Kalenderblätter 11.-17. Juni 2026 zum „Pädagogischen Skizzenbuch“

Mein Projekt, im Juli parallel zum Juni Kalenderblätter zu Paul Klees „Pädagogisches Skizzenbuch“ zu zeichnen, ist erst ins Stocken geraten, dann ganz zum Erliegen  gekommen. Es ist zu viel Kopfarbeit dabei, es passt nicht in den sommerlichen Tageslauf, und überhaupt. Also habe ich beschlossen, die noch freien Seiten des Juni und Juli leer zu lassen ode sie nur dann zu füllen, was es mir grad Spaß macht, etwas dazu zu zeichnen. Die bereits gezeichneten und bisher nicht gezeigten Kalenderblätter des Juni lade ich heute herunter, um sie für künftige Zugriffe zur Verfügung zu haben.

Ein paar Worte und Illustrationen dazu:

 

Der Sommer mit seinem gleißenden Licht ist so manchem Erdenbewohner zu hell, sie suchen den Schatten und das Dunkel der Nacht auf.  Manchen genügt ein Sonnenschirm, um der allzu großen Helligkeit ein wenig Dunkelheit hinzuzufügen und so ein „nicht symmetrisches Gleichgewicht“ herzustellen: auf der einen Seite der Waage der Schatten – auf der anderen die Sonne und der Sonnenschirm.

Manche Charaktere sind zu rot-energisch, sie nehmen gegenüber blauen Charakteren zuviel Platz ein. Ihnen sei ein wenig gelb empfohlen, um ihre Energie zu zügeln.

 

Licht und Schatten im Gleichgewicht (Wanddekorim Herakliden-Museum Athen), eigenes Foto

 

Im Sommer wendet man sich vermehrt den Regionen zu, von denen Klee sagt, dass sie sich nicht streng nach dem Erdmittelpunkt ausrichten, sondern „gelösterer Bewegung und beweglicherer Wirklichkeit entsprechen“: Luft und Wasser. Sie bilden die „Atmosphäre“ (ατμός/atmos = Atem, Dampf, σφαίρα/sphära = Kugel, also eine Kugel aus Atem und Dampf rund um die feste Erde ).

Klee nennt sie ein „Zwischenreich“ zwischen Anziehungskräften der Erde und den anders gearteten Verhältnissen im Kosmos.

 

„Zwischenreich“ Wasser und Luft = Atmosphäre (Legebild)

 

Der Linie eines geworfenen Balls in der Luft (1. Figur, bei Klee ist es ein Stein) folgen die Menschen mit Vergnügen,  die Anstrengung aber, der Erdenschwere beim Treppensteigen (zweite Figur) Herr zu werden, vermeiden sie nach Möglichkeit und nehmen einen Ασανσέρ/Assancer = Lift, Fahrstuhl. Man sieht, wie die aufzuwendende Energie bei jeder Treffenstufe aufwärts wächst, bis es gar nicht mehr geht.

Am meisten strebe man im Sommer danach, der dritten Figur zu folgen, die die „Beinstöße eines Schwimmers – ein Rhythmus mit loser Gliederung“ abbildet.

Ballspiele: Legebild mit Ullis Schnipseln, mit Glaskugelfoto überblendet

 

 

Fröhlich und mit Klingklang springt ein Stein den Berg hinab. Immer wieder findet er kleine Unregelmäßigkeiten im Hang, auf denen er landet und weiterhüpft. Dabei steigern sich seine Hüpfer sprungweise – ein Rhythmus mit „teils fester, teils loser Gliederung“

Fröhlich anzusehen ist auch der Ballon, der von warmer Luft hinauf getrieben wird, dann in kühlere Schicht gerät, was seinen Auftrieb verringert, dann wieder eine wärmere Schicht erwischt und weitersteigt, bis ihn eine richtig heiße Luft nach oben reißt. Ein Rhythmus mit „loser Gliederung“.

 

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Wandmalerei bei Kalamata, eigenes Foto

 

Es ist Sommer! Möge die Erdenschwere uns nicht zu sehr herunterziehen! 

Dem hier gezeichneten Meteor gelingt es, der Anziehungskraft der Erde zu entkommen. Möge jede „glühende Sternschnuppe … der  Gefahr entgehen, an der Erde für immer haften zu müssen„!

So gehts, wenn „Atmosphärisches und Kosmisches kombiniert“ auftreten.

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chinesische Stern- und Kometenkarten, eigenes Foto

Kursiv gesetzte Zeilen sind Zitate aus Klees Pädagogischem Skizzenbuch

 

 

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Etüdensommerpausenintermezzo : Erster Versuch

Ihr wisst es bereits: Christiane hat zu einem nun schon traditionellen Spaß  aufgerufen, der sich Etüdensommerpausenintermezzo nennt. Dafür haben die Bloggerfreunde Wörter gespendet, und Christiane hat auf ihre unnachahmlich objektive Art eine Auswahl getroffen und eine Liste erstellt, die da lautet:

Barfußpfad
Freiheitsstatue
Futterneid
Gletscherarchäologie
Hitzeflimmern
Igel
Jubiläum
Mischbatterie
Nacktcamper
Sommergraffiti
Unsportlichkeit
Wassermangel

Sieben dieser Wörter sind in einer Erzählung oder, was ich bevorzuge, in einem Reimgedicht, sinnvoll unterzubringen. Ein Tier soll auch eine Rolle spielen. Auf gehts!

Sommerfreuden

Das Meer erglänzt, und in das Silber

Zeichnet der Sommer seine Bilder

Von Booten, Kindern, Mann und Weib

Von Schwimmern ohne Unterleib

Mit leichter Hand und viel Humor

Bringt Sommergraffitikunst hervor.

*

Lasst dem Sommer doch dies Recht!

Macht mir nicht den Sommer schlecht!

***

Unsportlichkeit ist ja verzeihlich

Man sieht es dann im Sommer freilich

Wenn all die Hüllen, die verborgen

Das weiße Fett und andere Sorgen,

entfallen und am Badestrand

die Haut erglüht im Sonnenbrand…

*

Trainierter Leib wird schokoladig

Macht mir nicht den Sommer madig!

***

Wenn du nicht reinpasst mehr ins Kleid

Vergiss einmal den Futterneid

Wenn andre an dem Eise schlecken

Und sich hernach die Lippen lecken

Als wäre Gletscherarchäologie

Ihr Hauptgebiet und ihr Genie.

*

So lass sie doch! der Sommer gibt

Dir sonst noch vieles, was beliebt!

***

Hast du kein Meer, und hast du Kinder

Was ist im Sommer denn gesünder

Als in dem Wald und auf der Wiese

Die wogt in leichter Sommerbrise

Zu campen wie Nacktcamper tun:

Bekleidungsriten dürfen ruhn!

*

Der Sommer ist den Nackten heilig

und schicke Kleidung höchst langweilig.

***

Du klagst, dass es kein Wasser gebe?

Liebst du denn nicht den Saft der Rebe?

Die reifet bestens bei der Hitze

Und die Weine werden Spitze

Wassermangel hindert nie

Den Durst zu stillen, je vouz prie!

*

Macht mir nicht den Sommer mies!

Wer macht sonst die Trauben süß?

***

Doch im Ernst, vergiss nicht ganz

liebe Liese, lieber Franz,

dass die Tierlein Wasser brauchen.

Siehst du einen Igel krauchen

Durch des Lattenzaunes Ritze

Ganz ermattet von Hitze

*

Sei kein Egoist, du Knilch!

Gib ihm Wasser oder Milch!

 

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Zeichnen nach Modell: ein Paar

Heute nahm  ich die Gelegenheit zum Modellzeichnen wahr, obgleich der Tag schon sehr dicht und erlebnisreich war. Denn heute würde ein Paar Modell sitzen. Als Einzelne hatte ich sie schon gezeichnet, heute aber würden sie gemeinsam posieren. Außerdem würde jede Pose nur 15 Minuten dauern und dann wechseln. Das finde ich spannender als die endlos sich wiederholenden Posen.

Ich zeichnete wie gewöhnlich mit Kohle auf großem Zeichenkarton (A2). Die 15 Minuten reichten jeweils gerade, die Szene grob zu skizzieren. Zu Korrekturen blieb keine Zeit.  Schade. Diesmal hätte ich gern längere Posen gehabt, denn was ich sah, gefiel mir sehr. Vielleicht beim nächsten Mal.

 

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Dienstag-Drabble, ungereimt. „Der ungelesene Zettel“

Wortman hat erneut zum Dienstagsdrabbeln aufgerufen, diesmal mit den Wörtern

Scheuneherausragend – Zettel

Zu schreiben ist ein Kurztext von genau 100 Wörtern.

***

Der ungelesene Zettel

Ein angerosteter, aus einem Scheunentor herausragender Nagel durchbohrte den Zettel, der alles in ihrem Leben verändern würde. Sie versuchte zu entziffern, was auf dem Zettel stand, ohne den Nagel herauszuziehen und ohne das Papier zu zerreißen, aber vergebens. Immerhin meinte sie zu verstehen, dass es eine Botschaft an sie selbst war. Jedenfalls nahm sie das an, denn wer sonst hier in der Gegend liefe mit diesem merkwürdigen Namen herum, mit dem ihre Eltern sie ausgestattet hatten?

Sie ruckelte ein bisschen an dem Nagel, und tatsächlich ließ er sich leicht herausziehen. Der befreite Zettel flog, von einem heftigen Windstoß erfasst, davon.

***

Zum Vergleich biete ich euch eine Erzählung von Franz Kafka an (sie wurde in dem einzigen von ihm autorisierten Erzählband „Ein Landarzt“ 1917 veröffentlicht). Und ich frage: Worin gleichen sich die Geschichten, worin unterscheiden sie sich?

***

Franz Kafka

Eine kaiserliche Botschaft.

Der Kaiser – so heißt es – hat dir, dem einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr zugeflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, dass er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes alle hindernden Wände werden niedergebrochen, und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Grossen des Reichs -, vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend, schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen, und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müsste er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor – aber niemals, niemals kann es geschehen, liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. – Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.

 

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Sinnestäuschung mit Segelbooten (Impulswerkstatt, Bild No 3)

Einen See oder Fluss kann ich zu deiner Sommeridylle nicht beisteuern, liebe Myriade, aber gelegentlich ähnelt unser Meer fast einem geschlossenen Gewässer. Und Segelboote – ja, die gibts hier auch. Die hohen Berge liegen freilich in meinem Rücken und kommen von dort, wo ich sitze (in meiner Lieblingstaverne) nicht mit aufs Bild.

Und das Segelboot? Halt, da muss ich ein bisschen zoomen.

Es gibt da drei parallele Linien, die mich verblüffen: gut, die eine Linie ist der Horizont und die andere eine Schaumlinie, vermutlich zuvor von einem Schnellboot erzeugt. Aber die dritte, die aussieht wie ein Draht, an dem das Boot entlanggezogen wird?

Wie ich so schaue, kommt schon das nächste Boot angeschippert und vereint sich mit dem ersten zu einem Zweimaster. Dieser Draht hat es doch nicht etwa herbeigezogen?

Merkwürdige Sinnestäuschung! Schon schieben sie sich wieder auseinander und segeln getrennt weiter.  Und der Draht gehört zu einer ganz anderen Dimension als die beiden Segler auf dem Meer.

 

 

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Reflexionen (kleine Beobachtungen)

Hitze nun auch bei uns, dazu eine geschwollene Backe vom letzten nun glücklich auch entfernten Backenzahn – da ist es mit der Kreativität nicht weit her. Ich liege rum, das Hirn bleibt stumm, das Auge schweift und bleibt an … Reflexionen anderer Art hängen:

Die erste fiel mir auf, als ich meine Brille auf meinem Hosenbein ablegte. Das Eulenfenster bildete sich in strahlendem Blau auf dem Gewebe ab, und dahinter, in größerem Format, wurde es noch einmal in hellem Grün sichtbar. Leider ist das grüne Abbild trotz aller meiner Versuche auf dem Foto nur unklar zu erkennen. Das Fenster selbst ließ ganz  unspektakulär graues Licht des heißen Tages hindurch.

Eine naheliegende Erklärung habe ich für dies Phänomen der doppelten farbigen Brechung: die Brillengläser sind beschichtet, um die Augen vor Schäden bei allzu vielem Computer- und Handygebrauch zu schützen. Warum nun gerade diese Farben und Formen – das muss ein anderer erklären.

Ganz unerklärlich blieb mir eine strahlend rot-grüne Reflexion auf der Rückenlehne des Schreibtischsessels, in dem mein Mann mit grünem T-Shirt saß und nachdachte. Das Licht kam aus dem entfernten Fenster zum Vorgarten, aber da gabs nichts Besonderes zu sehen. Wie kommen diese Reflexionen zustande? Keine Ahnung.

 

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Sonntags ins Archiv, 12. Juli 2019: Zeichnen – WAS und WIE?

Immer wieder hat mir das Zeichnen aus Zuständen der Grübelei herausgeholfen. Denn beim Zeichnen findet ein Prozess der Konzentration von Auge, Hirn, Hand und Herz statt, der keinen Raum für Grübelei lässt.

„Zeichnen statt Grübeln“ habe ich einen Eintrag vom 12. Juni 2019 überschrieben, den ich heute aus meinem Archiv gefischt habe. Die fünf Zeichnungen, die ich an jenem Tag machte, erfreuen auch heute noch mein Herz und/oder mein Auge. Und so zeige ich sie gerne noch einmal.

Die erste zeigt meinen lieben Tito in stark verkürzter Perspektive,

Die zweite zeigt einen Haufen unsortierter Bücher. Der dicke Wälzer ist der dritte Band einer Familiensaga aus Neuseeland (Sarah Lark, Der Ruf des Kiwis). Ich hatte ihn im Papierwarenladen unter zehn anderen deutschsprachigen Büchern entdeckt – ein Mängelexemplar und sehr billig. Was drin steht? Keine Ahnung, ich habe es vergessen.

Warum zeichne ich so etwas?  Tito, klar, der geliebte Hund ist ein wichtiges Sujet.  Aber dieser Haufen längst vergessener Bücher? Nun, ich meine, alles lohnt sich zu zeichnen. Das war in früheren Zeiten natürlich anders, da malte man bedeutende Menschen und Schlachtenszenen, Heilige und Heerführer, Veduten schöner Städte und altehrwürdige Tempel, auch reiche Kaufherren und aufgeputzte Frauen. Die Gegenstandswelt gab es natürlich auch, aber sie war dem bedeutenden Thema untergeordnet.

Dann aber kamen mit der Demokratie Landschaften, Alltagsszenen und -gegenstände als Hauptthema auf, und heute ist es schon vollkommen gleich, WAS man zeichnet, denn es kommt allein auf das WIE an. Es braucht überhaupt keine Sujets mehr, ein o.T. (ohne Titel) tut es durchaus.

Nun aber weiter, bevor ich wieder ins Grübeln gerate.

Bei der dritten Zeichnung jenes 12. Juli 2019 besann ich mich auf das WIE. Man kann zwar einen Tisch mit Buch, Handy, Eulentasse, Fruchtschale, Lehnen eines Schaukelstuhls und einen Arbeitstisch mit Stühlen und noch dies und das erkennen – wenn man will. Aber darauf kommt es wirklich nicht an. Es ist halt eine Ecke unseres Zuhauses, das ich als Anregung nahm, um im freien Spiel der Linien das Zeichenblatt zu gliedern, lebendig zu machen, ohne es zu füllen.

 

Bei der vierten Zeichnung reizte es mich, es mit einer ausgefallenen Komposition zu versuchen:  eine Zinnvase beherrscht übergroß das Zentrum. Gestänge eines Schaukelstuhls queren und verwirren den Raum. Die kugelige Basis einer Lampe bildet ein zweites nur schwach mit dem ersten verbundenes Zentrum. Ein paar kleine Gegenstände haben sich darunter versammelt. Kann eine solche Komposition ins Gleichgewicht gebracht werden?

Bei der fünften Zeichnung ging es mir nun aber doch ums Sujet: ein „lost place“ reizt mich immer. Hier kommen Architektonisches, Geschichte und Gemütszustände zusammen und rufen mir zu: Halt ein, bleib stehen! Im Stehen, während die Ameisen an meinen Beinen hochliefen, skizzierte ich ein verfallenes Haus mit fächerartig auseinanderfallenden Deckenbalken, die scharfe Schatten warfen. An den bröckelnden Pfeiler des Eingangs hat jemand sinnigerweise das Wort „PAST“  gesprayt.

 

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Ein Experiment mit Chat.gpt, und Neugierde befriedigt

Man sieht ja inzwischen KI-generierte Bilder allüberall. Ich mag ihre süßliche Ästhetik gar nicht, war aber doch neugierig. Und so bat ich Chat.gpt heute darum, eine meiner letzten Kohlezeichnungen (Foto 1) in eine „lebendige Frau“ zu übersetzen. Nach ein paar Korrekturen, die Haut- und Augenfarbe und die Hosen betreffend, kam die Person auf dem Foto 2 zum Vorschein. Nun bat ich darum, dieses Foto in eine Kohlezeichnung zurückzuverwandeln (Foto 3).

Ich fand es aufschlussreich und ein wenig erschreckend, wie hier eine reale Frau aus dem Nichts geschaffen wurde. Sie hätte auch gelächelt, wenn ich darum gebeten hätte. Aber so „perfekt“ zeichnen wie Chat.gpt will ich nicht, auf gar keinen Fall! Mag es auch manchem gefallen.

 

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Sic transit gloria mundi! (Impulswerkstatt, Bild No 2)

Wann war ich dort? Im November vor 15 Jahren. Wann berichtete ich darüber in diesem Blog? im Oktober vor 10 Jahren, im Dialog mit Susanne Haun. Und nun sehe ich ihn wieder bei dir, Myriade, den Dioskurentempel von Agrigent- oder das, was davon übrig bzw wieder aufgerichtet worden ist. Ein ganz ähnliches Foto hatte damals Susanne gepostet (hier).

Heute setzte ich mich hin und kupferte mehr schlecht als recht dein Foto ab, gab mich dabei meinen Erinnerungen hin und  frischte auch meine Kenntnisse über Agrigent und seine Tempel auf.

 

„Dioskurentempel“ nennt man dies im 19. Jahrhundert aus verschiedenen Versatzstücken aufgerichtete Stück eines Tempels, den Griechen im 5. Jahrhundert v. Chr. in ihrer Stadt Agragas errichteten. Damals wurde Agragas demokratisch regiert und befand sich in ihrer Hochblüte. Man lebte gut von Landwirtschaft und Handel. Der Tempelbezirk glänzte weiß und golden im Licht, näherte man sich der stolzen Stadt von der See her. (Die Tempel waren mit einer Gipsschicht verkleidet, um sie weiß erscheinen zu lassen).

Gegründet wurde die Stadt schon zu Beginn des 6. Jahrhunderts v. Chr. von Siedlern aus Rhodos, und sehr bald hatte sich ihr Ruhm im ganzen griechischen Raum verbreitet. Der Dichter Pindar aus Theben (522 oder 519 bis 446 v. Chr) nannte sie „die schönste der sterblichen Städte“.  Vom Philosophen und Naturforscher Empedokles, der in Agragas zu Hause war (495-435 v. Chr.) ist ein anderer Spruch überliefert, der dann auf das gesamte Griechentum übertragen wurde: „Sie genießen den Luxus, als müssten sie morgen sterben, aber errichten Bauten, als würden sie ewig leben.“ 

Und so war es dann wohl auch. Das Schlachtenglück von Hiron (480 v.Chr.) hatte der Stadt Macht und Menschenmaterial (Sklaven) gebracht, doch nichts ist wendischer als Schlachtenglück. 408 unterlag die Stadt den Karthagern und wurde bis auf die Grundmauern zerstört.  Siebzig Jahre später – nach einer Niederlage der Karthager im Jahr 340 v. Chr – wurde die Stadt auf den alten Grundmauern erneut errichtet und erweitert. Über hundert Jahre gedieh sie, doch dann kamen (261 v. Chr) die Römer und zerstörten sie, verkauften die Bewohner als Sklaven. Die Karthager kamen zurück, siegten und zerstörten, was noch übrig war. 210 v.Chr. übernahmen die Römer vorerst endgültig, besiedelten das Gebiet neu, nannten die Stadt Agrigentum und kassierten Tribut. Einige der Tempel bauten sie wieder auf und widmeten sie ihren eigenen Göttern. … Als im 9. Jahrhundert die Araber kamen, gab es nur noch ein paar Hütten auf dem Gelände. Die Tempel waren längst zu Steinbrüchen geworden. Im Mittelalter machte man den Concordiatempel zur Kirche, was ihn rettete.

Dann aber, gegen 1770, zog die europäische Epoche des Klassizismus auf. Man restaurierte den einen und anderen Tempel, und Agrigent wurde zum MUSS aller gebildeten Europäer, besonders der Deutschen, die auf den Spuren von Winckelmann und Goethe dort Griechisches zu sehen hofften (Griechenland selbst stand noch unter osmanischer Herrschaft und war schwer zu bereisen). Klassizistische und romantische Maler (u.a. C.D.Friedrich) brachten einen Hauch dieser Welt ins deutsche Bewusstsein.

 https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Agrigento_Concordia_Tempel_mit_Geruest.jpg

Wie griechisch aber sind diese Tempel nun wirklich? Sie wurden ursprünglich aus dem dortigen Sandstein gebaut und mit einer Gipsschicht verkleidet, damit sie nach Marmor aussahen.  Der Stil ist weitgehend dorisch, doch grob und schwer, und er unterscheidet sich in seiner betonten Frontstellung von den Tempeln Griechenlands. In der Neuzeit überzog man das poröse Gestein mit einer rotockigen Farbschicht, um es vor dem Zerfall zu schützen. Der Tempel der Dioskuren wurde willkürlich so genannt – niemand weiß, welchem Gott er einst gewidmet war. Die Dioskuren sind zwar ursprünglich griechischer Inspiration („Kouri des Dias“, Söhne des Zeus und der Leda, von Zeus in Gestalt eines Schwans am Evrotas bei Sparta gezeugt), aber als Kastor und Pollux sind sie vollständig ins Römische mutiert.

Als ich 2011 das Tempeltal von Agrigent besuchte, fühlte ich mich tatsächlich nicht nach Griechenland versetzt. Es war eine andere,  fruchtbarere  und diesseitig-robustere Welt. Vor allem aber:  Der polnische Bildhauer  Igor Maturaj war in einen wunderbaren Dialog mit der Kulisse der Tempel, des finsteren Himmels und der hellglänzenden See getreten, so dass sich ein überzeitliches mythisches Schauspiel vor meinen Augen abzuspielen begann.

Für mich war dies nun eine Gelegenheit, mir das Gesamtkunstwerk, das ich damals genießen durfte, ins Gedächtnis zurückzurufen und zu fühlen: ja, die Menschen sind sterblich, aber ihr Geist, der sich vor zweieinhalbtausend Jahren hier in diesen Bauten verewigen wollte, hat all die Katastrophen überlebt und inspiriert uns bis heute (mehr Fotos hier).

 

 

 

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Kalenderblätter 9.-10. Juli (mit Bezug auf Paul Klee, Pädagogisches Skizzenbuch 9.-10. Juni

Die beiden Skizzen vom 9. und 10. Juli sind wiederum mit Bezug auf die entsprechenden Tage des Juni entstanden (hier und hier). Ich beschränke mich dabei auf einen Aspekt, der mir besonderen Eindruck machte.  Klee schreibt unter II,21: „Die Senkrechte bedeutet den geraden Weg und die aufrechte Haltung“. Meine erklärende Skizze zeigt ein aufrechtes Männlein und darunter einen in die Ferne führenden geraden Weg. Die Figur ragt in die Luft, der Weg erstreckt sich in der Ebene. Beide erscheinen auf dem Papier als senkrechte Linie.

Dazu machte ich nun meine Juli-Kalenderblätter: Auf dem vom 9. Juli führt der Weg geradeaus in die Ferne, wo er sich leicht zu schlängeln beginnt. Er verläuft in gleicher Breite auf der Ebene und verengt sich nicht tatsächlich, sondern nur perspektivisch. Die eingezeichnete senkrechte Hilfslinie macht den Verlauf deutlich.

Auf dem Blatt vom 10. Juli macht die Straße einen großen Bogen und steigt leicht an.  Auf der Straße spaziert ein Mann. Die eingezeichnete semkrechte Hilfslinie bezeichnet seine aufrechte Haltung.

Geht der Weg aufrecht? Ragt er in den Himmel? Liegt der Mann auf der Straße, die Füße vorne, der Kopf im Grünen? Nein, nein und nein. Wir wissen es. Und daher sehen wir es auch auf der zweidimensionalen Fläche des Papiers „richtig“.

Kinder zeichnen Menschen senkrecht, aber Wege, die in die Ferne führen? Zeichnen sie die auf senkrecht? Das wüsste ich gern.

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