Heute geht es, wie ich schon ankündigte, ums Gleichgewicht.
„Der Seiltänzer wägt die Schwerkraft hüben und drüben. Er ist Wage“, befindet Paul Klee und zeichnet eine Senkrechte, die ganz oben von einer ebenso langen Waagrechten geschnitten wird, in etwa wie ein großes
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Der Geist der Wage ist Kreuzung von lotrecht und wagrecht“, dargestellt als Pluszeichen.
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Wird das Gleichgewicht gestört, zB durch Druck auf den linken Arm, kippt der Waagebalken in eine Schräge. Will man das korrigieren durch Druck auf den rechten Arm, kippt der Waagebalken in die entgegengesetzte Schräge. Beide Effekte kombiniert ergeben ein Diagonalkreuz. Klees Zeichnung dazu:
Ihr versteht schon, dass hier der Künstler Klee und nicht ein Mathematiker oder Techniker oder gar ein Politiker spricht. Also geht es darum, diese Künstlersprache zu entziffern. Zur Illustration meines Verständnisses füge ich nochmal den Seiltänzer von gestern ein.
Wenn ich Klee richtig verstehe, balanciert der Mensch zwischen zwei Abgründen der Schwerkraft. Zieht es ihn zu sehr nach rechts, versucht er, diese Störung auszugleichen, doch ach! Nun schwankt er zu sehr nach links. Und so immer fort.
Ich habe diesen Seiltänzer einat als Illustration der Tag- und Nachtgleiche gelegt. Denn auch das Sonnenjahr schwankt um solche Dreh- und Wendepunkte herum – nur wackelt es nicht und kippt in keinen Abgrund, sondern setzt gemächlich seinen Lauf fort.
Der Mensch tut gut daran, sein prekäres Gleichgewicht dadurch zu stabilisieren, dass er sich im gleichen Rhythmus mit anderen Menschen, sich gegenseitig stützend, bewegt.

Zwar kann es auch jeder für sich allein probieren…

aber der gegenseitige Halt ist, wie im griechischen Tanz schön vorgeführt, durchaus nicht zu verachten..

Solange mensch mit sich selbst im Gleichgewicht und eine gut austarierte Waage ist, dazu auch ein paar Freunde um sich weiß, die ihm gelegentlich eine helfende Hand reichen, braucht er keine Abstürze zu fürchten.
Anders ist es, sofern nicht der Mensch, sondern das große System zur Waage wird. Me-ne-te-kel („Gewogen und zu leicht befunden“) – so tönt es von Alters her zu uns herüber. Und wenn der Gott Anubis das Herz des Toten auf die eine Seite der Waage und die Feder der Göttin Maat auf die andere legte, dann half kein Jammern und Klagen: die Waage der ägyptischen Totengötter war unbestechlich.
Natürlich muss es nicht immer um Leben und Tod und Ewigkeit gehen: Schon bei ganz gewöhnlichen Wahlen kann es den einen in die Tiefe befördern und den anderen hoch in die Luft, so dass ihnen Hören und Sehen vergeht.

Jeder Atemzug greift ein ins große Gleichgewicht der Natur. Die Natur – hier als Göttin Nemesis – stellt es immer wieder her. Nicht statisch, selten mit großen Schwankungen und Umbrüchen, sondern ständig ausgleichend und zitternd um einen Gleichgewichtspunkt – so stelle ich mir die große Waage vor, die unsere Erde im Gleichgewicht hält.









































