„Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“. Serie von fünf Zeichnungen, 2019-07-14

Auf der Wachsdecke meines Balkontisches sind nicht nur Zeilen des Gedichts von Aragon „Les Lila et les Roses“ (der Flieder und die Rosen) zu lesen, das er 1940 unter dem Eindruck des deutschen Vormarsches in Flandern schrieb (den Hinweis auf den Autor verdanke ich Myriade). Außer diesen Gedichtszeilen gibt es auf der Tischdecke Abbildungen des hellroten wilden Mohns und das Wort Coquelicot (französisch für Mohn). Mohn wurde bereits im 1. Weltkrieg durch das Gedicht von McCrae (hier gesprochen von Leonard Cohen) zum Symbol des Todes auf den Schlachtfeldern von Flandern.

Das alles war mir nicht bewusst, als ich vorgestern den schwarzen Stein in die Hand nahm, um ihn zu zeichnen. Nicht einmal an den Ausdruck „einen schwarzen Stein hinter sich werfen“ dachte ich. Auch, als ich den „Hühnergott“ in die Hand nahm, dachte ich nicht an Krieg und Tod, dachte auch nicht an meine alte Heimat, sondern an die Schönheit und die Geheimnisse der Steine.

Im Kommentarstrang schrieb Gerhard, der Hühnergott erinnere ihn an Munchs „Schrei“. Ich überlegte, woran er mich erinnerte, kam aber nicht drauf. Erst heute wurde es mir bewusst: Mich erinnerte er, je mehr ich mich zeichnend auf ihn einließ, an die Profile in Picassos Guernica, gemalt 1937 unter dem Eindruck des Bombardements der baskischen Stadt durch die deutsche „Legion Condor“.

Und so fügten sich der Hühnergott, der schwarze Stein, die Zeilen von Aragon, das Wort Coquelicot und die Abbildung des Mohns zu einer Assoziationskette: Das Grauen des Kriegs, und speziell: der deutschen Kriege. Ich hatte das nicht gesucht, aber es fand mich und blickte mich an. Doch verstand ich, was ich sah? Nein.

Die Erkenntnis kam sehr langsam. Eigentlich wollte ich nur noch einmal den schwarzen Stein zeichnen  Ich stellte ihn hochkant und hielt ihn mit einer Hand fest, während ich mit der anderen zeichnete. Weil ich alles zeichne, was im Realitätsausschnitt zu sehen ist, bezog ich auch die Schrift mit ein. coqueli… stand da. Ich zeichnete auch schattenhaft den Mohn des Tischtuchmusters und dachte mir weiter nichts dabei.

Dann holte ich den „Hühnergott“, um ihn mit dem schwarzen Stein zusammenzustellen. Die Sonne kam durch (es hatte gewittert) und warf scharfkantige Schatten. Das sah interessant aus (s. die Fotos oben). Ich konzentrierte mich ganz aufs Zeichnen und dachte an nichts anderes.

Das Motiv begann mich zu fesseln, und so arrangierte ich die zwei Steine neu. Beim Zeichnen drang das Wort coquelicot, das ich zuvor nur nachgefahren hatte, immer mehr in mein waches Bewusstsein. Mohn, dachte ich, zeichnete auch die hellroten Blüten auf dem Tischtuch. In mir begann es zu rumoren, Erinnerungen kamen hoch. Paul Celans „Mohn und Gedächtnis“, die „Todesfuge“ (hier liest er selbst: … der Tod ist ein Meister aus Deutschland).

Als ich diese fünf Zeichnungen fertig hatte, besah ich sie. Sie waren auf dünnem Papier entstanden. Um sie zu fotografieren, musste ich die Blätter festhalten, denn sie flatterten und rollten sich ein. Und ich sah, was ich gezeichnet hatte.

„Einen schwarzen Stein hinter sich werfen“, sagt man in Griechenland, wenn man seine Heimat für immer verlässt, weil man sie nicht erträgt. Ich fand den schwarzen Stein nun auf meinem Balkontisch wieder. Vergebens warf ich ihn hinter mich. Im Unterbewusstsein ruht er und wartet auf seinen Moment. Als die deutsche „Verteidigungsministerin“ zur Chef-Macherin der EU erkoren wurde, wollte ich den schwarzen Stein erneut hinter mich werfen und nach Afrika auswandern. Aber es hat keinen Sinn. Überall wird er mich einholen.

Doch es gibt einen Trost: auf den Kissen meiner Balkonsessel steht Amor omnia vincit: Liebe besiegt alles.

 

 

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Ein Hühnergott in meiner Hand (Zeichnung 2019-07-13, vormittags)

Eigentlich ist es ein „Hühnergott im Werden“, denn der Stein ist nicht völlig durchlöchert. Dafür hat er ein höchst eindrucksvolles Profil. Ich meine mich zu erinnern, dass er aus Samothrake stammt.

Sollte ich nicht auch diesen Stein portraitieren, so, wie er da in meiner Hand lag? Gefragt, getan.

Natürlich habe ich auch noch ein bisschen mit Fotoshop gespielt, was nicht etwa bedeutet, dass mir die Originalzeichnung nicht genügt. Doch, sie genügt mir, und ich möchte sie auch gar nicht mit den Bearbeitungen vergleichen. Mit denen verfolge ich einen anderen Zweck als mit der Zeichnung.

 

 

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Schwarz: Stein, Vase, Aschenbecher (Zeichnung, vormittags 2019-07-13)

Petra, Ulli, Marie und noch so manche und mancher andere haben letztens ihre hohe Wertschätzung für Steine zum Ausdruck gebracht. Ich selbst wollte schon lange den großen grauschwarzen Stein zeichnen, den ich irgendwann von einem Strand heimgeschleppt habe und der seither das Tischtuch auf dem Balkon beschwert, damit es nicht davonfliegt. Dass Frau Wildgans als Wort des Tages „schwarz“ gewählt hat, wusste ich da noch nicht.

Heute vormittag legte ich ihn vor mich hin, und es fanden sich andere schwärzliche Dinge dort auf dem Tisch, die ihm Gesellschaft leisteten:

  • ein schwerer runder Aschenbecher mit hermetisch schließendem Deckel aus einem Indienshop – wir rauchen zwar schon lange nicht mehr, aber für BesucherInnen steht er halt immer dort -,
  • eine runde dunkel matt lasierte Tonvase mit dem abgebochenen Zweiglein einer Sukkulenten in der engen Öffnung,
  • das Transistorradio, das mein Mann stets bei sich hat,
  • zwei schwarze Kulis wie der, mit dem ich zeichnete,
  • die schwarze Schrift eines französischen Gedichts (Baudelaire? Apollinaire?) auf dem Wachstischtuch, das leichte Wellen schlägt. Leider weiß ich nicht, von wem es stammt (das Gedicht). Das Tischtuch ist eine Spende meiner Schwägerin.

Der Stein und die anderen Dinge sind „schwarz“. Was aber heißt schwarz? Wenn ich das Foto farblich verstärke, zeigt sich eine Flut von Farben.

PS. Durch Myriades Hinweis, dass es sich um ein Gedicht von Aragon handelt, fand ich bei planetlyrik.de eine ausgezeichnete Besprechung von Aragons Lebensgang und Teile der Übersetzung:

Zitat:

„Eine der schönsten Übersetzungen des Bandes, zugleich eine der ältesten, stammt von Friedhelm Kemp. Das Gedicht „Der Flieder und die Rosen“ beschreibt eine Episode des Krieges, die deutsche Offensive im Mai 1940, den Vormarsch der französischen Truppen über die belgische Grenze, den Jubel der Bevölkerung, die sich geschützt und befreit meint, das darauffolgende Debakel.

O Mond der Blütenfülle    Mond der Metamorphosen
Mai wolkenlos und Juni    von scharfem Dolch durchwühlt
Nie werd ich dies vergessen    den Flieder und die Rosen
und jene die der Frühling    in seinem Schurz behielt

Nie werd ich dies vergessen    die tragische Verblendung
den lauten Jubelzug    das Volk die Sonne groß
die Panzer Belgiens Gaben    und liebende Verschwendung
der Straßen grellen Flimmer    in summendem Getos
den Taumel des Triumphes    voran ob Schlacht und Stürmen
das Blut das im Karmin    der Küsse schon erglänzt
und jene Todgeweihten    aufrecht in ihren Türmen
die ein berauschtes Volk    mit Flieder rings umkränzt

 

 

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Leeres Weinglas und Kabelsalat (Zeichnung, nachts 2019-07-12)

Heute Nacht machte ich noch eine Zeichung auf dünnem Skizzenpapier: Mein leeres Weinglas, umrundet und durchdrungen von Kabeln und Computer-Zubehör, auf der Glasplatte des Schreibtisches.

Bearbeitungen? Vielleicht diese?

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Zeichnen statt Grübeln! Fünf Skizzen mit unterschiedlichen Themenstellungen

Am Nachmittag legte ich mich aufs Sofa, wo sich auch Tito bereits platziert hatte. Ich zeichnete ihn schnell in der sehr verkürzten Perspektive, den Kopf nah bei mir, der übrige Körper zusammengeschrumpft.

Tito perspektivisch verzerrt, 2019-07-12

Viel Zeit zum Zeichnen ließ er mir nicht. Schon bald verzog er sich indigniert unter den Tisch, auf dem sich an- und ungelesene Bücher nebst manchen anderen Dingen stapelten. Den dicken Schmöker habe ich gestern im Papierwarenladen gefunden – eines von zehn deutschsprachigen, ein Mängelexemplar und daher sehr billig. Es ist der dritte Band einer Familiensaga aus Neuseeland, bequem zu lesen (Sarah Lark, Der Ruf des Kiwis). Titos Beine unter dem Tisch bitte beachten!

„überladener Tisch“, 2019-07-12

Bei der dritten Zeichnung wollte ich mich mal wieder auf Umrisslinien beschränken. Man sieht, wenn man will, den Tisch mit dem Buch, dem Handy, der Kaffeetasse, der Fruchtschale mit gefundenen Hölzern, der Kristallvase, dahinter die Lehnen des Schaukelstuhls und den ausgezogenen Arbeitstisch mit Stühlen und noch dies und das.  Mir kam es auf das freie Spiel der Linien an, die das Blatt gliedern, lebendig machen, aber nicht füllen.

Umrisslinienzeichnung mit Eulenbecher und Fruchtschale, 2019-07-12

In farbiger Bearbeitung des Fotos sieht die Zeichnung so aus:

Umrisslinienzeichnung, farbig bearbeitet, 2019-07-12

Eine vierte Skizze machte ich dann noch vom selben Platz auf dem Sofa aus. Sie hat eine ziemlich ausgefallene Komposition mit der hohen Zinnvase im Zentrum, dahinter der durchgeschnittene Schaukelstuhl und die Lampe auf einem Extratischchen. Die Gardinen und der Tischläufer halten die Dinge mit ihren Mustern zusammen.

Komposition mit Zinnvase, Schaukelstuhl und Lampe, 2019-07-12

Beim Hundespaziergang im Syngrou machte ich dann bei einem zerfallenen Haus Halt, um noch einmal bei meinen architektonischen Zeichnungen anzuknüpfen. Hier faszinierten mich besonders die ragenden Balken des Dachstuhls und das fächerartige Auseinanderfallen der Deckenbalken, die scharfe Schatten warfen. An den bröckelnden Pfeiler des Eingangs hat jemand sinnigerweise das Wort „PAST“  gesprayt. Gern hätte ich eine präzisere Zeichnung gemacht, aber ich musste im Stehen skizzieren und die Ameisen wanderten an meinen Beinen hoch.  Da war Eile geboten.

„Past“, Ruine im Stadtwald Syngrou, 20019-07-12

 

 

 

 

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Rückbesinnung (Oktober 2017 – Juli 2019)

Heute habe ich nicht gezeichnet. Das ist insofern eine Meldung wert, als ich von Oktober 2017 bis heute so gut wie täglich gezeichnet habe. Vorausgegangen war ein großes HALT! Mein Atelier war überschwemmt und die Arbeiten des Jahres weitgehend unbrauchbar geworden.

Eines der letzten Bilder vor der Katastrophe war die abstrakte Bewegungsstudie oben: Kohle und Pigmente mit Kleister auf Pappe. Ich habe eben Detailsfotos dieser Arbeit herausgesucht und sie mir angeschaut. Welche Dynamik, welcher Mut!

 

Als ich mich wieder traute, entstand als  erstes eine zarte Farbzeichnung- Kohle und Ölkreise auf Pappe.  Eine Öffnung? Eine neue Melodie?

Die Melodie fand keine unmittelbare Fortsetzung. Vielmehr tat ich nun, was ich seit meinen Anfangsjahren nicht mehr getan hatte: nach der Natur zeichnen. Es entstanden zarteste Bleistift- und Federzeichnungen.  Das war im Oktober 2017.

Seither habe ich viele verschiedene Stilarten, Medien und Motive durchprobiert, immer vor der Natur zeichnend, zuletzt verstärkt zurückgehend ins Architektonische. Hier noch mal meine letzte Zeichnung zum Vergleich.

Wohin die Reise gehen wird? Ich weiß es nicht.

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Neue Straßenblicke vom Balkon (zwei Zeichnungen)

Am späten Nachmittag bezog sich der Himmel, es könnte ein Gewitter geben. Großes Aufatmen! Ich setzte mich auf den Straßenbalkon und zeichnete. Das Gewitter ging dann zwar woanders nieder, aber die Atmosphäre hat sich inzwischen wohltuend abgekühlt. Ich denke, man sieht es den Zeichnungen an, dass es nun keine 40 Grad mehr sind…

Straßenblick nach links unten, nachmittags 2019-07-10

 

Straßenblick nach rechts, nachmittags 2019-07-10

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Nachts und am Morgen leben die Dinge verschieden (Wahlzettel-Skizzen)

Heute nacht, bei sehr vermindertem Licht, machte ich zwei weitere Wahlzettel-Skizzen auf dem Balkon. Ich fand nur einen blauen Kuli, der dem billigen Papier arg zusetzte (1. Skizze), wechselte daher zum weichen Bleistift (2. Skizze).

Am Morgen setzte ich mich auf den nun schattigen Balkon und machte zwei weitere Skizzen, um die Wahrnehmung von Dingen und Licht zu vergleichen. Dafür benutzte ich einen schwarzen Kuli. (Draufklicken = Vergrößern)

Auf der vierten Zeichnung siehst du ganz vorn eine runde dunkle Tonvase, dahinter links ein gläsernes Väschen. Beide gibt es auch auf den nächtlichen Zeichnungen. Oben im Querformat,  und in der Nacht davor im Hochformat. Wie anders ist die Wahrnehmung!

 

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Nächtliches Leben der Dinge (Wahlzettel-Skizzen)

Was tun, wenn einem tagsüber die Hitze das Hirn schmilzt und man nachts versucht, sich auf dem Balkon Kühlung zu verschaffen? die Wahlzettel holen, die bei den Natonalwahlen anfielen, und ihre Rückkseiten vollzeichnen. Besonders eindrucksvoll sind diese Zettel freillich nicht: kurz, dünn, flattrig. Sie haben die Tendenz, sich einzurollen, zum Fotografieren musste ich sie festkleben.

Viel sehen konnte ich nicht, denn ich wollte kein Licht anmachen. Ich behalf mich mit dem Restlicht, das von der Umgebung und von der Küche her zu mir drang, und zeichnete kleine im nächtlichen Licht leise lebende webende Dinge : den Sichelmond hinter der Pinie, den Plastikstuhl mit dem getreiften Kissen, Schatten mit Besenstiel neben dem Wäschesack, ein dunkles Keramik-Blumenväschen vor der Gießkanne auf dem Tisch, noch einmal den Besenstiel, diesmal mit seinem eigenen Schatten, eine Bierdose und Glasvase vor der Gießkanne. Nicht auf die Erkennbarkeit der Dinge kam es mir an, sondern nur darauf, mich mit dem Stift auf die nächtliche Atmosphäre einzulassen.

Hier noch einmal als farbige Varianten:

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abc-Etüden: Kata-Strophen mit Reimfüßen

Die flügelschnelle Zeit trag‘ ich Auf lahmem Reimfuß .... (Julius Körner, Shakespeares sämmtliche Werke in einem Bande, 1838)

Christiane rief zur nächsten Etüdenrunde,  Gerhard von Kopf und Gestalt spendete die Wörter Fuß, wünschen und harmonisch. Sogleich bestieg ich mein Reimgaul, um meine Füße zu entlasten, denen die Hitze zusetzt. Allerlei reimte sich da zusammen – oder auch nicht. Einen harmlos-unpolitischen Versuch gebe ich hier mal zur Kenntnis. Die Illustrationen zeigen Fotos meiner müden Füße in digitaler Bearbeitung.

KATA-STROPHEN MIT REIMFÜSSEN

Den müden Füßen

Das Leben versüßen

Das würd ich begrüßen

Sie sollten nicht büßen

 

Wenn die Hitze sich staut

In der Stadt die verbaut

Von Verkehrslärm versaut

Dass einem fast graut

 

Sie möchten gern schreiten

Über Sandböden gleiten

Den Horizont weiten

Dir Freude bereiten

 

Harmonisch sich heben

Im Rhythmus sich regen.

Dann ist auch dein Leben

Eine Lust und ein Segen.

 

Doch wenn sie geschunden

Übersät sind von Wunden

Müde der städtischen Wüsten

 Der endlosen steinernen Küsten

 

Dann musst du sie pflegen

Sie wiederbeleben.

Dann wünschen sich Ruh

Deine Füße und du.

 

 

 

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