, und auch die Atmosphäre der Taverne mit ihren vielen wohlbekannten Besonderheiten wird mir fehlen. Und so betrachtete ich heute mit Wehmut den Tanz der Bananenblätter im leichten Wind, das Sonnendach aus vertrockneten Palmblättern, die abblätternde Wand mit dem Rohr, an dem eine Katze von der Terrasse vorsichtig herunterstieg, die roten Dächer vor dem Panorama des Meeres, die Sonnentaler auf dem Tisch, und ich lauschte auf die Stimmen in meinem Rücken: alte, junge und ganz junge.

Und mir war, als löste sich diese Gegenwart schon von mir ab, verschwand wie ein Zauber, der nun erlosch.

Ich habe ein paar Bilder zusammengesucht, die in dieser Taverne entstanden sind.

November 2024: Postadresse. Gerhards Keramikblätter kamen an. Viele andere Postsachen wurden hier zuverlässig abgeliefert und verwahrt. (Wir werden uns eine andere Postadresse suchen müssen.)

Mai 2019: Zeichnung von Gläsern und Wasserkaraffe

Wasserkaraffe und Glas

Immer wieder Dächer und Rosen vor dem Meer

unsere Mani, fortgesetzt b 025

Dächer und Rosen

Lesestunde

Zeichnung: Bananenblätter und verwelkte Rodsen (September 2018)

 

Mai 2022; Blumenschmuck mit Dora

Juli 2026: plötzlicher Sommerregen

 

Mai 2022. Bananenblätter luftbewegt

Zeichnung, Juni 2023: Rote Dächer vorm Meer

April 2020: im Blumenkasten gesehen

August 2026: Minizine rund ums Essen

Dezember 2025: Lichtspiele durchs Wasserglas

November 2024: Gastwirt und Rosenstrauß

Juli 2020: Sonnentaler ausgestreut

August 2020: Kaleidoskop, durchs Wasserglas gesehen

Ein Amaryllenstrauß, arragiert vom Wirt.

 

Veröffentlicht unter Ökonomie, Farben, Fotografie, Leben, Meine Kunst, Natur, Psyche, Umwelt, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , | 18 Kommentare

Unser täglich Boot: Segel und Kutter

Eine knappe Doppelseite des Boots-Zeichenbuchs nimmt eine Zeichnung ein, in der das Boot ganz an die linke Seite gerutscht ist. Der Rest wird von einer geheimnisvollen Nachtszene eingenommen, in deren Zentrum ein Baumskelett steht. Das Opfer des Baumes, aus dem Boote gezimmert werden, ist eines meiner wiederkehrendes Themen. Träumte der Baum, in der Tiefe verwurzelt, von Himmeln, Vögeln und Insekten, so träumt er als Boot nun, unverwurzelt, von Wellen, Fischen und Meerestiefen. Als Vorlage benutzte ich ein eigenes Gemälde.

 

Ein Fantasie-Doppelsegel habe ich gleich zweimal gezeichnet:  einmal im Hochformat des Zeichenbuchs, ein zweites Mal im Querformat auf einem Extrablatt. Im ersten geht wenig Wind, das Boot gleitet ruhig dahin, die Segel sind kaum gebläht. Im zweiten hat es aufgefrischt, das Boot nimmt Fahrt auf und sucht die Weite. Mit Bleistift habe ich die Elemente Luft und Wasser hinzugefügt.

Die letzte Zeichnung entstand gestern vor Ort am Hafen von Kitries: der Bug eines Kutters schwankt zwischen Lichtwellen und Schatten. Das Haus ist hell von der Sonne beleuchtet, die Schatten wachsen, während ich zeichne,  von rechts und verdunkeln die Küste und ihre Spiegelung.

Veröffentlicht unter Leben, Materialien, Meine Kunst, Träumen, Vom Meere, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , | 10 Kommentare

Tagebuch der Lustbarkeiten. Mal wieder Kitries: Boote und Schwimmen.

Weit ist es nicht von mir bis zu dem kleinen Fischerhafen von Kitries „am Ende der Welt“. Die Straße endet hier, und alles scheint zum Stillstand zu kommen – außer den Booten im Hafen, die immer ein wenig schwanken, unruhig harrend, dass sie von der Leine gelassen werden.

Ich parke oberhalb des Dorfes und betrete einen uralten steinernen „Monopati“ (schmaler Weg), der hinab zum Hafen führt. Bei einer Kirche mache ich Halt, setze mich auf eine Holzbank und betrachte die grüne Tür in der grauen abweisenden Fassade, auf der die Glocke des primitiven Glockenturms ihren scharfen Schatten wirft. Dann beginne ich den Abstieg hinunter zum Hafen.

Unterwegs öffnet sich ein schöner Ausblick auf die Bucht und dann auch auf den Vorplatz einer Fischtaverne mit ausrangierten Fischerbooten als Schmuck.

Vorbei an den fast leeren Restaurants steuere ich den Hafen an, um mal wieder Boote anzusschauen, zu fotografieren und vielleicht auch zu zeichnen. Ich liebe all die unterschiedlichen Steven und Aufbauten, die Farben und Seile, das leise Plätschern und Schaukeln, das Glitzern des Wassers, die dunklen Schatten der bewaldeten Hänge, die diese Bucht abschließen.

Den ständig sich neu gestaltenden Spiegelungen zuzuschauen, finde ich außerordentlich entspannend.

 

Auf dem Rückweg springe ich noch schnell ins Meer und schwimme eine Runde, halte dann noch einmal beim Minimarket des Nachbardorfes, kaufe Joghurt, Karotten und Zitronen und bin erfrischt und glücklich.

Veröffentlicht unter Architektur, Farben, Fotografie, Leben, Natur, Psyche, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 7 Kommentare