Zum St. Valentinstag: Froschkönig

Valentinstag ist’s. Und da das Samstags-Märchen noch aussteht: hier ist es, mit dem Froschkönig

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Um ein Liebesmärchen handelt es sich, nicht wahr? Da ist ein junges Mädchen, fast noch ein Kind, und spielt im Wald nahe einem Brunnen mit seiner goldenen Kugel.  (Die goldene Kugel ist die Vollkommenheit des Kindes, die unangefochtene, intakte Unschuld und Jungfräulichkeit). Und wie es so spielt, rollt die Kugel in den Brunnen, „der war tief, so tief, dass man keinen Grund sah“. Es ist untröstlich, denn es kann die Kugel nicht aus eigener Kraft zurückholen. Aber da ist ein Frosch, der aus dem tiefen Wasser emportaucht.IMG_5780 Das Mädchen sieht, wie er seinen dicken, hässlichen Kopf aus dem Wasser streckt, und spricht ihn an:. Ach, du bist’s, alter Wasserpatscher? Sie kennt den alten Wasserpatscher durchaus, aber sie weiß noch nicht, was er von ihr will. Also verspricht sie ihm, was immer er haben will – Hauptsache, er bringt ihr die goldene Kugel wieder zurück. Und was will er? Ihre Kleider, ihren Schmuck, ihre Krone? O nein, die kann sie gern behalten. Er will ihr zu Diensten sein, wenn du mich liebhaben willst, und ich soll dein Geselle sein, an deinem Tisch neben dir sitzen, von deinem goldenen Teller essen, aus deinem Becher trinken, in deinem Bett schlafen. (Die Gebrüder Grimm haben, recht biedermeierlich, an jedes der Nomen ein „–chen“ gehängt, um das Anliegen des Frosches weniger offenkundig zu machen. Trotzdem lässt sich nicht verheimlichen, was dieser hässliche Kopf und Wasserpatscher wirklich will: Beischlaf.):

Das Kind stimmt zu, erhält die goldene Kugel zurück und kehrt heim, fest entschlossen, die Wünsche des Frosches zu ignorieren. Doch der Frosch verlässt sein Element und patscht hinter der Prinzessin her. Schon klopft er an die Tür des Speisesaales und ruft:

„Königstochter, jüngste,
Mach mir auf,
Weißt du nicht, was gestern
Du zu mir gesagt
Bei dem kühlen Wasserbrunnen?
Königstochter, jüngste,
Mach mir auf!“

Hier nun tritt der König in Aktion: er befiehlt der Tochter, das Versprochene zu halten und die Tür zu öffnen. Und so kommt der Frosch hereingehüpft. Kaum ist er drinnen, verlangt er, dass sie ihn zu sich emporhebt. Wieder zögert die Kleine, und wieder befiehlt ihr der König, und sie gehorcht. Sie lässt den Frosch widerwillig von ihrem Teller essen. Aber als er nun verlangt, in ihrem seidnen Bett zu schlafen, da weint sie, denn sie fürchtet sich vor dem Frosch, den sie nicht anzurühren getraute und der nun in ihrem schönen, reinen Bettchen schlafen sollte. Das schöne reine oder seidne Bettchen – das ist ihre – na, wie sagt man da doch gleich? Bettchen eben. Der eklige Frosch wird’s besudeln, fürchtet sie. Und wieder befiehlt ihr der König, ihr Wort zu halten.

Man fragt sich, was das für ein Vater ist, der seiner Tochter solchen Beischlaf zumutet. Soll sie um jeden Preis zur Frau gemacht werden? Sie ist „im Wort“, sagt er. Sie hat’s versprochen. Noch einmal gehorcht sie dem Vater, aber mit äußerstem Widerwillen. Sie hat den Frosch durchaus nicht lieb, wie er sich gewünscht hatte. Sie will ihn nicht zu ihrem Bettgesellen. Mit zwei Fingern packt sie ihn und trägt ihn hinauf und setzt ihn in eine Ecke.

Der Frosch aber gibt sich nicht zufrieden: Er will bei ihr schlafen. Heb mich herauf, oder ich sag’s deinem Vater. Da aber erwacht der Selbst-Wille im Kind: sie gehorcht dem Vater nicht mehr. Sie wird zornig und schmeißt den ekligen Frosch aus allen Kräften gegen die Wand. Und schreit ihm hinterher: Nun wirst du Ruhe geben!IMG_5785xxxy

Diese Tat macht der Froschgestalt den Garaus und lässt hervortreten den Prinzen, der er ja eigentlich ist. Es folgt die fröhliche Vereinigung der beiden, wie man sie sich am Valentinstag nicht besser wünschen könnte.

Man fragt sich natürlich, wieso der Prinz in Froschgestalt daherkam. Eine böse Hexe hatte ihm das angetan. „Böse Hexen“ sind, archetypisch gesprochen, alte Frauen oder übergriffige Mütter, die junge Männer entweder fressen wollen (Hänsel) oder, wie hier, in einen Frosch – hässlichen Kopf, Wasserpanscher – verwandeln (Sexualorgan des Mannes, wie es sich für Mädchen darstellt). Die Prinzessin kann dem jungen Mann seine wahre Gestalt zurückgeben, indem sie die Zumutung der kruden sexuellen Vereinigung empört verweigert. Auch wenn es der Vater verlangt: Sie will keinen Frosch in ihrem seidenen Bettchen dulden. Einem ihrer eigenen Schönheit ebenbürtigen Jüngling will sie sich hingegen gern vermählen.

Und so kommt prompt die Hochzeitskutsche mit acht weißen Pferden angerauscht, um das glückliche junge Paar abzuholen. Hinten drauf steht der treue Diener (archetypisch: Schatten). Diesem „eisernen Heinrich“ brechen mit großem Getöse drei eiserne Ringe, die sein Herz umschlossen hatten. Der Prinz fürchtet schon, es sei der Wagen, der bricht.

„Nein, Herr, der Wagen nicht,
Es ist ein Band von meinem Herzen,
Das da lag in großen Schmerzen,
Als Ihr in dem Brunnen saßt,
Als Ihr eine Fretsche wast.“

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Das wars für heute. Fröhlicher St. Valentin mit Prinzen oder Fröschen (bzw als Prinzen oder Frösche), je nach Geschmack und Bedarf!

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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