27.2.2021 Will.i und die große Vertuschung (Malerei)

Am 10. Februar – Will.i  wurde grad 41 Tage alt – hatte ich eine Auseinandersetzung mit ihm.  Ihr erinnert euch, wie er herumsprang – ein kleiner großer Zampano – und schrie:

„Nur weil ihr alt und müde seid und Angst habt, muss ich hier rumsitzen und mich zu Tode langweilen! Warum reist ihr nicht? Warum fliegt ihr nicht mindestens mal zum Mond? Warum träumt ihr nicht groß? Warum lauft ihr mit diesen lächerlichen Masken rum? Ihr seid einfach nur jammervoll!“ Und wütend übermalte und überklebte er das erstbeste Bild, das er auf der Staffelei fand.

 

Ich schob seinen Aufstand damals auf die beginnende Pubertät. Denn weder bin ich alt noch müde noch habe ich Angst. Ich verstand aber, dass er, der seit seiner Geburt unser Gefühl des Eingesperrtseins und der eingeschränkten Bewegungsfreiheit miterlebt, uns für feige und lächerlich hält. Warum tun wir nicht einfach, was uns passt? Warum rebellieren wir nicht? Warum „fliegen wir nicht zum Mond“?

„Es geht eben nicht“, sagte ich ihm damals, denn ich hatte wirklich keine Lust, ihm den Irrsinn der Maßnahmen im einzelnen zu erläutern. Und das mit dem Mond – wie sollte ich ihm erklären, dass wir nicht mal unser Haus verlassen dürfen, ohne den Behörden darüber Rechenschaft zu geben, während andere derweil sogar zum Mars aufbrechen?

Jetzt ist Will.i 58 Tage alt alt – man könnte ihn für sechzehn halten -, und er lässt sich nicht mehr mit schlichten Worten abspeisen. Er will wissen, was gespielt wird. Und da er inzwischen des Lesens mächtig und im WWW unterwegs ist, als sei es seine natürliche Umwelt, fischt er täglich irgendwelche Nachrichten aus dem Netz und hält sie mir vor die Nase. Heute war es ein Artikel in der FR (Frankfurter Rundschau). „Erst machen sie die Flasche mit dem großen Gespenst auf, so dass alle Leute sich vor Angst in die Hose machen, und dann sagen sie: Besen Besen seis gewesen.  Du wirst sehen, sie werden alles vertuschen!“  so Will.i mit funkelnden Augen und gerunzelter Stirn.  – „Wovon redest du eigentlich, Will.i?“ – „Hier, lies selbst!“ Und ich lese: „Hinzu kommt eine neue Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation. Die WHO geht offenbar davon aus, dass die Pandemie bereits in wenigen Monaten vorbei sein wird. Grundlage dessen, sei der weltweite Rückgang im Bereich der Neuinfektionen. Hans Henri Kluge, WHO-Regionaldirektor Europa, sagte Medien des dänischen Rundfunks: „Es wird weiterhin ein Virus geben, aber ich glaube nicht, dass Einschränkungen nötig sein werden.“

„So!“, sage ich. und dann: „So, so.“ Mehr sage ich erstmal nicht. Denn was soll man sagen, wenn einem zu viel auf einmal einfällt? Dann frage ich aber doch noch mal nach: „Was meinst du mit vertuschen?“ – „Na, sie werden sagen, dass diese Grippe wegen all der Maßnahmen und wegen der Impferei zum Stillstand gekommen ist. Dabei wäre sie es ohnedies. Lies doch weiter:  Klaus Stöhr, Epidemiologe, Virologe und ehemaliger WHO-Funktionär warnte bereits vor geraumer Zeit, Mutanten falsch einzuschätzen. Laut Stöhr zeige die historische Entwicklung, dass ein plötzliches Nachlassen des Infektionsgeschehens wahrscheinlich sei. Er verglich die Corona-Pandemie dabei mit zwei Influenza-Pandemien, der asiatischen Grippe und der Honkong-Grippe. In beiden Fällen sei das Infektionsgeschehen genauso schnell abgeflacht, wie es sich aufgebaut hätte.“

„Na ja“, murmele ich, denn ich kann einfach nicht glauben, dass nun das, was ich seit einem Jahr predige, offizielle Wahrheit sein könnte. „Das ist vielleicht die Meinung von diesem Virologen, aber es gibt andere.“ – – „Wenn du weiterlesen würdest, wüsstest du, dass es auch andere gibt“, fährt mich Will.i an. „Lies doch! Schon gut, du willst nicht, also lese ich es dir vor: Stöhrs Einschätzung wird offenbar durch eine neue Studie aus den USA gestützt. Diese wurde vor Kurzem im Fachmagazin „Science“ veröffentlicht – und kommt zur Prognose: Das Coronavirus werde sich „endemisch“ entwickeln, sprich: sich nur noch sehr lokal verbreiten.“

Langsam löst sich etwas in mir. Mir ist, als sähe ich irgendwo am Horizont ein Stückchen freien Himmel, eine Öffnung, einen Hoffnungsschimmer. „Das wäre ja zuu schön!“ sage ich. „Aber warum bist du so wütend, Will.i? Eigentlich ist es doch ein Grund zur Freude.“ – „Was soll da ein Grund zur Freude sein?“ schreit er aufgebracht. „Erst regieren sie alles in Grund und Boden und machen unsere Zukunft kaputt, und dann rühmen sie sich, dass sie eine Pandemie, die überhaupt keine ist, besiegt haben? Sollen wir sie dafür noch loben und uns durch Kniefälle bedanken? Ich glaub, ich brauche Luft!“ und weg ist er.

Da stehe ich nun und weiß nicht, was ich von all dem halten soll. Zögernd ergreife ich den Pinsel. Erstmal all das Schwarze, das Will.i reingeschmiert hat, übertünchen, denke ich. Schließlich ist Frühling. Überpinseln, übertünchen, übertuschen. Vertuschen. Gut so. Alles ist einigermaßen weiß übertüncht. Aber wie geht es weiter? Aufwärts? Abwärts? Große Rutsche nach unten? Fluchtweg? Haupt- und Nebenwege? Spaltung? Sackgasse? Verlies? Fenster und dahinter die nächste Wand? O Schitt! Vielleicht stehen Will.i trotz allem schwierige Zeiten bevor.

 

 

 

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26.2.2021 Will.i erfindet das Glasscherbenspiel : Erzähl mir eine Geschichte!

Will.i mag meine Glasscherbenbilder. „Sie erzählen Geschichten“, sagt er.

„Und welche Geschichte erzählt dies Bild?“ frage ich ihn. Sofort beginnt Will.i: „Es ist an einem heißen Abend in Afrika. Dort, wo es fast nur noch Kakteen gibt und die Wüste beginnt. Da treffen sich zwei Männer. Der eine lebt immer dort, er hat die Farbe der Erde angenommen. Der andere kommt von weither, wahrscheinlich aus den USA. Auf seinem Kopf trägt er einen Hut wie die Cowboys, aber er ist doch anders, denn der Hut hat eine besondere Eigenschaft: Er sagt seinem Träger immer, in welche Richtung er gehen muss, wenn er ein Ziel im Kopf hat. Das ist einerseits sehr praktisch, denn so kann er sich nicht verirren. Andererseits ist es aber auch unpraktisch, denn ich finde, Umwege sind oft viel interessanter als der direkte Weg. Nun also ist er hier gelandet, am Rande einer Wüste, und es sieht so aus, als wüsste er, was er hier sucht. Er will ein Tauschgeschäft machen und glaubt, dass es zu seinem Vorteil sein wird. Ein Schlauberger und Abenteurer, wie viele unterwegs sind. Der schwarze Mann ist aber auch nicht auf den Kopf gefallen. Er kennt solche Leute wie den weißen Mann, er durchschaut sie. Für ihn sind sie aus Glas. Und wenn er sich nun hinsetzt und mit dem Palaver anfängt, so weiß er sehr genau, worauf er es abgesehen hat: er will sich in den Besitz des Hutes bringen. Er möchte nämlich weg aus dieser Gegend, wo es immer trockener wird, und der Hut könnte sehr brauchbar sein, um ihm den Weg zu zeigen, wie er hier am schnellsten wegkommt….  Aber wieso soll ich die Geschichte eigentlich allein erzählen? Das ist langweilig. Besser wäre es, jeder fügt ein Stück hinzu und es kommt eine Scherbengeschichte zusammen, passend zum Scherbenbild.“

Mir gefällt die Idee. Sie ist irgendwie tief symbolisch. Zerbrochen in viele Stücke, immer neu zusammengesetzt, immer neu erzählt wird die Geschichte dieser Welt! Ein buntes Kaleidoskop! Schüttelt man ein wenig, ändert sich das Bild.

„Aber ist es nicht zu schwer, wenn man nur ein Bild hat?“ frage ich den Will.i. „Vielleicht fällt einem dazu nichts Rechtes ein. Was meinst du, soll ich zwei Bilder zusammenfügen, so dass die Fantasie schneller in Bewegung kommt? Zum Beispiel so?

Oder ist es dann noch schwieriger? Was meinst du?“ – „Da fragst du besser deine Leser und Leserinnen“, antwortet mir Will.i. „Die sollen dir ja die Geschichten erzählen helfen.  Wenn sie Lust haben, nehmen sie das Bild mit den drei Leuten hinzu, oder sie erzählen einfach meine Geschichte weiter. Sie ist ja nicht zu Ende, oder?“

Also frage ich euch: Habt ihr Lust, an Willi.s Glasscherbenspiel teilzunehmen? Und wenn ja: wollt ihr immer nur ein Bild, oder doch lieber zwei oder drei?

Will.i ist gespannt, ob ihr Lust zum Weiter-Erzählen habt. Und ich auch.

 

 

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25.2.2021 Mit Will.i im geplanten Behindertencafe

„Viel gibt es noch nicht zu sehen“, sage ich zu Will.i, der nach Kalamata mitkommen will, wo ich mit zwei Frauen verabredet bin. Wir wollen die Räumlichkeit fotografieren, in der wir unseren Behindertentreff einrichten wollen. „Du wirst enttäuscht sein“.

Am Ende ist er aber nicht enttäuscht, sondern ganz im Gegenteil sogar recht eifrig. „Gute Gegend“, meint er anerkennend, als er durch einen Seitenaufgang und ein eisernes Schiebedach auf die Dachterrasse gelangt ist. „Und richtig groß, da passen viele Tische drauf, und eine Bar und jede Menge Blumenkübel und Sonnenschirme!“

 

„Ok, zugegeben, hier muss noch allerlei renoviert werden, aber das schaffen wir schon.“ Sein „das schaffen wir“ freut mich natürlich, besonders das „wir“, das ihn einschließt, beeindruckt mich. Will.i will uns also unterstützen, bravo!

Die Terrasse ist wirklich riesig, aber noch vollkommen ungesichert, und der Zugang ist alles andere als behindertengerecht. Der Umbau wird unsere finanziellen Möglichkeiten vorerst übersteigen – es sei denn, wir finden noch einen großzügigen Spender wie den, der uns für die Ersteinrichtung 12 000 E zur Verfügung gestellt hat!

Das Geld werden wir für den Hauptraum brauchen. Jetzt, wo wir unsere Immobilie leergeräumt und im hellen Licht der wieder hergestellten Elektrizität betrachten, sehen wir die vielen Schäden: Feuchtigkeit an der Rückwand der Küche, schlecht verlegte elektrische Leitungen, bröckelnder Putz, mürbes Holz der Türrahmen.

Die Fenster sind sehr hoch und arg klein – aber es ist ein schützenswerter Altbau und Veränderungen an der Fassade bedürfen einer Extra-Genehmigung.  Die Architektin, die die Pläne für die Umgestaltung kostenlos entworfen hat, möchte mehr Licht hineinbringen. Schön wärs ja!

Sie ist eine erfahrene Architektin und macht uns Mut. Alles nicht so schlimm, für alles finden sich Lösungen! Und ich summe in Gedanken die Schlussstrophe der Dreigroschenoper: „Wenn das nötge Geld vorhanden, ist das Ende meistens gut“.

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg,“ merkt Will.i an. „Es wird schön“, sagt Ingrid. „Keine Bange“, sagt Eleftheria. „Das kriegen wir schon hin.“

Auch ich bin voller Hoffnung: Es wird klappen! Unser Ziel ist, zwei Wochen vor Ostern fertig zu sein, damit wir eröffnen können: mit Cafe,  Basar und Werkbank, mit Blumenkübeln vor der Tür und Bildern an der Wand, mit Musik und Tanz und vielen Besuchern.e

Wer nicht träumt, der nicht gewinnt!

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Falls Du etwas zur Realisierung dieser schönen Pläne beitragen möchtest:

EPIKOURIOS APOLLON

Soziale Genossenschaftliche Unternehmung zur beruflichen Integration behinderter Menschen

Kalamata/Griechenland

e-mail epapollon@gmail.com

Kontonummer IBAN GR44 0171 3450 0063 4514 4492 438

Spenden in jeder Höhe sind hoch willkommen.

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abc-etüde: Strickjackenzeit mit verhinderten Kata-Strophen

abc.etüden 2021 08+09 | 365tageasatzaday

Christiane lädt ein, Wortgeflumselkritzelkram spendete drei Wörter. Draus habe ich zwei Kata-Strophen gestrickt und hoffe, es ist mir nicht völlig missglückt.

Strickjackenzeit

I

Trügerisch ist dieses Wetter

Eben denkste, lieber Vetter!

Wat ne Wärme welche Pracht

Wie die Sonn vom Himmel lacht

Nun will ich mich nicht verstecken

Will die Männerwelt erschrecken!

Um Männerherzen zu erweichen

Könnte dieses Blüschen reichen!

Doch die Oma die ist weise

 Und ins Ohr mir flüstert leise

Sonne lacht, doch liebes Lieschen

Nur mit einem Sommerblüschen

Ist der Schnupfen gar nicht weit

Jetzt ist Strickjackenzeit

II

Eben ist die Schule aus

Der Ali strebt auch gleich nach Haus

Da sieht er eine süße Maid

Die trägt nen Blüschen busenweit

Er denkt, das ist doch sehr viel netter

Zumal bei diesem Frühlingswetter

Als sich mit Schal und Mantel quälen

Ich sollte Hemd und Weste wählen

Da würd die Süße nach mir schaun

Und ich, ich würde mich auch traun

Ihr offen hinterherzublicken

Und einen Gruß und Kuss zu schicken

Doch Mama sagt, ja täusch dich nisch

Die Weiber die sind trügerisch

sie tändeln gern und wolln dich necken

du wirst das sicher bald entdecken

Wenn Mädchen nur im Blüschen gehn

Sollst in die andre Richtung sehn

Sonst ist der Kummer gar nicht weit

Dies ist Strickjackenzeit!

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24.2.2021 Will.i fragt nach den Eulen und der Demokratie – eine Zimmerreise

Mein Startpunkt für die Zimmerreisen ist heute der Kaminsims. Ihr wisst, Heide von der Puzzleblume hat zu solchen Reisen angeregt, durch die wir die Gelegenheit haben, aus dem Vierlerlei unserer Haushalte das eine und andere auszuwählen und eine persönliche Geschichte daran zu knüpfen. Und ich muss sagen, ich finde nicht nur die Idee, sondern auch die Geschichten, die sich bisher entwickelt haben, irgendwie ganz besonders, persönlich anrührend.

Heute also sehe ich Will.i, wie er vor dem Kaminsims steht und schief lächelt. „Gehts noch?“ sagt er, als ich ihn auf das anspreche, was er da entdeckt hat. Und tatsächlich: eine Eule als Weihnachtsmann, dazu auch noch Ende Februar, auf dem Kaminsims! Gehts noch?

Aber so ist es nun mal in unserem Haushalt: Alles geht, was irgendwie von Ferne mit Eulen zu tun hat. Und sammelt sich auf dem Kaminsims oder einem Regal, einer Wand oder einem Stuhl, einem Fenster oder auch in der Luft hängend an.

„Du musst das verstehen“, sage ich zu Will.i. „Dies ist ein Geschenk und als solches vor Kritik bewahrt. Jeder, der zu uns kommt, bringt eben irgendwann eine Eule mit, das ist unausweichlich. Und jeder will eine Eule bringen, die es in unserer Sammlung noch nicht gibt. Ganz einfach ist das nicht, denn wir haben inzwischen hunderte. In der Athener Wohnung, die du leider noch nicht kennst, haben wir sogar eine Extra-Vitrine, um all die Eulen angemessen unterzubringen.“ – „Ja, spinnt ihr eigentlich?“ fragt Will.i nun leicht verstört. „Warum sagt ihr den Leuten nicht, sie sollen gefälligst aufhören, euch Eulen zu bringen? Wollt ihr am Ende noch eine dritte Wohnung aufmachen, damit die Eulen alle Platz haben?“

Nein, nein, möchte ich antworten. Nein, wir wollen keine dritte Wohnung, nein wir brauchen auch keine, denn die Eulen sind ja klein, nein,wir wollen auch niemandem sagen, keine Eulen mehr zu bringen und nein: auch wir wollen nicht aufhören, von jeder Reise Eulen heimzubringen. Hoffentlich können wir bald wieder reisen.

„Mit den Eulen“, so murmele ich stattdessen, „mit den Eulen verbindet sich eine ganz besondere Geschichte.“ Da wird sogar der Will.i hellhörig. „Erzähl!“ – „Na gut, es war in dem Jahr, als ich Panos kennenlernte. Das war im April 1967 in Kiel. Er demonstrierte, weil in seiner Heimat Griechenland Militärs die Macht übernommen und eine Diktatur errichtet hatten.“ -„Eine Diktatur?“ – „Ja, Will.i. In Griechenland waren viele Menschen unzufrieden und streikten immer wieder. Sie wollten eine Regierung, die sich endlich um ihre Bedürfnisse kümmerte. Aber das passte manchen nicht, und so ließen sie Panzer auffahren, verhafteten eine Menge Menschen, die das Volk „aufgewiegelt“ hatten und setzten sich an die Stelle der gewählten Regierung. Das passiert leider immer wieder, überall in der Welt. Viel wusste ich nicht von Griechenland, aber das wenige reichte, damit auch ich auf die Straße ging.  Und so lernte ich Panos kennen.“ – „Und was hat das mit den Eulen zu tun?“ – „Es gibt in Deutschland eine Redensart: ‚Eulen nach Athen tragen‘, die kannte ich, und so schenkte ich ihm eine Eule und sagte: ‚Mach dir keine Sorgen, du wirst schon noch viele Eulen nach Athen tragen‘. Wir haben dann geheiratet und von jeder Reise eine Eule mitgebracht. Auch Freunde begannen, uns Eulen zu schenken. Nach sieben Jahren waren es schon eine ganze Menge. Dann wurden die Militärs zum Teufel gejagt, die Demokratie kehrte zurück und Panos konnte in seine Heimat reisen.“ – „Und hat all die Eulen mitgenommen, um sie nach Athen zu tragen…“, meint Will.i grinsend. „Nein, nein, nicht sofort. Es dauerte noch ein paar Jahre, bis ich endlich nach Athen umsiedeln konnte. Und die Eulen nach Athen brachte. Seither sind viele dazugekommen. Zum Beispiel diese hier. Die machen die drei Affen nach. Nix sagen – nix sehen – nix hören. Ganz aktuelle Eulen“.

„Was willst du damit sagen?“ fragt Will.i misstrauisch. „Dass wir in einer Diktatur leben?“ – „Ach was, mein Will.i. Wir leben in einer Demokratie, mit einer gewählten Regierung. Und die meisten sind froh, dass sie diese Regierung haben.“  „Du nicht?“ – „Doch, doch, ich auch. Nur grassiert jetzt eine Krankheit, und ich bin mit vielem nicht einverstanden, was die Regierung deshalb beschließt und anordnet. Und zwar nicht nur hier, sondern auch in anderen Ländern, so auch in Deutschland. Ich sage zum Beispiel: diese Maßnahmen sind schlimmer als die Krankheit. Wenn ich es sage, sind mir meine Freunde böse und wollen nichts mehr mit mir zu tun haben“. – „Das versteh ich nicht. Wieso sind sie dir böse, wenn du sagst, was du meinst?“ – „Ja, Will.i, das weiß ich auch nicht. Vielleicht haben sie Angst, dass sie krank werden, oder sie denken, wenn sie mit mir befreundet sind, kriegen sie Ärger.“ – „Aber wieso? Wir leben doch in einer Demokratie, sagst du?“ – „Ja schon, aber auch in einer Demokratie wollen die meisten nichts zu tun haben mit denen, die anderer Meinung sind als die meisten. Aber lass man, pst! reden wir lieber nicht laut darüber, sonst gibt es gleich wieder Kloppe. Besser wir legen eine Eule, damit wir was zu essen kriegen.“

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Projekt ABC von Wortman. D wie dreimal Drachen

https://wortman.wordpress.com/2021/02/21/projekt-abc-d-wie-dropzone-commander/

 

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Impulswerkstatt: Blicke aus dem Eulenfenster

Sehr viel Lebensqualität hängt vom Blick ab, den du von drinnen nach draußen tun kannst. Auf Myriades Foto blickt man von einer tiefen Dunkelheit in eine gemäßigte Helligkeit, denn viel Licht lassen die eng gepackten Hinterhofhausdächer und der graue Himmel auch draußen nicht zu, und das wenige wird durch eine feine Spitzengardine zusätzlich gebrochen.

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2021/02/01/impulswerkstatt-einladung-fuer-februar-2020/

Wie anders ist der Blick durch meine Eulenfenster! Zwar sind sie auch recht klein, aber es sind sieben, keine Wand ist ohne Fenster. Hinzu kommt eine Eulen-Glastür, die in den Garten führt. Und wenngleich der große Raum immer ein wenig im Dämmer liegt, kann sich keine tiefe Dunkelheit einnisten.

Alles, was ich von drinnen nach draußen wahrnehme, wird von diesen Eulenfenstern gerahmt. Wie auf diesen vier Ausblicken.

Die Eule ist in unseren beiden Haushalten – in Athen und in der Mani – allgegenwärtig, und es ist wahrhaftig kein Zufall, dass die Fenster- und Türvergitterungen dieses Motiv aufweisen.

Warum das so ist – davon werde ich ein wenig in meinem Eintrag „E wie Eule“ im Kontext der „Zimmerreisen“ erzählen, zu denen Heide von „Puzzleblume“ einlädt.

Hier nur so viel:

Als dies Steinhaus in der Mani entstand, faszinierten mich die leeren Fensteröffnungen. Sie boten einen herrlichen Ausblick ins weite Fruchtland, hinunter bis zum Meer, hinauf ins Gebirge. Ungern ließ ich es zu, sie durch Fensterrahmen zu verengen und durch Glas zu verschließen –  aber das musste ja sein. Jalousien, wie hier üblich, wollte ich aber nicht. Ganz ohne Schutz gegen Einbrüche ginge es aber auch nicht. Und so beschlossen wir, die Fenster zu vergittern.

Normale Gitter geben einem Haus das Flair eines Gefängnisses. Ich wollte Gebogenes haben, das sowohl ein Gefühl von Sicherheit als auch von Offenheit vermittelt. Gebogen = geborgen, dachte ich. Und wie ich so saß und überlegte, kam mir die Idee: Mach doch ein Eulengitter! Ich skizzierte den Einfall und  brauchte nun nichts weiter zu tun, als einen Schlosser zu finden, der die Skizze in Eisen umsetzen würde. Wunderbarerweise fand sich ein solcher: Er passte die Form der Eule an die wechselnde Größe der Fenster höchst geschickt an, fügte noch Zierrate hinzu – und seither schauen wir durch diese angenehmen Öffnungen, die, wenn man es nicht besser weiß, auch Herzen sein könnten.

Die Türvergitterungen aber traute sich dieser geschickte Schlosser nicht zu, und so empfahl er uns einen Kollegen, der es tatsächlich schaffte, das Eulenmotiv – nun schon leicht ins Klassisch-Griechische verändert – auch für die Türen anzupassen.

 

 

 

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Am Hafen (perspektivische Zeichnung)

Gestern, nach der Lektion über die Perspektive, hatte ich Lust, mich noch mal an der Realität abzuarbeiten. Am Hafen fand ich einen Poller, um mich drauf zu setzen, zückte meinen Winzlingsblock und einen blauen Kugelschreiber, um die Straßenszene perspektivisch richtig nachzuzeichnen.

Ein wenig wacklig wurde die Zeichnung – aber man bedenke, hier ist Erdbebengebiet, die Stadt wurde vor 35 Jahren fast dem Erdboden gleichgemacht. Da dürfen dann auch die heutigen Mauern noch nachbeben. Was mir besonders auffiel, war, dass der gepflasterte Teil des Platzes rechts – daneben beginnt das Hafenbecken – schnurgrade auf eine sehr hohe Palme zuläuft, die wie ein Ausrufungszeichen die Senkrechte anzeigt. Das Gebirge dahinter war gestern recht dunkel und nahegerückt, so dass sich ein dramatischer Kontrast mit den helleren Häusern ergab.

Leichter und und frühlingshafter ist diese Farbversion:

 

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23.2.2021 Will.i und das perspektivische Zeichnen (kleine Beobachtungen)

Seit ich mit Will.i das erste Mal über das räumliche Sehen gesprochen habe, ist fast ein Monat vergangen – hier.

Damals schrieb mir Jules van der Ley im Kommentar: In NRW ist Perspektive im Kunstunterricht der 9. Klasse vorgesehen. Versuchsweise haben wir das Thema in der 7. versucht zu unterrichten, mit wenig Erfolg. Vor der 9. ist die Konstanzleistung des Gehirns zu dominant. Ein Teller wird immer als rund gesehen, obwohl er perspektivisch eine Ellipse ist. Die perspektivische Darstellung erfordert, von der Wahrnehmung zu abstrahieren und zu erkennen, dass unsere räumliche Wahrnehmung eigentlich eine Falschnehmung ist.

Will.i war damals erst 28 Tage alt und wohl noch zu klein, aber inzwischen ist er ja schon 54 Tage oder umgerechnet in seinem 15. Lebensjahr.  Ja, ja,  die Zeit verfliegt!

Als ich ihn gestern einen Teller zeichnen ließ, wurde es durchaus kein Kreis, sondern glich eher einer Ellipse, und so fragte ich ihn, was er inzwischen über das perspektivische Sehen wüsste.  Viel war es nicht. „Teller sehen manchmal aus wie fliegende Untertassen“. Ach so, ja, hat er wohl irgendwo gesehen. „Aber kannst du ein Haus perspektivisch richtig zeichnen? Weißt du, wie man das macht? Schau mal dies Haus hier. Du erinnerst dich? Wo habe ich gesessen, als ich es zeichnete?“

„Na, am Strand, was weiß ich!“ – „Schau mal genau hin: Kannst du an der Zeichnung erkennen, wo ich gesessen habe?“ Bereitwillig betrachtet Will.i die Skizze. „Rechts und unterhalb vom Haus, denn du siehst einen Teil der Hausseiten, viel von der unteren Mauer und wenig vom Dach. Und das Geländer verläuft ein bisschen schräg.“ – „Richtig, Will.i! Und wie müsste ich das Haus zeichnen, wenn ich es, sagen wir mal, von links aus gesehen hätte?“ – „Hm, dann würdest du eben die linke Hauswand sehen, soweit sie nicht vom Baum verdeckt wird.“ – „Und das übrige Haus? Wie würde ich das sehen?“ – „Kommt drauf an“, ist Will.is ziemlich desinteressiert klingende Antwort. Aber als ich das Haus nun noch mal skizziere, fängt er an, sich für das Thema zu erwärmen.

und zeichnet zu jeder Position rechts – von links unten – von vorn – von rechts oben die vermuteten Veränderungen am Haus ein, bis man schließlich nichts mehr erkennen kann. Also nehmen wir jetzt das Foto vom 28.1. und ich erkläre, so gut ich es kann, wie man eine perspektivische Zeichnung macht: „Also,“ sage ich, „wir standen hier rechts, gut, das bist du. Deine Augen sind auf der Höhe der gelben Linie, ok? Gut.  Nun lässt du deinen Sehstrahl über die Seiten des Hauses gleiten und merkst was?“ – „He, ja! Alle Schrägen, die du hier rot reingezeichnet hast, laufen in meinem Auge zusammen!“. – „Klar, wo denn sonst?“ frage ich.  – „Aber…“

„Ja, ich weiß, da sind auch noch die grünen Linien, aber lass mal für den Moment. Probieren wir es noch mal an einem anderen Bild, ja? Wo stehst du da?“

„Die kenn ich, das ist die Fußgängerbrücke über den Nedousa. Wo ich stehe? Na, hier irgendwo, außerhalb des Bildes. Aber nun laufen die roten Linien ja nicht in meinem Auge zusammen?“ – „Stimmt. Sie laufen auf einem Punkt der gelben Linie zusammen. Die gelbe Linie zeigt deine Höhe an, also wie groß du bist oder wenn du auf einer Leiter stündest … aber du steht ja auf keiner Leiter. Wo die roten Linien auf die gelbe treffen, ist der sogenannte Fluchtpunkt. Von deinen Augen zu diesem Punkt verläuft als gerade Linie dein Sehstrahl. Verstehst du?“ -„Also nicht wirklich. Wieso laufen die roten Linien einmal von mir aus gesehen auseinander, das andere mal aber zusammen?“

Seufz. Gute Fragen hat das Kind, das muss ich schon sagen. Und ich dachte, ich hätte verstanden, wie es sich mit dem perspektivischen Zeichnen verhält.  Aber anscheinend habe ich keine Ahnung. „Vielleicht probieren wir es mal mit einer Konstruktionszeichnung, um es besser zu verstehen? Also: Sagen wir mal, du schaust von einem sehr hohen Gebäude in eine Straßenschlucht. Deine Augen sind auf der Höhe der Horizontlinie, die ich hier mal sachte auf 2/3 Höhe einzeichne. Auf dieser Linie treffen sich alle Fluchtlinien – also die Schrägen – der parallel zueinander stehenden Häuserfronten….

Links haben wir noch ein Sträßchen mit einem anderen Gebäude. Die Fluchtlinien treffen sich wieder auf der Horizontlinie, aber an einer anderen Stelle, nämlich in dem Graffiti-Bild an der Hauswand, die uns anschaut.“

Uff! Stimmt das nun? Will.i schaut hin und her, probiert es auch mit eigenen Zeichnungen. Aber weder er noch ich sind uns sicher, ob wir das Prinzip richtig verstanden haben. Da werden wir wohl noch ein bisschen mehr nachdenken müssen.

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22.2.2021 Montags ist Fototermin – auch für Will.i (und für Pflanzwas)

„Heute ist Fototermin, Will.i. Willst du vielleicht auch einen Beitrag leisten?“

Ich hatte Will.i erzählt, dass Almuth von Pflanzwas seine Experimente mit den Blütenblättern interessant findet und sich womöglich freuen würde, wenn sie noch mehr Fotos sehen könnte, und so suchte er bereitwillig die Fotos zusammen. Will.i ist ein Systematiker, und so gibt es von jeder der zerrupften Blüten ein eigenes Beweis-Foto, dazu auch noch je ein Foto, wenn eine neue Glasplatte auf die darunterliegende platziert wurde.  Ich hatte gestern nur das Endergebnis veröffentlicht, und Will.i war nicht zufrieden. „Das ist unprofessionell“, rügte er mich. „Wissenschaftler müssen jeden Schritt dokumentieren.“

Wie also entfaltete sich Will.is Zähl-Experiment?

a) drei kleine Margariten, davon eine auf dem schwarzen Metalltischchen und zwei auf Glasscherben.

b) auf die erste Blüte wurden die drei anderen, die Will.i auf Glasscherben arrangiert hatte, gestapelt.

und so entstand das vielschichtige Kunstwerk aus Blütenblättern, Blumenrümpfen, Glasscherben, das ich euch gestern zeigte.

Zu meiner Überraschung und Freude brachte Will.i dann noch ein anderes Foto an: „Sieh mal, ich glaube, dieses Kraut macht auch eine Spirale, so wie der Herr Fibonacci sie beschreibt. Ich hab es aber nicht zerrupft, um nachzuzählen. Weil ich weiß, dass du das nicht so gern siehst.“ Lieber Will.i! Ich hätte ihn umarmen mögen!

 

 

 

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