Von Kalamata bis zu uns, eine Strecke von etwa 10 km, geht es immer am Meer entlang, aber man kann nicht überall ans Meer gelangen. Oft ist die Küste sehr steil, es gibt Zäune und Privatgrundstücke, es gibt keine Parkmöglichkeiten ….,und daher konzentriert sich das Badeleben an einigen gut zugänglichen Stränden.
Gestern (Mariä Himmelfahrt, hier ein sehr hoher Feiertag) waren wir zum Mittagessen mit Freunden verabredet, die in einem großen Hotel abgestiegen sind. Im Volksmund heißt das Hotel die „chinesische Mauer“, denn zur Straße hin ist es fast fensterlos. Ich kannte bisher nur die Außenansicht.
Drinnen herrscht wohltuende kühle Leere. Man geht durch weite Vorräume, eine Treppe hinunter zum Swimmingpool, zwei weitere Treppen durch Etagen mit Tischen zum Speisen, um schließlich nach einer weiteren Treppe am Meer anzukommen. Dort gibt es einen belebten schmalen Geröllstrand, der mit Liegen und Sonnenschirmen bestückt ist.
Außerhalb dieses Strandstücks ist die Küste weit und fast leer, geschützt von einer bewaldeten Steilküste. Hier hatten sich nur wenige Menschen mit Stühlchen und Sonnenschirm eingerichtet. Ich fand einen duftenden schattigen Platz unter Wachholdersträuchern.
Eine Idylle fernab vom Blechstrom, der dieser Tage unaufhaltsam über die Küstenstraße rollt. Denn der 15. August ist der Höhepunkt der Badesaison, und wer es irgendwie schafft, verlässt die Städte und fährt ans Meer.
Ich notiere gern flüchtige Einfälle in Form von Skizzen. Das Ergebnis sind Notizen …oder Notate?
Was ist eigentlich der Unterschied zwischen den beiden? Nach meinem Gefühl ist ein Notat die Niederschrift eines flüchtigen Gedankens, einfach so, aus Freude daran. Es genügt sich selbst. Eine Notiz hingegen ist eine Gedächtnisstütze und verlangt Ausarbeitung oder sonstige weitere Verwendung.
So gesehen ist das Kunstbuch 55 eine Sammlung flüchtig hingekritzelter Notate.
Das Deckblatt ziert ein Specht, der interessiert ein Insekt betrachtet. Die Rückseite zeigt eine unterirdischen Knolle, die eine oberirdische Pflanze mit Blüte hervortreibt.
Auf der ersten Innenseite („Katzentraum“) gibt es eine Katze zu besichtigen, die von vielen vielen unter der Erde lebenden Mäusen träumt. Sobald sich eine an die Oberfläche wagt….
Es folgt die „Blütenerwartung“ – eine Blüte in Erwartung vieler vieler Insekten, die sich an ihren Pollen laben werden.
Das nächste Blatt („windig“) zeigt ein Ährenfeld, das von einem aus dem Osten kommenden Wind gen Westen geneigt wird. Die Ähren geben dem Druck elastisch nach, ohne zu brechen.
Dann kommt das berühmte Wettrennen des Hasen und des Schildkröten- oder Igelpaars („Wettlauf“). Der Hase rennt, und zugegebenermaßen ist er sehr schnell, aber die Schildkröte (der Igel) ist immer schon vor ihm da, weil Männlein und Weiblein sich zum Verwechseln ähnlich sehen und großartig kooperieren.
Nicht fabel-, aber märchenhaft kommen die beiden letzten Seiten daher. Zunächst „Der Fischer un syne Fru“: da sieht man einen Mann und einen großen Fisch, und im Hintergrund Ilsebill, die nicht so will.
Das letzte Notat ist dem mutterlosen Mädchen aus „Sterntaler“ gewidmet. Die arme Waise wird vom Himmel mit Goldtalern beschenkt.
Über jedes dieser Notate ließe sich ein Essay verfassen, der die philosophischen, psychlogischen, moralischen Tiefen auslotet. Das aber überlasse ich jetzt mal anderen.
Neben mir auf dem grünen vom Wasserschaden leicht lädierten Umschlag von Paul Klees „Pädagogischem Skizzenbuch“ liegt ein Stück Schwemmholz. Es ist klein, rundlich und wenig prägnant geformt, hellgrau bis beige, leicht und weich und von einer schwammähnlichen Struktur. Keine Ahnung, woher es stammt und warum ich es aufgesammelt habe.
Aber da es nun einmal daliegt, beginnt es mich zu interessieren. Ich schalte die Tischlampe an und mache zwei Fotos.
Ich nehme das „Ding-an-sich“ in die Hand und drehe und wende es. Erstaunlich viele unterschiedliche Gesichter zeigt mir dieses indifferente Stück lebendiger Materie!
Welche Seite ist die interessanteste? die prägnanteste? Nun, das ist Ansichtssache. Alle zusammen sind das Ding-für-mich.
Dann lege ich es wieder auf das Buch, und mir scheint, es sinke zurück in seinen vorigen Zustand – unerkennbar, unnahbar, geheimnisvoll: ein Ding-an-sich.
Viel gebaut wird hier in der Gegend, in der Regel Häuser zum Zweck der Vermietung an Urlauber. Erstmals schrieb ich davon im Juni 2025 (hier). Zum Jahresende dokumentierte ich die Baustellen in unserer Umgebung (hier).
Etwa 500 m unsere Straße hinauf ist so eine Baustelle, über die ich zuletzt am 26. März berichtet habe (hier).
Foto vom 26. März 2026
Heute abend inspizierte ich diesen Bau erneut. Wie weit war man wohl gekommen? Vorsichtig durch die staubfeine ockrige Erde watend näherte ich mich dem Haus, umkreiste es und machte ein paar Fotos.
Fotografie vom 13. August 2026
Hinterherum gibt es einen Keller und die ausgemauerte Grube fürs Abwasser, denn an die Kanalisation ist unsere Gegend noch nicht angeschlossen.
Auf der einen Seite des Hauses musste ein kleiner Hügel abgetragen werden, um eine ebene Fläche zu schaffen. Die dadurch entstandene Lehmwand ist um diese Jahreszeit vollkommen trocken und bröselt. Der Wurzelballen einer Olive wurde beim Ausschachten ausgespart, hängt nun in der Luft. Ich vermute, dass diese Wand noch ausgekleidet wird. Die Mauer wird dann die Olive halten. So jedenfalls sah ich es bei anderen Häusern.
Wir zwei Spaziergänger auf dem Rückweg von dieser kleinen Inspektionstour.
Was war da doch gleich gestern? Ach ja, eine Sonnenfinsternis. Freilich nicht hier zu sehen. Dafür befinden wir uns zu weit östlich, die geringfügige Verdunkelung konnte man nicht beobachten, da sie zeitlich mit dem Sonnenuntergang zusammenfiel.
Ich wusste das zwar, ging aber dennoch die Treppe hinauf zur Turmterrasse. Zum Glück blickte ich dabei nicht zur untergehenden Sonne, sondern auf meine nackten Füße, und so trat ich nicht in die Scherbe, die auf einer Stufe vor mir aufblitzte. Ich hob sie auf und wunderte mich. Denn am Tag zuvor waren zwar zwei Gläser zu Bruch gegangen (ich berichtete davon hier), aber keins hatte eine solche Musterung. Ich besaß auch meines Wissens nie ein solches Glas. Verwundert hob ich die Scherbe auf und blickte durch sie hindurch zum rötlich verfärbten Sonnenuntergangshimmel, wo das von so vielen so aufgeregt erwartete Schauspiel längst verloschen war. Ich fotografierte sie dann noch einmal über einem blauen Eisentisch. Um ein klares Bild zu erzeugen, musste ich erst den günstigsten Lichteinfallwinkel finden, denn die Scherbe ist gebogen.
Und so erlebte ich zwar keine Sonnenfinsternis, aber ein für mich durchaus auch erfreuliches Erlebnis: eine hübsche Scherbe zu finden, die mir nicht den Fuß zerschnitt – ist das etwa nichts?
Was die Kakteen anbelangt, so war ich heute gegen 5 Uhr nachmittags erneut dort, um zu sehen, was aus den gestrigen Blüten geworden war. Die Wand, an der die Kakteen stehen, lag nun voll in der Sonne, und die meisten Blüten sahen müde und verwelkt aus. Ein klares Bild über den Verlauf des Blühens habe ich trotzdem noch nicht, denn es gab auch einige Blüten, die nur wenig geschlossener als gestern waren, und ein paar neue Knospen sah ich auch.
Falls du die Fotos mit den gestrigen vergleichen möchtest: hier.
Heute war ich schon um halb zehn am Strand, in der Hoffnung, dass ich die Blüten der riesigen Kakteen endlich mal voll aufgeblüht zu sehen bekäme. Denn gestern nachmittag sah ich eine Menge neuer Knospen. Schön waren sie heute morgen, aber immer noch nicht ganz offen. Vielleicht liegt es daran, dass sie immer im Schatten des Hauses stehen?
Ich beschloss, erst einmal schwimmen zu gehen und dann weiterzusehen.
Morgens (es ist ca halb zehn) ist das Meer besonders schön und klar. Die winzigen Wellen verbiegen die Steinchen am Grund zu merkwürdigen teils irrisierenden Mustern.
Nach dem Schwimmen kehre ich zu den Kakteen und in den Schatten der Hauswand zurück. Vor mir liegt der immer noch menschenleere Strand. Es ist die Hochzeit des Sommers, aber dieser Teil der Bucht ist selbst am Mittag nicht überfüllt. Die Massen drängen sich da, wo die Liegestühle, Sonnenschirme und Getränke der Strandlokale locken.
Auf der leeren Bühne setzt langsam die Tagesbewegung ein: eine Frau klettert mit ihren beiden Kindern auf der Mohle herum, eine andere schleppt die Spielzeugschublade ihres Sprösslings hinunter zum Meeressaum. Ein Segelboot gleitet ins Bild und vorbei.
Ich schaue immer wieder nach den Kaktusblüten, bemerke ihr leichtes Erzittern. Aber das Bild ändert sich, seit ich sie beobachte, kaum.
Jeden Dienstag ist Drabblen angesagt. Wortman liefert dankenswerter Weise die Wörter dazu, die diesmal sind: Tank – dick – Axt. Mir ist dazu folgende kata-strophische Geschichte aus 100 Wörtern eingefallen:
Hilfe, Mord!
Der dicke Tankwart wurde erschlagen
„Mit einer Axt“, so hörte ich sagen.
Ob Axt oder Beil, ist das das Problem?
Viel wichtiger ist doch, warum und von wem?
Es stellt‘ sich heraus: Die Kasse war voll
und etliche Kunden, die hatten nen Groll
Er füllt‘ ihren Tank mit verdünntem Benzin
Benzinverfälscher, drum hassten sie ihn
Und nahmen ne Axt und zerschlugen den Schädel
Ihn fand auf dem Boden sein ältestes Mädel.
Sie liebte den Vater, obgleich er sehr dick
Und bejammerte laut sein traurig Geschick.
Ich fühle mit ihr, denn Menschen erschlagen
Das sollte man nicht, man muss sie ertragen.
Da ich kein neues Bild legen mag, möge diese Illustration eines anderen Mordfalles genügen. (hier)
Heute morgen fand ich, als ich aufstehen wollte, den Boden mit Glasscherben übersät. Wars der Nachtwind, waren es die Katzen gewesen? Jedenfalls bewegte ich mich gebückt und vorsichtig große und kleine Scherben aufsammelnd barfuß bis zur Treppe, um Besen und Fegeblech zu organisieren.
Aus dem Grund eines der zerschmetterten Gläser sah mich ein großes rundes Auge an.
Scherben bringen Glück, denn die ins Glas verzauberten Elementargeister freuen sich über ihre Befreiung – so hatte ich tags zuvor in einem Gespräch vernommen. Das ist auch der Grund für Polterabende und das Zerschmeißen von Tellern, wie es die Griechen gerne auf der Tanzfläche veranstalten (Bei Todesfällen wird ein Krug zerschmettert.)
Ich will es gerne glauben, denn der restliche Tag ist durchaus glücklich verlaufen. Das erste war, dass ich, als ich die Blumen wässerte, auf dem Boden das erste gelbe Feigenblatt bemerkte, und im Baum entdeckte ich dann auch die erste reife Frucht. Gibt es ein besseres Frühstück als eine sonnenwarme Feige?
Wir fuhren dann nach Kardamili, um den neuen Personalausweis meines Mannes abzuholen. Und siehe: er war fertig und konnte mitgenommen werden. Ich ging inzwischen schwimmen. Und anschließend trank ich einen Espresso unter dem aus Maulbeerbaum und Wein geflochtenen grünen Dach der Strandtaverne.
Schön? Es wurde aber noch schöner, denn wir gingen bei unserem Freund J vorbei, den wir beim Reinigen großer Mengen gerade geernteter Kräuter antrafen. Wenn sie von ihrem Spreu gründlich gereinigt sind, werden sie eingetütet und verkauft.
J war früher Professor in Australien, hatte auch für Parlamentswahlen kandidiert, aber als seine Mutter bettlägerig wurde, kehrte er in seine Heimatstadt zurück und pflegte sie sieben schwere Jahre lang bis zu ihrem Tod. Und sein Leben wurde ein anderes. Unter anderem kümmert er sich um Fahrräder, die er verleiht und repariert.
Ich stöberte ein bisschen in seinem Abstellraum
und kam mit einer frisch gesägten Platte aus Olivenholz wieder heraus. Sie hatte eine faszinierende Maserung, in der ein Fisch schwamm. Und der betrachtete mich unverwandt mit seinem Holzauge. Ob ich die Platte erwerben könne? Sie wurde mir geschenkt.
O ja, es war ein schöner Ausflug! Und von der umwerfenden Landschaft, durch die man fährt, habe ich noch gar nicht gesprochen….
Wir alle wissen, dass uns am 12. August kurz vor der gewöhnlichen Abenddämmerung eine ungewöhnliche zweite Dämmerung erwartet: In Spanien eine vollständige Sonnenfinsternis, weiter östlich nicht vollständig, aber immer noch sehr eindrucksvoll. Wir alle wissen natürlich auch, dass die Sonnenfinsternis dadurch zustande kommt, dass sich die Mondscheibe vor die Sonnenscheibe schiebt und sie vollständig abdeckt.
All das weiß ein jeder, auch ich. Doch als ich gestern nach dem Mond schaute und ihn federleicht und weiß am Tageshimmel entdeckte, wunderte ich mich. Dieses in zwei Tagen ganz unsichtbare Federchen soll uns die Sonne verdecken? Ja, wie ist das denn möglich?
Nun, auch wenn es unwahrscheinlich klingt: genau das wird geschehen. Denn wenn sich Mond- und Erdbahn kreuzen (Mondknoten) und der Mond sich in gerader Linie genau zwischen Erde und Sonne befindet, dann wird für ein paar Minuten nicht das Sonnenlicht, sondern der Mondschatten auf die Erde fallen.
Verstanden? Das „Federchen“ dort oben am Himmel ist ja durchaus der ganze kompakte Himmelskörper, den wir „Mond“ nennen, doch wird momentan nur ein sehr kleiner Teil der uns zugewandten Seite von der Sonne beleuchtet. Dies ist das „Federchen“, das wir derzeit sehen. Bei Neumond wird auch dies Fitzelchen verschwinden und nur noch die Rückseite des Mondes von der Sonne beschienen sein. Die uns zugewandte Vorderseite bleibt für unsere Augen unsichtbar. Dieser für uns unsichtbare „schwarze“ Mond“ schiebt sich zwischen Erde und Sonne, trifft auf den „Mondknoten“, wo sich die Bahnen von Erde und Mond kreuzen, steht nun haargenau zwischen Erde und Sonne … und da sehen wir ihn als schwarze Scheibe vor der Sonne und meinen, eine schwarze Sonne zu sehen.
Diese und andere Mondgedanken gingen mir durch den Sinn, als ich aus einem Papier mit Frottagegekritzel eine Mondsichel und allerlei andere Formen auszuschneiden begann. Ich legte zuerst einen zunehmenden und einen abnehmenden Mond auf dem Deckel des alten Computers aus:
Wie immer freute ich mich über die expressiven Eigenschaften solcher Schnipsel und probierte weitere Figuren aus.
Ich suchte nun einen Untergrund für weitere Spielchen und fand das Foto eines Mondaufgangs über den Bergen passend.
Und so entstanden weitere Szenen, in denen sich das Mondwesen, sich verwandelnd und vervielfältigend, tummelt.
Χάρτινο το φεγγαράκι (aus Papier der kleine Mond) von Manos Hatzidakis (1925-1994), gesungen von Nana Mouskouri (*1934), ist eines der beliebtesten Lieder der neueren griechischen Musik.
meine Übersetzung:
Es wird das Meer Vögel bringen
Und goldene Sterne der leichte Wind
Um dein Haar zu liebkosen
Um deine Hand zu küssen
Aus Papier der kleine Mond
Künstlich die Küste
Wenn du mir nur ein wenig glauben würdest
Wäre alles wahr.
Wortmans Projekt 25 Wochen – ein Objekt ist längst zu Ende, ich aber kümmere mich nicht darum und poste weiterhin (fast) jeden Sonntag ein Foto von meinem im Januar ausgewählten Objekt: einer kleinen Metallfigur des Kleinen Prinzen. Das tröstet mich ein wenig darüber hinweg, dass der Kleine Prinz, der dieses Jahr begleitet, an Kriegsschauplätzen (was für ein Wort!) verschollen ist.
Das letzte Mal, als er sich meldete, am 21. März, war er im Zagros-Gebirge unterwegs, das schon zu altgriechischen Zeiten als „Kriegsschauplatz“ herhalten musste (in der „Anabasis“ von Xenophon ausführlich beschrieben) und das durch den Irankrieg erneut ins Weltbewusstsein rückte.
Aber genug davon! Ich betrachte die kleine Figur, stelle sie neben den auf dem Schreibtisch ruhenden Kater Lin und freue mich an dem Bild.
Und der wirkliche Kleine Prinz? Ist er noch hier auf unserer Erde, um deren Ressourcen die Völker erbittert kämpfen und dabei den Rest der verbleibenden Ressourcen in Feuer und Rauch aufgehen lassen? Oder hat ihn sein Schutzengel aufgehoben und davongetragen? Wohin? Werde ich ihn noch einmal sehen und mit ihm über die Liebe plaudern können?