Mit dem Boot entlang der Amalfi-Küste (Fotos und Zeichnungen)

Glücklicher als ich auf dieser Bootsfahrt von Salerno nach Amalfi und zurück kann man nicht sein. Keine Entscheidung treffen, keinen Schritt machen, keine Treppen steigen, keinen Schweiß von der Stirn trocknen – sondern einfach nur sich gleiten lassen und zuschauen, wie die Küste an mir vorbeigleitet – vorne auf dem Boot sitzend, das leichte Schlagen des Boots auf den Wellen spürend, von Meeresschaum dann und wann leicht bespritzt. Auf der Hinfahrt knipste ich wie besessen, damit mir ja keine Krümmung der Horizontlinie, keine Ansiedlung, keine  Felsnase, kein Hafen entging. Das Meer war sehr dunkel, fast schwarz, denn am Vortag hatte es geregnet,  und ein feiner Wind zierte die dunkle Oberfläche mit Schaumkrönchen.

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Auf der Rückfahrt glitt dann endlich auch mein Bleistift über das glatte Papier meines kleinen Blocks, den ich doppelseitig nahm, glitt von Seite zu Seite, immer neu ansetzend, wenn ein Küstenstück sich vor das andere schob, wenn die Horizontlinie mit neuen Kurven reizte. Niemals würde ich aufhören. Doch dann war der Hafen von Salerno erreicht, und Schluss wars mit den Freuden der Seefahrt.

(zum Vergrößern bitte anklicken)

 

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Kunst am Sonntag (5): Der Faun. Naturkraft – Roboter und in der Mitte der Mensch

Im Archäologischen Museum von Neapel ist die berühmte Skulptur des Faun zu sehen, die man im „Haus des Faun“ in Pompeji fand.

Wilde, tänzerische Naturkraft ist hier Gestalt geworden und in Bronze gegossen auf uns gekommen. Was wissen wir noch vom Gott Faun? Was von dieser Naturkraft, die die Griechen Pan nannten? Erotik bis hin zur offenen Lüsternheit, sehnende Flötentöne, unbändige Fortpflanzungskraft, den Christen suspekt, weshalb sie aus ihm ein Zwitterwesen halb Mensch, halb Ziegenbock machten – Vorlage für den Teufel, dessen lüsternes Wesen sich im Hexensabbath austobte.

Im Plural gibt es die Faune, im Griechischen Satyrn genannt, bocksbeinige geile Naturwesen, die sich im Gefolge des Gottes Dionysos einfinden, wenn der Wein in Strömen  fließt und die Frauen sich in Ekstase die Kleider vom Leib reißen.

Gott Faun stammt denn auch von Gottvater Saturn ab – und das heißt, die Linie verweist zurück ins „Goldene Zeitalter“, das im antiken Rom mit den Saturnalien zur Wintersonnenwende gefeiert wurde. Zu Saturns fernen goldenen Zeiten herrschte noch Fülle, und es gab keine Herren und keine Sklaven, sondern nur lustvolle Gegenseitigkeit. Jedenfalls glaubte man das und machte sich reichlich Geschenke zum Fest.

Nun aber, hier im Archäologischen Museum von Neapel, gehe ich abseits des main stream auf ein offenbar zeitgenössisches Gemälde (Druck) des Gottes Faun zu, um schockiert stehen zu bleiben.  Das ist doch …

Ja, es stimmt. Die hohe Naturkraft hat sich, nachdem sie schon zum christlichen Teufel mutierte, nun in einen Roboter verwandelt, der ein selbstverliebtes Selfie schießt. Welch eine Transformation – dachte ich, nicht wenig schockiert. Ist unsere Zeit tatsächlich des Glaubens, dass wir die Naturkäfte durch Maschinenwesen ersetzen können? Und die Gegenseitigkeit durch Selbstbespiegelung? Und in der Mitte der Mensch.

Leider konnte ich den Namen des genialen Künstlers nicht sicher einziffern (er steht rechts unten auf der Leinwand)

 

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Reise nach Neapel (5). Mensch und Abbildung

Der Mensch ist als Organismus bekanntlich Natur und damit den Naturprozessen unterworfen. Sein Leib wächst, entwickelt sich, wird von Krankheiten und Alter entstellt, stirbt. Doch etwas in ihm wehrt sich dagegen, stets sich wandelnde, vergängliche Form zu sein. Und so tritt er als steinerne, gegossene, geschnitzte, gemalte Form aus sich heraus. Das bin ich – sagt er. Schaut mich an. Er hebt sich damit aus den Naturprozessen heraus, auf dass er unsterblich werde. Jedenfalls versucht er es.
Völker und Kulturen sind diesem menschlichen Bedürfnis, sich selbst als Objekt anzuschauen und dadurch eine Art Unsterblichkeit zu erlangen, sehr verschieden begegnet. Der eine Pol ist das völlige Verbot der Menschendarstellung – so im Islam. Im römischen Kaiserreich treffen wir auf den entgegengesetzten Pol: Die Selbstdarstellung wird ins Extrem getrieben. Vom Imperator bis zum einfachen Bürger und zur braven Bürgerin wünscht jeder und jede sich, sein bzw ihr Konterfei zu sehen und an die Nachwelt zu überliefern.

Häufig folgt das persönliche Portrait einem vorgeprägten Standard. So lassen sich römische Bürger in herrschaftlicher oder antikisierender Pose abbilden und nehmen Frauen aus dem Volk die Haltung gelehrter Vorbilder ein (hier: Sappho – Bäckersfrau, unbekannte Lady) … Die Grenzen zwischen dem göttlichen Ideal und der unverwechselbaren sterblichen Person verwischen sich.

Diese Standards halten sich übrigens manchmal über die Jahrtausende, wie der Vergleich zwischen einer im 2. vorchristlichen Jahrhundert geschaffenen Skulptur und einer gestern entstandenen Portraitzeichnung (Poppy zeichnet Konstantina) zeigt: der gleiche überlange Hals, die leichte Neigung des Kopfes,  die das Gesicht umgebende Hülle, der Gesichtsausdruck.  An den Haaren herbeigezogen? Nein. Unbewusster Vermittler ist hier die griechische Ikonenmalerei.

Doch seit dem Schock der Moderne und der großen Kriege sind die Kunst-Standards ins Wanken geraten. Zu sehr hat sich das Selbstgefühl des Menschen in der Welt verändert. Nicht mehr hat er das Selbstbewusstsein: Hier stehe ICH bis in alle Ewigkeit. Nein, er fühlt sich verletzlich, austauschbar, vergänglich. Aus Marmor wird Gips, aus Bronze verbranntes Holz. –  Im Archäologischen Museum von Neapel standen zwischen den römischen Skulpturen aus Marmor und Bronze plötzlich ganz andere aus hinfälligem Material: Holz, oft zu Kohle verbrannt, Gips, Fell. Diese stammen von einem zeitgenössischen Künstler: Aron Demetz aus Italien. Kongenial stellt er den selbstbewussten zukunftsfreudigen Skulpturen der römischen Epoche, die sogar einen Vulkanausbruch  überstanden, sein modernes brüchiges Werk an die Seite.

Der Mensch erscheint nicht mehr als das übergroße Ego, das sich in Marmor und Bronze verewigen möchte, sondern als flüchtige Form, schmerzhaft gehäutet, brüchig, verkohlt. Diese seine Form ist nur eine Sekunde von der völligen Auslöschung entfernt. Das Material, aus dem sie gemacht ist, kann ungehindert wieder zurückfließen in den Kreislauf alles Organischen. Und dennoch strahlen seine „Menschen“ eine große Würde aus, die geistig-seelischer Art ist und jede Einzelform überdauern wird.

Hier eine Zusammenstellung antiker Skulpturen und solcher von Aron Demetz, ab und an zusammen mit jetzt lebenden Besuchern der Ausstellung im Archäologischen Museum von Neapel.  Ich denke, du wirst kein Problem damit haben, die Skulpturen zuzuordnen? (zum Vergrößern anklicken).

der „kniende Barbar“ von damals hat mehr Kraft und Eigensinn als der heutige moderne Mensch.

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Reise nach Herculaneum: verschachtelte Stadt, blühende Wände

Zu Anfang des 18. Jahrhunderts stieß man zufällig auf die verschüttete Stadt Herculaneum (heute Ercolani), benannt nach ihrem mythischen Gründer, dem griechischen Heros Herakles. (Ja, ja, auch dies ist eine griechische Stadtgründung!) Fieberhaft begannen Franzosen, Briten und andere Antikenbegeisterte mit Raubgrabungen, um wertvolle Artefakte für ihre Sammlungen zu sichern. Die Nachfrage war enorm, doch konnte sie kaum gedeckt werden – zu schwierig gestaltete sich das Abtragen der bis zu 18 m dicken Schuttschichten, unter denen der Vesuv die Stadt begraben hatte. Völlig freigelegt wurde ein Areal erst im 20. Jahrhundert. Bei Interesse findest du viel Wissenswertes zur Geschichte der Stadt und der Ausgrabungen, zum Verlauf der Katastrophe und zum Erhaltungszustand der Gebäude bei Wikipedia.

Hier ein paar Fotos von der Anlage: das ausgegrabene Areal, dann ein noch nicht ausgegrabenes freies Feld bis zum Meer, das mich ganz besonders anzog. Endlich Natur! Klassisch die Bepflanzung der Außenzone. Straßen der ausgegrabenen Stadt, dahinter ragen Häuser der jetzigen Stadt Ercolani auf, unter denen sicher noch viele verschüttete Teile der antiken Stadt liegen. Aber man kommt mit der Enteignung nicht voran. Eindrucksvoll eine mächtige Stützmauer, durch die die bis zu 18 m dicken Erdschichten gehalten werden, die über der Stadt lagen. Am Fuße der Mauer  ein Fluss oder breiter Entwässerungsgraben (?),  der Wasser führt und wunderbar lebendig ist.

Als ich durch die engen Gassen der ehemaligen Stadt wanderte – immer mit meinem Thema „Verhältnis von Natur und Technik“ beschäftigt – , dachte ich an all die wundersamen Wandgemälde, die einst das Innere dieser Räumchen schmückten und die ich tags zuvor im archäologischen Museum von Neapel betrachtet hatte. Und ich fragte mich, ob die damaligen Bewohner so viele   mythische Szenen aus fernen griechischen Zeiten, so viele Vögel und Pflanzen und sprudelnde Wasser  an die Wände ihrer kleinen, ineinander verschachtelten Häuser malten, weil sie die lebendige Natur aus ihrer Stadt schon verbannt hatten. Hatten sie Sehnsucht nach der alten Einheit mit der Natur, die sie nicht mehr lebten – ganz ähnlich den Romantikern des 19. Jahrhunderts, die sich ins fromme Mittelalter und ins fröhliche Schäferidyll Arkadiens  zurückträumten, in der Annahme, dass das Band zwischen Mensch, Natur und Gottheit damals noch nicht zerrissen war? So dachte ich und so erklärte ich mir die romantisch anmutende Bilderwelt, die sie an die Wände zauberten. Vielleicht irre ich mich, und die Natur war damals tatsächlich noch stark mit dem städtischen Leben verbunden. Was die religiöse Inbrunst anbetrifft – nun, die war erschöpft und wartete darauf, vom Christentum neu belebt zu werden. Es war im Jahr 79 nach Christus, als der Vesuv, der 500 Jahre lang ruhig gewesen war – so sehr, dass die Bewohner vergessen hatten, dass er ein Vulkan war – die blühenden Städte verbrannte.

(Die Fotos habe ich im Archäologischen Museum von Neapel gemacht, das Abgebildete stammt teilweise aus Pompeji).

 

 

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Gemeinsam Zeichnen (4)

Ich freue mich, dass wir das wechselseitige Portraitieren heute wieder aufnehmen konnten. Wieder waren wir zu viert: Magda, Poppy, ich, doch fehlte Nena, dafür kam Konstantina. Diese ist im Zeichnen ganz unbewandert und war nach zwei Anläufen erschöpft. Magda kam direkt von der Arbeit und war müde. Poppy, die erste Zeichenerfahrungen nur mit starren Ikonen hatte, begann sich zu lockern und war mit wachsendem Selbstbewusstsein dabei. Auch mir ging das Zeichnen trotz Müdigkeit gut von der Hand. Viel Spaß beim Gucken! 🙂

Tut mir leid, dass die Fotos nicht besser sind. Anklicken hilft.

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Reise nach Salerno (1): Neues Leben

In Salerno, südlich von Neapel gelegen, 130 000 Einwohner, stehen umbauter Raum und Grün in recht harmonischem Verhältnis zueinander. Im Mittelalter war die Stadt berühmt für ihre medizinische Fakultät und ihre wasserreichen Gärten, in denen eine Vielzahl von Heilkräutern gezogen wurden. An diese Vergangenheit knüpft sie selbstbewusst an: „Es kommt nicht drauf an, das Vergangene zu bewahren, sondern deine Hoffnungen zu realisieren. Adorno“ verkündet eine riesige Inschrift in der Nähe des Domplatzes.

Wir nehmen Quartier in einer renovierten Mansarde über der Stadt, zu erreichen über schier endlose Treppen …

… davon allein 60 steile Stufen im Haus selbst. Uff! Doch die Aussicht durch die großen Klappfenster wird mich in den nächsten Tagen reichlich für die Mühe belohnen.

Gleich neben unserem Quartier befindet sich eine kleine Oase: die „Gärten der Minerva“ – sorgfältig  gestaltete Terrassen-Beete mit den Pflanzen und Pflänzchen der Region, durchplätschert von Wasser aus schönen Brunnen, überschattet von großen Bäumen.

Hier finde ich erstmals Zeit, Ruhe und Kühle, um ein wenig zu zeichnen.

Eine andere Oase ist der schön gestaltete Park bei der Oper in der Nähe des Hafens. Zauberhaft der alte, wohlgepflegte Baumbestand und die Durchblicke auf Skulpturen und das Opernhaus…

… doch am meisten bezaubert mich eine Skulptur aus einem abgestorbenen, noch im Boden verwurzelten Baumstamm, die den schönen Titel „Neues Leben“ trägt. (Alle Fotos lasen sich durch Anklicken vergrößert anschauen)

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Reise nach Neapel (3): Paestum. Raum- und Zeitgefühl

Campania heißt die Region im südwestlichen Italien, dessen Verwaltungszentrum Neapel ist. Sie gehört zur „Magna Grecia“. Das Gebiet wurde seit dem 8. vorchristlichen Jahrhundert von Griechen kolonialisiert. Neapel (Napoli) selbst ist eine griechische Gründung, wie der Name verrät: Neapolis heißt „neue Stadt“.

Hier wie auch im übrigen Magna Grecia triffst du auf Spuren der Städte-gründenden Griechen, der Normannen, der Mauren, der Schwaben, der Spanier, der Franzosen  und anderer Neusiedler, legaler Herrscher und Okkupanten.  Mit beachtlicher Leichtigkeit und Eleganz inkorporierte die Bevölkerung all diese fremden Einflüsse und formte daraus ein Neues, Unverwechselbares, ganz und gar Eigenes.

Paestum ist noch heute als griechische Gründung zu erkennen. Ein MUSS für die Bildungsreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts war der Besuch der mächtigen Tempel, die den griechischen Göttinnen und Göttern Hera, Athene, Zeus oder vielleicht auch Poseidon gewidmet waren und die seit dem  6.-5. vorchristlichen Jahrhundert aufrecht im nun verlassenen und zunehmend verödenden Gelände der einstmals bedeutenden Stadt standen.

 

Anders als im wasserreichen Tempeltal von Agrigent auf Sizilien wachsen hier nur wenige große Bäume, blühende Oleander und Kräuter. So ergibt sich ein gradezu „klassisches“ Raumgefühl – das freilich – historisch betrachtet – ebenso täuschend ist wie die rote Farbschwingung an Pompejis Wänden. Denn ganz anders als es der heutige Eindruck vermittelt, lebten die Griechen in ihrer einstmals großen Stadt. Menschengewimmel, Kaufleute, Handwerker, Pferdegetrappel und Hundegebell,  Geschäftigkeit, Farbenpracht – so seid ihr hin?

Heute herrschen klassische Ruhe, Hitze, Kräuterduft, und du suchst den Schatten der wenigen Bäume, schreitest wohl auch die Säulenreihen der schweigenden Tempel ab, deren Dächer und ummauerte Kammern mitsamt den Götterstatuen verschwunden sind. Vielleicht möchtest du auch die Tempel zuordnen, wissen, welcher der Hera, welcher dem Zeus bestimmt war, welche Stilrichtung  herrschte – dorisch oder ionisch vielleicht? – oder du sinnst nach über das halbe Rund, das einmal ein Theater war, in dem Tiere und Gladiatoren kämpfen mussten (das war nach der griechischen Zeit, die im 4. vorchristlichen Jahrhundert endete …)

 

Du drehst vielleicht noch eine Runde durch den Museumsbau, um die Metopen der Tempel, Skulpturen von Zeus und lieblichen Jünglingen, steinzeitliche Werkzeuge, Äxte und Göttinnen-Idole aus der Bronzezeit, Knochen in Höhlen und spätgriechische Kultvasen zu beschauen und dich informieren zu lassen, wo die Küstenlinie während des Holozens verlief und wie die Bevölkerung vor 40 000 Jahren auf die Eiszeit reagierte. Unmöglich, sich durch die Artefakte, die durchaus liebevoll präsentiert werden, dem Raum- und Lebensgefühl derer zu nähern, die einst, getrennt durch Jahrhunderte oder sogar Jahrtausende dieselbe Gegend bewohnten. Alles verschmilzt zu einem Surrounding, und in Erinnerung bleibt vor allem das Raumgefühl, das durch das Museum selbst erzeugt wird, während sich das Zeitgefühl im Nebel der Jahrtausende auflöst.

 

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Reise nach Neapel (2): Verdichtung, Ballung.

Als wir, vom Bahnhof kommend uns der Altstadt von Neapel näherten und diese durchquerten, um auf der anderen Seite Quartier zu beziehen, empfand ich stark, was es mit dem Wort Verdichtung auf sich hat. Am ausgefransten Rande mischen sich Bebauung und verwilderte Natur noch weitflächig und chaotisch, doch allmählich reduziert sich die sichtbare Natur. Häuser, Straßen, Autos – und ein paar kümmerliche Palmen, Benjamins und andere trockenbeständige Pflänzlein, die vergessen auf Bürgersteigen herumstehen wie sonst nur in schlecht geführten Büros.

Im Zentrum sind dann Natur und Technik (Menschengemachtes) fast völlig segregiert. In die Straßenschluchten sickert nur das Licht des Himmels, während der unaufhaltsame Strom der Autos über das Straßenpflaster dröhnt und verstärkt von den Hauswänden zurückgeworfen wird. Dies mein erster Eindruck von Neapel.

 

Segregiert, sage ich, seien Natur und Menschengemachtes, denn natürlich gibt es die Natur, aber sie ist aus dem vielräumigen vielgestaltigen Gehäuse der Stadt weitgehend ausgesperrt. Am stärksten macht sich Mutter All-Natur als Meer bemerkbar, das, wenn auch durch große eckige Betonboller am Vordringen gehindert, meinen Blick in seine Weite mitnimmt. Junge Leute haben ihren Spaß am städtischen Nicht-Strand.

 

Dann auch der Himmel, gelegentlich durch Drähte in unregelmäßige geometrische Flächen aufgeteilt, der die Straßen mit seinem Licht flutet.

 

Und schließlich die Parks, in denen sich die Fruchtbarkeit der Erde und das wachstumsfördernde Klima in riesigen Bäumen Ausdruck verleihen können. Doch das sah ich erst am dritten Tag.

 

Am zweiten Tag, auf der Fahrt nach Herkulanum – es war ein Sonntag -, sah ich dann auch, was es mit dem Ausdruck „Ballungsraum“ auf sich hat. Neapel hat ca 4 Millionen Einwohner. Um die unterzubringen, ist das ebene Umland über -zig Kilometer zersiedelt, manchmal ballen sich die Siedlungen zu Kleinstädten zusammen, dann wieder gibt es verwahrloste Leerflächen, Fabrikhallen und riesige Docks, die jeden Zugang zum Meer verstellen. Um dieses zu erreichen und die Familie am Strand auszuladen, rollen in ununterbrochenen Kolonnen Klein- und Mittelwagen gen Süden, während ebenso viele in Kiefernwälder, auf Wiesen und an Wegrändern das Sonnenlicht reflektierend abgestellt werden. Kind und Kegel, Sonnenschirme und Plastikboote, Eimerchen und Sonnenmilch – ein kurzes Badevergnügen an einem der „Lidos“, vielleicht auch ein Eis, ein Picknick, eine Pizza, und zurück geht es aus der Dichte der Strand-Leiber im endlosen Strom der Autos, zurück in die quirlige, laute, schön-hässliche steinerne Stadt.

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Nachtrag zum pompejanischen Rot

Viele schöne persönliche, tief empfundene Kommentare habt ihr dem Rot von Pompeji gewidmet. Anstatt sie einzeln zu beantworten, schreibe ich besser einen Nachtrag, der für alle sichtbar ist:

Babsi, du wunderst dich über die Haltbarkeit der Farben, und tatsächlich sind sie von einer erstaunlichen Leuchtkraft, dabei innig, einhüllend und zart. Die Antwort findest du weiter unten.  Der große Brand hat die Farben zum Leuchten gebracht!

Gann Uma, du fragst dich, ob es eine frühe spirituelle Bedeutung des Rot gab, die „sich  langsam verabschiedet hat. Ins Unreine asssoziiert“. Ich vermute, du meinst damit die erotische Assoziation, die ja auch in Pompeji direkt evoziert wird? Rotlicht-Quartier? Eros war freilich der höchste Gott, bevor er von anderen Göttern abgelöst wurde. Amor omnia vincit. Heilig ist der Geschlechtsakt, da er das Mysterium des Lebens weiterträgt.

Das schwingt auch in deinemKommentar mit, Petra: „Hier geht’s ums Ganze!“ – und eben nicht nur ums krass Geschlechtliche. „Da ist etwas Durchscheinendes, Transparenz und Spirituelles dabei, Lebendigkeit, leidenschaftliche Begeisterung, lichtvoll, mutmachend, Urvertrauen schaffend…“ Vielleicht ist es das rot schwingende Ja zum Lebendigen, das dem Weiß und Schwarz des Todes Widerpart bietet?

Meinst du dies, Ulli, wenn du das Rot an Hauswänden als erfrischend, belebend empfindest? Es heißt, es könne böse Geister vertreiben (Feng Shui). Was bedeutet das anderes, als dass dies Rot dem Leben zugewandt macht? Wer dem Leben zugewandt ist, braucht böse Geister (Depression, Neid, Gier, Missgunst) nicht zu fürchten.

Bruni, du assoziierst Terrakottarot – rötlichen Ton aus der Provence, und fragst dich, was dem leuchtenderen Rot wohl beigemischt worden sei? Vielleicht Purpur von Schnecken? Auch du, Gerhard, wüsstest gern „woraus dieses Rot gewonnen wurde“.

Ja, woraus? Ich habe ein bisschen recherchiert, denn natürlich will auch ich wissen, wie Natur und Menschenwerk zusammenwirken in der Herstellung dieser besonderen Farbe. Da ist zum einen die Natur, die uns „Terra di Siena natur“ – eine gelbliche Tonerde – zur Verfügung stellt. Sie besteht hauptsächlich aus Eisenoxiden und Silikaten. Damit sie rot wird, braucht es die menschliche Intervention: Beim Brennen  verliert Terra di Siena Wasser und es bildet sich rötlicher Hämatit.

Tanja im Norden erinnert sich an ein nachgebautes Haus aus Pompeji und fragt sich, wie gut der Farbton wohl getroffen wurde.  – Heute produziert man pompejanisches Rot synthetisch – aber ach, die besondere Farbigkeit, die durch Körnigkeit und Begleitmaterialien entsteht, kann man so natürlich kaum erzeugen. Es kommt also drauf an, ob bei dem nachgebauten Haus die alte Verfahrensweise angewendet wurde.

Hauswand in Neapel

Karin, du empfindest das „glühende Vulkanrot in all seinen Schattierungen“  durchaus nicht als bedrohlich, sondern als warm umhüllend. Wie recht du hast mit dem „glühenden Vulkanrot“!  Denn ich fand auf einer klugen website Überraschendes, das zugleich auch eure Frage, Bruni und Myriade, beantwortet, ob es denn überhaupt nur eine Farbe sei.

Ursprünglich glaubte man, dass es sich bei all den Rotschattierungen in Pompeji und Herkulanum um ein und dieselbe Farbe handele. Doch inzwischen weiß man, dass es  in den weitaus meisten Fällen kein Rot, sondern ein Gelb war!!! Erst durch die beim Vulkanausbruch erzeugte Hitze wurde das gelbe Pigment Terra di Siena natur zum roten Eisenoxyd! Der Tod bringende Lava-Brand hat den gelb-ockrigen Lehm in das leuchtende Rot des Vertrauens, der Liebe verwandelt. Mysterium der Transformation.

Mächtige Naturkräfte waren es also, die das vom Menschen Geschaffene noch einmal überformten und eine Wirkung hervorbrachten, vor der wir heute staunend und andächtig stehen. Eine Rotschwingung, in die wir, wie du, Sonia, anrätst, lange und tief atmend mit Seelenflügeln fliegen sollten…

Ganz prosaisch möchte ich nun das Rot-Kapitel mit einer weiteren Entdeckung abschließen: die mystische Wirkung des Rot ist durchaus an die Wände gebunden, an denen es sich nach dem gewaltigen Brand über zwei Jahrtausende erhalten hat. Wenn du dasselbe Rot auf andere Gegenstände überträgst, bleibt von der Wirkung nichts erhalten.

Hier mein“Beweis“: Ich habe eine pompejische Pflanzen-Säule ins Foto einer Neapel-Szene einmontiert und die Farbe mechanisch übertragen: aus zwei mach eins.

plus  macht 

Hier habe ich zwei andere Szenen kombiniert und das unterschiedlich abgeschattete Rot sowie die anderen Farben des Wandgemäldes aufs Foto des modernen Neapel übertragen. Was bleibt?

 

 

 

 

 

 

 

 

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Reise nach Neapel. Gedankensplitter und Bilder (1) Das Rot von Pompeji

Kurz vor meiner Abreise nach Neapel fand ich einen Angelpunkt, um nicht hilflos im Meer neuer Bilder und Eindrücke zu treiben. Meine Gedanken dazu habe ich hier kurz notiert: https://gerdakazakou.com/2018/07/01/natur-technik-eine-natur-gedanken-und-au-revoir/

Technik und Natur bilden überall, wo Menschen leben, ein untrennbar mit einander verwobenes Ganzes – so sagte ich mir. Dieses Ganze ist das bewegliche, veränderliche, und für verschiedene Zeiten und Orte charakteristische Lebensumfeld des Menschen.

Das Wort ΤΕΧΝΗ (Techni) bedeutet im Griechischen Handwerk. Wenn ich von Technik spreche, so meine ich es in diesem Sinne des Eingreifens und Umgestaltens der natürlichen Gegebenheiten durch den Menschen.

Wie würde sich mir das besondere Verhältnis von Natur und Technik wohl in Neapel darstellen? Das war mein Leitgedanke bei Antritt der Reise, und an ihm  will ich mich auch in meinen Erinnerungen entlanghangeln.

Heute beginne ich mit etwas Einfachem, denn ich bin erst heute von der Reise zurück und dem Komplexeren noch nicht gewachsen.

Das Rot von Pompeji und Herkulanum (eigene Fotografien. Es ist übrigens eben das Rot der Blüte, mit dem ich den Juli begrüßt hatte.)

In gesteigerter Form findet es sich in sehr vielen Wandgemälden der beiden im Jahre 79 n.Chr. vom Vesuv verschütteten antiken Städte. Was war das für ein Rot? Welches Gefühl vermittelte es wohl denen, die in diesen Räumen lebten? Warum bevorzugten sie es? Und was löst es bei dir aus?

 

 

 

 

 

 

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