Griechische Kunst am Sonntag: Bokoros und Tsarouchis im Benaki-Museum Athen

Am Tag, als ich die Ausstellung von Opi Zouni im Benaki-Museum in Athen ansah (hier), besuchte ich noch drei weitere Ausstellungen. Im obersten Geschoss des großen modernen Gebäudes wurde eine Rückschau des in Griechenland recht bekannten Malers Christos Bokoros, Jg. 1956, gezeigt. Das Interesse des Publikums war deutlich stärker als für Zouni. Warum? Weil er in fast altmeisterlicher Weise „Bilder malt“ – Portraits, Liebende, einfache Gegenstände wie ein Ei oder ein Stück Seife, oft auch  Kerzen mit irritierend realistischen Flammen. Das sind Bilder, vor denen die Besucher staunend stehen und sagen: wie hat er das gemacht?

Mich erinnerte es daran, dass die Maler im Altertum von keiner Muse beschützt wurden, denn sie galten als Handwerker. Bokoris liebt altes Holz, darauf malt er mit großer Akribie Dinge des alltäglichen Lebens. Es gibt aber auch recht modern Anmutendes: ein sehr großes auf einen Rahmen gespanntes Tuch mit grober Bemalung und daneben ein anderes, gleichgroßes, das aber täuschend „echt“ gemalt ist. Na, schaut selbst. Wer mehr sehen möchte, findet es auf www.bokoros.gr oder er kann das Video anschauen, mit dem das Museum die Ausstellung vorstellt. https://www.youtube.com/watch?v=UvzgH0sQdQE

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Im Erdgeschoss konnte man dann noch Werke eines modernen Malers sehen, der sich großer Beliebtheit erfreut, aber auch sehr angefeindet wurde: Giannis Tsarouchis, 1910-1989. img_9705 Tsarouchis war offen homosexuell zu Zeiten, als das nicht gerade opportun war, musste sich deshalb während der Diktatur ins Ausland absetzen. Er zeigt sein Thema in hunderten Varianten. Sehr häufig spielen seine Szenen im rein männlichen Milieu des Militärs und der großen Schiffe. Auch arbeitete er mit großen Theatern zusammen, für die er Kulissen und Kostüme entwarf.

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Mein Atelier – Tür, Fenster oder Staffelei? Zeilenendes Jahreszyklus

Zeilenende  hat eingeladen zu einem neuen Jahreszyklus (hier oder hier) : Fotografiere einen Gegenstand einmal monatlich übers ganze Jahr. Und ich beteilige mich mit Vergnügen. Denn es ist nicht schlecht, sich der langsamen Veränderungen jedenfalls eines klitzekleinen Lebensausschnittes bewusst zu werden, einen Augenblick aus dem steten Fluss herauszunehmen, ihn ein wenig genauer zu betrachten.
Ich werde das Jahr hindurch einen Teil meines Ateliers fotografieren. Doch welchen? Da ist die halb geöffnete Tür mit dem Ausblick auf den Garten. Dieses Mal befinden sich im Abschnitt diesseits der Tür drei Stühle, die dort stehengeblieben sind von der gestrigen Therapie-Arbeit mit einer Klientin. Auf zweien haben ihre „Eltern“ gesessen, zeitweise auch ich in der Rolle der Mutter oder des Vaters, auf dem dritten saß ihr Bruder – nicht wirklich, sondern die Stühle waren Stellvertreter.  Ich weiß nicht, ob man das den Stühlen noch anmerkt.

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Oder soll ich doch lieber den Blick von meinem Zeichentisch aus dem Fenster nehmen und dokumentieren, was ich denn da eigentlich treibe? Vielleicht wäre das für den Betrachter interessanter.

img_9899Der Blick auf meine zusammengebrochene Staffelei, vor, neben und auf der ich allerlei Sachen gestapelt habe, könnte natürlich auch reizvoll sein. Raffe ich mich auf und bringe die Staffelei samt Umfeld in Ordnung? Und entstehen dort neue Bilder?

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Ich bitte um Entscheidungshilfe! Denn ein Jahr – zwölf Monate! Zwölf Fotos! Das muss reiflich überlegt sein.

Die drei Fotos habe ich heute, 28.2., um Punkt 12 Uhr mittags aufgenommen. Draußen ist ein köstlicher verhangener Frühlingstag mit Amselgesang. Ob es wohl Regen gibt?

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Gelb

img_9894 Heute sammelte ich in Nachbars Garten Pampelmusen, die vom Bäumchen gefallen waren. Gewaltig große Pampelmusen, deren Eigengewicht sie zu Boden gebracht hatte. Der britische Nachbar kam diesen Winter nicht, und niemand war da zum Ernten.

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img_9887 Gelb und gelber als gelb ist die Blüte des Mimosenbäumchens. Erst vor wenigen Jahren gepflanzt, hat es schon eine gewaltige Krone ausgebildet. Auf der Sonnenaufgangsseite sind die Blüten schon ein wenig verschrumpelt, auf der Sonnenuntergangsseite aber frisch und duftig.

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img_9897 Gelb ist auch der Klee, der überall unter den Olivenbäumen wächst. Und eine andere gelbglänzende Blume gesellt sich dazu. Wie heißt sie  doch gleich?

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„Schwanenwege“: Das Märchen vom hässlichen jungen Entlein

Etliche von euch kennen inzwischen ein paar Ausschnitte meines Romanfragments „Schwanenwege“. Und da sich zwei von euch zuletzt an das Andersen-Märchen vom „Hässlichen jungen Entlein“ erinnerten, möchte ich euch auch den folgenden Abschnitt zur Lektüre vorstellen.
Wir treffen den mittleren Bruder Ludwig mit seinem neuen Freunnd Johannes im Zug nach Genua. Warum und wieso? Das kann ich euch jetzt wirklich nicht alles erzählen. Die Fahrt ist lang, man kommt ins Reden. Erst sprechen die beiden über ein Schiff – die Huasceran -, auf dem die Mutter von Johannes als Vierjährige von Brasilien nach Hamburg reiste (vergl. Johannes‘ Geschichte). Die Geschichte dieses Schiffes, das als Aurelia endetr – sie ist übrigens authentisch (vergl hier) -, kommentiert Ludwig am Ende:

„Metamorphosen”, sagte Ludwig laut.

Die ältliche Reisende, die ihm schräg gegenüber saß, blickte überrascht von dem Buch auf, in dem sie gelesen hatte.

„Zuhause“, wandte sich Ludwig an Johannes, „waren Metamorphosen ein Thema, weißt du, wegen des Schwans, das die Familie im Wappen führt. Von Vaters Seite her. Vater war Däne. Ein dänischer Schwan. Ich konnte das Wappen übrigens nicht leiden. Der Schwan steht dort in aggressiver Pose, das Gefieder gesträubt, den Hals vorgereckt, zischend und mit scharfen Krallen auf rotem Grund. Eine wütende Adlerschlange.“

005-a  „Eine Adlerschlange?“

„Ja, wegen der Klauen und dem Schlangenhals kam mir der Schwan vor wie ein Fabelwesen, das aus verschiedenen Tieren zusammengesetzt ist. Wie die Sphinx oder der Greif. Als Kind habe ich einen Haufen Legenden und Märchen über den Schwan gehört. Bei all diesen Geschichten ging es um Verwandlung. Um Metamorphose oder Transformation. Die Märchen erzählte meine dänische Oma, für die Mythen war mein Vater zuständig.“

„Erzähl mal eins!“

„Na, das Märchen vom hässlichen jungen Entlein wirst du kennen. Von Hans Christian Andersen. Nein? Kennst du nicht? Wie gesagt, Vater war aus dänischem Geschlecht, und der Andersen spukte ständig bei uns herum, zumal er ja einen Haufen Schwanengeschichten geschrieben hat. Also das Märchen vom hässlichen Entlein soll ich dir erzählen? Mal sehen, ob ich es noch zusammenbekomme.“

Und während der Zug die mitteldeutsche Landschaft durchraste, erzählte Ludwig von dem Schwanenbaby, das versehentlich in einem Entennest ausgebrütet wurde und allerhand Missliches erleiden musste. Denn was dem Schwan recht, ist der Ente durchaus nicht billig. Anders zu sein als die anderen, das war eine Qual, die er kannte.

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Das Märchen vom hässlichen Entlein
Ludwig versuchte, sich an die Details des Märchens zu erinnern. Und plötzlich saß er wieder auf dem Schoß seiner dänischen Großmutter, an die er schon so lange nicht mehr gedacht hatte, und hörte sie auf dänisch erzählen:

„Es war wunderschön auf dem Lande; es war Sommer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grünen Wiesen in Schobern aufgesetzt, und da ging der Storch auf seinen langen, roten Beinen und plapperte ägyptisch, denn diese Sprache hatte er von seiner Mutter gelernt“.
Und die Stimme der Oma verschränkte sich mit der seiner großen Schwester, wie sie mit Inbrunst das alte schwermütige Lied sang: „Schon ins Land der Pyramiden flohn die Störche übers Meer….“
Es war schon merkwürdig. Seit er gestern beschlossen hatte, die „Sterne der Pharaonen“ anzusehen, wies ihn alles auf Ägypten hin.

„Es war ein schöner Sommertag“, begann Ludwig seine Geschichte. „Die Ente saß auf ihren Eiern und langweilte sich, denn es fehlte an Besuch. Schließlich aber wurde ihre Geduld belohnt und die Eier brachen auf. Wunderschöne kleine Entlein kamen herausgeschlüpft und wunderten sich, wie groß die Welt war, viel größer als im Ei. Es gab einen Garten und einen Teich und noch andere Enten. Das größte Ei aber wollte und wollte nicht aufgehen. Eine Entennachbarin, die vorbeischaute, vermutete schon, dass es sich um ein Kalekutenei handelte.
Was ein Kalekutenei ist, konnte die Oma mir nicht sagen. Es war ein
komisches Wort, es klang ein bisschen anzüglich. Mir gefiel es außerordentlich. Ich hatte stark das Gefühl, dass ich selbst aus so einem Kalekutenei geschlüpft war.“
„Ludwig, der Kalekut“, lachte Johannes.
„Nun ja. Also. Schließlich wurde das letzte Ei richtig ausgebrütet, aber das Entlein, das herauskam, war furchtbar hässlich. Zum Glück konnte es schwimmen, war also wohl doch kein Kalekut. Trotzdem wurde es herumgeschubst und gehackt, weil es nicht ins Weltbild der anderen passte.
Es gab dort eine alte Entenherrscherin, die vorschlug, die Mutter sollte das missratene Entchen umarbeiten! Sie sollte sozusagen aus einer Huascaran eine Aurelia machen. Aber das ging nun einmal nicht.
Es ist überdies ein Enterich, sagte sie, und darum macht es nicht soviel aus. Eines der traurigen Vorurteile gegen unser Geschlecht“, witzelte Ludwig und lächelte dem schönen Johannes zu, der mit geschlossenen Augen zuhörte. Hörte er überhaupt zu? Oder war er in seinen Gedanken weit weg, unterwegs mit dem Schiff Huascaran, vielleicht dampfte er gerade jetzt an der portugiesischen Küste entlang, auf dem Weg nach Cabo de San Vicente? Oder stand er neben seiner Mutter an Bord der Beaverbrae, irgendwo auf dem Atlantischen Ozean, mit nichts als Wind in den Ohren?

Leiser, als wollte er Johannes nicht in seinen Gedanken stören, fuhr Ludwig fort zu erzählen: „Die Geschwister hatten das Entlein, das ein Schwan war, gar nicht lieb. Wenn die Katze dich nur fangen möchte, du hässliches Geschöpf! sagten sie. Und sogar die Mutter schämte sich für das hässliche Kind und wünschte es weit fort. Eines Tages hatte es genug von den Hänseleien, es flatterte über den Zaun und entfloh.
Es wurde nun in einige Abenteuer verwickelt, an die ich mich nicht genau erinnere. Ich glaube, zuerst ging es zu den wilden Gänsen im Moor, die es aufforderten, mit ihnen zu ziehen, doch es machte piff paff, und schon waren sie tot. Jagdhunde kamen ins Schilf und zeigten dem verängstigen hässlichen Ding ihre scharfen Zähne. Doch platsch, platsch waren sie wieder verschwunden. Ich bin zu hässlich, dachte das Entlein recht erleichtert. Die Hunde hatten keinen Gefallen an ihm gefunden.
Das Entlein irrte durch Sturm und Unwetter und kam zu einer Bauernhütte. Darin wohnte eine alte Frau mit ihrem Huhn und ihrer Katze, die sie Söhnchen nannte. Komischer Name für eine Katze, fand ich. Söhnchen. Na, wie auch immer. Die beiden waren sehr von sich eingenommen und sagten immer „Wir und die Welt!”. Sie glaubten, dass sie die Hälfte der Welt ausmachten, und zwar die bessere. Das Entlein, das eigentlich ein Schwan war, war in ihren Augen ein glatter Versager, denn es konnte weder Eier legen wie das Huhn noch buckeln oder Funken sprühen wie die Katze. Es konnte schwimmen? Um so schlimmer! Auch hier galt eben: Sei wie wir – oder du bist nichtswürdig.
Das Entlein, das immer noch nicht wusste, dass es ein Schwan war, saß übellaunig in seinem Winkel und dachte nur noch daran, wie schön es wäre, auf dem Wasser zu schwimmen und unterzutauchen. Bald hatte es die Nase voll von seinen neuen Kumpanen und ging wieder auf Wanderschaft. Es war froh, wenn es auf dem Wasser schwimmen konnte und niemand es beachtete.“

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Wieder schaute Ludwig zu Johannes hinüber, der immer noch die Augen geschlossen hatte. Wozu weitererzählen?
Johannes streckte die Beine und öffnete die Augen. „Was ist? Warum erzählst du nicht weiter?“
„Interessiert es dich denn? Ich dachte, du bist in Gedanken ganz woanders. Na schön. Der Winter kam, der Rabe schrie: „Au, au!” Kalt war es, bitterkalt. Und dann, eines Abends, als die Sonne besonders herrlich unterging, erschienen die Schwäne. Ein ganzer Schwarm. Wie waren weiß und wunderschön. Sie stießen einen sonderbaren Ton aus und flogen fort. In den Süden, zu eisfreien Seen. Das Entlein war ganz bezaubert und wollte mit. Es kreiselte wie ein Rad im Wasser, reckte den Hals, schrie. Umsonst. Vor die Erlösung waren noch viele Prüfungen gesetzt.

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bei fb gefunden, Namen vergessen, leider

Doch endlich kam das große Finale: Die Sonne schien wieder, die Lerchen sangen. Das Entlein schwang seine Flügel und flog auf und davon. Es landete in einem Paradiesgarten. Blühende Apfelbäume, duftender Flieder. Drei prächtige Schwäne kamen geschwommen. Würden sie es tothacken? Und wenn schon! Lieber von diesen königlichen Vögeln getötet als von schäbigen Allerweltskerlen belästigt zu werden, dachte das Entlein todesmutig und bereit, sein Herzblut hinzugeben. Es schwamm ihnen entgegen und neigte demütig sein Haupt, um den tödlichen Schlag hinzunehmen. Da aber sah es sein Spiegelbild im Wasser.
Und es erkannte sich selbst als Schwan.

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cathy-grobost, bei fb gefunden

Wunderbare Metamorphose! Nun wurde es nicht mehr misshandelt und verspottet, die Kinder fütterten es und priesen es in höchsten Tönen ob seiner Schönheit. Da freute es sich von ganzem Herzen über sein Glück. Und wenn es nicht gestorben ist, dann lebt es noch heute.“
Ludwig grinste und schaute leicht verlegen zu Johannes hin. Ob dieser wohl begriff, dass er seinen eigenen Kindertraum erzählt hatte? Er selbst habe in einem Schwanenei gelegen und sei von rechts wegen ein Schwan, hatte die Kopenhagener Oma ihm immer versichert, wenn sie das Buch mit Andersens Märchen aus der Hand legte. Er gehöre dazu, sei ein Sprössling der Schwanenfamilie derer von Winrod. Kein Kalekut? Kein hässliches Entlein? Der kleine Ludwig wagte, es nicht zu denken. Aber zu hoffen wagte er es schon. Eines Tages, so hoffte er, werde ich mich zum Schwan mausern. Ludwig der Schwan.
Wieder grinste er, selbstironisch. Doch Johannes nickte ihm nur zu, ohne das Gesicht zu verziehen. „Gute Geschichte“, sagte er anerkennend. „Ich hab sie wohl früher mal gehört, aber so ziemlich vergessen. Du hast recht, es ist ein Wandlungsmärchen. Durch die Mühsal zum Licht. Ja, die trauten sich damals noch zu erzählen, mit Moral und allem Drum und Dran”.

endzeit-endlos-018Die Fotos habe ich im Laufe der Jahre gesammelt, leider habe ich nicht immer den Namen des Fotografen, der Fotografin notiert. Falls jemand sein Foto erkennt, wäre ich dankbar für entsprechende Benachrichtigung.

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abc-etüden/ Kata-Strophen No. 6, Das Duett

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Franz singt in a-moll, Tonart „fromme Weiblichkeit“ (doch ihm unterlaufen zwei falsche Töne)

a    Du meine ‘olde tugendreiche
b    ‘eißgeliebte Kunigunde
c    Nimm die S’okoladentafel
d    Als tiefempfundne Liebesgabe
b    ‘in aus meines ‘erzens Grunde.
e    Lass mich länger nicht vers’machten
a    Geduld Patience der Passion weiche!

Kunigunde antwortet in f-dur, „Pastoraltonart“

f    Ach du oller Franz Franzose
f    Kommst immer mit der gleichen Chose
c    Mit dem ewigen Geschwafel
g    Das aus Büchern du gestohlen
c    Sprichst von Schokoladentafel
b   Und vom Herzen, doch im Grunde
f    Steckt deine Liebe in der Hose.

Wo endet dies Duett? Rate und reime!

Textstaub, abc etüden, Wortspende Margot M, Schokolade, Buch, Geduld

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Kunst gegen Müll – noch einmal Helen Escobedo, für Finbar

Heute las ich ein verzweifeltes Poem von Finbar https://finbarsgift.wordpress.com/2017/02/21/ueberall-muell/
Finbar sprach heute ein Thema an, das uns allen schwer auf der Seele liegt: Müll. Er spricht von verschiedenen Formen des Mülls – ich beschränke mich hier auf den handfesten, materiellen stinkenden lebensbedrohlichen Müll=Abfall.  Helen Escobedo „beseitigte“ ihn 1991 mit einer in Mexiko damals völlig neuartigen eindrucksvollen Installation.

Natürlich ist das nicht so eine schöne lichtvolle Installation wie ihr „Kornregen“!

Helen sammelte zehn Tonnen Müll, der in dem stadtnahen Ausflugsgebiet Chapultepec von Millionen Besuchern zurückgelassen wird, und machte daraus einen Fluss. Helen selbst erklärt dazu: „Ich kann, wenn ich mich einem solchen aggressiven Ort wie dem von Chapultepec zuwende – und es ist ein aggressiver Ort, er greift die Augen an, er stinkt, und all das zusammen mit dieser furchtbaren Not der Menschen, die dringend Erholung brauchen und sie in ihrem eigenen Garten nicht finden können, denn sie haben keinen – , da kann ich selbst nur ein aggressives Werk schaffen. Und da bin ich dann auch ambivalent, was ist schön und was vulgär, was ist provokativ und was einfach nur unangenehm“.

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Der Stadtverwaltung gefiel das Kunstwerk wohl nicht, denn dieser Fluss stank gewaltig, also bedeckte Helen ihn notgedrungen mit grauen Plastikbahnen, Eisendraht und schwarzer Farbe, was den Fluss allerdings sogar noch bedrohlicher erscheinen ließ. Und die Leute kamen und staunten, während sie vorbeiflanierten, was da alles zusammengekommen war.

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Mir gefällt, dass Helen nicht provozieren, sondern ein (schlimmes) Thema ins Bewusstsein rücken wollte. Dafür ist Kunst ja auch da!

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Ullis Goldregen / Helens Kornregen

Ullis zweite Collage „Schwanenwege“ (hier) , die sie mir für „Swantjes Abstieg in den Brunnen“ schenkte, schwingt weiter in mir und stößt ein anderes Bild an, den „Kornregen“ von Helen Escobedo.
Ich durchblätterte nämlich dieser Tage das wunderbare Buch „Helen Escobedo, Footsteps in the Sand“ von Graciela Schmilchuk, das 2006 in einer Sonderausgabe von 1100 Exemplaren gedruckt wurde. Helen selbst hat es mir geschenkt.
Neben mir saß eine jüngere Frau, die begeistert „Halt“ rief, als ich an den Seiten ankam, die ich nun, so gut es eben ging, abfotografiert habe und euch zeigen möchte.
Nein, neben mir saß nicht Ulli, aber an sie dachte ich intensiv. „Das würde ihr gefallen“, dachte ich. „Schade, dass sie nicht hier ist“.

Und nun sagt selbst: Ist nicht Ullis Goldregen im selben Geist entstanden wie Helens Grain Rain/“Kornregen“? Der besteht aus zehntausend handgemachten Tonscherben, die an schwebenden Paletten aus Eisendraht hängen. Wenn ein Windhauch durch das Patio der Alhondiga de Granaditas in Guanajuato geht, bewegen sie sich leise, stoßen aneinander und klingen, und es ist, als erklänge das Licht selbst, das golden über sie hinstreicht.img_9867
Das Werk wurde extra für die Alhondiga geschaffen, die früher der Kornspeicher der Stadt war. Es ist inspiriert vom Gedanken an das nährende Manna, das vom Himmel fiel und die durch Wüsten wandernden Israeliten vor dem Hungertod bewahrte.

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Projekt „Auspacken“

„Ausgießen“ heißt ein interessantes Kunstprojekt von – na, ihr wisst schon, von Susanne Haun und Jürgen – Buchalov. Als ich heute ein großes, federleichtes gelbes Paket in Händen hielt, fiel es mir ein, und ich dachte: Warum nicht „Auspacken“? Ein Kunstprojekt ist es ja vielleicht nicht, dafür aber ein Spaß und eine Freude in Zeiten, in denen die Nerven manchmal blank liegen.
Hier also meine kleine Fotoserie „Auspacken“. Viel Vergnügen dabei.

Ein gelbes Paket. Die Sonne malt ein helles Dreieck drauf. Ah, drei Frühlingsblumen und dreimal Luthers Bibelübersetzung samt handschriftlichen Korrekturen! „Welchen sollen wir freigeben? Jesus oder den Barabas? fragt Pilatus“. Drei auch sie. Auf dem Paket zwei Mal drei Marken, um es freizumachen für den Transport.

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Das gelbe Paket habe ich auf dem gelben Tuch von Tito platziert und geöffnet. Drinnen prangt ein gelber Briefumschlag. Sieh mal an: dreimal Gelb!

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Unter dem schützenden Zeitungspapier entdecke ich …. ein Eule! Eine? Aus der Einen purzeln mir zwei Kleine entgegen. Hier seht ihr sie: Ein, zwei, drei!

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Doch da ist noch was auf dem Boden des Kartons. Ein großer Umschlag, darin vielleicht ein Bild? Ach was! Drei Bilder! Ein großes und zwei kleinere.

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Fazit: Du musst es dreimal sagen!!! Und schon werden deine Wünsche wahr.

Gute Nacht und schlaft recht schön!

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Nicht nur in Sonntagsreden!

Das Gedicht von Wolfgang Borchert habe ich als 16jährige Chefredakteurin unserer Schülerzeitung v eröffentlicht. Das war 1958 und Westdeutschland war gerade wieder dabei, für die neu entstehende Bundeswehr zu werben. Vergessen war der Satz Adenauers, dass jedem Deutschen die Hand abfaulen solle, der jemals wieder eine Waffe in die Hand nehme. Für die Laufbahn des Offiziers warb man auch an unserem Gymnasium. Ich weigerte mich, die gut bezahlte Anzeige zu schalten. Meine Mitredakteure aber bestanden darauf. schließlich stimmte ich unter einer Bedingung zu: dass auf der Gegenseite nur dieses Gedicht von Borchert stehen dürfe: Sag NEIN! Und so geschah es. Aber niemand, NIEMAND, den ich nachher fragte, hatte den Zusammenhang zwischen der Anzeige und dem Gedicht verstanden.
In dem Film, den ich eben von Anfang bis zum Ende ansah und der mich, obgleich ich die Geschichte ja leider allzugut kenne, mich erneut in tiefe Depression versetzte, wird deutlich, dass die meisten Menschen den Zusammenhang zwischen Kriegswerbung (Ruf zu den Waffen) und dem mörderischen Geschehen des Kriegs nicht begreifen.
Gerade wieder stehen nette deutsche Politikerinnen bereit, um die Notwendigkeit höherer Wehretats zu fordern, die Ost-Erweiterung der NATO für ein Friedensinstrument zu halten und sich auch sonst gegen Russland und sonstige „Gegner“ stark zu gebärden.

Und ich frage mich verstört: Soll dies denn nie enden?
Bitte schau dir den Film an, von Anfang bis zu Ende, und frage dich: Was ist zu tun, jetzt, bevor es wiederum zu spät ist?

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Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen – sondern Stahlhelme und Maschinengewehre. dann gibt es nur eins: Sag NEIN! Du. Mädchen hinterm Ladentisch und Mädchen im Büro. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst Granaten füllen […]

über Wolfgang Borchert: Dann gibt es nur eins! — nit möööglich!

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Schwanenwege: „Im Brunnen“

Dieses Stück meines Romanfragments „Schwanenwege“ veröffentliche ich in Resonnanz mit Ullis heutigem Beitrag hier.  Ich füge jetzt keine Bilder hinzu. Vielleicht magst du, liebe Ulli, mir eine Collage dazu machen?
Zum inhaltlichen Kontext des Kapitels nur so viel: Es ist der sechste Tag des Romangeschehens und wir sind tief in den Mythos des Schwans eingestiegen. Es geht in dieser Phase um Selbstfindung: vertiefte Krise, Katharsis und Heilung. Swantje ist das fünfte jüngste Kind von Elisabeth und Schwester von Gise, Harald, Ludwig, Swen. Sie hat sich in Ägypten von ihrem Zwillingsbruder Swen getrennt, und versucht verzweifelt, sich selbst zu finden. … Sie wird entführt, schrecklich gequält („Inquisition“) und rettet sich, indem sie sich in einen Brunnenschacht fallen lässt. Danach ändert sich die Atmosphäre, die eben noch höchst bedrohlich war, und wird märchenhaft.

Im Brunnen
Swantje fiel und fiel. Die Sinne schwanden ihr. Als sie zu sich kam, war sie auf einer schönen Wiese, wo die Sonne schien und viel tausend Blumen standen*. Sie folgte einem Pfad, der mitten durch die Wiese lief, erst breit, dann immer schmaler, er senkte sich, wand sich hinab wie ein verschlungenes Band, bis er sich ganz verlor. Suchend schaute sie sich um. Hoch oben im Himmelsblau kreiste ein Raubvogel, er schien der Spirale ihres Abstiegs mit den Blicken zu folgen. Würde er sich auf sie stürzen und sie, eine leichte Beute, in seinen Hort tragen?

Der Todesadler hofft vergebens,
Der Schwan flog fort ins Reich des Lebens,

reimte es in ihr. Durch Gebüsche und Sträucher stieg sie weiter hinab. Als sie einen Holunderbusch streifte, hörte sie flüstern:

Nimm ein Blatt vom Holderstrauch,
Heilen wird es Herz und Bauch.

Sie brach ein Blatt, dankte und eilte weiter. Schon bald gelangte sie an den Grund einer Schlucht. Sie lauschte. Ein Plätschern wie von Wasser drang an ihr Ohr, sie folgte dem Ton und kam an einen Bach, den die tief hängenden Zweige von Weiden und Erlen fast ganz dem Blick verbargen. Ein Eisvogelpärchen flog auf und schwirrte davon, die Federn sprühten in tausend herrlichen Funken.

Ihr Zaubervögel von Lernas See,
versprecht mir Frühling in Eis und Schnee,

klang es in ihr nach.
Nach wenigen Schritten stieß sie auf weiße Federn, die unter dem Laub hervorschimmerten. Vorsichtig entfernte sie die Blätter. Ein Schwanenflügel, dachte sie bestürzt, er ist zerbrochen. Sie stand lange still und lauschte in sich hinein. Da war ein Gesang in ihrem Herzen, und der ging so:

Von welchem Land bist du, O Schwan, zu welcher Küste fliehst du hin?
Wo wirst du ruhen, O Schwan, und was ist’s das du suchst?
Erwache, O Schwan, an diesem Morgen noch, steh auf, folge mir!
Es gibt ein Land, dort herrschen nicht Zweifel noch Sorge, und der Schrecken des Todes ist nicht mehr.
Der Frühlingswald blüht, und der Wind trägt den Wohlgeruch ‘Er ist ich’.**

Er ist ich, murmelte Swantje. Schweren Herzens trennte sie sich von dem Flügel, sie wollte bleiben, aber eine Sehnsucht zog sie weiter. Sie schritt den Pfad am Bach entlang, bis eine Felsbarriere ihren Weg versperrte.
Da hörte sie ein Summen in der Luft, und ein Stimmchen flüsterte:

Steig hinüber, steig hinunter,
dem klaren Wasser folge munter.

Es war tatsächlich ganz leicht, hinüberzugelangen. Auf der anderen Seite hatte sich ein kleiner Wasserfall gebildet, der über weißes Felsgestein hinabschoss. Gold flimmerte in dem zerstäubenden Wasser.

Sammle Gold in deinen Schoß,
bist gleich alle Schmerzen los,

hörte sie es jetzt aus dem Wasserfall flüstern, und sie bückte sich und hielt ihre Hände in den glitzernden Strahl. Da füllten sie sich mit Licht und Gefunkel, und sie strich damit über ihren Leib, bis er ganz fein zu leuchten begann. Sie machte noch einen Schritt voran und stellte sich unter den Strahl, der als Goldregen über ihr niederging. Eine milde Wärme durchströmte sie, sie atmete frei und beglückt, hob den Blick zu dem Wasserfall und sagte leise:

Du Geist des Wassers, sei bedankt.
Verwundet kam ich angewankt,
du gabst von deinem Gold in Fülle,
dass ich des Leibes Not umhülle.
Dein Gold durchwärmt und heilt die Schmerzen,
drum sei bedankt von ganzem Herzen.

Swantje stand und folgte dem Bachlauf mit den Blicken. Zunächst eilte er strudelnd abwärts, dann verlor er sich ganz im Dunkel der überhängenden Zweige und der wuchernden Pflanzen, die bis an sein Ufer drängten. Weiter unten tauchte er wieder auf, sein Bett verbreiterte sich, die Ufer traten zurück und ließen Raum für einen silberhell schimmernden See, der von Platanen gesäumt war. Die Magie des Ortes zog sie unwiderstehlich an.
Schritt vor Schritt setzend, watete sie durch den Bach, suchte Halt auf Soden und Steinen, und schon hatte sie den See erreicht. Dort ließ sie sich unter einer Platane ins Gras sinken. Himmelsbläue glänzte durch das Gezweig, Sonnenflecken und Schatten spielten über ihren golden schimmernden Leib dahin.
Eine Eidechse glitt über einen Stein, hob das Köpfchen, stutzte, krabbelte auf Swantjes Hand. Die Berührung war wie ein zarter Hauch. Funkelte nicht ein Krönchen auf ihrem Kopf? Swantje hielt ganz still und flüsterte:

Kroko, Krone, Krokodilchen,
hast wohl Lust auf Liebesspielchen?

Das Eidechschen züngelte und lispelte:

Woher kommst du, holde Nymphe?
Aus dem schwarzen Sog der Sümpfe?
Aus dem tiefen Brunnenloch,
woher kommst du, sags mir doch!
Wo fandst du das goldne Leibchen,
schönstes aller schönen Weibchen?
Wart ich bring dir sieben Schleier,
dass geschmückt du gehst zur Feier.
Tanzen wirst du, schönes Kind,
tanzen mit dem Frühlingswind!

und schon raschelte es davon.
Swantje lächelte und schloss die Augen, sank hinab und stieg hinauf in sanftem Wiegen, eine weiße Schwanenfeder aus Frau Holles dickem Federbett, die der Wind hob und senkte und hob, und sie trieb und tanzte wiegend, beseligt davon, davon. Um sie her tönte es in herrlichen Harmonien und sprach:

Wozu werden Worte gebraucht, wenn Liebe mein Herz trunken macht?
Der Schwan hat seinen Flug jenseits der Berge genommen;
Wozu sollte er weiter nach Tümpeln und Gräben suchen? ***

Eine kleine schwarze Schlange glitt heran und ringelte sich um ihr Fußgelenk.

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*[1] „Frau Holle“, ein Märchen der Gebrüder Grimm.

**[1]12 II. 24. hamsâ, kaho purâtan vât, aus:  Songs of  Kabîr, freie Übersetzung nach der englischen Fassung von Rabindranath Tagore.

***[1] 33 II. 105. man mast huâ tab kyon bole. Songs of Kabir, Ebenda.

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