Victor (4) und Emma

inspiriert durch http://juttareichelt.com/in Aktion)

Am nächsten Tag war Victor nicht da, auch nicht am übernächsten. Ich hätte gern jemanden gefragt, ob ihm was passiert ist, aber all die vielen Menschen, die da jeden Tag vorbeigehen, schienen nicht die geringste Ahnung zu haben, was mit ihm los ist. Als er auch nach drei Tagen nicht da war, gab ich es auf, an ihn zu denken.

So verging eine Woche. Es war Freitag und kurz vor neun Uhr abends. Ich sehnte den Ladenschluss herbei, denn meine Füße brannten wie Feuer. Heim wollte ich, so schnell wie möglich, und meine Füße hochlegen. Da kommt ein Mann ins Geschäft, ein Schwarzer. Der war ziemlich bunt angezogen und hatte eine hohe Mütze auf. Er kommt schnurstracks auf die Käsetheke zu, an der ich arbeite, sagt: Madame Emma?

Er sagt Emmaaa. Ich nicke nur. Der kommt von Victor, denke ich erschrocken. Dem ist was passiert. Mein Herz klopft rasend. So was Verrücktes! Was geht mich dieser schwarze Dichter-Krüppel an! Also nee, Krüppel sage ich nur zu mir, um mich zu trösten, weil er sich nicht mehr blicken lässt. Da sagt der Bunte: Bonsoar, Madam, MonomäAbraam, Victor ä de or, zückt eine Visitenkarte und zeigt nach draußen. Er sagt Vic-toor, aber ich verstehe gleich: Victor ist draußen. Ich schaue auf die Uhr. Noch vier Minuten bis Ladenschluss. Ja, sage ich, gern, und nicke eifrig, zeige auch auf die Uhr, und zeige meine zehn Finger, damit er versteht. Ich muss hier noch wegräumen und alles zumachen. Können Sie zehn Minuten warten? War-ten! Zehn Minuten.

Zum Glück kommen keine Kunden mehr. Ich arbeite total schnell und vergesse völlig, dass ich todmüde bin. Meine Kolleginnen gucken bisschen dumm, weil ich in Begleitung von dem Bunten abziehe. Ich winke ihnen zu und stehe paar Minuten nach neun schon draußen. Und da sitzt Victor tatsächlich auf seiner Karre und lächelt mir zu, das heißt, er zieht eine schreckliche Grimasse mit seinem kaputten Gesicht. Ich lächele auch, klar. Ich bin richtig froh, ihn heil und gesund zu sehen. Na ja, so wie er halt ist.

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Und dann sagt Victor, Emma, mein Täubchen, kommst du morgen abend zu meinem Fest?  Ich frage, wo er die ganze Zeit war, und ob er Geburtstag hat, oder was? Da verzieht er sein Gesicht wieder zu seinem schrecklichen Lächeln und sagt: Ich war unterwegs. Habe einen Preis gewonnen für meine Gedichte. Darum will ich morgen feiern. Kommst du morgen, bitte?  O, ich hätte ihn umarmen mögen. Ja klar gehe ich hin zu seiner Feier. Morgen ist Samstag, da habe ich früher frei. Sein Freund Abraham – so heißt der Bunte – wird mich an der Ecke von der Fußgängerpassage abholen und zu ihm hinbringen. Was meinen Sie, ist das richtig, dass ich da hingehe? Ist doch nicht gefährlich, oder? Victor ist so ein netter Kerl, und stellen Sie sich vor, wie froh der sein muss, dass er nun einen Preis gewonnen hat! Der andere, der Abraham, hat gleich seine Visitenkarte gezückt. Also ich glaub nicht, dass die was Böses im Schilde führen. Nee, glaub ich nicht. Die sind in Ordnung.

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Victor (3) und Emma

Heute kommt die dritte Fortsetzung der Geschichte von Victor (der aktuelle Held von Juttas http://juttareichelt.com/in Aktion), verknotet mit der Geschichte von Emma (schwer bepackt, Käsetheke).

Am nächsten Tag war schreckliches Wetter. Schneeregen ist das, was ich am meisten hasse. Ein ordentlicher Schnee, dagegen hab ich nichts, aber wenn es kalt ist und regnet und dazu noch schneit, und die Füße patschen durch diesen weichen Matsch, nee, das hasse ich. Aber ich musste von meiner Abendschicht in der Paloma heim. Weit ist es ja nicht, zum Glück.

IMG_5956 Ich rechnete nicht damit, Victor an seinem Platz zu finden, aber er war da. Er hatte sich ein bisschen mehr unter die Überdachung der Fußgängerzone zurückgezogen, und seine Beine hatte er mit einer Decke verhüllt. Ich meine, sein Bein, denn das andere ist ja weg und kann nicht mehr frieren. Die Leute rannten an ihm vorbei, keiner kümmerte sich. Alle hatten es irgendwie eilig, ins Warme zu kommen, oder weiß ich wohin. Er tat mir leid, wie er da auf seinem Karren hockte. Sein Gesicht war irgendwie blass, obwohl er ja schwarz ist. Komisch, können Neger auch blass werden? Na ja, krank können sie sicher werden, und Victor sah gar nicht gut aus. Da dachte ich an den Käseballen, den ich heute mitgenommen hatte. Das Personal von der Käsetheke darf jede Woche einen mit nach Hause nehmen, müssen Sie wissen. Also ich habe ihn nicht gestohlen, klar? Ich hatte ihn in meinem Rucksack, in dem ich immer all meine Einkäufe schleppe.

Ich hole also den Käseballen aus dem Rucksack und gehe hin zu Victor. „Hallo, da ist ja mein hübsches Täubchen“, krächzt er. Er war schrecklich heiser, wahrscheinlich war die Erkältung schon am Kommen. „Wie geht es dir denn, Emma?“ So nett, sage ich Ihnen! Ich war richtig froh, dass ich den Käseballen hatte, so dass ich ihm was geben konnte. Denn viel Geld habe ich nicht, wie Sie wissen. Guckt der Victor auf den Käseballen, fragt, „Ist der für mich?“ und als ich nicke, holt er ein blaues Buch unter seiner Decke hervor und gibt es mir: „Das ist für dich, mein Täubchen“, sagt er.

Na so was. Mir hat noch nie jemand ein Buch geschenkt. Ich bin ja nicht grad eine Leseratte, müssen Sie wissen. In der Schule war ich nicht so interessiert an den Sachen, die wir da lesen sollten, und schließlich schaffte ich mit Ach und Krach die Hauptschule. Ich lege also den Käseballen auf seine Decke und nehme das blaue Buch. Was da wohl drin steht? „Gedichte von mir“, sagt er. Ich schlage das Buch auf, und auf der ersten Seite steht in schöner Schrift: „Für Emma, das hübsche Täubchen, von Victor“. Also mir ist das Buch fast aus der Hand gefallen. So was Nettes! Ich glaub, ich bin rot geworden, so hab ich mich gefreut.

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Inzwischen stand ich immer noch im Schneeregen rum, hatte ihn ganz vergessen. „Warum setzt du dich nicht ein bisschen zu mir“, fragt da der Victor. „Ich hab da so nen Schemel unter meiner Karre.“. Ich sehe, ja, da ist so ein Holzschemel, und wenn ich mich nah bei Victor hinsetze, habe ich auch gleich ein Dach über dem Kopf. Die Fußgängerzone ist hier ja überdacht. Ich ziehe also den Schemel unter seiner Karre hervor und setze mich, froh, dass ich den schweren Rucksack absetzen und meine Füße ausruhen kann. Und lehne meinen Kopf an seine Karre. Da nimmt er mir meinen Hut ab, der ganz nass ist, und legt seine gesunde Hand auf mein Haar. Das war so lieb, so zärtlich, dass ich es gut haben konnte und sogar die Augen zumachte. Die Leute rannten ja so schnell, dass mich keiner hier auf dem Hocker sehen würde, dachte ich noch. Aber eigentlich war es mir auch egal. „Willst du mir eines deiner Gedichte vorlesen?“ fragte ich schließlich, obgleich ich ihn ja eigentlich was ganz anderes fragen wollte. Eigentlich wollte ich fragen, woher er meinen Namen wusste. Aber das war mir plötzlich auch egal. Und dann sagte Victor ein Gedicht. Er las es nicht aus dem Buch, er sagte es einfach so, während er seine Hand auf meinem Haar hatte. Ich glaube, er hat es grad in dem Moment gedichtet.

Wildtäubchen, mein Tamburintäubchen. Schwarz bist du und weiß, rostrot sind deine Schwingen, purpurrot dein Schnäbelchen. Wenn du rufst und ich höre dein du-du-du-du-du, geht mein Herz auf. Dann bin ich daheim in meinen Wäldern. Kleines Wildtäubchen, mein Tamburintäubchen. Ich schlage mein Tamburin, schlage meine Trommel. Ich bin daheim in meinen Wäldern. Du-du-du-du-du ruft mein Tamburintäubchen, mein süßes Wildtäubchen.    

O, es gefiel mir! Ich bat ihn, es mir noch mal zu sagen, und noch mal. Es war so ein Zauber darin. Victor ist, glaube ich, wirklich ein Zauberer. Ob alle Dichter so sind wie Victor?

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Victor (2), mit Emma, Käsetheke und schwer bepackt.

Inspiriert durch http://juttareichelt.com/in Aktion:

Die heutigen Akteure sind: Victor, Emma (samt Käsetheke und schwer bepackt)

Dieser schwarze Krüppel, der da immer am Eingang von unserer Fußgängerzeile auf so nem Holzwagen sitzt, will mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Ich beobachte ihn immer, wenn ich von meiner Arbeit da vorbei komme. Ich arbeite im Supermarkt La Paloma an der Käsetheke, müssen Sie wissen, und wenn ich mit meiner Schicht fertig bin, bin ich, ehrlich gesagt, auch ganz schön fertig. Besonders die Beine, die sind dann ziemlich alle, und wenn ich auch noch schwer bepackt bin – . Also ich ruhe mich zwischendurch gern aus, wenn das Wetter angenehm ist. Es gibt da am Eingang der Fußgängerzone so ne Art Steinbank, also eigentlich ne Steinplatte, die in der Hauswand steckt, ich weiß nicht, wie man das sagt. Sims, sagen Sie? Ja, also ist wohl sone Art Sims, da hocke ich mich dann drauf, stelle meinen Einkaufskram auf den Boden, lasse die Beine baumeln und gucke mir die Leute an. Gegenüber von meiner Ecke sitzt also dieser schwarze Krüppel auf seinem Karren. Manchmal bleiben Leute bei ihm stehen und werfen Geld in seine Büchse. Die meisten gehen dann schnell weiter, als wär der Teufel hinter ihnen her, aber einige bleiben doch stehen, und dann holt der Mann einen Zettel aus einem Kasten, der hinter ihm steht, und gibt ihn dem Mann oder der Frau, manchmal sind es auch Kinder.

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Langsam wurde ich furchtbar neugierig, was das wohl für Zettel sind. Vielleicht Glücksbringer? Die Schwarzen kennen so Sachen, hab ich gehört. Ich verdiene ja nicht viel Geld, aber einen Euro könnte ich schon entbehren, dachte ich, und mir so nen Glücksbringer holen. Ich gehe also zu ihm rüber, werfe meinen Euro in seine Dose und strecke die Hand aus. Der Mann lächelt – ich muss sagen, das sah schon ziemlich gruselig aus – und sagt Sie wünschen ein Los aus meiner Blechtrommel? Ich bin schon mal baff. Der kann richtig reden! Ich schiele über seine Schulter nach dem Kasten – ich möchte mal wissen, warum er das Ding Blechtrommel nennt, es ist einfach nur ein Pappkarton -, nicke und sage: Ja gern. Da angelt er mir auch schon einen Zettel aus dem Karton und gibt ihn mir mit seiner guten Hand – die andere ist aus Holz. Ihr Gedicht, sagt er noch. Ich falte den Zettel auf und da steht doch tatsächlich ein Gedicht drauf. Aber Sie raten nie, was für eins! Hier, lesen Sie mal! –

Möwenlied.

Die Möwen sehen alle aus, / als ob sie Emma hießen. / Sie tragen einen weißen Flaus / und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot, / ich lass sie lieber leben / und füttre sie mit Roggenbrot / und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei/ der Möwe Flug erreichen. / Wofern du Emma heißest, sei / zufrieden, ihr zu gleichen.

Da gucken Sie, was? Ich heiße doch Emma, und er hat, ohne überhaupt hinzusehen und ohne mich zu kennen, dies Gedicht für mich rausgefischt. Ich glaube, der ist ein Zauberer. Er trägt auch so eine bunte Decke, ich dachte, er hat die, um sich zu wärmen, aber vielleicht zaubert er darunter Sachen. Ich machte wahrscheinlich ein ziemlich dummes Gesicht, als ich das Gedicht las. Er sagt: Gefällt es Ihnen nicht – Ich stottere Doch, doch, natürlich, danke schön. Bloß, woher wussten Sie, dass ich Emma heiße? O je, da verzieht er doch sein ganzes Gesicht zu einer schrecklichen Fratze. Ich glaube, der wollte lachen! Und sagt: Emma, die Möwe! Freut mich sehr. Und ich hätte gewettet, dass sie eine Taube sind. Ich heiße Victor, Dichter von Beruf, wenns beliebt. Da war ich gleich noch mal baff. Woher wusste er, dass ich in der Paloma arbeite? Ich frage ihn also, und er sagt: Ich sehe Sie immer da drüben auf dem Sims sitzen und dachte bei mir,  was für eine hübsche Taube. Da musste ich auch lachen.

IMG_5951Er kann übrigens richtig gut schreiben. Das Gedicht reimt sich am Ende, und es kommen lauter schwierige Wörter drin vor, wie diese rötlichen Zibeben. Wissen Sie vielleicht, was das ist? Nein? Na, da bin ich ja beruhigt, ich dachte schon, bloß ich wär so blöd. Wo er das wohl gelernt hat? Ich frage ihn also und sage: Hör mal, Viktor, wo kommst du denn her? Er sagt: Aus Kongo Bratzawiel. Ich hab lieber nichts geantwortet, um mich nicht zu blamieren. Ich hab nämlich keine Ahnung, wo das ist. Sie haben doch studiert, Sie werden es wissen. Ist das ein Land oder was? Und wo liegt es? In Afrika, sagen Sie? Hätte ich auch drauf getippt, klar, aber wo? Der Kerl kann sehr gepflegt reden und schreiben, ich dachte, die da unten sind Analphabeten. Nicht alle, sagen Sie? Aber wenn er so gut schreiben kann, wieso sitzt er dann da an der Ecke rum und bettelt? Warum tut er das? Wir kamen dann noch ein bisschen ins Plaudern, ich frage ihn dies und das und auch nach dem Kasten mit den Gedichten, warum er den immer Blechtrommel nennt, obgleich es doch nur ein Pappkarton ist. Anstatt einer Antwort fragt er mich Kennst du Grass, Emma? Wir sind nämlich inzwischen auf Du und Du. Da bin ich aber doch ziemlich sauer geworden. Natürlich kenne ich Gras, ich fresse es freilich nicht wie die Ziegen, von denen wir den Käse verkaufen. Oder meinte er das Gras, das die verrückten jungen Leute rauchen? Ob er wohl auch davon raucht und gerne wollte, dass ich ihm was besorge? Nee, also so was mache ich nicht.

Und nun muss ich immer drüber nachgrübeln. Woher wusste er, dass ich Emma heiße? Ich glaube, ich gehe morgen wieder vorbei und frag ihn platsch ins Gesicht.

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Montags ist Fototermin: Akrokorinth und Die Kraniche des Ibykus

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Wenn ihr von Athen Richtung Peloponnes fahrt, steigt nach etwa hundert Kilimetern der Kegelberg von Akrokorinth vor euch auf. Er springt so unterwartet aus der Ebene von Korinth empor, dass dem Piloten des Flugzeugs wohl angst und bange wurde und er die Maschine steil in die Höhe riss.  (Ich spaße).

Steil ist der Berg allerdings und vor Jahren, als ich einem kräftigen Bergsteiger aus dem Norden, der einer Gemse gleich die Hänge erklomm, hinterher stieg, kam ich ganz übel aus der Puste. Heute gibts die einfachere Lösung: man nimmt das Auto und fährt bis vors Tor der alten Burganlage, die auf der Bergesspitze thront, solange Menschen sich zurückerinnern können. Der Nachteil: Jetzt ist Akrokorinth eine ordentliche „archäologische Sttätte“ und keine Ruinenstadt mehr – also gibt es Öffnungs- und Schließungszeiten. Und die liegen wegen der Arbeitnehmerrechte des Personals zwischen 8 und 14 Uhr, wenn überhaupt. Also Pustekuchen, falls ich dachte, hineinzukommen.

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Nächstes Mal rufe ich eben vorher an. Außerdem ist es draußen auch schön, oder?

Und wenn man dann, über die weite Ebene, den Golf und das ferne Gebirge hinblickend ins Träumen gerät, dann kann es passieren, dass die Erde wie aus der Zeit gehoben erscheint. Wer schreit da noch nach Öffnungszeiten?

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Viel eher ist es am Platze, sich der Ballade von Friedrich Schiller zu entsinnen. Da belebt sich die Ebene und man sieht sie zu Poseidons Fest ziehen. Menschen und Wagen, den Sänger Ibykus und vor allem: die Kraniche, die jetzt wie damals „fernhin nach des Südens Wärme In graulichtem Geschwader ziehn.“  Und wir hören wieder die Stimme des Ibykus, der zu den Kranichen hinaufruft:

„Zum guten Zeichen nehm ich euch,
Mein Los, es ist dem euren gleich.
Von fernher kommen wir gezogen
Und flehen um ein wirtlich Dach.
Sei uns der Gastliche gewogen,
Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“

Friedrich Schiller

Die Kraniche des Ibykus

Zum Kampf der Wagen und Gesänge,
Der auf Korinthus‘ Landesenge
Der Griechen Stämme froh vereint,
Zog Ibykus, der Götterfreund.
Ihm schenkte des Gesanges Gabe,
Der Lieder süßen Mund Apoll,
So wandert‘ er, an leichtem Stabe,
Aus Rhegium, des Gottes voll.Schon winkt auf hohem Bergesrücken
Akrokorinth des Wandrers Blicken,
Und in Poseidons Fichtenhain
Tritt er mit frommem Schauder ein.
Nichts regt sich um ihn her, nur Schwärme
Von Kranichen begleiten ihn,
Die fernhin nach des Südens Wärme
In graulichtem Geschwader ziehn.

„Seid mir gegrüßt, befreundte Scharen!
Die mir zur See Begleiter waren,
Zum guten Zeichen nehm ich euch,
Mein Los, es ist dem euren gleich.
Von fernher kommen wir gezogen
Und flehen um ein wirtlich Dach.
Sei uns der Gastliche gewogen,
Der von dem Fremdling wehrt die Schmach!“

Und munter fördert er die Schritte
Und sieht sich in des Waldes Mitte,
Da sperren, auf gedrangem Steg,
Zwei Mörder plötzlich seinen Weg.
Zum Kampfe muß er sich bereiten,
Doch bald ermattet sinkt die Hand,
Sie hat der Leier zarte Saiten,
Doch nie des Bogens Kraft gespannt.

Er ruft die Menschen an, die Götter,
Sein Flehen dringt zu keinem Retter,
Wie weit er auch die Stimme schickt,
Nicht Lebendes wird hier erblickt.
„So muß ich hier verlassen sterben,
Auf fremdem Boden, unbeweint,
Durch böser Buben Hand verderben,
Wo auch kein Rächer mir erscheint!“

Und schwer getroffen sinkt er nieder,
Da rauscht der Kraniche Gefieder,
Er hört, schon kann er nichts mehr sehn,
Die nahen Stimmen furchtbar krähn.
„Von euch, ihr Kraniche dort oben,
Wenn keine andre Stimme spricht,
Sei meines Mordes Klag erhoben!“
Er ruft es, und sein Auge bricht.

Der nackte Leichnam wird gefunden,
Und bald, obgleich entstellt von Wunden,
Erkennt der Gastfreund in Korinth
Die Züge, die ihm teuer sind.
„Und muß ich dich so wiederfinden,
Und hoffte mit der Fichte Kranz
Des Sängers Schläfe zu umwinden,
Bestrahlt von seines Ruhmes Glanz!“

Und jammernd hören’s alle Gäste,
Versammelt bei Poseidons Feste,
Ganz Griechenland ergreift der Schmerz,
Verloren hat ihn jedes Herz.
Und stürmend drängt sich zum Prytanen
Das Volk, es fordert seine Wut,
Zu rächen des Erschlagnen Manen,
Zu sühnen mit des Mörders Blut.

Doch wo die Spur, die aus der Menge,
Der Völker flutendem Gedränge,
Gelocket von der Spiele Pracht,
Den schwarzen Täter kenntlich macht?
Sind’s Räuber, die ihn feig erschlagen?
Tat’s neidisch ein verborgner Feind?
Nur Helios vermag’s zu sagen,
Der alles Irdische bescheint.

Er geht vielleicht mit frechem Schritte
Jetzt eben durch der Griechen Mitte,
Und während ihn die Rache sucht,
Genießt er seines Frevels Frucht.
Auf ihres eignen Tempels Schwelle
Trotzt er vielleicht den Göttern, mengt
Sich dreist in jene Menschenwelle,
Die dort sich zum Theater drängt.

Denn Bank an Bank gedränget sitzen,
Es brechen fast der Bühne Stützen,
Herbeigeströmt von fern und nah,
Der Griechen Völker wartend da,
Dumpfbrausend wie des Meeres Wogen;
Von Menschen wimmelnd, wächst der Bau
In weiter stets geschweiftem Bogen
Hinauf bis in des Himmels Blau.

Wer zählt die Völker, nennt die Namen,
Die gastlich hier zusammenkamen?
Von Theseus‘ Stadt, von Aulis‘ Strand,
Von Phokis, vom Spartanerland,
Von Asiens entlegener Küste,
Von allen Inseln kamen sie
Und horchen von dem Schaugerüste
Des Chores grauser Melodie,

Der streng und ernst, nach alter Sitte,
Mit langsam abgemeßnem Schritte,
Hervortritt aus dem Hintergrund,
Umwandelnd des Theaters Rund.
So schreiten keine irdschen Weiber,
Die zeugete kein sterblich Haus!
Es steigt das Riesenmaß der Leiber
Hoch über menschliches hinaus.

Ein schwarzer Mantel schlägt die Lenden,
Sie schwingen in entfleischten Händen
Der Fackel düsterrote Glut,
In ihren Wangen fließt kein Blut.
Und wo die Haare lieblich flattern,
Um Menschenstirnen freundlich wehn,
Da sieht man Schlangen hier und Nattern
Die giftgeschwollenen Bäuche blähn.

Und schauerlich gedreht im Kreise
Beginnen sie des Hymnus Weise,
Der durch das Herz zerreißend dringt,
Die Bande um den Sünder schlingt.
Besinnungsraubend, herzbetörend
Schallt der Errinyen Gesang,
Er schallt, des Hörers Mark verzehrend,
Und duldet nicht der Leier Klang:

Wohl dem, der frei von Schuld und Fehle
Bewahrt die kindlich reine Seele!
Ihm dürfen wir nicht rächend nahn,
Er wandelt frei des Lebens Bahn.
Doch wehe, wehe, wer verstohlen
Des Mordes schwere Tat vollbracht,
Wir heften uns an seine Sohlen,
Das furchtbare Geschlecht der Nacht!

Und glaubt er fliehend zu entspringen,
Geflügelt sind wir da, die Schlingen
Ihm werfend um den flüchtgen Fuß,
Dass er zu Boden fallen muß.
So jagen wir ihn, ohn Ermatten,
Versöhnen kann uns keine Reu,
Ihn fort und fort bis zu den Schatten
Und geben ihn auch dort nicht frei.

So singend, tanzen sie den Reigen,
Und Stille wie des Todes Schweigen
Liegt überm ganzen Hause schwer,
Als ob die Gottheit nahe wär.
Und feierlich, nach alter Sitte
Umwandelnd des Theaters Rund
Mit langsam abgemessnem Schritte,
Verschwinden sie im Hintergrund.

Und zwischen Trug und Wahrheit schwebet
Noch zweifelnd jede Brust und bebet
Und huldigt der furchtbarn Macht,
Die richtend im Verborgnen wacht,
Die unerforschlich, unergründet
Des Schicksals dunklen Knäuel flicht,
Dem tiefen Herzen sich verkündet,
Doch fliehet vor dem Sonnenlicht.

Da hört man auf den höchsten Stufen
Auf einmal eine Stimme rufen:
„Sieh da! Sieh da, Timotheus,
Die Kraniche des Ibykus!“ –
Und finster plötzlich wird der Himmel,
Und über dem Theater hin
Sieht man in schwärzlichtem Gewimmel
Ein Kranichheer vorüberziehn.

„Des Ibykus!“ – Der teure Name
Rührt jede Brust mit neuem Grame,
Und, wie im Meere Well auf Well,
So läuft’s von Mund zu Munde schnell:
„Des Ibykus, den wir beweinen,
Den eine Mörderhand erschlug!
Was ist’s mit dem? Was kann er meinen?
Was ist’s mit diesem Kranichzug?“ –

Und lauter immer wird die Frage,
Und ahnend fliegt’s mit Blitzesschlage
Durch alle Herzen. „Gebet acht!
Das ist der Eumeniden Macht!
Der fromme Dichter wird gerochen,
Der Mörder bietet selbst sich dar!
Ergreift ihn, der das Wort gesprochen,
Und ihn, an den’s gerichtet war.“

Doch dem war kaum das Wort entfahren,
Möcht er’s im Busen gern bewahren;
Umsonst, der schreckenbleiche Mund
Macht schnell die Schuldbewußten kund.
Man reißt und schleppt sie vor den Richter,
Die Szene wird zum Tribunal,
Und es gestehn die Bösewichter,
Getroffen von der Rache Strahl.

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Kunst am Sonntag – in Exarchia

Exarchia ist ein Viertel in der Innenstadt Athens, in dem ein Dauerkrieg zwischen alternativer Szene und Ordnungskräften herrscht. Doch obwohl sich allerlei lichtscheues Volk dort herumtreibt – Drogen, Anarcho, derlei -, und obwohl man einige „grüne Minnas“ passieren muss, um hineinzukommen, ist es auch ein gemütlicher Stadtteil mit beliebten „stekia“ – das sind Orte wie Cafes, Bars, Tavernen mit Gärten, in denen „man“ sich trifft. Ein solcher Ort verbirgt sich hinter dieser Tür: „Manifactura LAB“ steht am Eingang.

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Genau gegenüber lag jahrelang ein hässlicher Parkplatz, den die Anwohner in einer Nacht-und Nebelaktion in einen kleinen reizenden Park verwandelten. Es gibt Spielgeräte für die Kinder und Bänke (die oft genug von Drogenabhängigen okkupiert werden), Ruinen, Neubauten, Autos und natürlich viel Graffiti. Was ihr in der Slideshow seht, sieht man vom Eingang der Manifactura aus.

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Die Inhaberin von Manifactura betreibt im Erdgeschoss einen winzigen Laden, in dem sie allerlei Kleinkunst von befreundeten Künstlern anbietet. Im Untergeschoss gibt es zwei übereinander liegende, mit einer Treppe verbundene Räume, in denen Wechselausstellungen stattfinden.Vor drei Jahren beteiligte ich mich dort an einer Gruppenausstellung. Okey, dies hier sind Fotos von der Eröffnung. Tretet nur ein …

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Nur keine Scheu! Wenn ihr erst mal die Tür zum Lädchen passiert habt, werdet ihr die paar engen Treppen ins erste und zweite Untergeschoss auch noch schaffen.

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Samstags ist Märchenstunde: Rapunzel in Afrika – neu erzählt

 

Rapunzel in Afrika – neu erzählt und bebildert

Vor langer Zeit lebte in einem fernen Land, das man Afrika nennt, eine Frau namens Eva. Die war schwanger. Und wie sie das Kind in ihrem Leib wachsen fühlte, überkam sie ein heftiges Gelüste nach einem grünen Kraut, das man hierzulande Rapunzel nennt.

Eva wollte dieses Kraut unbedingt haben. Sie meinte, wenn sie es nicht bekäme, müsste sie sterben.

Eva hatte eine Stieftochter, die hieß Maria. Sie war zwölf Jahre alt und würde, das sah man schon, eine schöne Frau werden. Seit ihre Stiefmutter schwanger war, hatte Maria nichts zu lachen. Sie musste alle schweren Arbeiten im Hause und auf dem Markt erledigen. Sie tat es so gut sie konnte, aber Eva schimpfte mit ihr und schrie: „Das soll eine Suppe sein? Bring den Sack mit den Kartoffeln in den Schuppen! Spute dich! Wie dreckig die Hütte ist, mach sauber, du faules, unnützes Ding! Nie werde ich für dich einen anständigen Mann finden. Am besten, ich gebe dich dem ersten besten, der dumm genug ist, dich mitzunehmen!“.

Eines Tages kam ein Mann an dem Stand vorbei, den Eva auf dem Markt betrieb. Der hatte ein weißes Gesicht, und also hielt sie ihn für einen Weisen. Sie schmeichelte ihm und sagte: „Du bist doch weit herumgekommen, bist ein weiser Mann. Sicher kannst du mir helfen. Ich brauche, lieber Mann, ein Kraut, das man Rapunzel nennt. Ich bin gern bereit, einen guten Preis dafür zu bezahlen.“

Am nächsten Tag kam der Mann wieder vorbei. In der Hand trug er ein Töpfchen mit einem grünen Kraut. „Bitte sehr“ – sprach er. „Hier ist das Kraut. Du kannst es haben, wenn du mir dafür deine Tochter gibst.“

Adam (so hieß der Mann) und Eva wurden schnell handelseinig. Eva bekam den Blumentopf und wurde das Mädchen los, das ihr sowieso ein Dorn im Auge war. „Zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagte sie sich zufrieden.IMG_5933

Man könnte meinen, dass Maria vom Regen in die Traufe kam. Aber ihr neuer Herr, Adam, war ganz nett. Das Haus, in dem er mit etlichen Dienern und Dienerinnen wohnte, kam Maria vor wie ein Königspalast. Sie brauchte nicht zu arbeiten, sondern durfte sich frei im Haus und im Garten bewegen. Den kleinen schwarzen Diener, den Maria schon auf dem Markt gesehen hatte, schloss sie gleich in ihr Herz. Er hieß Joseph und war ungefähr so alt wie sie selbst. Wenn er frei hatte, kam er zu ihr und brachte ihr Leckerbissen, und so war das Leben für Maria recht angenehm. An ihre Stiefmutter dachte sie überhaupt nicht mehr.

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Das blieb so eine Weile, bis der alte Mann sie eines Tages zu sich rief und sagte: „Nun will ich dich zur Frau nehmen“. Wie erschrak da die Kleine! Doch was sollte sie machen? Der Mann rief zwei seiner Dienerinnen herbei. Die sollten auf Maria aufpassen und sie für die Hochzeit herrichten. O, das waren furcheinflößende Weiber! Ganz in Schwarz waren sie gekleidet, und ihre Gesichter konnte man nicht sehen, nur die Augen blickten aus den dunklen Tüchern heraus. IMG_5949Sie steckten Maria in die Badewanne, reinigten sie von oben bis unten und rasierten ihr all ihr Haar ab, das auf dem Kopf und das über der Muschi, bis sie glatt war wie ein Neugeborenes. Sie rieben ihre Haut mit Duftölen ein und hüllten sie in weiche Gewänder, steckten ihre Füße in zierliche Schuhe und setzten ihr eine goldene Maske auf, durch die sie die Welt nur durch Schlitze wahrnehmen konnte. Das war alles sehr befremdlich.

Das Schlimmste aber war ihre Angst, wenn der Herr kam und sie im Beisein der Dienerinnen „enthüllte“, wie er es nannte.

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Er rührte sie nicht an, sondern nahm nur die Gewänder weg und untersuchte sie mit seinen Blicken. Er hieß sie sich drehen und wenden, bücken und die Beine spreizen, hüpfen und schütteln, um die Festigkeit und Beweglichkeit ihres Busens und Hinterns, ihrer Schenkel und Taille zu überprüfen.

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Danach ließ er sie mit den Dienerinnen allein. Wenn er zum Abschied wohlgefällig genickt hatte, durfte sie sich wieder bedecken und zurückziehen. Wenn er aber unzufrieden gemurmelt hatte, wurden die beiden richtig unangenehm. Dann musste sie unter ihrem Befehl alle Bewegungen wieder und wieder ausführen, und wehe, sie ließ es an Unterwürfigkeit und Grazie fehlen!

Einmal gelang es Maria, ihren Aufpasserinnen zu entschlüpfen und  Joseph ihr Leid zu klagen. „Der alte Mann, dein und mein Herr, will, dass ich seine Braut werde. Übermorgen soll ich zu ihm gebracht werden. Ich fürchte mich vor ihm, Joseph! Was wird er mit mir anstellen? Ach, bitte, rette mich! Wenn du das tust, will ich die Deine sein.“ Da lachte Josephs Herz, denn er liebte Maria schon lange. In der nächsten Nacht schlich er sich ins Schlafzimmer der Dienerin, die die Schlüssel verwaltete. Sie schlief tief und fest. Er löste vorsichtig den Schlüsselbund von ihrem Gürtel und schloss geschwind alle Türen auf. Dann schlich er zurück und brachte den Schlüsselbund zurück an seinen Platz. Inzwischen begann es zu dämmern.

Joseph ließ den Ruf des Käuzchen erklingen – das war das Signal zum Aufbruch. Maria warf sich rasch in ihre alten Fetzen und lief zur Hintertür hinaus, wo Joseph auf sie wartete. Zusammen rannten sie, bis sie ganz außer Atem waren. Immer wieder sahen sie sich um, aber niemand folgte ihnen. Da wurden sie froh und wanderten Hand in Hand weiter, bis die Sonne hoch stand. Es wurde sehr heiß, und die Füße taten ihnen weh. Da sagte Maria: „Ach hätten wir doch einen Baum, der uns beschattet! Wie glücklich wären wir!“

Kaum hatte sie den Wunsch getan, da erschien hinter dem nächsten Hügel ein prächtiger Baum. Fröhlich eilten sie hin. Ein dicker Ast lud sie dazu ein, hinaufzuklettern. Wie herrlich war es, sich in den Zweigen des Baumes zu wiegen!  Vögel flogen über ihre Köpfen dahin und große Tiere wanderten unter ihnen durch die Steppe. Angst und Sorgen fielen von ihnen ab. Sie fühlten sich in den Armen des Baumes so sicher wie nie zuvor in ihrem Leben.

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Die Sonne ging unter, und immer noch schwätzten und lachten und turtelten sie im Geäst des Baumes. Der Mond ging auf und malte alles weiß an. Der Mond ging unter und wieder kam die Sonne und wieder der Mond.

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So ging es  viele viele Tage und Nächte. Sie wuchsen und wurden älter, aber nie wollten sie von ihrem Baum herabsteigen. Im Baum war ihr Leben. Langsam wurden sie eins mit ihm. Und wenn niemand den Baum abgehauen hat, dann sind sie immer noch dort und nachts könnt ihr sie hören, wie sie miteinander flüstern und scherzen.

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Du wunderst dich? Wundere dich nicht! Der alte Mann Adam war ein Zauberer. Und weil er außerhalb seines Schlosses keine Macht über Maria und Joseph hatte, lockte er sie auf den Baum, wo sich die beiden langsam in sein Geäst verwandelten. Er selbst aber wurde zum Stamm. Und so hat er sich schließlich doch mit ihnen vereinigt.

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Die Geschichte ist aus, da läuft eine Maus und beißt den Faden ab.

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Victor (Juttags Geschichtengenerator No 5)

http://juttareichelt.com/in Aktion:

Die neuen Stichwörter sind:

Viktor (das nächste Mal wird er Nein sagen) – Mülltonne

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Ich sitze immer schon morgens, bevor die Geschäfte aufmachen, an meinem Platz am Eingang der kleinen Fußgängerzone. Jeder, der da rein will, muss an mir vorbei. Ich halte ihm meine Büchse entgegen und sage: Dein Obolus, Kumpel oder Dein Obolus, Madame. Ich bin sozusagen der Zöllner an einem Grenzübergang. Die meisten trauen sich nicht, einfach an mir vorbeizuschleichen. Hingucken mögen sie aber auch nicht, denn ich sehe ziemlich schlimm aus. Gesicht kaputt, ein Bein ab, ein Arm verkrüppelt. Außerdem bin ich schwarz, und das allein macht die Leute irgendwie unsicher. Also schauen sie nicht hin, jedenfalls die meisten. Andere wieder sagen: „Guten Morgen, Victor“, stecken was in die Büchse und strecken ihre Hand aus. Nicht, um sie mir zu geben, nee, das ginge doch ein bisschen zu weit. Aber um ihre „Quittung“ entgegenzunehmen. Manche sagen auch noch so was wie: „Bin gespannt, was du heute für mich hast, Victor.“ Oder „Das gestrige hat mir besonders gefallen“. Ich frag dann schon mal: „Was war es denn?“ und er sagt es mir.

Ich bin, musst du wissen, früher Dichter gewesen, nicht hier in Deutschland, sondern im Kongo. Ich war sogar ziemlich bekannt, wenn du es unbedingt wissen willst. Nebenher bin ich Rennen gefahren, nicht professionell, aber doch regelmäßig. Die Zuschauer wetteten auf den Sieger, und die Sieger kriegten einen Teil des Wettgelds. Damit konnte ich mich ganz gut über Wasser halten. Es war allerdings gefährlich und außerdem verboten. Ich hatte schon mal einen ziemlich schweren Unfall, vor fünf Jahren. Alle meine Kumpels sagten: „Das nächste Mal wird er Nein sagen“. Sagte ich aber nicht. Das war mein Fehler. Meine Reaktionen waren nicht mehr so gut wie vorher. Und so kam es, wie es kam.

Als sie mich einigermaßen zusammen geflickt hatten, habe ich mir das Untergestell mit Rädern gebastelt, das ich heute noch habe. Darauf kann ich das heile Bein gut ausstrecken, und das andere fehlt ja. Es war leider zu niedrig, um an die Mülltonnen zu reichen. Außerdem gibt es in meiner Heimat so viele Krüppel, meistens vom Krieg, dass es schwer war, das nötige Kleingeld zum Überleben zusammen zu kriegen.

Ich hatte Glück im Unglück: Jemand von einer Hilfsorganisation wurde auf mich aufmerksam und sorgte dafür, dass ich nach Deutschland kam. Aber auch hier musste ich ja überleben. Und so kam ich auf die Idee mit den Gedichten. Mein Kumpel, der mich jeden Morgen hier herkarrt und abends wieder abholt, besorgte mir einen Computer und einen Drucker. Wenn einer mir Geld in die Dose wirft und die Hand ausstreckt, greife ich mit meinem Holzarm hinter mich und fische einen Zettel aus der Blechtrommel. Auf dem steht ein Gedicht. Den gebe ich ihm. Das ist meine Art der Bezahlung.

Manchmal schreibe ich die Gedichte selbst, aber mein Deutsch ist nicht so gut, und da klingt es dann nicht so wie ich möchte. Französisch können die meisten meiner Kunden nicht, also nehme ich meistens Gedichte von deutschen Dichtern, die mir gefallen.

Mal sehen, was ich für dich habe, Kumpel. Aha, eins meiner Lieblingsgedichte. Ist ein bisschen lang, aber es lohnt sich. Lies es ruhig mal bis zu Ende. Mein Name ist Victor, das heißt Sieger. Aber das sagte ich dir ja wohl schon. Und danke und schönen Tag noch, Kumpel.

Bertold Brecht

Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration.

Als er siebzig war und war gebrechlich, / Drängte es den Lehrer doch nach Ruh’, / Denn die Weisheit war im Lande wieder einmal schwächlich / Und die Bosheit nahm an Kräften wieder einmal zu. / Und er gürtete den Schuh. // Und er packte ein, was er so brauchte: / Wenig. Doch es wurde dies und das. / So die Pfeife, die er abends immer rauchte, / Und das Büchlein, das er immer las. / Weißbrot nach dem Augenmaß. // Freute sich des Tals noch einmal und vergaß es, / als er ins Gebirg den Weg einschlug. / Und sein Ochse freute sich des frischen Grases / Kauend, während er den Alten trug. / Denn dem ging es schnell genug. // Doch am vierten Tag im Felsgesteine / Hat ein Zöllner ihm den Weg verwehrt: / „Kostbarkeiten zu verzollen?” „Keine.” / Und der Knabe, der den Ochsen führte, sprach: „Er hat gelehrt.” / Und so war auch das erklärt. // Doch der Mann in einer heitren Regung / Fragte noch: „Hat er was rausgekriegt?” / Sprach der Knabe: „Daß das weiche Wasser in Bewegung / Mit der Zeit den mächtigen Stein besiegt. / Du verstehst, das Harte unterliegt.”// Daß er nicht das letzte Tageslicht verlöre, / Trieb der Knabe nun den Ochsen an. / Und die drei verschwanden schon um eine schwarze Föhre. / Da kam plötzlich Fahrt in unsern Mann / Und er schrie: „He, du! Halt an!”// „Was ist das mit diesem Wasser, Alter?” / Hielt der Alte: „Interessiert es dich?”/ Sprach der Mann: „Ich bin nur Zollverwalter, / Doch wer wen besiegt, das interessiert auch mich. / Wenn du’s weißt, dann sprich! // Schreib mir’s auf. Diktier es diesem Kinde! / So was nimmt man doch nicht mit sich fort. / Da gibt’s doch Papier bei uns und und Tinte / Und ein Nachtmahl gibt es auch: ich wohne dort. / Nun, ist das ein Wort?” // Über seine Schulter sah der Alte / Auf den Mann: Flickjoppe. Keine Schuh. / Und die Stirne eine einzige Falte. / Ach, kein Sieger trat da auf ihn zu. / Und er murmelte: „Auch du?” // Eine höfliche Bitte abzuschlagen / War der Alte, wie es schien, zu alt. / Denn er sagte laut: „Die etwas fragen, / Die verdienen Antwort.” Sprach der Knabe: / „Es wird auch schon kalt.” / „Gut, ein kleiner Aufenthalt.” //  Und von seinem Ochsen stieg der Weise, / Sieben Tage schrieben sie zu zweit. / Und der Zöllner brachte Essen (und er fluchte nur noch leise / Mit den Schmugglern in der ganzen Zeit). / Und dann war’s so weit. // Und dem Zöllner händigte der Knabe / Eines Morgens einundachtzig Sprüche ein / Und mit Dank für eine kleine Reisegabe / Bogen sie um jene Föhre ins Gestein. / Sagt jetzt: kann man höflicher sein? // Aber rühmen wir nicht nur den Weisen, / Dessen Name auf dem Büchlein prangt! / Denn man muß dem Weisen seine Weisheit erst entreißen. / Darum sei der Zöllner auch bedankt: / Er hat sie ihm abverlangt.

 

 

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Kurze Zeilen – 2 –

Avatar von Ulli

0069 08.02.16 zu kurzen texten

Wie wenige Jahrhunderte, Jahrzehnte in all den Jahrtausenden und Zehntausenden Menschenjahre ist es her, dass aus einzelnen Stämmen und Fürstentümern Einland, Zweiland und wieder Einland wurde? Woher kam deine Großmutter, woher dein Großvater? Wie heißt „Heimat“ in deren Sprache?
Willkommen am Feuer im Kreis. Ach bitte, sing doch ein Lied in dem du heimatlich bist. Ich sing dann das von dem Abend und dem Frieden, der sich auf die Welt senkt und wo sich der Bach ergießet, wo er rauscht und fließet, immer immerfort. Und vielleicht kennst auch du das Lied vom Fluss und der Erde, die Mutter ist, die ihn trägt, bis zum Meer. Dort können wir uns treffen. Ja, am Meer unter dem weiten Himmel, damit wir spüren, wie klein wir sind.

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ENDE. geschichtengenerator Luise, John, Emma, Nina, Kantine, Flo, Manni, Bahnhof, Erkan x 2, Theke

Heute habe ich sie alle versammelt, die Helden von Juttas Geschichtengenerator geschichtengenerator, die sich in meine Erzählung verirrt haben. Um die Sache zu Ende zu bringen, werde ich ihnen jetzt allen ein Schicksal zuteilen – wie es mir gefällt.

Luise, die die Erzählung in Gang gesetzt hat, hat, wie wir wissen, ein trauriges Ende gefunden. Ihre Leiche wurde schließlich zur Bestattung freigegeben. Nina hat all ihre Freunde und  Kunden aufgeboten, um einen bewegenden Abschied zu feiern. Der Friedhof war selten so voll von Lebenden und die Musik so herzergreifend wie bei Luises Beerdigung. Ich war auch da und beschloss, ihr zu Ehren nun auch die Geschichte zu Grabe tragen.

Endszenerie:

Noch geistert Luises Seele zwischen den alten Waggons am Bahnhof herum. Wer nachts dort vorbeigeht, denkt vielleicht: es spukt.

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Nina aber denkt das nicht mehr. Sie sitzt jetzt öfter auf den Eisenstufen des Viehwaggons und unterhält sich mit ihrer Kindheitsfreundin, schaut dem Mond zu, lauscht dem Glockenruf des Käuzchens und füttert die Katzen.

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Wenn Flo und seine Kumpanen vorbeikommen, freut sie sich. Sie mag die jungen Leute, die immer neue Bilder auf die Waggons sprühen und sie in eine Galerie mit Wechselausstellung verwandeln.

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Mit Flo verbindet sie eine besondere Freundschaft. Er war es, der ihr den wichtigen Tipp mit den Scherben und der gelben Schnur gab. Gemeinsam schafften sie es, die ganze Affäre aufzuklären und den kleinen Erkan aus dem Gefängnis zu holen. Manni war zwar nicht glücklich darüber, denn es versaute ihm die Beförderung, aber er war einsichtig. Er musste wohl oder übel mitziehen, sonst hätte ihm seine Nina die Ehe gekündigt.

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Der kleine Erkan wohnt jetzt meistens bei Flo, die beiden haben Freundschaft geschlossen. Sie sind ungefähr gleich alt und beide sehr kleinwüchsig, vielleicht hat das dazu beigetragen. Jedenfalls sieht man sie sehr oft zusammen. Sie scheinen ein Herz und eine Seele zu sein.IMG_5745aaa

Flo hat immer noch den Schlüssel zu Johns Atelier. Die jungen Leute treffen sich dort gelegentlich, heizen den Holzofen und schmieden Pläne, wie sie die Stadt mit neuen Spraykunstwerken verschönern und die Bürger politisch aufklären können.

John wurde nicht wegen vorsätzlichen Mordes angeklagt, da er in einem Zustand des Wahns gehandelt hat. Er wird in der Psychiatrie gut versorgt. Seine Seelenlage ist noch immer sehr schwankend. Manchmal dämmert ihm, was er getan hat, aber meistens hält er die Realität für Fantasiegebilde, die er in Bilder umsetzt. Oder vielleicht ist es auch umgekehrt. Die Besuche der Frau, die durch den Spiegel zu ihm in die Zelle einzudringen versuchte und mit ihm unerlaubte Sachen treiben wollte, sind seltener geworden.

IMG_5809uuuSeine Malerei ist freilich immer noch wild und schrecklich. Neuerdings hat er De Kooning für sich entdeckt und eifert ihm nach. Dass dessen Bilder auf dem Kunstmarkt Spitzenpreise erzielen, bestätigt ihm, mit seiner Kunst auf der richtigen Spur zu sein.

W de Kooning

 

Emma gibt sich redliche Mühe, seine Malerei nicht schrecklich zu finden. Ihr Chef, Dr. Erkan Y, den ich bei mir „Erkan No 2“ nenne, unterstützt sie sehr dabei. Fast täglich findet er Zeit, um mit ihr die Bilder durchzugehen und zu kommentieren und dabei auch gelegentlich seine Hand auf die ihre zu legen.

ENDE

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Luise, 7. Fortsetzung: In der Psychiatrischen Klinik.

7. Fortsetzung meiner Geschichte, die angeregt wurde durch Juttas geschichtengenerator. Die Stichwörter: (Luise) – John – Emma – Erkan – Kantine – (verliebt?)

Emma T,  eine blondierte, ein wenig mollige und stark geschminkte Brünette unbestimmten Alters, schlängelt sich, ein Tablett mit Toast und Kaffee im Plastikbecher in den Händen und einen Dossier unter dem Arm, zwischen den Tischen der Kantine hindurch zum Fenster, wo sie ein freies Tischchen entdeckt hat. Ärzte, Psychologen und Pflegepersonal nutzen die Mittagspause, um schnell einen Happen zu essen, Stress abzubauen oder sich mit Kollegen zu besprechen. Emma genießt gewöhnlich die Geplänkel zwischen Tür und Angel, doch heute will sie allein sein. Sie hat Arbeit. Kaum sitzt sie, öffnet sie den Dossier. Welch ein Glück, dass der Chef ihr den Fall John M zugespielt hat, denkt sie und beißt herzhaft in den Toast. Der Fall ist vielschichtig und viel versprechend, genau das, was ihr für ihre kunsttherapeutische Diplomarbeit noch fehlte.

Im Dossier befinden sich neben einigen Formblättern und handschriftlichen Notizen farbige Zeichnungen, die ihr Patient angefertigt hat. Das Thema, das sie gestellt hatte, war: „Meine Familie“. Zuerst hatte er eine recht karge Zeichnung angelegt. Eine Szene am Strand. Auf Befragung benannte er die Personen. Der großer Junge, das sei er selbst, John. Er ist zwölf und spielt mit einem selbst gebauten Boot. Er trägt Mütze und  Jacke, da er nicht an die Sonne darf. Seine Mutter und sein Vater liegen links im Bild im Schatten einer flachen Höhle. Im Hintergrund spielen zwei braungebrannte, sportliche Jungen Ball. Eine Frau sonnt sich. Ein kleines Mädchen mit Hut und Kleidchen steht im Schatten und wartet. IMG_5926fff

Ein fröhliches, friedliches Bild, wäre da nicht das auffallend weiße Gesicht des Jungen und die Aura von Einsamkeit, die ihn umgibt. Auch das kleine Mädchen wirkt einsam. Frage: „Warum durften Sie nicht an die Sonne?“ Antwort: „Ich habe von meiner Mutter eine Sonnenallergie geerbt.“

Emma überliest noch einmal die Anamnese, die die Kollegen von der Erstaufnahme angefertigt haben.

John M, 65, Kunstmaler. Geboren in Bristol, England. Mutter englisch-italienischer Abstammung, Vater Deutschjude aus der Tschechoslowakei.

Johns Vater, gebürtig in Prag, wurde als Zwölfjähriger nach England verschickt. Schicksal seiner Eltern (John’s Großeltern väterlicherseits) unbekannt.

Johns Mutter, geboren in Bristol, Engländerin,  Inhaberin eines gut gehenden Segelmacher-Betriebs, den sie von ihrer Mutter (Johns Großmutter mütterlicherseits) geerbt hatte. Zehn Jahre älter als ihr Mann, hat ihn aber um etliche Jahre überlebt. – Vater der Mutter:  Italiener, Segelmacher,  Mutter der Mutter: Engländerin. Inhaberin des Betriebs und ebenfalls älter als ihr Mann.

Geschwister: nicht bekannt.

Art des Suicids: J.M. öffnete sich die Pulsader der rechten Hand (er ist Linkshänder) mithilfe eines Spiegelscherbens.

Grund für den Suicid: nicht bekannt. Frühere Suicid-Versuche: nicht bekannt.

John M macht einen verschlossenen Eindruck, ist wenig kooperativ. Er beklagt sich über eine Frau, die ihn heimlich besucht und ihm befiehlt, Dinge mit ihr zu treiben, die er sittlich verwerflich findet. Er bat darum, den Spiegel aus dem Bad zu entfernen, da diese Frau durch den Spiegel zu ihm hereinkomme. Auch bat er darum, alle gelben Gegenstände zu entfernen, da er Gelb nicht ertragen könne. Er wurde bisher von niemandem besucht, machte auch keine Angaben über Personen, die benachrichtigt werden sollten.    IMG_5809tt

Vorläufige Diagnose: Depressiver Schub bei vorhandener psychotischer Symptomatik.

Hm, denkt Emma, er kann Gelb nicht ertragen, aber auf seinem Bild gibt es genug davon. Zum Beispiel hat seine Mutter ein gelbes Gesicht. Beim nächsten Bild, das eine farbige Überarbeitung des ersten darstellt, hat das Gelb fast das ganze Bild überschwemmt. Besonders um den Kopf des Jungen wabert eine gelbe Lohe. Sie beschließt, ihn danach zu befragen.  IMG_5926ddd

Emma lehnt sich zurück, schaut aus dem Fenster. Jüdischer Hintergrund, denkt sie. Hat seine Abneigung gegen Gelb damit zu tun? Mit dem gelben Judenstern? Johns Vater kam aus Prag, eine Kinderverschickung rettete ihm das Leben. Er heiratete in einen örtlichen Betrieb ein. Seine Frau war viel älter als er und nicht gesund. Vermutlich eine Zweckehe. Schon die Mutter der Mutter hatte einen jüngeren Mann geheiratet, der in abhängiger Position und Ausländer (Italiener, Segelmacher) war.  Gab es Geschwister? Was ist mit dem kleinen Mädchen? Welche Bedeutung hat sie? „Keine“, antwortete John auf ihre Frage hin, und guckte finster. „Muss alles eine Bedeutung haben?“

„Ich bin Maler“ – das ist sein Kommentar, wenn sie nach dem einen oder anderen Detail seines Bildes fragt. Die meisten Patienten zeichnen wie kleine Kinder: Mama, Papa, Haus, Hund, Sonne, Wolken. Da kann man dann mit arbeiten. John aber erklärte, dass man seine Bilder als Kunstwerke zu betrachten habe. Eine psychologische Deutung findet er geradezu beleidigend. Und doch scheint ihr das  Bild voller Hinweise auf seinen seelischen Zustand zu stecken.

Und dann sind da noch die anderen Zeichnungen. Er zeigte sie ihr mit einem gewissen Stolz. Er sei auf den Spuren von Max Beckmann fündig geworden.

Gemälde / Öl auf Leinwand (1944) von Max Beckmann Max Beckmann,1918-19, Die Nacht

Seine Kunst mache seither große Fortschritte.Beckmann Die Nacht, Detail

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Emma betrachtet sie mit Neugierde und einem Schuss Widerwillen. Und denkt: Zum Glück ist die Diagnose Chefsache. Ich werde Dr. Y. die Sachen zeigen, mal sehen, was er dazu meint.

In diesem Augenblick sieht sie ihren Chef mit einer Gruppe von Weißkitteln über den Rasen kommen. Dr. Erkan Y, Facharzt für Psychiatrie, ist ein sehr gut aussehender Mann, und er weiß es. Hochgewachsen, breitschultrig, das Haar noch voll, überragt er die meisten seiner Kollegen. Er betritt die Kantine und schaut sich wie ein römischer Gladiator im Saal um, grüßt hier, grüßt da. Als er jovial zu ihr herüberwinkt, wird sie ein wenig rot. Wenig später steuert er seine Gruppe an den Tisch gleich neben dem ihrem. Emma überprüft innerlich ihr Aussehen, das ihr plötzlich außerordentlich wichtig wird. Ist ihr Haar nicht einen Ton zu stark blondiert? Sind die Hacken ihrer Schuhe nicht eine Spur zu hoch? Liegt der Pullover nicht ein wenig zu eng an? Leider lässt sich der Rettungsring, der sich um ihre Taille angesammelt hat, nicht verleugnen. Nach abgeschlossener Prüfung erhebt sie sich, nimmt ihren Aktendeckel und grüßt den Herrn Doktor mit ihrem schönsten Lächeln. „Leider ruft die Arbeit“, flötet sie. „Wir sehen uns ja nachher in der Besprechungsrunde“. Geschwind dreht sie sich um und schlängelt sich durch die Tischreihen. Sie hat das sichere Gefühl, dass er ihr nachsieht, und das gibt ihren Bewegungen einen besonderen Schwung. Dr. Erkan Y, denkt sie. Er ist Türke, die mögen so was.

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