Impulswerkstatt: Blicke aus dem Eulenfenster

Sehr viel Lebensqualität hängt vom Blick ab, den du von drinnen nach draußen tun kannst. Auf Myriades Foto blickt man von einer tiefen Dunkelheit in eine gemäßigte Helligkeit, denn viel Licht lassen die eng gepackten Hinterhofhausdächer und der graue Himmel auch draußen nicht zu, und das wenige wird durch eine feine Spitzengardine zusätzlich gebrochen.

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2021/02/01/impulswerkstatt-einladung-fuer-februar-2020/

Wie anders ist der Blick durch meine Eulenfenster! Zwar sind sie auch recht klein, aber es sind sieben, keine Wand ist ohne Fenster. Hinzu kommt eine Eulen-Glastür, die in den Garten führt. Und wenngleich der große Raum immer ein wenig im Dämmer liegt, kann sich keine tiefe Dunkelheit einnisten.

Alles, was ich von drinnen nach draußen wahrnehme, wird von diesen Eulenfenstern gerahmt. Wie auf diesen vier Ausblicken.

Die Eule ist in unseren beiden Haushalten – in Athen und in der Mani – allgegenwärtig, und es ist wahrhaftig kein Zufall, dass die Fenster- und Türvergitterungen dieses Motiv aufweisen.

Warum das so ist – davon werde ich ein wenig in meinem Eintrag „E wie Eule“ im Kontext der „Zimmerreisen“ erzählen, zu denen Heide von „Puzzleblume“ einlädt.

Hier nur so viel:

Als dies Steinhaus in der Mani entstand, faszinierten mich die leeren Fensteröffnungen. Sie boten einen herrlichen Ausblick ins weite Fruchtland, hinunter bis zum Meer, hinauf ins Gebirge. Ungern ließ ich es zu, sie durch Fensterrahmen zu verengen und durch Glas zu verschließen –  aber das musste ja sein. Jalousien, wie hier üblich, wollte ich aber nicht. Ganz ohne Schutz gegen Einbrüche ginge es aber auch nicht. Und so beschlossen wir, die Fenster zu vergittern.

Normale Gitter geben einem Haus das Flair eines Gefängnisses. Ich wollte Gebogenes haben, das sowohl ein Gefühl von Sicherheit als auch von Offenheit vermittelt. Gebogen = geborgen, dachte ich. Und wie ich so saß und überlegte, kam mir die Idee: Mach doch ein Eulengitter! Ich skizzierte den Einfall und  brauchte nun nichts weiter zu tun, als einen Schlosser zu finden, der die Skizze in Eisen umsetzen würde. Wunderbarerweise fand sich ein solcher: Er passte die Form der Eule an die wechselnde Größe der Fenster höchst geschickt an, fügte noch Zierrate hinzu – und seither schauen wir durch diese angenehmen Öffnungen, die, wenn man es nicht besser weiß, auch Herzen sein könnten.

Die Türvergitterungen aber traute sich dieser geschickte Schlosser nicht zu, und so empfahl er uns einen Kollegen, der es tatsächlich schaffte, das Eulenmotiv – nun schon leicht ins Klassisch-Griechische verändert – auch für die Türen anzupassen.

 

 

 

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Am Hafen (perspektivische Zeichnung)

Gestern, nach der Lektion über die Perspektive, hatte ich Lust, mich noch mal an der Realität abzuarbeiten. Am Hafen fand ich einen Poller, um mich drauf zu setzen, zückte meinen Winzlingsblock und einen blauen Kugelschreiber, um die Straßenszene perspektivisch richtig nachzuzeichnen.

Ein wenig wacklig wurde die Zeichnung – aber man bedenke, hier ist Erdbebengebiet, die Stadt wurde vor 35 Jahren fast dem Erdboden gleichgemacht. Da dürfen dann auch die heutigen Mauern noch nachbeben. Was mir besonders auffiel, war, dass der gepflasterte Teil des Platzes rechts – daneben beginnt das Hafenbecken – schnurgrade auf eine sehr hohe Palme zuläuft, die wie ein Ausrufungszeichen die Senkrechte anzeigt. Das Gebirge dahinter war gestern recht dunkel und nahegerückt, so dass sich ein dramatischer Kontrast mit den helleren Häusern ergab.

Leichter und und frühlingshafter ist diese Farbversion:

 

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23.2.2021 Will.i und das perspektivische Zeichnen (kleine Beobachtungen)

Seit ich mit Will.i das erste Mal über das räumliche Sehen gesprochen habe, ist fast ein Monat vergangen – hier.

Damals schrieb mir Jules van der Ley im Kommentar: In NRW ist Perspektive im Kunstunterricht der 9. Klasse vorgesehen. Versuchsweise haben wir das Thema in der 7. versucht zu unterrichten, mit wenig Erfolg. Vor der 9. ist die Konstanzleistung des Gehirns zu dominant. Ein Teller wird immer als rund gesehen, obwohl er perspektivisch eine Ellipse ist. Die perspektivische Darstellung erfordert, von der Wahrnehmung zu abstrahieren und zu erkennen, dass unsere räumliche Wahrnehmung eigentlich eine Falschnehmung ist.

Will.i war damals erst 28 Tage alt und wohl noch zu klein, aber inzwischen ist er ja schon 54 Tage oder umgerechnet in seinem 15. Lebensjahr.  Ja, ja,  die Zeit verfliegt!

Als ich ihn gestern einen Teller zeichnen ließ, wurde es durchaus kein Kreis, sondern glich eher einer Ellipse, und so fragte ich ihn, was er inzwischen über das perspektivische Sehen wüsste.  Viel war es nicht. „Teller sehen manchmal aus wie fliegende Untertassen“. Ach so, ja, hat er wohl irgendwo gesehen. „Aber kannst du ein Haus perspektivisch richtig zeichnen? Weißt du, wie man das macht? Schau mal dies Haus hier. Du erinnerst dich? Wo habe ich gesessen, als ich es zeichnete?“

„Na, am Strand, was weiß ich!“ – „Schau mal genau hin: Kannst du an der Zeichnung erkennen, wo ich gesessen habe?“ Bereitwillig betrachtet Will.i die Skizze. „Rechts und unterhalb vom Haus, denn du siehst einen Teil der Hausseiten, viel von der unteren Mauer und wenig vom Dach. Und das Geländer verläuft ein bisschen schräg.“ – „Richtig, Will.i! Und wie müsste ich das Haus zeichnen, wenn ich es, sagen wir mal, von links aus gesehen hätte?“ – „Hm, dann würdest du eben die linke Hauswand sehen, soweit sie nicht vom Baum verdeckt wird.“ – „Und das übrige Haus? Wie würde ich das sehen?“ – „Kommt drauf an“, ist Will.is ziemlich desinteressiert klingende Antwort. Aber als ich das Haus nun noch mal skizziere, fängt er an, sich für das Thema zu erwärmen.

und zeichnet zu jeder Position rechts – von links unten – von vorn – von rechts oben die vermuteten Veränderungen am Haus ein, bis man schließlich nichts mehr erkennen kann. Also nehmen wir jetzt das Foto vom 28.1. und ich erkläre, so gut ich es kann, wie man eine perspektivische Zeichnung macht: „Also,“ sage ich, „wir standen hier rechts, gut, das bist du. Deine Augen sind auf der Höhe der gelben Linie, ok? Gut.  Nun lässt du deinen Sehstrahl über die Seiten des Hauses gleiten und merkst was?“ – „He, ja! Alle Schrägen, die du hier rot reingezeichnet hast, laufen in meinem Auge zusammen!“. – „Klar, wo denn sonst?“ frage ich.  – „Aber…“

„Ja, ich weiß, da sind auch noch die grünen Linien, aber lass mal für den Moment. Probieren wir es noch mal an einem anderen Bild, ja? Wo stehst du da?“

„Die kenn ich, das ist die Fußgängerbrücke über den Nedousa. Wo ich stehe? Na, hier irgendwo, außerhalb des Bildes. Aber nun laufen die roten Linien ja nicht in meinem Auge zusammen?“ – „Stimmt. Sie laufen auf einem Punkt der gelben Linie zusammen. Die gelbe Linie zeigt deine Höhe an, also wie groß du bist oder wenn du auf einer Leiter stündest … aber du steht ja auf keiner Leiter. Wo die roten Linien auf die gelbe treffen, ist der sogenannte Fluchtpunkt. Von deinen Augen zu diesem Punkt verläuft als gerade Linie dein Sehstrahl. Verstehst du?“ -„Also nicht wirklich. Wieso laufen die roten Linien einmal von mir aus gesehen auseinander, das andere mal aber zusammen?“

Seufz. Gute Fragen hat das Kind, das muss ich schon sagen. Und ich dachte, ich hätte verstanden, wie es sich mit dem perspektivischen Zeichnen verhält.  Aber anscheinend habe ich keine Ahnung. „Vielleicht probieren wir es mal mit einer Konstruktionszeichnung, um es besser zu verstehen? Also: Sagen wir mal, du schaust von einem sehr hohen Gebäude in eine Straßenschlucht. Deine Augen sind auf der Höhe der Horizontlinie, die ich hier mal sachte auf 2/3 Höhe einzeichne. Auf dieser Linie treffen sich alle Fluchtlinien – also die Schrägen – der parallel zueinander stehenden Häuserfronten….

Links haben wir noch ein Sträßchen mit einem anderen Gebäude. Die Fluchtlinien treffen sich wieder auf der Horizontlinie, aber an einer anderen Stelle, nämlich in dem Graffiti-Bild an der Hauswand, die uns anschaut.“

Uff! Stimmt das nun? Will.i schaut hin und her, probiert es auch mit eigenen Zeichnungen. Aber weder er noch ich sind uns sicher, ob wir das Prinzip richtig verstanden haben. Da werden wir wohl noch ein bisschen mehr nachdenken müssen.

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22.2.2021 Montags ist Fototermin – auch für Will.i (und für Pflanzwas)

„Heute ist Fototermin, Will.i. Willst du vielleicht auch einen Beitrag leisten?“

Ich hatte Will.i erzählt, dass Almuth von Pflanzwas seine Experimente mit den Blütenblättern interessant findet und sich womöglich freuen würde, wenn sie noch mehr Fotos sehen könnte, und so suchte er bereitwillig die Fotos zusammen. Will.i ist ein Systematiker, und so gibt es von jeder der zerrupften Blüten ein eigenes Beweis-Foto, dazu auch noch je ein Foto, wenn eine neue Glasplatte auf die darunterliegende platziert wurde.  Ich hatte gestern nur das Endergebnis veröffentlicht, und Will.i war nicht zufrieden. „Das ist unprofessionell“, rügte er mich. „Wissenschaftler müssen jeden Schritt dokumentieren.“

Wie also entfaltete sich Will.is Zähl-Experiment?

a) drei kleine Margariten, davon eine auf dem schwarzen Metalltischchen und zwei auf Glasscherben.

b) auf die erste Blüte wurden die drei anderen, die Will.i auf Glasscherben arrangiert hatte, gestapelt.

und so entstand das vielschichtige Kunstwerk aus Blütenblättern, Blumenrümpfen, Glasscherben, das ich euch gestern zeigte.

Zu meiner Überraschung und Freude brachte Will.i dann noch ein anderes Foto an: „Sieh mal, ich glaube, dieses Kraut macht auch eine Spirale, so wie der Herr Fibonacci sie beschreibt. Ich hab es aber nicht zerrupft, um nachzuzählen. Weil ich weiß, dass du das nicht so gern siehst.“ Lieber Will.i! Ich hätte ihn umarmen mögen!

 

 

 

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Montag ist Fototermin. Mein Garten heute: Weitblick und Nahblick

Aus der Weite schweift der Blick ins Nahe:

Aus der Nähe wandert der Blick wieder ins Weite

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21.2.2021 Will.i und die Statistik der Blütenbätter

„Die Blumen können gar nicht rechnen“, empfängt mich heute der Will.i, vor sich einen Aufbau aus Glasscherben und Blütenbätttern. Auf dem Tischchen steht noch das Väschen mit den am Nachmittag gepflückten Blumen, aber die kleinen Margariten fehlen nun. Die liegen fein säuberlich obduziert und sortiert zwischen den Glasscheiben.

Ich muss den Anblick erstmal verdauen, bevor ich mich dem Inhalt seiner Rede zuwenden kann. „Was heißt, die Blumen können nicht rechnen? Was hast du herausgefunden?“ – „Ich hab die Blütenblätter nachgezählt. Mal waren es 15, mal 16, aber nie 13 oder 21, wie der Herr Fibonacci es fordert. Sie halten sich nicht an die Regel!“ – „Ach so? Schade, mir gefiel der Gedanke“, sage ich. „Im übrigen ist  es nicht wirklich wichtig. Du solltest dich nicht so sehr um die Zahlen kümmern, sondern auch mal das Ganze betrachten. Schau dir mal die Blüten an, bevor du sie auseinander nimmst! Ist doch egal, ob die eine 15 oder 21, die andere 55, die dritte acht und die vierte sechs Blütenblätter hat. Schön und perfekt sind sie alle. “

Aber meine Rede stößt auf taube Ohren. Irgendwie verstehe ich Will.i ja auch. Zahlen sind für ihn das A und das O. Schließlich verkörpert er selbst eine Zahl. 2021, und nun gar der heutige Tag! 21.2.2021! Das ist schon eine verdammt merkwürdige Zahlenreihe. 2.1.2.2.0.2.1. Quersumme 10. Davon die Quersumme: 1.

Liegt es nun an diesem Datum, liegt es an seiner Faszination durch die Zahlen – jedenfalls entwickelt sich das Gespräch in eine Richtung, die ich nicht vorausgesehen hatte. Will.i hat den statistischen Beweis entdeckt!

„Ich habe vier Blüten auseinandergenommen und ausgezählt“, sagt er. „Das sind 100 % aller Margariten, die wir heute gepflückt haben.  Zwei hatten 15 und zwei 16 Blütenblätter. Keine hatte 13 oder 21 Blütenblätter. Daraus folgt, dass die Hypothese, dass die Margariten-Blätter der Fibunacci-Serie gehorchen, falsch ist.  Richtig ist, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sie 15 oder 16 Blütenblätter haben, 100 % beträgt.“

Ich bin baff. „Aber“, sage ich, „vier ist eine sehr kleine Basis für eine so großartige Aussage. Schließlich gibt es Millionen Margariten, und womöglich sind diese hier eine Ausnahme und alle anderen folgen sehr wohl der Fibunacci-Reihe“. – „Das ist pure Spekulation, meine Liebe“, meint Will.i gönnerhaft, schon fast wie ein echter Wissenschaftler. „Was zählt, ist der Beweis. Ich habe gezählt. Hast du auch gezählt?“ – „Nein“, sage ich leicht beschämt. „Weißt du, ich mag die Blüten nicht so zerfleddern, es kommt mir vor wie Anatomie. Du nimmst sie auseinander und zählst sie, aber du zerstörst dabei das Gesamtbild. Die Blütenblätter bilden ja einen Kreis, beim Löwenzahn liegen sie in einer fein geschichteten Spirale übereinander, bei der Margarite bilden sie einen lichten Kranz um das Zentrum, in dem goldgelb die eigentlichen Blüten liegen. Die rote Anemone hat diesen schmückenden weißen inneren Kranz und die schwarze Zone mit den Staubgefäßen, schau nur, wie fein sie geordnet sind. Und diese kleine weiße Blüte, deren Namen ich nicht weiß, ist ein Kelch aus drei großen und drei kleineren Blättern, sicher, es sind sechs Blütenblätter, es sind zwei ineinander geschobene Dreiecke, und das gefällt mir schon auch, aber darüberhinaus ist es einfach eine perfekte Form.  Ich mag es, sie so zu betrachten, wie sie sind, ohne groß zu zählen.“ – „Ich weiß, dass du das magst“, sagt Will.i. „Ich aber will zählen. Die Statistik ist das A und das O. Nur so gibt es wissenschaftlichen Fortschritt.“

O wei, Will.i. Ja, aus dir spricht der Geist der Zeit. Habe ich anderes erwartet? Unsere Zeit ist eine Zeit der Zahlen. Täglich lese ich Zahlen und noch mehr Zahlen, die alle beanspruchen, irgendetwas zu beweisen.

Von einem lebendigen Ganzen zu sprechen, ist ein Verstoß gegen den „wissenschaftlichen Geist“, der unsere Welt beherrscht. Und du, mein Will.i, verkörperst ein Stück davon. Ich will dir keinen Vorwurf daraus machen. Aber irgendwie möchte ich doch, dass auch du verstehst, was ich meine, wenn ich von der unzerstörbaren lebendigen Gestalt spreche.

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.\

J.W. Goethe, Urworte – Orphisch. 1. Stanze, „Daimon“.

 

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Agave: sich entwickelnde Binnenform (kleine Beobachtungen)

Die Agave ist eine mich faszinierende Pflanze.

So schrieb ich am 23.11.2017 nach einem Ausflug auf den Lykabettos von Athen: „Die Blütenstände der Athanatoi („Unsterbliche“, wie die Agaven auf Griechisch genannt werden) stehen, um diese Jahreszeit vertrocknet, gegen den blauen attischen Himmel. Um solch einen Blütenstand hervorzutreiben, muss die Mutterpflanze sterben, doch schon haben sich eine Menge neuer Pflanzenkinder über Rhizome  entwickelt – ergo ist die Pflanze unsterblich.“

Auch gezeichnet habe ich die Agave schon, so am 26.4.2020, und ich schrieb:  „Ich liebe ihre lebendige Skulptur, dies sich Entfalten, Winden, Breiten, Stechen, Schützen, dicke saftig-stabile Blätter oben zugespitzt, mit zarter hellgelber Randfärbung, stachelbewehrt. Besonders gern betrachte ich die sich entwickelne lanzettartige Binnenform,“

Diese sich entwickelnde Innenform konnte ich nun gestern als Querschnitt betrachten. Einer großen Agave hatten die Anwohner die Blätter beschnitten, um die Strandspaziergänger vor Verletzungen an ihren gefährlich spitzen Blattenden zu bewahren. Und so wurde „das sich entwickelnde Innere“ offengelegt.

Die saftige Schnittstelle ist schon eingetrocknet und ein wenig brüchig, aber wunderbar lassen sich die noch eingewickelten Blätter erkennen, die sich in konzentrischen Kreisen um das Herzstück legen, aus dem die Pflanze ihre riesige Blüüte hervortreiben wird – um dann zu sterben.

Hier noch einmal das Foto in leichter Bearbeitung, um den architektonischen Gedanken zu unterstreichen, der, so scheint mir, auch das Labyrinth von Knossos hat inspirieren können. Das wurde durch den legendären Baumeister Daedalos gebaut, als Sicherheitsbewahrung für den Minotaurus.

Zu Daedalos, Ikaros, Minotaurus, Labyrinth, Mischwesen habe ich eine Menge Einträge gemacht. Schau zB hier:

https://gerdakazakou.com/2018/01/27/pasiphae-und-der-stier-minotaurus-juergens-peters-schnipsel/

https://gerdakazakou.com/2015/07/20/ikaros/

https://gerdakazakou.com/2016/01/19/unterwegs-zur-menschlichen-gestalt-mischwesen/

https://gerdakazakou.com/2015/12/20/griechische-kunst-am-sonntag-der-minotaur-und-der-reitende-knabe/

https://gerdakazakou.com/2018/01/27/minotaurus-theseus-und-ariadne-picasso-dali-und-gala/

 

 

 

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20.2.2021 Mit Will.i und Magda am Strand (Steinbildlegen, tägliches Zeichnen)

Nach langem  schönem Spaziergang durch eine kraftstrotzende Natur, die  gar nicht weiß, was sie zuerst hervorbringen soll – wilden Rokka, riesenhafte weißlich gemaserte Artischockenblätter,  Storchenschnabel mit kleinen rötlichen Blüten, Asphodelen wohin man schaut, wilden Spargel mit feinen essbaren Trieben, feine blaue Perlblumen mit Knöllchen, die man sammeln und in Essig einlegen kann, Löwenzahn, grüne Wiesen mit kleinen Margariten und gelbem Klee unter den alten Ölbäumen, an schattigen Hängen blaue Iris mit wunderbarer fedriger Zeichnung, leuchtend rote Anemonen, ausgewilderte orange Gladiolen und weiße elegante Calla … unter leicht bewölktem blauen Frühlingshimmel …. gelangen wir an den Strand. Ziehen die Schuhe aus, legen uns in den feinen weißen Sand und schließen die Augen, um auf das Meer zu lauschen.

„Und ich?“ fragt sogleich der Will.i. -Ich seufze.  „Mach meinetwegen ein Legebild aus Steinen.“

Fünf Minuten später. „Fertig. Hab die Magda gemacht. Schau mal!“ Schlaf- und sonnentrunken springe ich auf und traue meinen Augen nicht: Tatsächlich, Magda, wie sie leibt und lebt. Und gerahmt ist sie von den Gladiolen, die wir von einer netten Frau geschenkt bekamen, um sie in unseren Garten zu pflanzen. Ich bin entzückt.

Magda erwacht aus ihrer Meditation, erblickt ihr Konterfei und … bekreuzigt sich lachend. Dieser Will.i!

Will.i und Magda stromern am Stand herum, ich höre sie lachen. „Der schwarze Kopf, das bist du!“ – „Und du bist der gelbe – haargenau!“ – „Ach was, soo alt bin ich noch nicht!“ – „Meinetwegen, aber so jung wie ich bist du auch nicht mehr.“ – „Bald hast du mich überholt und bist steinalt, mein Lieber, also gib bloß nicht an!“ – „Selbst steinalt“ …

Ich aber mache mich daran, in meinem Miniaturblock noch einmal das alte Haus zu zeichnen, das ich vor ein paar Tagen aus einer anderen Position heraus skizziert hatte.

 

 

 

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Wilde Hyazinthe,die eine Orchidee ist (Fotos)

Ich war so glücklich, als ich ihr bei meiner heutigen Wanderung begegnete, dass ich ihr einen kleinen Extra-Eintrag widmen möchte. Es war meine erste wilde Hyazinte ever, und sie war groß und prächtig und ließ mein Herz vor Freude schlagen. Du kennst vielleicht den Mythos von dem schönen Jüngling Hyazinth, fast ein Knabe noch, dem Apoll sehr zugetan war. Einst warf Apoll seinen Diskus spielerisch sehr hoch und der Knabe rannte dorthin, wo er den Aufprall erwartete. Der Diskus kam auch richtig an, doch sprang er noch mal hoch und tötete den Hyazinth. Apoll war sehr betrübt. Wo das Blut des Knaben den Boden berührte, sprang eine Blume mit violetten Blüten auf, Hyazinthe genannt.So erzählt es Ovid in seinen Metamorphosen.

Und noch ein wenig Lyrik:

Theodor Storm

Hyazinthen

Fern hallt Musik; doch hier ist stille Nacht,
Mit Schlummerduft anhauchen mich die Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

Es hört nicht auf, es rast ohn Unterlaß;
Die Kerzen brennen und die Geigen schreien,
Es teilen und es schließen sich die Reihen,
Und alle glühen; aber du bist blaß.

Und du mußt tanzen; fremde Arme schmiegen
Sich an dein Herz; o leide nicht Gewalt!
Ich seh dein weißes Kleid vorüberfliegen
Und deine leichte, zärtliche Gestalt. – –

Und süßer strömend quillt der Duft der Nacht
Und träumerischer aus dem Kelch der Pflanzen.
Ich habe immer, immer dein gedacht;
Ich möchte schlafen, aber du mußt tanzen.

ps. 20.2. vormittags: Johanna hat im Kommentarstrang darauf hingewiesen, dass meine „Hyazinthe“ wohl doch keine ist, sondern dass es sich um eine Orchidee handelt. Sie hat sogar ihre südafrikanische Freundin gefragt, ie es bestätigte. Danke, Johanna. Eine Orchidee dieses Ausmaßes ist für mich ebenfalls ein Wunder. Ich eile gleich mal hin und schaue nach, ob sie noch an ihrem Platz ist.

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19.2.2021 – Will.i und Fibonacci (kleine Beobachtungen)

Will.i liebt das Zählen – ich habe es schon erwähnt. Seit er das Sechseck der Schneekristalle entdeckte, dazu auch die sechsblättrige Asphodelenblüte, ist sein Zählen etwas weniger mechanisch geworden. Er fragt nach Zusammenhängen. Besteht einer? Und wenn ja, welcher? Als modernes Kind ist das Internet seine Hauptinformationsquelle, ich spiele nur noch am Rande eine Rolle. Dann nämlich, wenn ihm von dem, was er gelesen hat, Fragen übrig bleiben. Ja, meint er denn, ich sei wissender als das WWW?

Heute hat er gelesen, dass Blumen rechnen können. Die Zahl ihrer Blätter würden einer bestimmten Zahlenreihe gehorchen: 0,1,1,2,3,5,8,13,21,34,55 und die habe ein Herr Fibunacci erfunden. „Wie denn“, fragt er mich also, „haben die Blumen studiert? Kennen sie den Herrn Fibunacci?“ – Ich muss sagen: die Frage ist genial. Kennen die Blumen den Herrn Fibunacci? Oder war es nicht umgekehrt Herr Fibunacci, der die Blumen studiert hat, und es sind durchaus nicht die Blumen, die rechnen können, sondern der Herr Fibunacci?

Wie dem auch sei: Als erstes besahen wir uns die Fotos, die ich in den letzten Tagen aufgenommen habe, um die Sache mit den rechnenden Blumen zu überprüfen. Da fanden wir bei der Mandelblüte fünf, bei der Anemone acht Blütenbätter, fein, das passte.  Aber die sechs der Narzisse? Nicht nur die Asphodele, auch andere Frühblüter lieben ja diese Zahl. Ich fand sie als Narzisse im Blumenstrauß der Tankstelle ebenso wie, sehr kleinwüchsig und blau, auf den Felsen am Strand. Die Sechs aber kommt bei Fibunacci nicht vor.

Das fällt natürlich auch dem Will.i sofort auf, denn er hat die Reihe 0,1,1,2,3,5,8,13,21,34,55 gleich eingespeichert und auch die Regel begriffen: Man muss eine Zahl immer mit der vorangegangenen addieren, um daraus die folgende zu erreichnen. Null gibt es in der Natur nicht, man beginnt also mit 1 und rechnet 1, 1+1=2, 2+1 = 3, 3 +2 = 5, 5 + 3 = 8, 8 + 5 = 13, 13 + 8 = 21, 21 + 13 = 34, 34 + 21 = 55, 55 + 34 = 89, 89 + 55 = 144 usw.  Keine sechs!

Vielleicht ist etwas anderes gemeint? rätsele ich. Mir gefällt ja die Vorstellung, dass die Blütenblätterzahl ebenso wie viele andere Phänomene der Natur diesem so eleganten Wachstumsgesetz folgt, und ich möchte den Gedanken gerne aufrechterhalten: Wenn ich mich auf einer gewissen Stufe der Entwicklung befinde, schaue ich zurück auf die Stufe, die ich zuvor erreicht hatte, und integriere sie, um den nächsten Schritt zu wagen. Das gibt mir eine sichere Basis fürs Voranschreiten. Bin ich auf 8, schaue ich zurück auf die 5, integriere sie und gehe voran zur 13. Perfekt. Aber wie passt da die Sechs der Asphodele, der Narzisse und so mancher anderen Frühblüherin ins Spiel?

„Vielleicht ist etwas anderes gemeint“, sage ich zu Will.i. „Komm, wir gehen in den Garten und schauen, ob wir die Lösung finden“. Da fanden wir alles Mögliche, nur nicht die Lösung. Außer all den Blüten, die sowieso andere Formen haben – Lippenblütler, Schmetterlingsbütler –  fällt mir der gelbe Klee ins Auge, während Will.i eine winzige weißliche vierblättrige Blüte entdeckte. „Ha, vier ist auch nicht in dieser Reihe!“ ruft er.

Aber etwas muss doch dran sein an dieser im Netz wiederkehrenden Behauptung, dass die Blüten rechnen können und die Blütenblätter der Fibunacci-Reihe folgen. Es gibt dort auch Hinweise auf das Gänseblümchen und das Abzählen der Blütenblätter nach dem Vers: „Er liebt mich, er liebt mich nicht“. Ja, sogar Hinweise, wie man zu dem gewünschten Ergebnis kommt („er liebt mich“).

Da schauen uns eine kleine Margarite und ein Löwenzahn freundlich an. „Komm, wir zählen mal die Blätter“, schlägt Will.i vor. Mir widerstrebt es, ehrlich gesagt, die beiden Hübschen zu zerrupfen, aber Will.is Wissensdurst und Zählwut sind nun nicht mehr zu bremsen. Also tragen wir die beiden ins Haus und zerpflücken sie.

Und was zählen wir? Na? Ich verrate es euch: 13 und 55! Und die gehören nun tatsächlich in die Fibunacci-Spirale.

Falls jemand von euch Naturkundigen etwas dazu beitragen könnte, die Zahl von  Will.is Fragezeichen zu verringern: Bitte! Weißt du etwas über die Zahl von Blütenblättern?  Hast du vielleicht auch eine Erklärung dafür, warum Blüten die Vier und die Sechs haben können, die durchaus nicht in die Reihe gehören, während Margarite und Löwenzahn sich wunderbar an die Regel halten?

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