6. Fortsetzung, Luise – Nina – Manni.

Diese Erzählung, die sich langsam zum Roman auswächst, hat ihren Erstimpuls durch Juttas geschichtengenerator bekommen geschichtengenerator. Und nun läuft sie weiter und weiter. Ich hoffe, ihr habt noch Lust, die Entwicklungen mit mir zu verfolgen.

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Ich muss mich um meine Figuren kümmern, da hilft nichts. Luise ist tot und umgebracht – das lässt sich nicht mehr gutmachen. Aber die anderen? Die Überlebenden? Die, die noch auf der Bühne stehen (bzw. sitzen) und ohne Souffleur nicht wissen, welches die nächsten Sätze sind? Die kann ich nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Da sind der Maler John (gewöhnlich sehr blass), der sich nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie befindet, und Flo, der Sprayer, der ihn blutüberströmt in seinem Atelier fand, da ist der kleine Erkan, den wir entsetzt vom Tatort wegrennen sahen und den sie in Untersuchungshaft steckten. Da ist Nina, die  vor ihren eigenen Gästen geflohen ist und grübelnd auf den Stufen des Viehwaggons hockt, während die Nacht um sie wächst. Und da ist Manni, ihr Mann, der Erkan festgenommen hat.

Der einzige, der mit dem Gang der Ereignisse höchst zufrieden sein kann, ist Ninas Mann, der Manni. Und er ist wahrhaftig zufrieden. Endlich ist ihm ein Coup gelungen, der seine polizeilichen Fähigkeiten unter Beweis stellt. Der Hauptverdächtige an diesem schrecklichen Mord sitzt hinter Gittern – und er hat gestanden! Er hat zugegeben, bei dieser Frau, Luise K, geschlafen zu haben. Beischlaf nennt man so was. Er hat sie geliebt – so sagt er selbst. Alle seine Einlassungen sind im Beisein eines Dolmetschers ordentlich protokolliert worden. Manni ist sich sicher: Erst hat sich dieses Jüngelchen das Vertrauen der Frau erschlichen, und dann hat er sie hinterrücks gefesselt und gewürgt und hat sich an ihr vergangen. So wird es gewesen sein. Die Beweislage ist eindeutig. Dass der Täter kleinwüchsig und das Opfer groß ist, ist für Manni kein Argument, schließlich ist er selbst auch kleinwüchsig  und hat eine große stattliche Frau rumgekriegt.

Manni ist, wie gesagt, sehr zufrieden mit sich. Die Anerkennung seiner Mitbürger und eine verdienstvolle Beförderung sind ihm sicher. Am wichtigsten aber ist ihm, dass Nina ihn jetzt nicht mehr wegen geringer polizeilicher Fähigkeiten hochnehmen kann. Nina wird endlich von ihrem hohen Ross runtersteigen müssen. Er wird sie heute ganz ritterlich von ihrer Kneipe abholen und sich bescheiden in ihrem Lob sonnen.

In ihrer Kneipe aber sind nur noch zwei Gäste, die sich gerade am Zapfhahn selbst bedienen. Von ihnen erfährt er, dass Nina schon vor Stunden weggegangen ist. Zu Hause ist sie nicht. Im Revier, wohin Manni einigermaßen beunruhigt eilt, gesteht im ein junger Polizist, dass sie beim alten Bahnhof Einlass verlangte und er ihn gewährt habe. Das sieht Nina mal wieder ähnlich! Mit Blaulicht rast er zum Tatort. Mit vorgestreckter Taschenlampe nähert er sich den überwachsenen Gleisen. Und ja, da kommt sie tatsächlich angestolpert, seine Nina, groß und gewichtig, und anscheinend heil. Ein Stein plumpst ihm vom Herzen.

Während Manni, jetzt ohne Blaulicht den Polizeiwagen chauffierend, von den letzten Entwicklungen „im Mordfall Luise K“ berichtet, bleibt Nina auffallend stumm. Sie sagt nicht ja und sie sagt nicht nein. Sie fragt auch nichts. Ihre Gedanken stoßen sich im Hirn und wollen sich in keine ordentliche Reihe fügen. Luise – Erkan – John: zwischen diesen drei Personen rasen ihre Gedanken hin und her, durchtränkt von Erinnerungen an die Monate, in denen sie zwölf war und Luise bei ihnen wohnte, unterbrochen von den Sprüchen, die sie heute abend an der Theke hörte, eingefärbt von ihrem Herzweh, weil sie, dort auf den Stufen des Waggons sitzend, über sich selbst nachgedacht hat. Und sich gefragt hat, ob erst eine liebe Freundin ermordet werden musste, damit sie, Nina, 64 Jahre alt, kinderlos und stark übergewichtig, endlich mal wieder den kleinen Sichelmond hinter entlaubten Ästen sieht und eine kleine Katze beim Fressen beobachtet.

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Wie lange hatte sie das nicht mehr getan! Wie lebte sie denn überhaupt, eingezwängt zwischen ihrer Ehe mit Manni und ihrer Kneipe, deren Besucher sie heute fast in den Wahnsinn getrieben haben. Die alle schon wissen, dass der kleine Erkan der Mörder ist, bloß weil er eben Erkan und nicht Uwe heißt und dort in der Nähe aufgegriffen wurde. Und jetzt schwadroniert ihr Manni davon, dass alles protokolliert und perfekt sei. Es ist so passend, so verflucht passend!

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„Ich will diesen Erkan sehen“, sprach Nina schließlich. „Bitte fahre mich ins Gefängnis.“

 

 

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Das Drama der Flüchtlinge und der Helfer – zwei Briefe.

Ingrid – ihr kennt sie aus den beiden Gastbeiträgen, die ich im Blog veröffentlicht habe – schreibt mir fast täglich von ihren Erfahrungen auf den griechischen Ägäis-Inseln – zuerst von Lesbos, dann von Chios, und heute von Samos. Ich habe zwei ihrer Briefe herausgesucht, die das Drama der Flüchtlinge und der freiwilligen Helfer als ganz persönliches Erleben widerspiegeln.

Liebe Ingrid, ich nehme es mir einfach heraus, zwei deiner Briefe hier zu veröffentlichen, ohne dich groß zu fragen. Vielleicht hättest du Bedenken, aber ich mag darauf keine Rücksicht nehmen. Denn sie geben besser als alles, was für die Allgemeinheit geschrieben und durch die Selbstzensur gefiltert wird,  den Pulsschlag der bangenden Liebe wider, den du mit den anderen Freiwilligen teilst. Es ist gut, dass unsere Herzen ihn rein aufnehmen und weiterklingen lassen. Denn dieser leise, feine Pulsschlag darf  keinesfalls überhört werden, er ist wichtiger denn je, heute, wo wütende Abwehr, Zynismus und Kriegsgeschrei um sich greifen.

Januar, Lesbos.

„In der Nacht konnte ich kaum schlafen, Gerda mou, und Hermann auch nur schlecht. Unsere Gedanken drehen sich insbesondere um die kleinen, großen, alten, kranken Angekommenen, die frieren müssen. Bitte, bitte – niemand darf erfrieren ☆
Neue Flüchtlinge sind heute nicht übers Meer gekommen, gestern 5 Boote.
Dort wo die Boote ankommen (können einige km auseinander liegen) werden sie von Helfern in Empfang genommen, die Menschen bekommen Thermodecken und werden mit kleinen Bussen oder Privatautos in ein nahes Camp gebracht. Die Zelte sind geheizt, es gibt trockene, warme Kleidung, heißen Tee, warmes, stimmiges Essen. Auf Isomatten mit Decken können sich die Geflüchteten erst mal ausruhen, die Babys stillen, wickeln, die Kleinkinder mit allem was notwendig ist versorgen. An einer solchen Station habe auch ich gearbeitet, fand mich hilfreich mit all den anderen Freiwilligen zusammen. Manchmal nach einem halben oder nach einem Tag werden die Menschen (Afghanen, Syrer, Iraker, Pakistaner) Bus für Bus nach Moria gefahren. Moria ist das offizielle Registrierungscamp kurz vor Mytilini. Darüber kannst du viel im Internet lesen. Die Syrer kommen ins Camp (früheres Gefängnis mit Panzerdraht und hohen Mauern). Drinnen soll es warm sein und einigermaßen geregelt. Alle anderen Geflohenen bleiben vor den Mauern, hausen oft in selbst gekauften, kleinen Zelten. Die werden zu völlig überhöhten Preisen auf der Straße angeboten. Es gibt auch ein Essenszelt, Kleiderzelt……mehr konnten wir von außen nicht sehen.
Es wird dringend Hilfe gebraucht. Die NGOs sind grad dabei den Ablauf neu zu organisieren, Starfish beteiligt sich mit seinen eigenen Gedanken daran.

Fortsetzung folgt, meine Gedanken schwirren gerade ab.
Ich arbeite später in der Kleiderkammer in Molivos, die wohl auch verlegt werden soll.“

 

Heute, 16. 2., aus Samos.

„Liebe Gerda,

auf der Insel ist in Sachen Flüchtlingen alles im Umbruch. Mit aller Macht wird an dem Hotspot, umgeben von Stachel- und Natodraht gearbeitet. Der Hotspot (welch schreckliches Wort) soll von Polizei, Frontex und Militär  bewirtschaftet werden. Das ist eine unglaubliche Verschlechterung für die Flüchtlinge. Angeblich soll er auch geschlossen sein. Volontäre werden dann nicht mehr gebraucht und gewünscht.

Am letzten Samstag habe ich mich einer privaten Gruppe aus Samos angeschlossen und Frühstück für 300 Leute ausgeteilt. Schon da durften wir nur vor dem Container der beobachtenden Polizei stehen. Wir alle sind tief deprimiert und entsetzt. Bevor das Camp geschlossen wird, wollen Angela und ich einen Kindertag gestalten.

Ich habe die Idee, mit den Größeren T-Shirts zu bemalen, mit den Kleineren vorgefertigte Tiermasken zu gestalten. Es gibt einen schönen Platz am Wäldchen, den wir uns schon als „Tatort“ ausgeguckt haben. Das Wettet soll warm und sonnig bleiben.

Das sind so die highligts. Ansonsten verschlechert sich alles massiv, zum Heulen und Aufschreien. Dabei denke ich gar nicht an die Politik in Europa, den schweren Druck auf Griechenland.

Gleich geht’s auf zum Kleidung sortieren. Mich bekomme ich grad nicht sortiert.“

 

 

 

 

 

 

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Montag ist Fototermin: Die Metro von Athen.

Die Metro von Athen ist eines der Wunder des Landes. Sie ist blitzsauber, die Züge kommen tatsächlich, wann sie sollen, sie sind schnell und sehr billig (1.40 Euro für 70 Minuten im gesamten Netz) und vor allem: die Bahnhöfe zeigen dem Besucher, jeder auf eine andere, ortsbezogene Art, Kunst hohen Niveaus.

Ich habe mir schon lange vorgenommen, einmal alle Bahnhöfe abzuklappern, aber es bisher nicht geschafft. So nehmt nun mit einigen wenigen vorlieb, die ich gelegentlich fotografiert habe (immer nur mit Handy, also stellt bitte nicht allzu hohe Ansprüche an die Qualität).

Bahnhof Aigaleo, eine Metrostation im westlichen Athen, erschließt eine Industrie- und Arbeitergegend. Das Gebiet war im Altertum kaum bewohnt, aber eine bedeutende Straße durchzog es: der „Heilige Weg“ (Hieri Odos), der vom antiken Friedhof Kerameikos IMG_8687aa IMG_8683  nach Eleusis führte. Bei einer Zählung im Jahr 1889 lebten dort nur 770 Männer und 36 Frauen, die meisten waren Landarbeiter auf den großen Gütern. Auf dem Höhepunkt seiner Entwicklung (1981) wurden in der Gemeinde  82.000 Einwohner, 2011 nur noch 70.000 gezählt. Entstanden ist diese heute bevölkerungsreiche Gemeinde durch Flüchtlinge, die nach ihrer Vertreibung aus dem entstehenden neutürkischen Stadt 1920 angesiedelt wurden: Griechen aus Kleinasien und dem Schwarzmeergebiet und assyrische Christen. Aus den ehemaligen bürgerlichen Städtern Kleinasiens wurde das Proletariat des neugriechischen Staates.

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2007 eingeweiht, weist die Metrostation zwei Gruppen von Kunstwerken auf, die die gesamte überschaubare Geschichte umspannen: die eines zeitgenössischen Künstlers und Fundstücke vom Hieri Odos, der heiligen Straße, die beim Bau der Station ans Tageslicht

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Station Panormou

… eine innerstädtische Station ohne besondere historische Bedeutung zeigt diese Installation.

Metro Panormou 3 Metro Panormou

Die traumhaft schöne Schirm-Installation am Bahnhof Syntagma habe ich euch ja schon einmal gezeigt. https://gerdakazakou.com/2016/01/03/griechische-kunst-zum-sonntag-die-schirme-von-giorgos-zongolopouloso/. An diesem zentralen Umschlagplatz im Zentrum der Stadt gibt es noch vieles zu sehen – ein anderes Mal.

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Station Doukissas Plakentiou, „meine Station“, an der ich mein Auto parke, wenn ich ins Zentrum von Athen fahren will. Es ist ein Umsteigebahnhof, denn hier gehts auch zur Vorstadt-Eisenbahn, die in regelmäßigen Abständen bis nach Korinth und  weiter an der Nordküste der Peloponnes entlang bis nach Kiato fährt.

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Station Monastiraki: Sie kennen die meisten Athenbesucher. Aber haben sie auch mal den Kopf in den Nacken gelegt und an der Decke der Eingangshalle diese riesige Hand gesehen? Keine Ahnung, wer sie geschaffen hat.

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Und wenn du dann hinaustrittst aus der Metrostation und ein paar Schritte gegangen bist, siehst du sie vor dir: die Akropolis. Und dein Tag ist gemacht.

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Griechische Kunst am Sonntag: Panagiotis Tetsis

IMG_4113 Ein Revolutionär der Kunst war er nicht. Panagiotis Tetsis, geboren 1925 auf der Insel Hydra, ist vor allem als Maler der Landschaften seiner Heimatinsel bekannt geworden. Seine als konservativ geltende Kunst hat ihm etlichen Spott bei seinen progressiven Kollegen, aber die Liebe der Menschen eingebracht, die in seinen Bilder ihre eigene Art, die Natur wahrzunehmen, gesteigert wiederfanden. Nachahmer hat er wenige gefunden, obgleich er viele Jahre an der Athener Kunstakademie lehrte. Bei der letzten Ausstellung des 90Jährigen fotografierte ich einige Bilder und viele Details. Es ist natürlich verwegen, mit so kläglichen Fotos die Gewalt der großen farbigen oder schwarz-weißen Tafeln wieder geben zu wollen. Egal, anderes habe ich nicht zu bieten.

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Tetsis erhielt seinen ersten Malunterricht während der deutschen Besatzung Griechenlands, 1940, von einem deutschen Maler namens Klaus Vrieslander, damals 31 Jahre alt – nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Münchner Bildhauer, der 1940 geboren wurde. Ist das wichtig? Nein. Aber anrührend. Denn dieser erste Lehrer von Tetsis überlebte den Krieg nicht. Er starb (fiel?) 1944, in dem Jahr, als Tetsis sein Studium an der Kunstakademie aufnahm.

Tetsis lebt und arbeitet, jetzt 91 Jahre alt, mit ungebrochener Energie. Seine Bildformate sind groß, die Farbe trägt er mächtig, dickflüssig auf.

Thematisch und vom Bildaufbau her ist er ein Konservativer, aber seine Freude an den Farben und dem Licht ist jugendlich kräftig und belebt den Beschauer. Seine Liebe zu dem, was er ist und tut, überträgt sich und vertreibt die klügelnde Hinterfragung, ob das nun zeitgenössische Kunst sei.IMG_4125

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Zum St. Valentinstag: Froschkönig

Valentinstag ist’s. Und da das Samstags-Märchen noch aussteht: hier ist es, mit dem Froschkönig

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Um ein Liebesmärchen handelt es sich, nicht wahr? Da ist ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, und spielt im Wald nahe einem Brunnen mit seiner goldenen Kugel.  (Die goldene Kugel ist die Vollkommenheit des Kindes, die unangefochtene, intakte Unschuld und Jungfräulichkeit). Und wie es so spielt, rollt die Kugel in den Brunnen, „der war tief, so tief, dass man keinen Grund sah“. Es ist untröstlich, denn es kann die Kugel nicht aus eigener Kraft zurückholen. Aber da ist ein Frosch, der aus dem tiefen Wasser emportaucht.IMG_5780 Das Mädchen sieht, wie er seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckt, und spricht ihn an:. Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher? Sie kennt den alten Wasserpatscher durchaus, aber sie weiß noch nicht, was er von ihr will. Also verspricht sie ihm, was immer er haben will – Hauptsache, er bringt ihr die goldene Kugel wieder zurück. Und was will er? Ihre Kleider, ihren Schmuck, ihre Krone? O nein, die kann sie gern behalten. Er will ihr zu Diensten sein, wenn du mich liebhaben willst, und ich soll dein Geselle sein, an deinem Tisch neben dir sitzen, von deinem goldenen Teller essen, aus deinem Becher trinken, in deinem Bett schlafen. (Die Gebrüder Grimm haben, recht biedermeierlich, an jedes der Nomen ein „–chen“ gehängt, um das Anliegen des Frosches weniger offenkundig zu machen. Trotzdem lässt sich nicht verheimlichen, was dieser hässliche Kopf und Wasserpatscher wirklich will: Beischlaf.):

Das Kind stimmt zu, erhält die goldene Kugel zurück und kehrt heim, fest entschlossen, die Wünsche des Frosches zu ignorieren. Doch der Frosch verlässt sein Element und patscht hinter der Prinzessin her. Schon klopft er an die Tür des Speisesaales und ruft:

„Königstochter, jüngste,
Mach mir auf,
Weißt du nicht, was gestern
Du zu mir gesagt
Bei dem kühlen Wasserbrunnen?
Königstochter, jüngste,
Mach mir auf!“

Hier nun tritt der König in Aktion: er befiehlt der Tochter, das Versprochene zu halten und die Tür zu öffnen. Und so kommt der Frosch hereingehüpft. Kaum ist er drinnen, verlangt er, dass sie ihn zu sich emporhebt. Wieder zögert die Kleine, und wieder befiehlt ihr der König, und sie gehorcht. Sie lässt den Frosch widerwillig von ihrem Teller essen. Aber als er nun verlangt, in ihrem seidnen Bett zu schlafen, da weint sie, denn sie fürchtet sich vor dem Frosch, den sie nicht anzurühren getraute und der nun in ihrem schönen, reinen Bettchen schlafen sollte. Das schöne reine oder seidne Bettchen – das ist ihre – na, wie sagt man da doch gleich? Bettchen eben. Der eklige Frosch wird’s besudeln, fürchtet sie. Und wieder befiehlt ihr der König, ihr Wort zu halten.

Man fragt sich, was das für ein Vater ist, der seiner Tochter solchen Beischlaf zumutet. Soll sie um jeden Preis zur Frau gemacht werden? Sie ist „im Wort“, sagt er. Sie hat’s versprochen. Noch einmal gehorcht sie dem Vater, aber mit äußerstem Widerwillen. Sie hat den Frosch durchaus nicht lieb, wie er sich gewünscht hatte. Sie will ihn nicht zu ihrem Bettgesellen. Mit zwei Fingern packt sie ihn und trägt ihn hinauf und setzt ihn in eine Ecke.

Der Frosch aber gibt sich nicht zufrieden: Er will bei ihr schlafen. Heb mich herauf, oder ich sag’s deinem Vater. Da aber erwacht der Selbst-Wille im Kind: sie gehorcht dem Vater nicht mehr. Sie wird zornig und schmeißt den ekligen Frosch aus allen Kräften gegen die Wand. Und schreit ihm hinterher: Nun wirst du Ruhe geben!IMG_5785xxxy

Diese Tat macht der Froschgestalt den Garaus und lässt hervortreten den Prinzen, der er ja eigentlich ist. Es folgt die fröhliche Vereinigung der beiden, wie man sie sich am Valentinstag nicht besser wünschen könnte.

Man fragt sich natürlich, wieso der Prinz in Froschgestalt daherkam. Eine böse Hexe hatte ihm das angetan. „Böse Hexen“ sind, archetypisch gesprochen, alte Frauen oder übergriffige Mütter, die junge Männer entweder fressen wollen (Hänsel) oder, wie hier, in einen Frosch – hässlichen Kopf, Wasserpanscher – verwandeln (Sexualorgan des Mannes, wie es sich für Mädchen darstellt). Die Prinzessin kann dem jungen Mann seine wahre Gestalt zurückgeben, indem sie die Zumutung der kruden sexuellen Vereinigung empört verweigert. Auch wenn es der Vater verlangt: Sie will keinen Frosch in ihrem seidenen Bettchen dulden. Einem ihrer eigenen Schönheit ebenbürtigen Jüngling will sie sich hingegen gern vermählen.

Und so kommt prompt die Hochzeitskutsche mit acht weißen Pferden angerauscht, um das glückliche junge Paar abzuholen. Hinten drauf steht der treue Diener (archetypisch: Schatten). Diesem „eisernen Heinrich“ brechen mit großem Getöse drei eiserne Ringe, die sein Herz umschlossen hatten. Der Prinz fürchtet schon, es sei der Wagen, der bricht.

„Nein, Herr, der Wagen nicht,
Es ist ein Band von meinem Herzen,
Das da lag in großen Schmerzen,
Als Ihr in dem Brunnen saßt,
Als Ihr eine Fretsche wast.“

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Das wars für heute. Fröhlicher St. Valentin mit Prinzen oder Fröschen (bzw als Prinzen oder Frösche), je nach Geschmack und Bedarf!

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Luise, 5. Fortsetzung.

Dies ist nun die 5. Fortsetzung meiner Erzählung über Luise (ältere Dame mit Hut), die durch Jutta Reichelts „Geschichtengenerator“ angeregt wurde. geschichtengenerator. Zum schon bekannten Personal kommt heute ein neuer Name hinzu: Erkan (verliebt). Die übrigen Personen stammen teilweise aus den früheren Wörter-Sets:  Nina, Flo (Florian), John (sehr blass) – ferner die Orte Bahnhof, Atelier und Theke. Manni (Manfred, Polizist und Ehemann von Nina) habe ich selbst eingeführt (Manni in Aktion).

 

5. Fortsetzung

Die heutige Lokalzeitung war schon am Vormittag vergriffen. Zwei Nachrichten standen darin, die die Gemüter der Bürger erregten. Die erste betraf einen Sexualmord. In der Zeitung konnte man lesen: Die 67jährige L.K., unbekannten Aufenthaltes, ist heute um 4 Uhr 30 am alten Bahnhof tot aufgefunden worden. Sie war völlig nackt. Offenbar ist sie stranguliert worden. Ein Sittlichkeitsdelikt ist nicht auszuschließen. Am Ort des Geschehens wurde E. B, 17, festgenommen. Er hatte sich in einem aus dem Betrieb genommenen Güterwagen versteckt. Die Polizei fand im Waggon Kleidungsstücke und Decken, die wahrscheinlich der Toten gehört hatten. Offenbar hatte sie sich dort wohnlich eingerichtet. Aus den vielen Tüten mit Katzen- und Hundefutter, die L.K. dort gehortet hatte, ist zu schließen, dass sie streunende Tiere versorgte. Der Tatverdächtige schlug bei seiner Festnahme wild um sich und war ganz außer sich. Erst nach guter Zurede durch den Polizeioffizier Manfred P gab er auf und ließ sich willig abführen. Der Festgenommene bestreitet die Tat. Aus Polizeikreisen sickerte durch, er habe wiederholt „ich sie geliebt“ geschrien. Der Bahnhofsbereich wurde weiträumig abgesperrt. Die Spurensicherung ist noch an der Arbeit. Ein amtlicher Dolmetscher ist aus der Hauptstadt angefordert worden.

 

Die zweite Nachricht ging angesichts der Dramatik der ersten fast unter und wurde nur von wenigen kommentiert: Der Kunstmaler J.M, 65, wurde nach einem Suicidversuch in die Psychiatrische Klinik in H eingewiesen. Er hatte versucht, sich die Pulsadern mit einer Spiegelscherbe aufzuschneiden. F.L., 16, der einen Schlüssel zum Atelier von J.M. hatte, fand ihn gegen 8 Uhr morgens und alarmierte den Rettungsdienst. Er wurde im Kreiskrankenhaus medizinisch versorgt und dann zwecks weiterer Hilfe in die Psychiatrische Klinik überstellt.  – Ein paar Leute rümpften die Nase und fragten sich, in welcher Beziehung dieser 16jährige Junge wohl zu dem Maler gestanden hatte. Das Thema hätte einiges hergegeben, aber da war dieser Sexualmord, und der war, selbst wenn man die Tote nicht kannte, doch weit aufregender. Zumal der Tatverdächtige offenbar einer von diesen sogenannten Flüchtlingen war.

Nina machte ihre Gaststätte wie gewöhnlich am späten Nachmittag auf. Die Faschingsdekoration hatte sie entfernt. Sie sah verheult aus, was sie auch durch Schminken und Pudern nicht verdecken konnte. Die Nachricht von Luises Tod hatte sie fertig gemacht. Was sie von Manni, ihrem Mann, erfahren konnte, machte sie wütend und hilflos. Manni war sicher, dass der Festgenommene, ein junger Mann namens Erkan, der Täter war. Dieser Erkan sollte eigentlich in einem Erstaufnahmeheim für unbegleitete Jugendliche sein, aber er hatte sich abgeseilt und anscheinend am alten Bahnhof eingenistet. Auch ihre Kunden, sie sich schon bald einfanden und lang und breit über das Geschehen palaverten, waren sich sicher: Der war΄s. Die sind so. Ausgehungerte Tiere sind das, nehmen, was sie kriegen können. Klar, der war΄s. Ich sie geliebt! Diese Schweine. Ja ja, love, love, Muschi, fuck fuck. Das kennen sie, wenn sie sonst nichts kennen. So sind sie. Wer weiß, ob er allein war. Hoffentlich nimmt ihn die Polizei ordentlich in die Zange. In dem alten Bahnhofsgelände treibt sich allerlei Pack herum. Die Alte, die es erwischt hat, hat ihnen wahrscheinlich den Arsch hingehalten, um sich ein paar Groschen zu verdienen. Und dann hats sie eben erwischt. Scheint, sie wurde erwürgt. Wahrscheinlich ist die ganze Horde über sie hergefallen. Tiere sind das.

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Sexualmord (c) Gerda Kazakou

 

Nina hielt diese Reden einfach nicht mehr aus. Sie zog sich in den Raum hinter der Theke zurück und heulte, machte sich erneut einigermaßen zurecht und wagte sich wieder hervor.

Inzwischen hatte sich die Kneipe bis zum letzten Platz gefüllt, und die Stimmen wurden immer lauter. „Nina, wo bleibt mein Bier?“ „Man sollte sie alle kastrieren“ und „Scheiße, dass die Todesstrafe abgeschafft wurde“, „für dies Gesindel“ und „Zu Adolfs Zeiten wäre der“, „Das ist ihr Dank dafür dass wir“ und „Nina, noch fünf Bier!“ „Man traut sich nicht mehr auf die Straße“, „Nina, sechs Halbe“ und „diese Frau, was war mit der“, „hat ihr Schicksal selbst herausgefordert“, „eine armselige Prostituierte“ und „Woher ist die denn eigentlich gewesen?“

Nein, diesen Leuten würde sie heute nicht ihr gutes Bier ausschenken. Nina nahm ihren Hut und Mantel vom Garderobenhaken, machte die Oberbeleuchtung aus, an, aus, an, aus, an und rief laut in den Raum hinein: „Für heute ist geschlossen!“ Und ging, das Protestgeschrei überhörend, hinaus.

Sie ging schnurstracks zum alten Bahnhof. Man wollte sie nicht vorlassen, aber als sie sich als Mannis Frau auswies, traute sich der junge Polizist nicht, sie abzuweisen. Entschlossen marschierte sie zum Tatort. „Von wegen Spurensicherung“, murmelte sie entrüstet, als sie bei dem Kreideumriss ankam, den man an der Stelle, wo man die Leiche fand, auf den Boden gesprüht hatte. Keine Menschenseele war dort.

Obgleich es schon dämmerte, fiel Nina sofort ein Stück Papier auf, dessen gelb-grüner Rand im letzten Licht des Tages aufleuchtete. Sie selbst hatte einen Block mit solchem Papier auf ihrer Theke liegen, um darauf Kundenwünsche zu notieren. Sie verscheuchte eine kleine Katze, die mit dem Zettel spielen wollte, und ergriff ihn vorsichtig mit zwei Fingern. Er war eng beschrieben, und obwohl die Schrift ein bisschen verlaufen war, erkannte Nina sofort Luises Handschrift.IMG_5816bb

Nina konnte nicht jedes Wort entziffern, aber „alter Schmierlappen“ und „Schmiererei“ waren gut lesbar. Sie zählte zwei und zwei zusammen. Und kam zu dem Ergebnis, dass der Zettel für John bestimmt war. Der war in letzter Zeit sehr merkwürdig gewesen. Noch blasser als sonst und irgendwie unheimlich angespannt. Er kam zu ihr an die Theke und hatte nur einen Gedanken: Er wollte wissen, wo Luise steckte. Er brauche sie als Modell. Ohne sie könne seine Kunst keine Fortschritte machen. Er hielt ihr lange Vorträge, und wenn sie ihm keine Antwort gab, weil sie sich um andere Gäste kümmern musste, fluchte er, was er früher nie getan hatte. Ihr gefiel John eigentlich ganz gut, obgleich er ihrer Meinung nach den Künstler eher darstellte, mit seinem ewigen schwarzen Beret und seinem dunklen Cape, als dass er einer war. Einmal hatte er ihr ein Bild geschenkt, ein Hafen war drauf zu sehen, mit Netzen und zwei Leuten, aber nicht ordentlich gemalt, sondern ein ziemliches Geschmiere. Er nannte es „erotischer Hafen“, weil die eine Seite ganz in Rosa gemalt war. Sie hatte sich artig bedankt und das Bild zu Hause hinter den Schrank gestellt.

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Erotischer Hafen (c) Gerda Kazakou

Nina hatte tatsächlich nicht gewusst, wo Luise steckte. Sie war vor ungefähr einer Woche zuletzt bei ihr in der Kneipe gewesen, um ihr zu sagen, dass sie nicht mehr bei John arbeiten würde. Sie hatte ein Blatt Papier vom Block auf der Theke gerissen, es voll gekritzelt und ganz klein zusammengefaltet. Dann war sie gegangen. Seither hatte sie sie nicht mehr gesehen. Und seither war John hinter ihr her. Und jetzt hatte er versucht, sich umzubringen und man hatte ihn in die Klapsmühle gesteckt. Vielleicht hatte ihn die Nachricht von Luises Tod umgehauen? Vielleicht war er verrückt geworden, weil er als Künstler nichts taugte? Ob er wohl den Zettel von Luise gelesen hatte? Das hätte ihm dann ja wohl den Rest gegeben. Einen alten Schmierlappen hatte sie ihn genannt, das war schon echt hart. Luise war ein ziemlich harter Brocken, immer schon, damals schon. „Männer sind Tiere“, hatte sie mit ihren grad mal fünfzehn Jahren verkündet, als ob sie schon alles gewusst hätte, was das Leben noch für sie bereit hielt. Richtige Tiere waren für sie „okay“.

Nina selbst war damals knapp dreizehn gewesen und hatte keine Ahnung von Männern. Eigentlich wusste sie auch heute nicht viel von ihnen. Denn Manni war zwar bemüht, aber ein Mann war er nicht unbedingt, und was seine polizeilichen Fähigkeiten angetraf, so wäre ich – dachte Nina – wahrscheinlich der bessere Polizist. Aufseufzend schaute sie noch ein bisschen am Boden herum. Komisch, dieses Kätzchen! Jetzt spielte es mit einer gelben Garnrolle. Es war dickes, festes Garn, so wie starker Bindfaden. Als Nina sich bückte, um die Rolle an sich zu nehmen, fauchte das Kätzchen und schlug nach ihr, ließ sich das Spielzeug dann aber abnehmen.

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Luises Seele und das Kätzchen (c) Gerda Kazakou

Bevor es ganz dunkel wurde, stieg Nina über mehrere tote Gleise, um auch den Waggon zu inspizieren, in dem Luise wohl zuletzt geschlafen hatte. Leider konnte sie von draußen, wo sie ächzend stehenblieb, nicht viel erkennen. Die Stufen, die ins Innere des ehemaligen Viehwaggons führten, waren entschieden zu steil für sie. Immerhin sah sie, dass der Raum leer war. Die Polizei hatte anscheinend alles abgeräumt. Nur eine Dose mit Katzenfutter war vor die Stufen gerollt. Die Außenwände waren über und über besprayt. Die Bilder dieser jungen Leute schienen ihr manchmal besser, als was John in seinem Atelier produzierte. Auf einem meinte sie sogar ihren Mann, den Manni zu erkennen (sich selbst erkannte sie nicht).

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Spraybild am Viehwaggon mit Nina, Manni und einem obdachlosen Paar (c) Gerda Kazakou

Vielleicht hatten diese Sprayer was mit dem Mord zu tun. Oder sie wussten was, hatten was beobachtet. Sie würde Manni danach fragen.

Als sie umkehren wollte, sprang das Kätzchen auf sie zu und umstrich maunzend ihre Beine. Nina öffnete die Dose, bückte sich, fand  einen Plastikuntersetzer, den Luise anscheinend für solche Zwecke dort deponiert hatte, entleerte den Inhalt. Ihr war elend zumute.

Schwer atmend sank sie auf die eisernen Stufen der Treppe und sah dem Kätzchen zu, das mit einem rosa Zünglein die Soße von den Fleischbrocken leckte, bevor es einen davon verspeiste. Dann hockte es sich hin und guckte zufrieden, leckte sich das Mäulchen und angelte sich einen zweiten Brocken. Angelte sich einen dritten und ließ sich nicht stören, als erst eine, dann zwei, drei, vier Katzen aus der Dämmerung erschienen und sich in der Nähe des Napfes niederließen. Sie warten, dachte Nina, bis sie an der Reihe sind. Ich wusste gar nicht, dass Katzen …

Luise. Ihr wollte es nicht in den Sinn, dass Luise tot war. Auf so schreckliche Weise umgebracht. Dieses Bürschchen, Erkan hieß er wohl – wie war es möglich, dass er eine ausgewachsene Frau …. Luise war nicht mehr jung gewesen, aber altersschwach war sie nicht. Die würde sich doch nicht von so einem kleinwüchsigen Knaben umbringen lassen. Es war natürlich möglich, dass er nur einer von mehreren war. Dass Luise einer ganzen Bande zum Opfer gefallen war. Sie mochte es sich nicht ausmalen.

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Die Szene, die sich Nina nicht ausmalen mag (c) Gerda Kazakou

 

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Luise, 4. Fortsetzung, inspiriert durch Juttas geschichtengenerator.

Stichwörter: Luise – Atelier – Nina – Theke 

4. Fortsetzung  (angeregt durch Jutta Reichelts geschichtengenerator in Aktion http://juttareichelt.com/tag/mein-geschichtengenerator/ )

 

Luise, 4. Fortsetzung

Wahrscheinlich werde ich krank. Oder verrückt. Fieber habe ich, glaube ich, nicht, aber mein Kopf dröhnt und in den Ohren braust ein Sturm.

Der Sturm hat sich verschlimmert, seit ich bei Nina in ihrer Kneipe war, um mich über ihre Freundin zu beklagen. Ich hätte besser dran getan, gleich wieder umzudrehen. Ich hatte vergessen, dass Fasching ist und Nina ihre Kneipe daher mit allerlei Firlefanz dekorieren würde. Sie hatte als diesjähriges Motto „Afrika“ gewählt, aus Solidarität mit den Flüchtlingen, wie sie allüberall verkündet hatte. Sie selbst hatte sich natürlich als Afrika-Queen kostümiert, und wenn ich nicht so fertig gewesen wäre, hätte ich ihr vielleicht ein Kompliment gemacht. So aber fiel ich gleich mit der Tür ins Haus: „Sie hat mich versetzt, deine schöne Freundin. Sie hat mich um die Früchte meiner wochenlangen Arbeit gebracht. Grad war ich so weit, dass sich aus meinen Vorstudien etwas Großes entwickeln wollte, da kündigt sie mir. Ich kann solche Verantwortungslosigkeit nicht ertragen. Es zeigt, dass sie keinen Respekt vor der Kunst hat. Es wundert mich überhaupt nicht, dass sie keine Künstlerin geworden ist, sondern sich immer noch als Modell anbietet. In ihrem Alter!“

Nina reagierte gar nicht freundlich. Sie kniff ihren Mund im geschwärzten Gesicht verächtlich zusammen und sah mich schief an, als sie mir mein Bier hinschob. Würdigte mich keiner Antwort, keines Kommentars, rückte ihre Krone aus Goldpapier auf dem Kopf zurecht und wandte sich majestätisch von mir ab und einem anderen Kunden zu. Der Typ hatte sich eine rote Clownsnase in sein geschwärztes Gesicht setzt, der Blödmann. Nina erzählte mit großem Schwung und ausgreifenden Gebärden ihre Geschichte, in der ihr Mann, der Manni, eine Heldenrolle spielte. Manni, dieser lächerliche Polizist, zu klein für seine Uniform und erst recht für sein gewaltiges Weib – ein Held, dass ich nicht lache!

Ich hatte nicht die geringste Lust auf Ninas Geschichte, hatte überhaupt keine Lust auf irgendwas, nicht auf den Typen mit der Clownsnase, nicht auf die vermaledeite Dekoration, auf die anderen Gäste mit ihrem afrikanischen Look und ihrem radebrechenden Gequassel, das sie anscheinend für witzig hielten. Die afrikanische Trommelmusik, die aus den Lautsprechern dröhnte, ging mir gewaltig an die Nerven.

Da Nina keine Anstalten machte, sich an mich zu erinnern, nahm ich mein Bier und setzte mich beleidigt an einen Einzeltisch. Ich ließ meinen Blick über die albernen Girlanden und Ballons laufen, um meine Gedanken von Luise fernzuhalten. Ich inspizierte von meinem Platz aus sogar die Uhr, die ewig stehen blieb, und über die Nina in einem Anfall ihres skurrilen Humors ein Schild mit der Aufschrift „Keep walking“ gehängt hatte. IMG_5900Hols der Teufel, auch ich musste weitermachen. Stehenbleiben geht nicht. Ich würde eben wieder Landschaften und Segelboote malen, wurde höchste Zeit, für Nachschub zu sorgen, für son Kram fanden sich immer Käufer, und die brauchte ich dringend. Die Stunden mit Luise hatten ein Loch in meine Bilanzen gerissen. Wieviele Stunden hatte ich ihr bezahlt? Ich versuchte, im Kopf einen Überschlag zu machen, was sie mich gekostet hatte, aber es gelang mir nicht. Stattdessen reichte der Name Luise, damit ihr langer dünner Körper, ihre weißliche Haut unter dem Neonlicht, ihre Ecken und Kanten, ihre verschlossene Sinnlichkeit wieder vor mir auftauchten.

 

Und wieder begann ich innerlich zu rasen. Ich musste sie knacken, Teufel noch mal! Was bildete sich dieses Weibsstück eigentlich ein! Arm war sie, alt war sie, verbraucht war sie, und sträubte sich und verweigerte sich mir? Schmiererei hatte sie meine Malerei genannt und mich einen alten Schmierlappen. Ich hätte ihr eine schmieren sollen, als es noch an der Zeit war. Hätte sie bezwingen sollen, anstatt herumzuturteln und es auf die indirekte Weise zu versuchen.

Ich fühlte ein heftiges Brennen in meiner Brust, sah vor mir Bilder: eine Frau mit weit aufgerissenen Augen, den Mund verzerrt, blutend, schreiend! Gefesselte Gliedmaßen, zerrissene Leiber, vergewaltigt, hingemetzelt.

Ha! Das waren Themen! Das würde mich aus der Anonymität herauskatapultieren, ich würde zu den Großen gehören, über die man sprach und um deren Werke man sich riss! Leidenschaft, Wahrheit, echtes Gefühl – ich musste es aus ihr herauspressen, notfalls herausprügeln, damit es herüberkam vom Bild auf den Betrachter. Sie würde sich winden, würde sich wehren, ja, das war es, was ich brauchte. Kein willenloses Opfer, keine hingegebene Schöne, keine freiwillig gespreizten Schenkel, kein soft Porno. Luise, diese gealterte, abgegriffene, verblichene Stolze, sie war die Richtige, um zu zeigen, was zu zeigen war. Ah, welch ein Thema. Endlich verstand ich, warum ich Nina brauchte. Sie inspirierte mich. Die Bilder der großen Maler rasten auf mich zu, die sich nicht gescheut hatten, die Wahrheit in erschütternden Bildern zu gestalten: die geschundene Natur, das vergewaltigte Weib, die Gräuel des Menschengeschlechts, die Lust und der Tod als Geschwister.

Das Bier war alle, und Nina war mit ihrer Geschichte fertig. Also begab ich mich wieder an die Theke, um ein Neues zu bestellen und vielleicht doch noch ein paar Auskünfte über Luise zu erhalten. Ich musste wissen, wo sie abgestiegen war. Ich würde sie schon rumkriegen. Sie würde zu Kreuze kriechen, denn sie braucht Geld, und wer will schon ein abgetakeltes Modell außer so Verrückten wie ich? Ich würde meine Pläne ausführen, der Kunst zuliebe. Ja, der Kunst zuliebe!

Nina hatte nur ein kurz angebundenes „Weiß nicht“ für mich übrig, als ich sie nach Luises Absteige befragte. Meine Bier-Bestellung überhörte sie, verließ ohne weiteren Gruß die Theke und setzte sich an einen Tisch zu einer Frauengruppe. Sie erzählte einen Witz und alle kreischten los. Kreischten los und blickten zu mir herüber. Mir reichte es. Ich legte Kleingeld auf die Theke und ging.

 

Ich muss das Atelier aufräumen, es sieht übel aus. Der Rock und die Unterhosen gehören in den Müll. Was für eine blöde Idee, den Schiele kopieren zu wollen! Ab jetzt würde ich meine Bildmotive selbst finden. Die Bilder warten ja nur darauf, von mir gehoben zu werden. Wenn ich nur erst Luise hier hätte! Aha, da liegen immer noch die Scherben vom Spiegel, die müssen auch weg. Wo ist die Kehrschaufel? Der Besen? He, was ist das? Die Scherben – das gibt es doch nicht! Das ist unmöglich! Ich glaub, ich werd verrückt! In jeder Scherbe das Bild von Luise! Sie lagert auf dem Sofa, beschienen von der Lampe, unnahbar in ihrem weißen Leib. Ich muss diese Scherben loswerden, sofort weg damit, in den Mülleimer! O mein Kopf.

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Geschichtengeneratur, Luise, 3. Fortsetzung

http://juttareichelt.com/tag/mein-geschichtengenerator/

Vorbemerkung: Hier die angekündigte Fortsetzung meiner Geschichte über Luise. Die eingefügten Bilder von Picasso und Cocteau habe ich heute aufgenommen – in einer Ausstellung in Athen. Die Bilder von Schiele sind dem internet entnommen.

Wie ich in einer Antwort zu Juttas Kommentar sagte, stand ich an einem Dreiweg der nächtlichen Göttin Hekate: wo soll es lang gehen? Treffe ich auf eine Goldader, lande ich in einer Sackgasse oder gleich im Sumpf? Juttas Antwort war: Ausprobieren. Also probierte ich aus und geriet in ziemlich sumpfiges Gelände.  Ich habe bereits eine Vorstellung, wie es weitergehen könnte auf diesem Weg.

Vielleicht schreibe ich danach eine andere Variante, die nicht in den Sumpf, sondern zu einer Goldader führt, mit hohen Gedanken und freundlichen Menschen. Wenn ihr Lust habt, begleitet ihr mich noch ein Stück auf diesem Tripp. Auf gehts!

Hier nun also die dritte Fortsetzung der Geschichte über Luise, angeregt durch den Geschichtengenerator von Jutta Reichelt und garniert mit meinen Legebildern.

 

 

Dieser Traum! Völlig verwirrt erwachte ich. Ich fand mich frierend auf dem schwarzen Sofa, zugedeckt mit einem dunkelblauen Frauenrock. Das Feuer im Ofen war erloschen. Mein Kopf stand unter Feuer.

Ich versuchte, mich zu sammeln, zu erinnern. Da war dieser Traum! Ich war, ja, ich war ein kleiner Junge, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, und stand auf einem Hügel. Ein Zwerg stellte sich vor mich hin, oder vielmehr, er schwebte vor mir, so dass unsere Köpfe auf gleicher Höhe waren, obgleich ich auf einem Hügel stand und viel größer als der Zwerg war.  IMG_5815

Er streckte einen gelben Arm mit einem großen Handschuh nach mir aus. Er verlangte den Zettel, den ich hinter meinem Rücken versteckt hielt. Ich wollte ihm den Zettel nicht geben. Er hatte einen Hund dabei, einen recht großen, aber er wirkte harmlos. Ich hatte keine Angst vor ihm. Ich würde den Zettel nicht rausrücken. IMG_5816b Unangenehm war mir nur, dass dieser Zwerg ein Gesicht hatte, das meinem heutigen verdammt ähnlich sah. Ein großer erwachsener Kopf wie meiner, aber auf dem kleinen verwachsenen Körper. Ich wunderte mich, wieso konnte er das Gesicht von mir als Erwachsenem haben, wo ich doch ein kleiner Junge war. Und wieso trug er in einem Rucksack ein chinesisches Baby? Oder war es kein Baby? Was sonst?

Da erst merkte ich, dass hinter dem Zwerg noch zwei Figuren anmarschiert kamen. Ein Mann und eine Frau. Die Frau hatte ein gelbes Gesicht, war überschlank und ganz in Schwarz gekleidet. Sie führte den Mann an einer gelben Leine, die um seinen Hals gelegt war, vor sich her, als wäre er ihr Hund. Er schien das ganz normal zu finden.IMG_5814

Die Frau trug Stöckelschuhe mit sehr hohen Absätzen, das fiel mir jetzt auf. Damit trat sie auf ein zerfetztes Wesen, das die Farbe von roter Erde hatte und kläglich schrie. Sie trug einen großen Hut, und auf dem Hut wollte sich grad ein Rieseninsekt niederlassen. Das Insekt war nicht nur entsetzlich groß und brummte angriffslustig, sondern hatte auch einen ekligen roten Stachel. Aber irgendwie war mir das egal. Sollte die Frau sehen, was sich da auf ihrem Hut niederließ. Dieser Hut war übrigens ein Künstlerbarett, wie ich es trage. Sie ließ eine große Palette baumeln. Trotzdem glaubte ich nicht, dass sie im Ernst eine Malerin war. Solche Baretts tragen auch die Richter und Richterinnen.

Ich glaube, ich muss langsam aufwachen. Wieso fühle ich mich nur so zerschlagen? Wieso liege ich hier auf der Couch, zugedeckt mit einem dunkelblau geblümten Frauenrock? Er fühlt sich weich an, wie aus Samt. Ich will mal sehen, ob ich den Ofen wieder ankriege. Verdammt kalt die Bude. He, was ist das? Wo sind meine Zeichnungen? Das ganze Dossier leer, nur ein paar Schnipsel liegen am Boden. Und die Cognac-Flasche – leer. Moment, die Wände sind auch leer. Und der Spiegel zersplittert am Boden. In jedem Splitter – sie! Das darf nicht sein! O mein Kopf!

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Inzwischen weiß ich wieder, was gestern geschehen ist. Haarklein erinnere ich mich. Die Sache ist die: Seit Tagen verfolgte ich systematisch einen Plan. Mein Atelier füllte sich zunehmend mit erotischen Zeichnungen, die ich an die Wand heftete oder herumliegen ließ. Es waren weibliche Akte, aber auch Zeichnungen von Männern und Kopulationen. Ich habe nicht wenige davon in meiner Sammlung, so ziemlich alle Maler haben sich daran versucht.  Picasso und Cocteau sind darunter, der eine als Künstler, der andere als Pornograph, der es den Künstlern gleich tun wollte. Und natürlich Schiele mit seinen waghalsigen Frauenportraits.

IMG_5829 IMG_5869 Schiele, Onanie schiele, Akt

Ich beobachtete Luise, wenn sie den Blick über diese Bildersammlung streifen ließ. Ich ließ sie mal bekleidet, mal halb nackt, mal ganz nackt posieren, und suchte durch allerlei Anzüglichkeiten eine Bresche in ihre Abwehr zu schlagen. Aber Luise war wie eine Puppe, die man hier und da hinstellt und die keine Gefühlsregung zeigt. Mir schien sogar, dass ihr Gesicht immer leerer wurde, je aufreizender die Positionen waren, die sie einnehmen sollte und je mehr ich sie bedrängte. Das machte mich wahnsinnig. Ich musste sie „knacken“, wie ich es bei mir nannte. In sie eindringen, mich ihrer Seele bemächtigen. Sie sollte aufbrechen und reden, lachen, weinen, zittern, schreien, beben, toben, flüstern, flehen. Lebendig sein. Und dann würde ich sie malen! Die Bilder würden leuchten, würden Kraft und Bedeutung haben und nicht so leblose Studien sein wie die, die ich bisher von Luise zustande gebracht hatte.

Ich hatte alles gut vorbereitet. Im Ofen knackte das Holz und glühte, wenn das starke Feuer es züngelnd umarmte, der Wasserkessel summte und sang.  Das Buch mit Egon Schieles Akten lag offen da und zeigte eine kniende junge Frau, die ihren dunkelblau geblümten Rock lüftet und ihre Vulva vorzeigt. Wie eine rote Blüte schaut sie, rosa umstickt, aus dem Schlitz der altmodischen knielangen Unterhose. Eben solche Kleidungsstücke hatte ich besorgt und auf der schwarzen Ledercouch bereitgelegt. Auch eine Flasche Cognac hatte ich besorgt. Heute würde es keinen Tee geben. Wenn sie was trinken wollte: Cognac, bitte sehr! Und dann würde sie genau wie das Mädchen auf Schieles Bild posieren. Egon Schiele, knieende Frau

Unruhig wanderte ich auf und ab. Die Minuten krochen dahin. Ich war aufgeregt und, ich gestand es mir ein, erregt bei dem Gedanken, Luise in der Pose zu malen, die Egon für seine Schöne gefunden hatte. Luise war nicht mehr schön, vielleicht war sie es früher gewesen. Sie war mager und wirkte irgendwie abgetragen, abgeschabt vom Alter und von allzu vielen Berührungen durch Maleraugen und vielleicht auch Malerhände. Ich würde sie nicht anrühren – – oder doch! vielleicht würde ich sie doch anrühren, ja! würde meinen Finger in ihre Vulva legen und schauen, wie sich ihr Gesicht veränderte.  Wie ihr strenger und ein wenig verächtlicher Mund sich weich öffnete, die Augenbrauen sich hoben, ein Stöhnen sich ihrer Brust entrang. Ich musste sie fesseln, fiel mir ein. Sonst würde sie womöglich aufspringen und mir eine runterhauen. Ich fand, herumgehend, einen kurzen gelben Strick, aber der würde nicht reichen. Klebeband. Die Hände hinter dem Kopf zusammenbinden und verkleben. Wie? Wo? An die Staffelei musste ich sie fesseln, ja, das war die Lösung. IMG_5680aa Da könnte ich auch leicht ihre Füße fixieren. Luise an die Staffelei gefesselt, kniend wie die Schöne auf dem Bild, und aus dem Schlitz der Unterhose würde – dafür würde ich schon sorgen! – ihre Vulva hervorblühen. Rot, lebendig.

Solche Vorstellungen erzeugten in mir eine heftige Erektion. Ich rannte wie ein Tier im Atelier auf und ab. Die Beleuchtung! Ich musste die Lampen richten, damit die Szene gut ausgeleuchtet war. Wieder schaute ich auf die Uhr. Sonst war sie immer pünktlich auf die Minute, aber heute verspätete sie sich. Wo blieb sie nur? Es war schon zehn Minuten über die Zeit. Ah, da war sie ja! Ich sah ihre verschwommene Silhouette hinter der Glasscheibe der Ateliertür, hörte sie klopfen. Moment, ich komme, rief ich, hatte es aber plötzlich gar nicht mehr eilig. Sie sollte ruhig ein bisschen warten und frieren, dann würde sie um so eher nach Cognac greifen. Moment! rief ich wieder, arrangierte noch dies und das und ging zur Tür, um aufzuschließen. Denn seit ich das Atelier umgestaltete, wollte ich nicht mehr, dass jemand unangemeldet hereinkam.

Vor der Tür war niemand. Nur ein Zettel, der zwischen der Tür und dem Rahmen gesteckt haben musste, fiel zu Boden. Er war zusammengerollt und gefaltet wie ein Spickzettel.

Unter der Lampe faltete ich den Zettel auseinander. Was ich dort las, zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich taumelte zurück, stolperte gegen die Staffelei, die polternd umfiel, und landete auf dem schwarzen Sofa, sank in den dunkelblau geblümten Rock und die rosa umstickte Unterhose. Rieb mir die Schulter, mit der ich die Staffelei umgerissen hatte, griff mir an den Kopf. Las wieder:

Ein Schmierzettel für den Schmierfinken, der sich für einen Maler hält. Schmierig das Gemüt, schmierig die Gedanken, schmierig sein Geschmack, seine Bilder nichts als Geschmiere. Du alter Schmierlappen wolltest mich anschmieren, aber eher schmiere ich dir eine, klar Luise. Die Unterstreichungen ersparte sie sich am Ende.

Zum Glück hatte ich die Flasche Cognac in Reserve. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Und noch einen. Und noch einen. Geschmiere hatte sie meine Kunst genannt. Das traf mich am meisten. Ich sank ein bisschen mehr in mir zusammen und nahm noch einen Schluck. Hol sie der Teufel! Ich rappelte mich vom Sofa auf, ging, die Cognac-Flasche in der Hand, leicht schwankend hinüber zu der Wand mit den Aktzeichnungen, starrte sie an. Riss sie ab, eine, zwei, alle, zerriss sie, knüllte sie zusammen, taumelte zum Ofen, schmiss alles hinein, griff mir ein Dossier mit Zeichnungen, die Arbeit von mehreren Wochen, schmiss es hinterher, lachte. Die Flammen tobten kurz, sanken dann in sich zusammen.

Wild schaute ich um mich. Da glotzte mich doch noch eine Zeichnung an, die musste ich auch vertilgen. Ich torkelte hinüber zum großen Spiegel, der an der Wand lehnte und zertrümmerte ihn.

IMG_5809s  IMG_5809sss IMG_5809uu IMG_5809uuu IMG_5809x IMG_5809xx

Ha! Da lag sie, zerschellt am Boden.  Auch ich sank zusammen, sank auf das schwarze Sofa, auf den dunkelblau geblümten Rock, auf die zierlich umstickte Unterhose mit dem offenen Schlitz, leerte die Flasche bis zur Neige, deckte mich mit dem Rock zu und fiel in tiefen Schlaf. Und träumte einen wirren Traum. Ich wollte, ich wüsste, warum dieser verdammte Zwerg mein Gesicht hatte. Den Zettel würde ich ihm jedenfalls nicht geben. Und was die Frau mit dem Barett und den Stöckelschuhen angeht – möge sie das böse Insekt stechen! Dieser Blödmann von Mann! Lässt sich von einer fiesen Luise am Halsband führen, pfui Teufel!

Mein Mund fühlt sich filzig an, ich muss dringend was Vernünftiges trinken. Wie spät ist es eigentlich? Elf? Hols der Teufel, zu früh für Nina. Der werd ich was erzählen. Schöne Freundinnen hat sie. Hol sie alle der Teufel!

 

 

 

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Der Traum des Malers – Intermezzo zu Luise – Juttas geschichtengenerator

„Der Traum des Malers“ entstand bei meinem Nachdenken über die Fortsetzung meiner Geschichte zu Luise – Atelier – Nina – Flo – Bahnhof etc , angeregt durch Juttas

Geschichtengenerator in Aktion

 

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Der Traum des Malers (c) Gerda Kazakou

 

Hier ein paar Details. Wer mag den Traum deuten? IMG_5814

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Geschichtengenerator Jutta Reichelt: Luise – 2. Fortsetzung

Luise – Atelier Geschichtengenerator in Aktion

Ich bezahle Luise nach Stunden. Sie nimmt das Geld, zieht sich an und verschwindet. Mehrmals habe ich versucht, sie zum Bleiben oder zu einem Drink einzuladen. Bisher vergeblich. So trabe ich, wenn wir mit der Arbeit fertig sind, allein zu Nina und berichte ihr das Neue vom Tage: wann Luise bei mir war, wie sie drauf war, dass ich Fortschritte beim Aktzeichnen mache, dass ich jetzt auch Bilder farbig anlege. Nina zeigt Interesse. Sie scheint sich zu freuen, dass ihre alte Freundin bei mir ein und aus geht. Wenn ich aber versuche, sie nach Luises Leben auszufragen, beiße ich auf Granit: „Frag sie doch selbst! Wenn sie dir was erzählen will, wird sie’s schon tun“.

Wie aber kann ich eine ältere Frau nach ihrem Leben ausfragen, die splitternackt vor mir steht, einen Hut auf dem Kopf? Bei der kleinsten persönlichen Frage zieht sich ihr Gesicht zusammen, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Sie hat ja recht, es geht mich nichts an. Ihre Anonymität ist ein Schutz, der ihr die Nacktheit vor einem fremden suchenden Auge erträglich macht. Und doch! Damit meine Zeichnungen von ihr mehr werden als Fingerübungen, muss ich Luise besser kennenlernen. Ich brauche ihr Inneres, ihre Seele, ihren Geist, ihre Sinnlichkeit, um ihre Körperform zu beleben.

Seit Luise bei mir erschienen ist, arbeite ich wie besessen. Meine alte Unentschlossenheit und Schlappheit ist verschwunden. Ich fühle mich durch diese Frau herausgefordert. Meine Skizzen schaut sie an, mit der Zungenspitze in der Backe bohrend, den Mund verziehend oder leicht schnalzend, ohne sie zu kommentieren.

IMG_5795 IMG_5798 IMG_5788xx Ich kann nicht entziffern, was sie denkt und fühlt. Ihre Verschlossenheit plagt mich mehr, als vernünftig ist. Ich grübele, welches Leben sich hinter dieser leicht angegrauten Haut, hinter den Rippen, die ihre Lungen und ihr Herz eng umschließen, hinter dieser Bauchdecke, die von einer Narbe durchquert wird, verbergen mag. Ich möchte sie öffnen und hineinschauen. Wenn ich sie anfasste, wenn ich meine Fingerspitzen über die blauen Adern an ihren Oberschenkeln gleiten ließe, anstatt nur mit dem Blick ihren Linien zu folgen – würde sie erzittern und nervös auflachen? Würde sie sich wohlig strecken und lächeln? Vielleicht würde sie nach mir schlagen und auf und davon gehen.

Bisher nimmt sie jede Position ein, die ich ihr abverlange. Das Stehen strengt sie an, aber sie hält durch. Wenn ich sie auf dem schwarzen Ledersofa posieren lasse – mir gefällt der scharfe Schwarz-Weiß-Kontrast – beklagt sie sich zwar kurz über die Kälte und zieht eine Grimasse, weigert sich aber nicht.  IMG_5799 IMG_5800 IMG_5801 IMG_5792vv Ich möchte neue Positionen ausprobieren, sehen, wie weit sie geht.   Wo ihre Grenzen sind. Wo es anfängt, weh zu tun.  Heute habe ich einen Bildband mit Aktzeichnungen von Egon Schiele herausgesucht, ich werde ihn aufgeschlagen herumliegen lassen und sie beobachten. schiele, Akt images Schiele rote socken 6631S Schiele, liegend

Ich habe schwarze Strümpfe und rote Socken besorgt, einen weiten Blümchenrock und altmodische Spitzenunterhosen, will ihren mageren Körper damit drapieren, wie Egon es tat. Es ist Faschingszeit, da liegt so was nahe. Aber eine Maske soll sie nicht tragen. Ich will ihr Gesicht sehen, will sehen, ob es von einer Erinnerung berührt wird, aufblüht vielleicht. Und sie anfängt zu erzählen.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Was geht mich diese Frau an. Ich stehe vor ihrem hingestreckten Leib und schaue und kann nicht wegsehen. Zähle ihre Rippen, ihre blauen Krampfadern, starre auf ihren kleinen spitzen Busen, als hinge das Heil meiner Seele davon ab.  IMG_5809Glotz nicht so, ermahne ich mich. Siehst du nicht, wie abgetragen ihr Leib ist? Was willst du von dieser ältlichen Frau? Ich drehe mich um, da ist sie wieder, umgedreht auch sie und im Spiegel. Wie eine Geistererscheinung. Wer bist du, Luise? Was suchst du in meinem Leben?

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