Skizzieren auf meinem Rentenbescheid (tägliches Zeichnen)

Es war nicht geplant, heute außer Haus zu essen. Doch dann saßen wir zur Mittagszeit unter den großen schattenden Platanen einer Taverne, lauschten dem Rauschen eines Brunnens und dem Stimmengewirr im Hintergrund – dort wurde eine Kindstaufe gefeiert -, und warteten auf die Bestellung. Ich kramte in meinem Beutel nach dem Zeichenblock, aber der war nicht da. Nur ein Briefumschlag mit dem letzten Rentenbescheid fand sich. Warum nicht? Auch der hat eine unbedruckte Seite.

Ich ließ das A4-Blatt zusammengefaltet und begann auf dem untersten Drittel zu zeichnen. Salz- und Pefferstreuer auf unserem Tisch zogen als erstes meine Aufmerksamkeit auf sich. Davon ausgehend fügte ich Flasche, Gläser, den Teller mit dicken Bohnen …hinzu. 

Uns gegenüber stand eine gewaltige Platane, deren „Sockel“ hübsch mit Blumen bepflanzt ist. Wie winzig und flüchtig erscheinen gegen diesen Baum die Menschen! Zwei speisen links vom Baum. Rechts in der Tiefe des Tavernengartens lässt es sich die Taufgesellschaft gut gehen. Bunte Luftballons geben einen festlichen Anstrich.

Das oberste Drittel des Blatts füllte ich mit einer Szene, die sich jenseits des gepflasterten und mit einer umheckten Blumenanlage geschmückten Hofs abspielte.  Eine kleinere Gesellschaft hatte sich dort niedergelassen. Der Rest des langen Tisches war noch unbesetzt, er würde sich später füllen. In der Tiefe des Raums staffeln sich die Stützpfeiler und Querbalken für die großen schattenden Planen. Rechts gibt es erhöhte Sitze und den Eingang zu den Innenräumen, die im Sommer nicht genutzt werden. 

Du kannst dir das ohne Fotos nicht recht vorstellen? Dann schau hier.

 

 

 

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Dreimal Vase auf Balkontisch (tägliches Zeichnen)

Heute habe ich eine aus dickem Glas gegossene Vase auf das rundes Balkontischchen gestellt, um sie zu zeichnen. Seit eh und je stehen zwei Zweige mit unverwüstlichen Weidenkätzchen darin. Hinter dem Tisch erscheint ein weißer Plastikstuhl, dessen Formen sich im Glas der Vase brechen. Rechts das Balkongitter.

Im ersten Anlauf zeichnete ich das ganze Motiv, samt meiner Kaffeetasse und zwei Stiften.

In zwei weiteren Anläufen konzentrierte ich mich auf die Linien in der Vase und um diese herum. Solche Brechungen zu zeichnen ist ein unendliches lehrreiches Geduldsspiel, zumal sie sich ja mit dem Sonnenstand ständig verändern.

 

Übrigens habe ich die Vase schon öfter gezeichnet, hier zB den Sockel. https://gerdakazakou.com/2019/09/25/3-1-2-vasen-farbverstaerken-vs-buntstift-ein-vergleich/

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abc-Etüde: Ideensuche (Kata-Strophen)

abc.etüden 2020 37+38 | 365tageasatzaday

Christiane ruft wieder zur Teilnahme am abc-etüden-Spaß. Diesmal ist es Etüdenbegründer Ludwig Zeidler, der die Wörter spendete. Wohl nicht zufällig ist darunter das Wörtchen Idee, denn ach, damit steht es in diesem Hochsommer wie mit seinem Reimwort, dem Schnee. Die Ideen schmelzen dahin.

Ideen

wie sie erwecken?
Wie ihr engelhaftes Gesicht
auch heute wieder entdecken?

Ich grub und grab mich durch Scherben und Staub,
Wo sind die Ideen, wem fieln sie zum Raub?
Es tränen die Augen, die Lunge sie ächzt
Ach meine Seel nach Ideenkraft lechzt!
Wo seid ihr vergraben, die immer ihr thront’t
Bei den Göttern und deren Suche sich lohnt!
Ich sehe nur Schnipsel, denn nichts ist mehr ganz
Vergilbt die Ideen, verloren ihr Glanz.

Und doch, aus dem Haufen der wertlosen Sachen
Strahlt etwas mir zu und macht mich fast lachen.
Es erscheint ein Gesicht,
vielleicht ein Gedicht,
ein Lied und ein Wort
und husch … und fort.

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Zweimal Zimmerpflanze vorm Fenster (tägliches Zeichnen)

Wenn ich sehr unruhig bin wie gerade jetzt (was vom EU-Flüchtlingslager Morea auf Lesbos nach den ersten Bränden noch übrig war, brennt nun auch, und das bei extremen Hitzegraden und Sturm. Es ist wie ein Fanal der Unmenschlichkeit. Mindestens 13 000 Menschen – eine normale deutsche Kleinstadt – sind ohne Obdach und ohne Hab und Gut, die Feuer wüten und bedrohen die gesamte Insel), dann versuche ich erst recht zu zeichnen. Es beruhigt mich, zwingt mich zur Konzentration.

Es war schon recht dämmrig draußen, als ich begann. Die Zimmerpflanze wirkte fast schwarz vor dem helleren Himmel.  Zuerst zeichnete ich mit einem Tintenstift (a), dann verstärkte ich die Kontraste mit einem Filzstift (b) und bearbeitete das Foto ein wenig (c).

Die zweite Zeichnung machte ich bei Kunstlicht. Draußen war es nun dunkel, drinnen brannte eine Lampe, die die Pflanze vergeichsweise hell gegen den weißen Fensterrahmen und die Schwärze der Nacht erscheinen ließ. Ich beschränkte mich weitgehend auf Konturlinien (a). In einer Bearbeitung ahmte ich den tatsächlichen Hell-Dunkel-Effekt nach (b), in einer anderen betonte ich das Lineare der Zeichung auf andere Art (c)

 

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Zweimal Wohnraumecke (tägliches Zeichnen)

Bevor wir nach Athen aufbrachen, nahm ich in zwei Anläufen zeichnend Abschied vom Wohnraum in der Mani.

Auf der ersten Zeichnung ging es mir um das Atmosphärische: Der Raum liegt im Dämmer, Licht fällt nur von den schmalen hohen Fenstern herein. Das eine Fenster ist im Bildausschnitt zu sehen, das andere schickt Licht von links und reflektiert in den Glasscheiben des Bücherschranks rechts. Die Webdecke erhält Licht von vorn durch ein drittes Fenster.

In einem zweiten Anlauf beschränkte ich mich auf die am deutlichsten hervortretenden Linien. Dabei handelt es sich um Linien, die Hell von Dunkel scheiden. Das Auge orientiert sich vor allem an solchen Hell-Dunkel-Kontrasten, und das Hirn organisiert anhand dieser Linien den Raum, der dadurch erkennbar wird.

 

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Neue Legebild-Technik

Heute holte ich ein etwas älteres Bild hervor, das ich mit Kohle und Farbpigmenten auf eine sehr große Pappe gemalt hatte. Ich wollte ausprobieren, wie sich die Schnipsel, die ich in letzter Zeit benutzte (vor allem von Myriade und Ulli) auf dieser Unterlage machen würden.

Aber daraus wurde nichts. Mein Farben sind viel gedämpfter, und so wirkten die aufgelegten Schnipsel wie Flicken.

Eine radikalere Lösung war nötig. Ich fand sie dadurch, dass ich eine ältere Pappe mit ein paar collagierten Figuren großflächig zerriss und die Stücke zusammen mit ein-zwei von Jürgens Schnittresten auf dem Gemälde auslegte. Hier zwei Ergebnisse im Original und je eine Bearbeitung. Zum Vergrößern bitte anklicken.

Einen Titel habe ich noch nicht gefunden. Vielleicht fällt dir einer ein?

 

 

 

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Montags ist Fototermin: Kleiner Abschied

Ich muss mal wieder Abschied nehmen – für hoffentlich nur kurze Zeit. Ein paar letzte Blicke zum Abgewöhnen.

Das hochragende verfallene Haus an der Bucht, ganz oben zwischen den Ziegeln winkt ein Bäumchen herüber.

Der Felsen, auf dem es gebaut ist – von gewaltigen feurigen Kräften einst zusammengebacken und vom Meer ausgewaschen, wo weichere Mineralien weniger Widerstand boten.

Das Meer, immer wieder das Meer und die Sonne im Untergang.

Haltet mir inzwischen Wacht, Hatschiputsch und Tarati, mäßigt die in euch eingeschlossenen wilden Kräfte des Wassers und Sturms, des Feuers und der Erde, bleibt zusammen und streitet euch nicht! Wir Menschen brauchen euch in schöner Harmonie.

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Knapp erwischt! (Gecko-Winzling)

Ein Eintrag für ein schlechtes Foto? Nun, es handelt sich um ein Gecko-Foto, und diese Zwergdrachen haben nun mal meine besondere Sympathie. Sie bringen dem Glück, bei dem zu wohnen sie sich entschließen.

Heute rettete ich einen Gecko-Winzling, der sich am glatten Spülbecken abmühte und immer wieder abrutschte, mithilfe eines Löffels. Er entfloh in Windeseile und suchte Schutz auf meinem Oberarm. Bevor er ganz unter meinem Hemd verschwinden konnte, gelang ein Foto – die anderen Fotos zeigten nur Stücke von meiner Haut oder von der Bluse, aber keinen Gecko.

Wie klein er ist, erkennst du im Vergleich mit den Hautschuppen meines Arms und dem Gewebe der Bluse. Noch immer fühle ich die feinen kühlen Füßchen auf meiner Haut – dabei sind schon viele Stunden vergangen und ich war inzwischen schwimmen.

Lieber kleiner Drachen, mögest du einen sicheren Hafen finden!

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Hatschiputsch und Tarati unterwegs (Legebild und Fotocollagen)

„Hatschiputsch und Tarati“. Legebild aus Schnipseln von fünf verschiedenen Menschen.

„Komm“, spricht das windig-wässrige immer bewegliche Elementarwesen Hatschiputsch zu seinem zögerlichen Freund Tarati. „Lass uns dieses Atelier verlassen und die Welt besichtigen“.

Tarati, den freundlichen Bäumen und der Erde zugetan, fürchtet ein wenig den Überschwang seines Freundes. Genau gesprochen, ist es sein eigenes feuriges Temperament, das er fürchtet und das ihn zögern lässt. Würde er nicht, allzu heftig angeblasen, die schöne ausgetrocknete Erde in Flammen setzen?

Hatschiputsch aber schreit: „Ach was! Komm, Tarati! Zur Not lass ich es regnen! Auf gehts!“ und so kommen sie hinunter zur Bucht.

„Halt ein, Freund Hatschiputsch!“ mahnt Tarati, „treib es nicht zu wild! Die Felsen, das Haus, sie lieben die Ruhe!“

„Ach was“, schreit Hatschiputsch, bläst sich tüchtig auf und lacht. „Ich liebe das Rauschen und Toben der Wellen. Es gibt doch nichts Spaßigeres, als wenn sie weiß schäumen und spritzen! Komm her, probier es aus!“

Doch das ist nichts für Tarati. Wasser? O nein! seine schönen Schuhe, sein feiner Feuermantel! Sein güldenes Haar! Sie würden verderben!

„Ach was! “ schreit Hatschiputsch, und eh Freund Tarati es sich versieht, hat er ihn gepackt und über das Wasser getragen zu einem Schiff, das im Hafen ankert. Da steht Tarati nun steif wie ein Stock und ermahnt seinen wilden Freund, doch ja nicht zu blasen! Das Schiff würde schaukeln!

„Ach was!“ schreit Hatschiputsch. „Halt ein“ spricht Tarati. Und so gehts hin und her, bis der Abend kommt und der Himmel sich feurig färbt.

„So liebe ich es“, spricht Freund Tarati. „Hoch stehen wir über dem Land und schauen ruhig in die Weite. Da unten mag das Meer toben, doch hier oben säuselt nur ein feiner Wind. Auch er wird bald ruhen.“

Dem Hatschiputsch ists freilich zu trocken und viel zu still. Ach käme doch Regen! Und er kommt!! Er strömt vom Himmel, er rauscht, durchnässt die Welt. Tarati rettet sich grad noch rechtzeitig in ein unterirdisches Gewölbe.  Hier, nah am Herzen der Erde, fühlt er sich wohl. Aber Hatschiputsch, sein Freund? Draußen ist seine Welt, im Licht des Mondes glänzt sie hell und funkelt. „Tarati“, ruft er, „Komm! Was willst du hier unten? Die Treppe führt hinauf ins wahre Leben!“

Ich weiß nicht, wie sie ihr Problem gelöst haben. Beide sind ja liebenswert, beide haben recht. Können sie denn nicht zusammen wirken und glücklich sein? Sie sind ja Freunde!

Die Freundschaft von Hatschiputsch und Tarati – wie ist sie zu retten? Wer eine Idee hat, mag die Geschichte zuende schreiben.

 

 

 

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Hitze: Vier Aquarell-Federzeichnungen und ein Ausflug in Sprache, Mythos und Poesie (Neue Rubrik: deutsche Wörter griechischer Provenienz)

Während in Deutschland der Herbst Einzug hält, herrscht hier Sommerglut. Die Glücklichen, die weiterhin schwimmen gehen können (darunter ich), werden rarer.

Heute habe ich vier weitere Hitze-Bilder aus meinem Archiv* gezogen. Ich war, als ich diese Zeichnungen machte, erst ein paar Jahre in Griechenland, und ebenso lange befasste ich mich mit dem Zeichnen und Malen.  Die Siesta bot mir eine wunderbare Gelegenheit, schlafende oder tief ruhende Menschen zu zeichnen. Ich erinnere mich an die schwere Lethargie*, die alle Menschen nach dem Mittagessen erfasste, so dass sie hinsanken und am Boden oder auf einer Liege fast zerfließend, sich dem süßen Morpheus* anvertrauten.  

Die Zeichnungen sind in unserem damaligen Sommerdomizil, dem Häuschen meiner Schwiegermutter, entstanden.


Kleines Lexikon deutscher Wörter griechischer Provenienz

Vorbemerkung: Ab jetzt werde ich manche deutsche Wörter, die aus dem Griechischen entlehnt sind, ein wenig erklären: Etymologie, Bedeutungswandel, Assoziationshof etc. Dadurch wirst du nicht nur in die griechische Sprache und Denkweise eingeführt, sondern verstehst auch deine eigene Sprache tiefer.

Rückblick: Ich habe das auch früher schon oft getan, beesonders aber unter der Rubrik „Griechisches Alphabet des freien Denkens“, das ich im Wechselspiel mit Ulli Gaus Rubrik „Deutsches Alphabet zum mutigen Träumen“ entwickelte. Mein Alphabet begann am 8. Dezember 2016 mit Alpha https://gerdakazakou.com/2016/12/08/alphabet-des-freien-denkens-a-wie-anthropos/und endete am 15. Febraur 2017 mit Omega https://gerdakazakou.com/2017/02/15/griechisches-alphabet-des-freien-denkens.

Der Startschuss zu diesen Alphabeten, die ich weiterhin sehr lesenswert finde, fiel so: „Unter  https://gerdakazakou.com/2016/11/30/apropos-documenta/ kommentierte Ulli: Dein Alphabet in diesem Zusammenhang, liebe Gerda, ist so wahr und real, wie traurig- schon denke ich über ein Gegenüber nach, eins, dass von mutigen Träumen gespeist wird“. Das gefiel mir sehr, und so schlug ich vor: Du machst ein deutsches Alphabet zum mutigen Träumen und ich mache ein griechisches Alphabet zum freien Denken.

Nun aber zu den ersten zwei Wörtern griechischer Herkunft, die in meinem obigen Text eine Rolle spielen und im Deutschen gebräuchlich sind. 

*Lethargie

ist abgeleitet von λήθαργος (lithargos). 

Definition DWDS:

Lethargie f. ‘starke Schläfrigkeit mit Bewußtseinsstörungen, Schlafsucht’, als Krankheitsbezeichnung im 16. Jh. aus spätlat. lēthargia, griech. lēthargía (ληθαργία) ‘Schlafsucht’ entlehnt, aber erst seit dem 18. Jh. allgemein geläufig, vielfach in der übertragenen Bedeutung ‘Trägheit, Gleichgültigkeit, Teilnahms-, Interesselosigkeit’….

Wie so oft,  wenn wir zu den Sprachwurzeln hinabsteigen, stoßen wir auf Elemente der griechischen Mythologie: Lethe. Das ist das Wasser, von dem die Gestorbenen trinken, wenn sie ins Totenreich eingehen. Lethe, „das Verborgene“, symbolisiert das große Vergessen, das einsetzt, wenn du diese Erde verlässt. So wird dich nichts mehr an dein zurückgelassenes Leben erinnern, wenn du irgendwann wiedergeboren wirst.  „Die Seelen nun, denen das Fatum andere Leiber bestimmt, / schöpfen aus Lethes Welle heiteres Nass, so trinken sie langes Vergessen.“ (Vergil, Aeneis).

Α-λήθια (alethia, Wahrheit), das „Unverborgene“, wird dem zuteil, der im Totenreich nicht aus Lethe, sondern aus Mnymosyne (Gedächtnis) trinkt. Er ist der Wissende, der das Verborgene kennt, da er über alle Verkörperungen hinweg die Erinnerung behält. Der Titel von Paul Celans Gedichtsband „Mohn und Gedächtnis“ (1952) spielt auf  diesen Mythos an. Es ist eine Zeile aus dem Gedicht Corona (!).

 

*Morpheus

M-Orpheus ist der Gott des Träume, dem du begegnest, wenn Υπνος  (Hypnos, Schlaf –  vergl Hypnose) dich lebendigen Leibes auf die andere Seite bringt, so dass du lernen und dich von den Strapazen des Diesseits erholen kannst.  Auffallend ist die Ähnlicheit mit Orpheus, dem Helden, der in die Unterwelt hinabstieg, um seine geliebte Eurydike zurück ins Leben zu führen. Doch diese wandte sich zurück…

Im Deutschen kennst du das Wort vor allem als Morphin, dem aus Schlafmohn gewonnenen Rauschmittel, das Schmerzen betäubt und den Leidenden in einen Zustand süßer Lethargie versetzt. Μορφή (Morphe, Gestalt) ist dir sicher aus der Geologie als „Morphologie“ bekannt ist. Der Traumgott Morpheus ist der Vielgestaltige: jede Form kann er annehmen, wie du weißt.

Eine besondere Affinität hat Morpheus zu den Fledermäusen, in deren Gestalt er gern erscheint. Daran dachte ich heute Nacht, als ich schlaflos auf der nächtlichen Terrasse saß, während Fledermäuse blitzschnell an mir vorbeiflitzen, auf der Jagd nach Mücken, von denen es viele gab.

Anhänger des Orpheus-Kultes gaben ihren Toten eine Anweisung mit, darauf wurden sie gewarnt, sich gleich auf die Quelle der Lethe zu stürzen, um den Durst zu löschen. Nein, weiterschreiten sollst du zum Wasser der Mnymosyne und zu den Wächtern sagen: „Ich bin ein Sohn der Erde (Gaia) und des gestirnten Himmels (Uranos), aber mein Geschlecht ist himmlisch, das wisst ihr ja auch selbst. Aber ich bin ausgetrocknet vor Durst und gehe zugrunde; so gebt mir rasch das kühle Wasser, das aus dem Teich der Mnemosyne fließt….. Wenn du dann getrunken hast, darfst du den heiligen Weg gehen, den auch die anderen berühmten Mysten gehen….“ (R. Merkelbach, zitiert nach Wikipedia)

Vieles ließe sich zu diesem Wortpaar Lethagie-Morpheus weiterspinnen bis in unsere heutige Zeit …..

ZB warum es grad die Fledermäuse sind, die uns unsere heutige Krise beschert haben sollen.  Oder ist sie vielleicht doch eher ein Produkt unserer von Kunstlicht und Lärm durchsetzten Schlaflosigkeit, die uns von der heilenden Traumwelt und den Informationen des Jenseits abschneidet?

Siehe hierzu auch Ulli Gau, und den Liedtext von Simon & Garfunkel: In restless dreams I walked alone …

Und nun noch ein Link: Paul Celan liest sein Gedicht „Corona“.

Paul Celan – Corona

 

Aus der Hand frißt der Herbst mir sein Blatt: wir sind Freunde.

Wir schälen die Zeit aus den Nüssen und lehren sie gehen:

die Zeit kehrt zurück in die Schale.



Im Spiegel ist Sonntag,

im Traum wird geschlafen,

der Mund redet wahr.



Mein Aug steigt hinab zum Geschlecht der Geliebten:

wir sehen uns an,

wir sagen uns Dunkles,

wir lieben einander wie Mohn und Gedächtnis,

wir schlafen wie Wein in den Muscheln,

wie das Meer im Blutstrahl des Mondes.



Wir stehen umschlungen im Fenster, sie sehen uns zu von der Straße:

es ist Zeit, daß man weiß!

Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt,

daß der Unrast ein Herz schlägt.

Es ist Zeit, daß es Zeit wird.

 

 

 

 

 

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