Samstags ist Märchenstunde: Rapunzel in Afrika – neu erzählt

 

Rapunzel in Afrika – neu erzählt und bebildert

Vor langer Zeit lebte in einem fernen Land, das man Afrika nennt, eine Frau namens Eva. Die war schwanger. Und wie sie das Kind in ihrem Leib wachsen fühlte, überkam sie ein heftiges Gelüste nach einem grünen Kraut, das man hierzulande Rapunzel nennt.

Eva wollte dieses Kraut unbedingt haben. Sie meinte, wenn sie es nicht bekäme, müsste sie sterben.

Eva hatte eine Stieftochter, die hieß Maria. Sie war zwölf Jahre alt und würde, das sah man schon, eine schöne Frau werden. Seit ihre Stiefmutter schwanger war, hatte Maria nichts zu lachen. Sie musste alle schweren Arbeiten im Hause und auf dem Markt erledigen. Sie tat es so gut sie konnte, aber Eva schimpfte mit ihr und schrie: „Das soll eine Suppe sein? Bring den Sack mit den Kartoffeln in den Schuppen! Spute dich! Wie dreckig die Hütte ist, mach sauber, du faules, unnützes Ding! Nie werde ich für dich einen anständigen Mann finden. Am besten, ich gebe dich dem ersten besten, der dumm genug ist, dich mitzunehmen!“.

Eines Tages kam ein Mann an dem Stand vorbei, den Eva auf dem Markt betrieb. Der hatte ein weißes Gesicht, und also hielt sie ihn für einen Weisen. Sie schmeichelte ihm und sagte: „Du bist doch weit herumgekommen, bist ein weiser Mann. Sicher kannst du mir helfen. Ich brauche, lieber Mann, ein Kraut, das man Rapunzel nennt. Ich bin gern bereit, einen guten Preis dafür zu bezahlen.“

Am nächsten Tag kam der Mann wieder vorbei. In der Hand trug er ein Töpfchen mit einem grünen Kraut. „Bitte sehr“ – sprach er. „Hier ist das Kraut. Du kannst es haben, wenn du mir dafür deine Tochter gibst.“

Adam (so hieß der Mann) und Eva wurden schnell handelseinig. Eva bekam den Blumentopf und wurde das Mädchen los, das ihr sowieso ein Dorn im Auge war. „Zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagte sie sich zufrieden.IMG_5933

Man könnte meinen, dass Maria vom Regen in die Traufe kam. Aber ihr neuer Herr, Adam, war ganz nett. Das Haus, in dem er mit etlichen Dienern und Dienerinnen wohnte, kam Maria vor wie ein Königspalast. Sie brauchte nicht zu arbeiten, sondern durfte sich frei im Haus und im Garten bewegen. Den kleinen schwarzen Diener, den Maria schon auf dem Markt gesehen hatte, schloss sie gleich in ihr Herz. Er hieß Joseph und war ungefähr so alt wie sie selbst. Wenn er frei hatte, kam er zu ihr und brachte ihr Leckerbissen, und so war das Leben für Maria recht angenehm. An ihre Stiefmutter dachte sie überhaupt nicht mehr.

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Das blieb so eine Weile, bis der alte Mann sie eines Tages zu sich rief und sagte: „Nun will ich dich zur Frau nehmen“. Wie erschrak da die Kleine! Doch was sollte sie machen? Der Mann rief zwei seiner Dienerinnen herbei. Die sollten auf Maria aufpassen und sie für die Hochzeit herrichten. O, das waren furcheinflößende Weiber! Ganz in Schwarz waren sie gekleidet, und ihre Gesichter konnte man nicht sehen, nur die Augen blickten aus den dunklen Tüchern heraus. IMG_5949Sie steckten Maria in die Badewanne, reinigten sie von oben bis unten und rasierten ihr all ihr Haar ab, das auf dem Kopf und das über der Muschi, bis sie glatt war wie ein Neugeborenes. Sie rieben ihre Haut mit Duftölen ein und hüllten sie in weiche Gewänder, steckten ihre Füße in zierliche Schuhe und setzten ihr eine goldene Maske auf, durch die sie die Welt nur durch Schlitze wahrnehmen konnte. Das war alles sehr befremdlich.

Das Schlimmste aber war ihre Angst, wenn der Herr kam und sie im Beisein der Dienerinnen „enthüllte“, wie er es nannte.

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Er rührte sie nicht an, sondern nahm nur die Gewänder weg und untersuchte sie mit seinen Blicken. Er hieß sie sich drehen und wenden, bücken und die Beine spreizen, hüpfen und schütteln, um die Festigkeit und Beweglichkeit ihres Busens und Hinterns, ihrer Schenkel und Taille zu überprüfen.

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Danach ließ er sie mit den Dienerinnen allein. Wenn er zum Abschied wohlgefällig genickt hatte, durfte sie sich wieder bedecken und zurückziehen. Wenn er aber unzufrieden gemurmelt hatte, wurden die beiden richtig unangenehm. Dann musste sie unter ihrem Befehl alle Bewegungen wieder und wieder ausführen, und wehe, sie ließ es an Unterwürfigkeit und Grazie fehlen!

Einmal gelang es Maria, ihren Aufpasserinnen zu entschlüpfen und  Joseph ihr Leid zu klagen. „Der alte Mann, dein und mein Herr, will, dass ich seine Braut werde. Übermorgen soll ich zu ihm gebracht werden. Ich fürchte mich vor ihm, Joseph! Was wird er mit mir anstellen? Ach, bitte, rette mich! Wenn du das tust, will ich die Deine sein.“ Da lachte Josephs Herz, denn er liebte Maria schon lange. In der nächsten Nacht schlich er sich ins Schlafzimmer der Dienerin, die die Schlüssel verwaltete. Sie schlief tief und fest. Er löste vorsichtig den Schlüsselbund von ihrem Gürtel und schloss geschwind alle Türen auf. Dann schlich er zurück und brachte den Schlüsselbund zurück an seinen Platz. Inzwischen begann es zu dämmern.

Joseph ließ den Ruf des Käuzchen erklingen – das war das Signal zum Aufbruch. Maria warf sich rasch in ihre alten Fetzen und lief zur Hintertür hinaus, wo Joseph auf sie wartete. Zusammen rannten sie, bis sie ganz außer Atem waren. Immer wieder sahen sie sich um, aber niemand folgte ihnen. Da wurden sie froh und wanderten Hand in Hand weiter, bis die Sonne hoch stand. Es wurde sehr heiß, und die Füße taten ihnen weh. Da sagte Maria: „Ach hätten wir doch einen Baum, der uns beschattet! Wie glücklich wären wir!“

Kaum hatte sie den Wunsch getan, da erschien hinter dem nächsten Hügel ein prächtiger Baum. Fröhlich eilten sie hin. Ein dicker Ast lud sie dazu ein, hinaufzuklettern. Wie herrlich war es, sich in den Zweigen des Baumes zu wiegen!  Vögel flogen über ihre Köpfen dahin und große Tiere wanderten unter ihnen durch die Steppe. Angst und Sorgen fielen von ihnen ab. Sie fühlten sich in den Armen des Baumes so sicher wie nie zuvor in ihrem Leben.

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Die Sonne ging unter, und immer noch schwätzten und lachten und turtelten sie im Geäst des Baumes. Der Mond ging auf und malte alles weiß an. Der Mond ging unter und wieder kam die Sonne und wieder der Mond.

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So ging es  viele viele Tage und Nächte. Sie wuchsen und wurden älter, aber nie wollten sie von ihrem Baum herabsteigen. Im Baum war ihr Leben. Langsam wurden sie eins mit ihm. Und wenn niemand den Baum abgehauen hat, dann sind sie immer noch dort und nachts könnt ihr sie hören, wie sie miteinander flüstern und scherzen.

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Du wunderst dich? Wundere dich nicht! Der alte Mann Adam war ein Zauberer. Und weil er außerhalb seines Schlosses keine Macht über Maria und Joseph hatte, lockte er sie auf den Baum, wo sich die beiden langsam in sein Geäst verwandelten. Er selbst aber wurde zum Stamm. Und so hat er sich schließlich doch mit ihnen vereinigt.

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Die Geschichte ist aus, da läuft eine Maus und beißt den Faden ab.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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9 Antworten zu Samstags ist Märchenstunde: Rapunzel in Afrika – neu erzählt

  1. Myriade schreibt:

    Das ist aber eine originelle Geschichte. Zwar hatte ich auf den Auftritt des heiligen Geistes gewartet, aber so gefällt sie mir auch🙂

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  2. Maren Wulf schreibt:

    So tolle Bilder, Gerda! Besonders die Variationen der Baum-Szene gefallen mir sehr.

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  3. gkazakou schreibt:

    Hat dies auf MitmachBlog rebloggt und kommentierte:

    dies Märchen habe ich schon vor einer Weile auf meinem Blog erzählt und stelle es nun in den Mitmachblog ein. Viel Vergnügen!

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  4. tarlucy schreibt:

    Sehr schön geschrieben und bebildert. Klasse.🙂

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