Kunstbuch No 24: Geschichte en passant

Heute abend durchblätterte ich die letzte Ausgabe (174) des „The books‘ journal“. Das ist eine qualitativ hochstehende, trotz des englischen Titels rein griechische Wochenschrift mit einem reichen Repertoire an literarischen und historischen Themen.

Daraus machte ich ein paar Ausrisse von künstlerischen Illustrationen, beginnend mit den „Passanten“ von George Grosz. Ausgerissen habe ich ein Detail mit einer Dame und ihrem Hündchen. 1926 malte George Grosz das Bild, es ist also genau 100 Jahre alt.

Die Rückseite des Mini-Zine zeigt einen berühmten Landstreicher: Charles Chaplin, auch er mit einem Hund. Es ist das Plakat seines ersten großen Erfolgs, 1918: A Dog’s Life, zu deutsch: ein Hundeleben.

Passanten oder Landstreicher sind wir ja alle. Und es ist gut, wenn uns ein passender Hund zur Seite steht, in guten wie in schlechten Zeiten.

Der Streifzug durch die Geschichte führt mich auf der ersten Doppelseite zu einem finsteren Kapitel: Sie zeigt Ausrisse aus einem Bild von Eufrosinia Kersnovskaja (1908–1994). Es trägt den Titel : Begrüßung im Gulag.

Zwölf Jahre ihres langen Lebens verbrachte die Kersnovskaja in sibirischen Gulags. Was sie dort erlebte, hielt sie von 1964-68 in zwölf Notizbüchern mit 680 Bildern fest. Diese umfangreichen handschriftlichen Notizbücher wurden ab 1968 abgetippt und als Samizdats in Umlauf gebracht. 2001 wurden sie in einem sechsbändigen Werk vollständig in Russland herausgegeben.

Empfang im Gulag

Die nächste Szene führt mich ins 11. Jahrhundert: eine Gruppe arabischer Kriegsgefangener wird dem oströmischen Kaiser Romanos III (968-1034) vorgeführt. 1030 versuchte er, die Araber an der Ostgrenze des Reichs (Aleppo) zu stoppen, wurde aber bei Araz geschlagen. Zu seinem Glück wurde jedenfalls die arabische Flotte in der Adria vernichtet. Diese Szene wurde im 13. Jahrhundert von einem Miniaturenmaler aufgegriffen.

Nach dem Zeitsprung zurück nun noch ein Sprung in die Zukunft: Der Silver Surfer ist den Comic-Liebhabern unter euch ja vielleicht bekannt. Ich aber lernte ihn erst heute kennen und kann euch über die kriegerischen Abenteuer der Zukunft, die dann hoffentlich weit da draußen im Weltall stattfinden, so dass wir auf der Erde zur Ruhe kommen, weiter keine Auskunft geben.

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Philippe schickt einen Gruß

Endlich ein Gruß von Philippe! Aus dem Zagrosgebirge!

Wie er dort hingekommen ist, ist mir ein Rätsel. Sehr glücklich sieht er nicht aus, so eingeklemmt zwischen zwei Felswänden.

Wo liegt überhaupt dieses Zagrosgebirge? Und woher kommt mir der Name bekannt vor? Ist das nicht in Persien? Mir scheint, Xenophon erwähnt es, als er den mühsamen Heimweg der griechischen Söldner nach dem gescheiterten Feldzug des Kyros beschreibt.

Ich greife ins Bücherregal und finde sofort eine Ausgabe von Xenophons „Anabasis“ (ca 370 v.Chr.). Es ist ein billiger Nachdruck des Textes mit Einführung und Erläuterungen für die erste Klasse des Gymnasiums, 1979. Ich wusste gar nicht, dass ich es besitze. Aber nun halte ich es in der Hand.

Im 4. Kapitel werde ich fündig: Extrem steile Engpässe, die Bewohner sind feindselig, haben sich auf die Höhen zurückgezogen, rollen große Felsbrocken auf die marschierenden Truppen, die wie antike Splitterbomben zersplittern…

Armer Philippe, was tust du dort? Willst du den Zug der Myriaden etwa in entgegengesetzter Richtung noch einmal erwandern, noch eine Anabasis wie damals die griechischen Söldner, hundertausend waren es, die der persische Prinz Kyros Junior anheuerte, um seinem Bruder Antaxerxes II den Thron  ihrer Vaters Xerxes zu entreißen?

Durch welche Wüsten willst du noch wandern, Philippe?

Ich ahne es: Du hast den Kriegslärm gehört, der dort von Neuem ertönt, du hast das Leiden der Menschen gefühlt, und du eilst nun dorthin, um zu lindern und zu trösten. Möge dein Engel dich immer tragen und beschützen.

Vielleicht irre ich mich aber auch und projiziere meine eigenen Gedanken auf den kleinen Prinzen. Vielleicht will Philippe nur einfach reisen und sich die Welt beschauen. Die Erde ist ja ein sehr interessanter Ort. Was meinst du?

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Kunstbuch 23: Die Letzten … werden die Ersten sein

Sabine der Lyrifant regte an, auch die Letzten der noch vorhandenen Schnipserl meiner zerschnittenen Collage nicht einfach zu entsorgen, sondern ihnen eine Chance zu geben zu zeigen, was sie können. Und so entstand das 23. Kunstbuch.

Rechtzeitig zum Frühlingsbeginn schlagen meine ollen Schnipsel aus und treiben Blätter und Wurzeln. Manche sie werden zum Vogel oder zum Menschen mit großer Nase, die die Frühlingsdüfte einsaugt.  Frühling allüberall.

Für jede Seite nahm ich zwei Schnipsel, und so sind nun alle untergekommen.

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Kunstbuch No 22: „Schnipselehrung“

Mein Spaß am Herstellen von Mini-Zines ist ungebrochen. Das kleine Format macht es möglich, alle möglichen Ideen und Techniken auf jeweils 8 Seiten auszuprobieren, ohne durch irgendwelche Bedenken („Ist das Kunst?“) ausgebremst zu werden.

Von einer zerschnittenen Collage, die ich im Kunstbuch 17 („Chaos bändigen“) verarbeitete, waren mir ein paar Schnipsel übrig geblieben.

Das Naheliegendste ist, sie zu entsorgen.

O nein! Sind sie etwa weniger wertvoll als die, die ich schon verwendet hatte? Jeder Schnipsel ist eine Persönlichkeit, ganz vergleichbar den Menschen. Nur weil sie nicht „erwählt und gerettet“ wurden, sollen sie wertlos sein? „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden“ – so heißt es in einem Pslam – ein Satz, der zu einem der Haupt- und Schlüsselsätze der katholischen Kirche wurde. Petrus – der Stein, auf den sich die 2000jährige Institution gründete.

Genug von diesem Ausflug ins Große! Gern kehre ich zurück zum Kleinen und Fast-Weggeworfenen: meinen übriggebliebenen Schnipseln.

Ihnen beschloss ich ein Kunstbuch zu widmen.

Freilich konnte ich nur 8 gebrauchen. Ich wählte recht bescheidene Exemplare. Die übrigen müssen wiederum fürchten, im Abfall zu landen.

Vorder- und Rückseite und drei Doppelseiten: Für jede Seite verwendete ich nur einen Schnipsel, den ich mit Klebeband fixierte und rahmte. Seine Geschichte notierte ich rundum in Zeichenschrift.

 

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Kunstbuch 21: Steinabreibungen in Grau und Rot

Der Regen rauscht weiterhin auf die Erde, und ich betrachte weiterhin die Steine unseres Hauses. Ich machte auch ein weiteres Mini-Zine mit Abreibungen (Frottage). Diesmal verwendete ich außer Bleistift auch einen roten Aquarellstift und fotografierte die Seiten vor der Steinwand.

Da wirken die Abreibungen dann, als sei es die durchblutete Haut der Steine.

Sie wirken wie zum Leben erwachte, von Blut durchpulste Steinhäute, blutende Steine, Steine, die Schmerz empfinden können, weil sie lebendig sind. Und mir wird bewusst: Sie sind nicht kubisch für Hauswände gewachsen, sondern wurden aus Felsengebirgen gesprengt, zerschlagen, behauen, um sie dem Haus an- und einzupassen, und schließlich in Zement eingemauert. Die Frottage zeigt ihre Wunden.

Nun sitze ich in meinem Haus mit noch größerer Dankbarkeit: Ich fühle das Opfer der Steine. Sie verloren ihr freies wildes Leben, wurden zugehauen und um mich geschichtet, so dass ich geschützt im Warmen sitzen kann.

 

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Kunstbuch No 20: Steinabreibungen in Schiefergrau

Joachim meinte in einem Kommentar zu meinem „Zwergenvolk“ scherzhaft, er verstehe jetzt, woher ich meine Schnipsel-Figurenwelt habe: aus der Steinzeit. Da erinnerte ich mich an den Mythos, dass wir neuen Menschen nach der Deukalischen Flut (altgriechische Version der Sintflut-Erzählung) aus Steinen entstanden sind.

Darüber habe ich schon öfter nachgesonnen, und zB dies hier geschrieben:

Im griechischen Mythos steht der Stein am Anfang unseres gegenwärtigen Menschenalters: Wir leben in einem steinernen Äon, dem ein höher entwickeltes Äon vorausgegangen ist.

Der Mythos geht in Kürze so:

Prometheus brachte den Menschen, die „Träumer und stumpfen Sinns“ waren, das Feuer. Es war vermutlich nicht das reale Feuer, sondern das des Verstandes. Und damit die Beherrschung der Natur, die Technologie. Prometheus war so etwas  wie Luzifer (Lichtbringer) – ein Empörer gegen den herrschenden Gott (Zeus), den er einen Usurpator nannte. Dafür wurde er dann aufs Übelste bestraft. Aber das ist eine andere Geschichte.

Die Menschheit entwickelte sich mithilfe des Feuers der Intelligenz vorzüglich und fühlte sich bald so stark, dass sie begann, den Gott um das beste Teil des Opferstiers zu betrügen. Das Beste behielt sie für sich, und dem Gott gab sie den Abfall. Diese Schlauberger meinten, damit durchzukommen.   

Der Gott wurde zornig und beschloss, der Menschheit den Garaus zu machen. Schluss mit den Menschen! Und schickte eine große Flut, um sie zu ersäufen. Im Griechischen heißt sie die „deukalische Flut“, weil nicht Noah, sondern Prometheus‘ Sohn Deukaleon die Flut überlebte. Der „vorhersehende“ Prometheus hatte seinem Sohn verraten, was bevorstand, und ihn geheißen, eine Arche zu bauen und sie mit seiner Frau Pyrrha zu besteigen. Pyrrha war die Tochter von Prometheus’ Bruder Epimetheus und von Pandora – einer von Hephaistos geschmiedeten Kunstfrau. Ja, ja, die erste Kunstfrau gab es schon vor der Sintflut! Und auch der Bau der Arche zeugt von hoch entwickelter Technologie.

Diese beiden also überlebten die Sintflut. Sie fanden sich wieder in einer Einöde und waren grässlich allein. In einem Traum wurde ihnen befohlen, die Knochen von Mutter Erde hinter sich zu werfen. Sie diskutierten hin und her und fürchteten sich, denn sie wollten Gaia keineswegs beleidigen. Wir wären nie entstanden, hätte Deukaleon nicht irgendwann frustriert einen Stein genommen und hinter sich geworfen. Und siehe da! Aus dem Stein entstand sogleich ein Mann. Mit „Knochen von Mutter Erde“ waren Steine gemeint. Da warf auch Pyrrha einen Stein hinter sich, und es wurde eine Frau. Sie warfen und warfen Steine hinter sich:  So entstand ein steinernes Geschlecht. Steinzeitmänner und Steinzeitfrauen – wohnhaft in Steinen, Verehrer von Steinen, begraben unter Steinen. Die Steinzeit der Menschheit hatte begonnen.

Ich lebe in einem Haus, das aus Naturstein geschichtet und gemauert wurde. Ein paar dieser schönen Steine beschloss ich, in einem Mini-Zine „abzureiben“, dh die Unebenheiten mit einem weichen Bleistift durch ein Papier zu reiben („Frottage“-Methode). Sichtbar wurden feinste Strukturen – die, so will mir scheinen, eine heimliche Notenschrift darstellen. Wer sie entziffert, wird den Gesang der Steine vernehmen.

 

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Fließstrukturen (Saharasand wird weggeschwemmt)

Seit gestern Abend regnet es sanft und fast ohne Unterbrechung. Als wir unseren Vormittagsspaziergang die Straße hoch machen, trommelt der Regen auf den aufgespannten Schirm, und das Wasser strömt freudig und leise in den Rinnen des kaputten Asphalts bergab, ockerfarbenen Wüstensand mit sich führend.

Wo es keine Rinnen findet, breitet es sich aus und zeichnet dabei die Unebenheiten der Straße nach.

Jede Rinne bildet ihre eigenen Fließstrukturen aus, die sich ständig verändern und gleichförmig erneuern. Alles fließt – ja, Und es macht Spaß zuzusehen, als sähe man einem Schöpfungsakt selbst bei.

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Zeichnen nach Modell

Nach längerer Pause nahm ich heute wieder am Zeichnen in der Zeichenschule teil. Das Modell kannte ich von früheren Sitzungen. Diesmal reize es mich, dem Raum genauso viel Aufmerksamkeit zu schenken. Nach zwei Sitzungen a 30 Minuten machte ich Schluss.

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Kunstbuch No 19: Kinderzirkus mit Nino Rota

Am Abend saßen wir am Kamin und hörten Filmmusik von Nino Rota. „Wie Kinderzirkus“, meinte mein Mann, „gefällt mir sehr“. Mir gefiel beides – die Musik und die Bemerkung. Und so machte ich beim Zuhören ein Mini-Zine-Kunstbuch mit Kinderzirkus-Szenen.

Vorder- und Rückansicht:

aufgeblättert:

Mich hat das Zeichnen heiter gestimmt. Ich hoffe, dich auch. Gute Nacht, und angenehme Träume!

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Dienstagsdrabble: Moritat über Katzen und ihre Opfer

Die für das heutige Drabble von Wortman vorgegebenen Wörter lauten: Waffe, ungezogen, Katze. Daraus ist ein Text aus 100 Wörtern zu stricken. Hier mein kleiner ,kata-strophischer Text eingeleitet durch die Moritat von Mackie Messer (Bert Brecht):

 

Moritat 

„Und der Haifisch, der hat Zähne

Und die trägt er im Gesicht

Und Macheath-der-hat-ein-Messer 

Doch das Messer sieht man nicht.“

 

Manche Waffe ungezogen

Steckt noch in der Tasche drin

Manche Lüge ungelogen

Gibt der Wahrheitssuche Sinn.

 

Mancher täuscht wie eine Katze

Mit dem weichen Streichelfell

Doch versteckt in seiner Tatze

Lauert Tod, und blitzesschnell

 

Packt er, was er auserkoren

Sei’s ‘ne Grille oder Maus

Die gibt sich sogleich verloren

Und erkennt: mit mir ist’s aus.

 

So mancher hockt in seinem Loch

Und zittert um sein armes Leben

Doch wie tief er sich verkroch:

Es trifft ihn …oder den daneben.

 

 

 

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