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Vorbemerkung: Hier die angekündigte Fortsetzung meiner Geschichte über Luise. Die eingefügten Bilder von Picasso und Cocteau habe ich heute aufgenommen – in einer Ausstellung in Athen. Die Bilder von Schiele sind dem internet entnommen.
Wie ich in einer Antwort zu Juttas Kommentar sagte, stand ich an einem Dreiweg der nächtlichen Göttin Hekate: wo soll es lang gehen? Treffe ich auf eine Goldader, lande ich in einer Sackgasse oder gleich im Sumpf? Juttas Antwort war: Ausprobieren. Also probierte ich aus und geriet in ziemlich sumpfiges Gelände. Ich habe bereits eine Vorstellung, wie es weitergehen könnte auf diesem Weg.
Vielleicht schreibe ich danach eine andere Variante, die nicht in den Sumpf, sondern zu einer Goldader führt, mit hohen Gedanken und freundlichen Menschen. Wenn ihr Lust habt, begleitet ihr mich noch ein Stück auf diesem Tripp. Auf gehts!
Hier nun also die dritte Fortsetzung der Geschichte über Luise, angeregt durch den Geschichtengenerator von Jutta Reichelt und garniert mit meinen Legebildern.
Dieser Traum! Völlig verwirrt erwachte ich. Ich fand mich frierend auf dem schwarzen Sofa, zugedeckt mit einem dunkelblauen Frauenrock. Das Feuer im Ofen war erloschen. Mein Kopf stand unter Feuer.
Ich versuchte, mich zu sammeln, zu erinnern. Da war dieser Traum!
Ich war, ja, ich war ein kleiner Junge, vielleicht zwölf oder dreizehn Jahre alt, und stand auf einem Hügel. Ein Zwerg stellte sich vor mich hin, oder vielmehr, er schwebte vor mir, so dass unsere Köpfe auf gleicher Höhe waren, obgleich ich auf einem Hügel stand und viel größer als der Zwerg war. 
Er streckte einen gelben Arm mit einem großen Handschuh nach mir aus. Er verlangte den Zettel, den ich hinter meinem Rücken versteckt hielt. Ich wollte ihm den Zettel nicht geben. Er hatte einen Hund dabei, einen recht großen, aber er wirkte harmlos. Ich hatte keine Angst vor ihm. Ich würde den Zettel nicht rausrücken.
Unangenehm war mir nur, dass dieser Zwerg ein Gesicht hatte, das meinem heutigen verdammt ähnlich sah. Ein großer erwachsener Kopf wie meiner, aber auf dem kleinen verwachsenen Körper. Ich wunderte mich, wieso konnte er das Gesicht von mir als Erwachsenem haben, wo ich doch ein kleiner Junge war. Und wieso trug er in einem Rucksack ein chinesisches Baby? Oder war es kein Baby? Was sonst?
Da erst merkte ich, dass hinter dem Zwerg noch zwei Figuren anmarschiert kamen. Ein Mann und eine Frau. Die Frau hatte ein gelbes Gesicht, war überschlank und ganz in Schwarz gekleidet. Sie führte den Mann an einer gelben Leine, die um seinen Hals gelegt war, vor sich her, als wäre er ihr Hund. Er schien das ganz normal zu finden.
Die Frau trug Stöckelschuhe mit sehr hohen Absätzen, das fiel mir jetzt auf. Damit trat sie auf ein zerfetztes Wesen, das die Farbe von roter Erde hatte und kläglich schrie. Sie trug einen großen Hut, und auf dem Hut wollte sich grad ein Rieseninsekt niederlassen. Das Insekt war nicht nur entsetzlich groß und brummte angriffslustig, sondern hatte auch einen ekligen roten Stachel. Aber irgendwie war mir das egal. Sollte die Frau sehen, was sich da auf ihrem Hut niederließ. Dieser Hut war übrigens ein Künstlerbarett, wie ich es trage. Sie ließ eine große Palette baumeln. Trotzdem glaubte ich nicht, dass sie im Ernst eine Malerin war. Solche Baretts tragen auch die Richter und Richterinnen.
Ich glaube, ich muss langsam aufwachen. Wieso fühle ich mich nur so zerschlagen? Wieso liege ich hier auf der Couch, zugedeckt mit einem dunkelblau geblümten Frauenrock? Er fühlt sich weich an, wie aus Samt. Ich will mal sehen, ob ich den Ofen wieder ankriege. Verdammt kalt die Bude. He, was ist das? Wo sind meine Zeichnungen? Das ganze Dossier leer, nur ein paar Schnipsel liegen am Boden. Und die Cognac-Flasche – leer. Moment, die Wände sind auch leer. Und der Spiegel zersplittert am Boden. In jedem Splitter – sie! Das darf nicht sein! O mein Kopf!



Inzwischen weiß ich wieder, was gestern geschehen ist. Haarklein erinnere ich mich. Die Sache ist die: Seit Tagen verfolgte ich systematisch einen Plan. Mein Atelier füllte sich zunehmend mit erotischen Zeichnungen, die ich an die Wand heftete oder herumliegen ließ. Es waren weibliche Akte, aber auch Zeichnungen von Männern und Kopulationen. Ich habe nicht wenige davon in meiner Sammlung, so ziemlich alle Maler haben sich daran versucht. Picasso und Cocteau sind darunter, der eine als Künstler, der andere als Pornograph, der es den Künstlern gleich tun wollte. Und natürlich Schiele mit seinen waghalsigen Frauenportraits.
Ich beobachtete Luise, wenn sie den Blick über diese Bildersammlung streifen ließ. Ich ließ sie mal bekleidet, mal halb nackt, mal ganz nackt posieren, und suchte durch allerlei Anzüglichkeiten eine Bresche in ihre Abwehr zu schlagen. Aber Luise war wie eine Puppe, die man hier und da hinstellt und die keine Gefühlsregung zeigt. Mir schien sogar, dass ihr Gesicht immer leerer wurde, je aufreizender die Positionen waren, die sie einnehmen sollte und je mehr ich sie bedrängte. Das machte mich wahnsinnig. Ich musste sie „knacken“, wie ich es bei mir nannte. In sie eindringen, mich ihrer Seele bemächtigen. Sie sollte aufbrechen und reden, lachen, weinen, zittern, schreien, beben, toben, flüstern, flehen. Lebendig sein. Und dann würde ich sie malen! Die Bilder würden leuchten, würden Kraft und Bedeutung haben und nicht so leblose Studien sein wie die, die ich bisher von Luise zustande gebracht hatte.
Ich hatte alles gut vorbereitet. Im Ofen knackte das Holz und glühte, wenn das starke Feuer es züngelnd umarmte, der Wasserkessel summte und sang. Das Buch mit Egon Schieles Akten lag offen da und zeigte eine kniende junge Frau, die ihren dunkelblau geblümten Rock lüftet und ihre Vulva vorzeigt. Wie eine rote Blüte schaut sie, rosa umstickt, aus dem Schlitz der altmodischen knielangen Unterhose. Eben solche Kleidungsstücke hatte ich besorgt und auf der schwarzen Ledercouch bereitgelegt. Auch eine Flasche Cognac hatte ich besorgt. Heute würde es keinen Tee geben. Wenn sie was trinken wollte: Cognac, bitte sehr! Und dann würde sie genau wie das Mädchen auf Schieles Bild posieren. 
Unruhig wanderte ich auf und ab. Die Minuten krochen dahin. Ich war aufgeregt und, ich gestand es mir ein, erregt bei dem Gedanken, Luise in der Pose zu malen, die Egon für seine Schöne gefunden hatte. Luise war nicht mehr schön, vielleicht war sie es früher gewesen. Sie war mager und wirkte irgendwie abgetragen, abgeschabt vom Alter und von allzu vielen Berührungen durch Maleraugen und vielleicht auch Malerhände. Ich würde sie nicht anrühren – – oder doch! vielleicht würde ich sie doch anrühren, ja! würde meinen Finger in ihre Vulva legen und schauen, wie sich ihr Gesicht veränderte. Wie ihr strenger und ein wenig verächtlicher Mund sich weich öffnete, die Augenbrauen sich hoben, ein Stöhnen sich ihrer Brust entrang. Ich musste sie fesseln, fiel mir ein. Sonst würde sie womöglich aufspringen und mir eine runterhauen. Ich fand, herumgehend, einen kurzen gelben Strick, aber der würde nicht reichen. Klebeband. Die Hände hinter dem Kopf zusammenbinden und verkleben. Wie? Wo? An die Staffelei musste ich sie fesseln, ja, das war die Lösung.
Da könnte ich auch leicht ihre Füße fixieren. Luise an die Staffelei gefesselt, kniend wie die Schöne auf dem Bild, und aus dem Schlitz der Unterhose würde – dafür würde ich schon sorgen! – ihre Vulva hervorblühen. Rot, lebendig.
Solche Vorstellungen erzeugten in mir eine heftige Erektion. Ich rannte wie ein Tier im Atelier auf und ab. Die Beleuchtung! Ich musste die Lampen richten, damit die Szene gut ausgeleuchtet war. Wieder schaute ich auf die Uhr. Sonst war sie immer pünktlich auf die Minute, aber heute verspätete sie sich. Wo blieb sie nur? Es war schon zehn Minuten über die Zeit. Ah, da war sie ja! Ich sah ihre verschwommene Silhouette hinter der Glasscheibe der Ateliertür, hörte sie klopfen. Moment, ich komme, rief ich, hatte es aber plötzlich gar nicht mehr eilig. Sie sollte ruhig ein bisschen warten und frieren, dann würde sie um so eher nach Cognac greifen. Moment! rief ich wieder, arrangierte noch dies und das und ging zur Tür, um aufzuschließen. Denn seit ich das Atelier umgestaltete, wollte ich nicht mehr, dass jemand unangemeldet hereinkam.
Vor der Tür war niemand. Nur ein Zettel, der zwischen der Tür und dem Rahmen gesteckt haben musste, fiel zu Boden. Er war zusammengerollt und gefaltet wie ein Spickzettel.
Unter der Lampe faltete ich den Zettel auseinander. Was ich dort las, zog mir den Boden unter den Füßen weg. Ich taumelte zurück, stolperte gegen die Staffelei, die polternd umfiel, und landete auf dem schwarzen Sofa, sank in den dunkelblau geblümten Rock und die rosa umstickte Unterhose. Rieb mir die Schulter, mit der ich die Staffelei umgerissen hatte, griff mir an den Kopf. Las wieder:
Ein Schmierzettel für den Schmierfinken, der sich für einen Maler hält. Schmierig das Gemüt, schmierig die Gedanken, schmierig sein Geschmack, seine Bilder nichts als Geschmiere. Du alter Schmierlappen wolltest mich anschmieren, aber eher schmiere ich dir eine, klar Luise. Die Unterstreichungen ersparte sie sich am Ende.
Zum Glück hatte ich die Flasche Cognac in Reserve. Ich nahm einen Schluck direkt aus der Flasche. Und noch einen. Und noch einen. Geschmiere hatte sie meine Kunst genannt. Das traf mich am meisten. Ich sank ein bisschen mehr in mir zusammen und nahm noch einen Schluck. Hol sie der Teufel! Ich rappelte mich vom Sofa auf, ging, die Cognac-Flasche in der Hand, leicht schwankend hinüber zu der Wand mit den Aktzeichnungen, starrte sie an. Riss sie ab, eine, zwei, alle, zerriss sie, knüllte sie zusammen, taumelte zum Ofen, schmiss alles hinein, griff mir ein Dossier mit Zeichnungen, die Arbeit von mehreren Wochen, schmiss es hinterher, lachte. Die Flammen tobten kurz, sanken dann in sich zusammen.
Wild schaute ich um mich. Da glotzte mich doch noch eine Zeichnung an, die musste ich auch vertilgen. Ich torkelte hinüber zum großen Spiegel, der an der Wand lehnte und zertrümmerte ihn.

Ha! Da lag sie, zerschellt am Boden. Auch ich sank zusammen, sank auf das schwarze Sofa, auf den dunkelblau geblümten Rock, auf die zierlich umstickte Unterhose mit dem offenen Schlitz, leerte die Flasche bis zur Neige, deckte mich mit dem Rock zu und fiel in tiefen Schlaf. Und träumte einen wirren Traum. Ich wollte, ich wüsste, warum dieser verdammte Zwerg mein Gesicht hatte. Den Zettel würde ich ihm jedenfalls nicht geben. Und was die Frau mit dem Barett und den Stöckelschuhen angeht – möge sie das böse Insekt stechen! Dieser Blödmann von Mann! Lässt sich von einer fiesen Luise am Halsband führen, pfui Teufel!
Mein Mund fühlt sich filzig an, ich muss dringend was Vernünftiges trinken. Wie spät ist es eigentlich? Elf? Hols der Teufel, zu früh für Nina. Der werd ich was erzählen. Schöne Freundinnen hat sie. Hol sie alle der Teufel!