Luise, 5. Fortsetzung.

Dies ist nun die 5. Fortsetzung meiner Erzählung über Luise (ältere Dame mit Hut), die durch Jutta Reichelts „Geschichtengenerator“ angeregt wurde. geschichtengenerator. Zum schon bekannten Personal kommt heute ein neuer Name hinzu: Erkan (verliebt). Die übrigen Personen stammen teilweise aus den früheren Wörter-Sets:  Nina, Flo (Florian), John (sehr blass) – ferner die Orte Bahnhof, Atelier und Theke. Manni (Manfred, Polizist und Ehemann von Nina) habe ich selbst eingeführt (Manni in Aktion).

 

5. Fortsetzung

Die heutige Lokalzeitung war schon am Vormittag vergriffen. Zwei Nachrichten standen darin, die die Gemüter der Bürger erregten. Die erste betraf einen Sexualmord. In der Zeitung konnte man lesen: Die 67jährige L.K., unbekannten Aufenthaltes, ist heute um 4 Uhr 30 am alten Bahnhof tot aufgefunden worden. Sie war völlig nackt. Offenbar ist sie stranguliert worden. Ein Sittlichkeitsdelikt ist nicht auszuschließen. Am Ort des Geschehens wurde E. B, 17, festgenommen. Er hatte sich in einem aus dem Betrieb genommenen Güterwagen versteckt. Die Polizei fand im Waggon Kleidungsstücke und Decken, die wahrscheinlich der Toten gehört hatten. Offenbar hatte sie sich dort wohnlich eingerichtet. Aus den vielen Tüten mit Katzen- und Hundefutter, die L.K. dort gehortet hatte, ist zu schließen, dass sie streunende Tiere versorgte. Der Tatverdächtige schlug bei seiner Festnahme wild um sich und war ganz außer sich. Erst nach guter Zurede durch den Polizeioffizier Manfred P gab er auf und ließ sich willig abführen. Der Festgenommene bestreitet die Tat. Aus Polizeikreisen sickerte durch, er habe wiederholt „ich sie geliebt“ geschrien. Der Bahnhofsbereich wurde weiträumig abgesperrt. Die Spurensicherung ist noch an der Arbeit. Ein amtlicher Dolmetscher ist aus der Hauptstadt angefordert worden.

 

Die zweite Nachricht ging angesichts der Dramatik der ersten fast unter und wurde nur von wenigen kommentiert: Der Kunstmaler J.M, 65, wurde nach einem Suicidversuch in die Psychiatrische Klinik in H eingewiesen. Er hatte versucht, sich die Pulsadern mit einer Spiegelscherbe aufzuschneiden. F.L., 16, der einen Schlüssel zum Atelier von J.M. hatte, fand ihn gegen 8 Uhr morgens und alarmierte den Rettungsdienst. Er wurde im Kreiskrankenhaus medizinisch versorgt und dann zwecks weiterer Hilfe in die Psychiatrische Klinik überstellt.  – Ein paar Leute rümpften die Nase und fragten sich, in welcher Beziehung dieser 16jährige Junge wohl zu dem Maler gestanden hatte. Das Thema hätte einiges hergegeben, aber da war dieser Sexualmord, und der war, selbst wenn man die Tote nicht kannte, doch weit aufregender. Zumal der Tatverdächtige offenbar einer von diesen sogenannten Flüchtlingen war.

Nina machte ihre Gaststätte wie gewöhnlich am späten Nachmittag auf. Die Faschingsdekoration hatte sie entfernt. Sie sah verheult aus, was sie auch durch Schminken und Pudern nicht verdecken konnte. Die Nachricht von Luises Tod hatte sie fertig gemacht. Was sie von Manni, ihrem Mann, erfahren konnte, machte sie wütend und hilflos. Manni war sicher, dass der Festgenommene, ein junger Mann namens Erkan, der Täter war. Dieser Erkan sollte eigentlich in einem Erstaufnahmeheim für unbegleitete Jugendliche sein, aber er hatte sich abgeseilt und anscheinend am alten Bahnhof eingenistet. Auch ihre Kunden, sie sich schon bald einfanden und lang und breit über das Geschehen palaverten, waren sich sicher: Der war΄s. Die sind so. Ausgehungerte Tiere sind das, nehmen, was sie kriegen können. Klar, der war΄s. Ich sie geliebt! Diese Schweine. Ja ja, love, love, Muschi, fuck fuck. Das kennen sie, wenn sie sonst nichts kennen. So sind sie. Wer weiß, ob er allein war. Hoffentlich nimmt ihn die Polizei ordentlich in die Zange. In dem alten Bahnhofsgelände treibt sich allerlei Pack herum. Die Alte, die es erwischt hat, hat ihnen wahrscheinlich den Arsch hingehalten, um sich ein paar Groschen zu verdienen. Und dann hats sie eben erwischt. Scheint, sie wurde erwürgt. Wahrscheinlich ist die ganze Horde über sie hergefallen. Tiere sind das.

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Sexualmord (c) Gerda Kazakou

 

Nina hielt diese Reden einfach nicht mehr aus. Sie zog sich in den Raum hinter der Theke zurück und heulte, machte sich erneut einigermaßen zurecht und wagte sich wieder hervor.

Inzwischen hatte sich die Kneipe bis zum letzten Platz gefüllt, und die Stimmen wurden immer lauter. „Nina, wo bleibt mein Bier?“ „Man sollte sie alle kastrieren“ und „Scheiße, dass die Todesstrafe abgeschafft wurde“, „für dies Gesindel“ und „Zu Adolfs Zeiten wäre der“, „Das ist ihr Dank dafür dass wir“ und „Nina, noch fünf Bier!“ „Man traut sich nicht mehr auf die Straße“, „Nina, sechs Halbe“ und „diese Frau, was war mit der“, „hat ihr Schicksal selbst herausgefordert“, „eine armselige Prostituierte“ und „Woher ist die denn eigentlich gewesen?“

Nein, diesen Leuten würde sie heute nicht ihr gutes Bier ausschenken. Nina nahm ihren Hut und Mantel vom Garderobenhaken, machte die Oberbeleuchtung aus, an, aus, an, aus, an und rief laut in den Raum hinein: „Für heute ist geschlossen!“ Und ging, das Protestgeschrei überhörend, hinaus.

Sie ging schnurstracks zum alten Bahnhof. Man wollte sie nicht vorlassen, aber als sie sich als Mannis Frau auswies, traute sich der junge Polizist nicht, sie abzuweisen. Entschlossen marschierte sie zum Tatort. „Von wegen Spurensicherung“, murmelte sie entrüstet, als sie bei dem Kreideumriss ankam, den man an der Stelle, wo man die Leiche fand, auf den Boden gesprüht hatte. Keine Menschenseele war dort.

Obgleich es schon dämmerte, fiel Nina sofort ein Stück Papier auf, dessen gelb-grüner Rand im letzten Licht des Tages aufleuchtete. Sie selbst hatte einen Block mit solchem Papier auf ihrer Theke liegen, um darauf Kundenwünsche zu notieren. Sie verscheuchte eine kleine Katze, die mit dem Zettel spielen wollte, und ergriff ihn vorsichtig mit zwei Fingern. Er war eng beschrieben, und obwohl die Schrift ein bisschen verlaufen war, erkannte Nina sofort Luises Handschrift.IMG_5816bb

Nina konnte nicht jedes Wort entziffern, aber „alter Schmierlappen“ und „Schmiererei“ waren gut lesbar. Sie zählte zwei und zwei zusammen. Und kam zu dem Ergebnis, dass der Zettel für John bestimmt war. Der war in letzter Zeit sehr merkwürdig gewesen. Noch blasser als sonst und irgendwie unheimlich angespannt. Er kam zu ihr an die Theke und hatte nur einen Gedanken: Er wollte wissen, wo Luise steckte. Er brauche sie als Modell. Ohne sie könne seine Kunst keine Fortschritte machen. Er hielt ihr lange Vorträge, und wenn sie ihm keine Antwort gab, weil sie sich um andere Gäste kümmern musste, fluchte er, was er früher nie getan hatte. Ihr gefiel John eigentlich ganz gut, obgleich er ihrer Meinung nach den Künstler eher darstellte, mit seinem ewigen schwarzen Beret und seinem dunklen Cape, als dass er einer war. Einmal hatte er ihr ein Bild geschenkt, ein Hafen war drauf zu sehen, mit Netzen und zwei Leuten, aber nicht ordentlich gemalt, sondern ein ziemliches Geschmiere. Er nannte es „erotischer Hafen“, weil die eine Seite ganz in Rosa gemalt war. Sie hatte sich artig bedankt und das Bild zu Hause hinter den Schrank gestellt.

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Erotischer Hafen (c) Gerda Kazakou

Nina hatte tatsächlich nicht gewusst, wo Luise steckte. Sie war vor ungefähr einer Woche zuletzt bei ihr in der Kneipe gewesen, um ihr zu sagen, dass sie nicht mehr bei John arbeiten würde. Sie hatte ein Blatt Papier vom Block auf der Theke gerissen, es voll gekritzelt und ganz klein zusammengefaltet. Dann war sie gegangen. Seither hatte sie sie nicht mehr gesehen. Und seither war John hinter ihr her. Und jetzt hatte er versucht, sich umzubringen und man hatte ihn in die Klapsmühle gesteckt. Vielleicht hatte ihn die Nachricht von Luises Tod umgehauen? Vielleicht war er verrückt geworden, weil er als Künstler nichts taugte? Ob er wohl den Zettel von Luise gelesen hatte? Das hätte ihm dann ja wohl den Rest gegeben. Einen alten Schmierlappen hatte sie ihn genannt, das war schon echt hart. Luise war ein ziemlich harter Brocken, immer schon, damals schon. „Männer sind Tiere“, hatte sie mit ihren grad mal fünfzehn Jahren verkündet, als ob sie schon alles gewusst hätte, was das Leben noch für sie bereit hielt. Richtige Tiere waren für sie „okay“.

Nina selbst war damals knapp dreizehn gewesen und hatte keine Ahnung von Männern. Eigentlich wusste sie auch heute nicht viel von ihnen. Denn Manni war zwar bemüht, aber ein Mann war er nicht unbedingt, und was seine polizeilichen Fähigkeiten angetraf, so wäre ich – dachte Nina – wahrscheinlich der bessere Polizist. Aufseufzend schaute sie noch ein bisschen am Boden herum. Komisch, dieses Kätzchen! Jetzt spielte es mit einer gelben Garnrolle. Es war dickes, festes Garn, so wie starker Bindfaden. Als Nina sich bückte, um die Rolle an sich zu nehmen, fauchte das Kätzchen und schlug nach ihr, ließ sich das Spielzeug dann aber abnehmen.

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Luises Seele und das Kätzchen (c) Gerda Kazakou

Bevor es ganz dunkel wurde, stieg Nina über mehrere tote Gleise, um auch den Waggon zu inspizieren, in dem Luise wohl zuletzt geschlafen hatte. Leider konnte sie von draußen, wo sie ächzend stehenblieb, nicht viel erkennen. Die Stufen, die ins Innere des ehemaligen Viehwaggons führten, waren entschieden zu steil für sie. Immerhin sah sie, dass der Raum leer war. Die Polizei hatte anscheinend alles abgeräumt. Nur eine Dose mit Katzenfutter war vor die Stufen gerollt. Die Außenwände waren über und über besprayt. Die Bilder dieser jungen Leute schienen ihr manchmal besser, als was John in seinem Atelier produzierte. Auf einem meinte sie sogar ihren Mann, den Manni zu erkennen (sich selbst erkannte sie nicht).

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Spraybild am Viehwaggon mit Nina, Manni und einem obdachlosen Paar (c) Gerda Kazakou

Vielleicht hatten diese Sprayer was mit dem Mord zu tun. Oder sie wussten was, hatten was beobachtet. Sie würde Manni danach fragen.

Als sie umkehren wollte, sprang das Kätzchen auf sie zu und umstrich maunzend ihre Beine. Nina öffnete die Dose, bückte sich, fand  einen Plastikuntersetzer, den Luise anscheinend für solche Zwecke dort deponiert hatte, entleerte den Inhalt. Ihr war elend zumute.

Schwer atmend sank sie auf die eisernen Stufen der Treppe und sah dem Kätzchen zu, das mit einem rosa Zünglein die Soße von den Fleischbrocken leckte, bevor es einen davon verspeiste. Dann hockte es sich hin und guckte zufrieden, leckte sich das Mäulchen und angelte sich einen zweiten Brocken. Angelte sich einen dritten und ließ sich nicht stören, als erst eine, dann zwei, drei, vier Katzen aus der Dämmerung erschienen und sich in der Nähe des Napfes niederließen. Sie warten, dachte Nina, bis sie an der Reihe sind. Ich wusste gar nicht, dass Katzen …

Luise. Ihr wollte es nicht in den Sinn, dass Luise tot war. Auf so schreckliche Weise umgebracht. Dieses Bürschchen, Erkan hieß er wohl – wie war es möglich, dass er eine ausgewachsene Frau …. Luise war nicht mehr jung gewesen, aber altersschwach war sie nicht. Die würde sich doch nicht von so einem kleinwüchsigen Knaben umbringen lassen. Es war natürlich möglich, dass er nur einer von mehreren war. Dass Luise einer ganzen Bande zum Opfer gefallen war. Sie mochte es sich nicht ausmalen.

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Die Szene, die sich Nina nicht ausmalen mag (c) Gerda Kazakou

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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5 Antworten zu Luise, 5. Fortsetzung.

  1. Ulli schreibt:

    liebe Gerda, das wird ja noch ein Roman!😉

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  2. Sabine Oetjen schreibt:

    Liebe Gerda,
    ich muß gestehen ich bin gefesselt von der Geschichte und ihren unerwarteten Wendungen.
    Liebe Grüße von Bine unter den Linden

    Gefällt 1 Person

  3. waehlefreude schreibt:

    Wirklich überraschende Wendung der Geschichte.

    Liebe Grüße Frank

    Gefällt 1 Person

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