Victor (Juttags Geschichtengenerator No 5)

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Viktor (das nächste Mal wird er Nein sagen) – Mülltonne

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Ich sitze immer schon morgens, bevor die Geschäfte aufmachen, an meinem Platz am Eingang der kleinen Fußgängerzone. Jeder, der da rein will, muss an mir vorbei. Ich halte ihm meine Büchse entgegen und sage: Dein Obolus, Kumpel oder Dein Obolus, Madame. Ich bin sozusagen der Zöllner an einem Grenzübergang. Die meisten trauen sich nicht, einfach an mir vorbeizuschleichen. Hingucken mögen sie aber auch nicht, denn ich sehe ziemlich schlimm aus. Gesicht kaputt, ein Bein ab, ein Arm verkrüppelt. Außerdem bin ich schwarz, und das allein macht die Leute irgendwie unsicher. Also schauen sie nicht hin, jedenfalls die meisten. Andere wieder sagen: „Guten Morgen, Victor“, stecken was in die Büchse und strecken ihre Hand aus. Nicht, um sie mir zu geben, nee, das ginge doch ein bisschen zu weit. Aber um ihre „Quittung“ entgegenzunehmen. Manche sagen auch noch so was wie: „Bin gespannt, was du heute für mich hast, Victor.“ Oder „Das gestrige hat mir besonders gefallen“. Ich frag dann schon mal: „Was war es denn?“ und er sagt es mir.

Ich bin, musst du wissen, früher Dichter gewesen, nicht hier in Deutschland, sondern im Kongo. Ich war sogar ziemlich bekannt, wenn du es unbedingt wissen willst. Nebenher bin ich Rennen gefahren, nicht professionell, aber doch regelmäßig. Die Zuschauer wetteten auf den Sieger, und die Sieger kriegten einen Teil des Wettgelds. Damit konnte ich mich ganz gut über Wasser halten. Es war allerdings gefährlich und außerdem verboten. Ich hatte schon mal einen ziemlich schweren Unfall, vor fünf Jahren. Alle meine Kumpels sagten: „Das nächste Mal wird er Nein sagen“. Sagte ich aber nicht. Das war mein Fehler. Meine Reaktionen waren nicht mehr so gut wie vorher. Und so kam es, wie es kam.

Als sie mich einigermaßen zusammen geflickt hatten, habe ich mir das Untergestell mit Rädern gebastelt, das ich heute noch habe. Darauf kann ich das heile Bein gut ausstrecken, und das andere fehlt ja. Es war leider zu niedrig, um an die Mülltonnen zu reichen. Außerdem gibt es in meiner Heimat so viele Krüppel, meistens vom Krieg, dass es schwer war, das nötige Kleingeld zum Überleben zusammen zu kriegen.

Ich hatte Glück im Unglück: Jemand von einer Hilfsorganisation wurde auf mich aufmerksam und sorgte dafür, dass ich nach Deutschland kam. Aber auch hier musste ich ja überleben. Und so kam ich auf die Idee mit den Gedichten. Mein Kumpel, der mich jeden Morgen hier herkarrt und abends wieder abholt, besorgte mir einen Computer und einen Drucker. Wenn einer mir Geld in die Dose wirft und die Hand ausstreckt, greife ich mit meinem Holzarm hinter mich und fische einen Zettel aus der Blechtrommel. Auf dem steht ein Gedicht. Den gebe ich ihm. Das ist meine Art der Bezahlung.

Manchmal schreibe ich die Gedichte selbst, aber mein Deutsch ist nicht so gut, und da klingt es dann nicht so wie ich möchte. Französisch können die meisten meiner Kunden nicht, also nehme ich meistens Gedichte von deutschen Dichtern, die mir gefallen.

Mal sehen, was ich für dich habe, Kumpel. Aha, eins meiner Lieblingsgedichte. Ist ein bisschen lang, aber es lohnt sich. Lies es ruhig mal bis zu Ende. Mein Name ist Victor, das heißt Sieger. Aber das sagte ich dir ja wohl schon. Und danke und schönen Tag noch, Kumpel.

Bertold Brecht

Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration.

Als er siebzig war und war gebrechlich, / Drängte es den Lehrer doch nach Ruh’, / Denn die Weisheit war im Lande wieder einmal schwächlich / Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu. / Und er gürtete den Schuh. // Und er packte ein, was er so brauchte: / Wenig. Doch es wurde dies und das. / So die Pfeife, die er abends immer rauchte, / Und das Büchlein, das er immer las. / Weißbrot nach dem Augenmaß. // Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es, / als er ins Gebirg den Weg einschlug. / Und sein Ochse freute sich des frischen Grases / Kauend, während er den Alten trug. / Denn dem ging es schnell genug. // Doch am vierten Tag im Felsgesteine / Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt: / „Kostbarkeiten zu verzollen?” „Keine.” / Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.” / Und so war auch das erklärt. // Doch der Mann in einer heitren Regung / Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?” / Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung / Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. / Du verstehst, das Harte unterliegt.”// Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre, / Trieb der Knabe nun den Ochsen an. / Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre. / Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann / Und er schrie: „He, du! Halt an!”// „Was ist das mit diesem Wasser, Alter?” / Hielt der Alte: „Interessiert es dich?”/ Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter, / Doch wer wen besiegt, das interessiert auch mich. / Wenn du’s weißt, dann sprich! // Schreib mir’s auf. Diktier es diesem Kinde! / So was nimmt man doch nicht mit sich fort. / Da gibt’s doch Papier bei uns und und Tinte / Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort. / Nun, ist das ein Wort?” // Über seine Schulter sah der Alte / Auf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh. / Und die Stirne eine einzige Falte. / Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu. / Und er murmelte: „Auch du?” // Eine höfliche Bitte abzuschlagen / War der Alte, wie es schien, zu alt. / Denn er sagte laut: „Die etwas fragen, / Die verdienen Antwort.” Sprach der Knabe: / „Es wird auch schon kalt.” / „Gut, ein kleiner Aufenthalt.” //  Und von seinem Ochsen stieg der Weise, / Sieben Tage schrieben sie zu zweit. / Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise / Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit). / Und dann war’s so weit. // Und dem Zöllner händigte der Knabe / Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein / Und mit Dank für eine kleine Reisegabe / Bogen sie um jene Föhre ins Gestein. / Sagt jetzt: kann man höflicher sein? // Aber rühmen wir nicht nur den Weisen, / Dessen Name auf dem Büchlein prangt! / Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen. / Darum sei der Zöllner auch bedankt: / Er hat sie ihm abverlangt.

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Victor (Juttags Geschichtengenerator No 5)

  1. dergl schreibt:

    Sehr schön!

    (Überlegung für mich selbst? Gab es nicht mal in der Schweiz jemanden in ähnlicher Situation, der selber verfasst hat? Buch suchen.)

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    • gkazakou schreibt:

      Danke, dergl! Ich habe, nachdem die Geschichte fertig war, im internet nach kongolesischen Dichtern gesucht, da gibt es tatsächlich ne ganze Menge Interessantes, das meiste auf Französisch, einiges auf Deutsch. Einer, der auch Preise gewann, lebt wohl in Österreich. Ich freute mich, dass meine Idee gar nicht an den Haaren herbeigezogen war.

      Gefällt 1 Person

      • dergl schreibt:

        Auf Deutsch gab es in der Schweiz noch den „Landstreicher“ Uwe Schade, der selber gedichtet hat. Ich glaube, er lebt nicht mehr. Ich las über ihn in einem Buch über Zen, scheint auch Ahnung vom „fließen“ gehabt zu haben. Ich meine, es gäbe auch eine Webseite mit seinen Gedichten, hab leider den URL gerade nicht zur Hand.

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  2. gkazakou schreibt:

    danke, ich schau mal.

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  3. dasgrauesofa schreibt:

    Liebe Gerda,
    auf welche schönen Ideen Dich Juttas Geschichtengenerator immer bringt. Eine richtig schöne Verregneter-Sonntag-Geschichte.
    Viele Grüße, Claudia

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  4. juttareichelt schreibt:

    Liebe Gerda, auch mir gefällt diese Geschichte sehr. Der fast lakonische Ton. Die überraschenden, aber dennoch vollkommen glaubwürdigen Details (der Dichter, der nebenher Rennen fährt z. B.) und dann endet sie auch noch mit diesem schönen Gedicht von Brecht, das mir besonders viel bedeutet, weil ich es (als einziges längeres) auswendig gelernt habe …
    Es gab im vorvergangenen Jahr ein tolles Projekt, bei dem sich SchriftstellerInnen aus Bremen und Uganda einen Monat lang über ihr Schreiben u. a. ausgetauscht haben. Das ist immer noch online unter: http://www.kampalawritesbremen.com und eine echte Fundgrube – vielleicht hast du Lust mal zu stöbern … Sehr herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

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