Luise, 4. Fortsetzung, inspiriert durch Juttas geschichtengenerator.

Stichwörter: Luise – Atelier – Nina – Theke 

4. Fortsetzung  (angeregt durch Jutta Reichelts geschichtengenerator in Aktion http://juttareichelt.com/tag/mein-geschichtengenerator/ )

 

Luise, 4. Fortsetzung

Wahrscheinlich werde ich krank. Oder verrückt. Fieber habe ich, glaube ich, nicht, aber mein Kopf dröhnt und in den Ohren braust ein Sturm.

Der Sturm hat sich verschlimmert, seit ich bei Nina in ihrer Kneipe war, um mich über ihre Freundin zu beklagen. Ich hätte besser dran getan, gleich wieder umzudrehen. Ich hatte vergessen, dass Fasching ist und Nina ihre Kneipe daher mit allerlei Firlefanz dekorieren würde. Sie hatte als diesjähriges Motto „Afrika“ gewählt, aus Solidarität mit den Flüchtlingen, wie sie allüberall verkündet hatte. Sie selbst hatte sich natürlich als Afrika-Queen kostümiert, und wenn ich nicht so fertig gewesen wäre, hätte ich ihr vielleicht ein Kompliment gemacht. So aber fiel ich gleich mit der Tür ins Haus: „Sie hat mich versetzt, deine schöne Freundin. Sie hat mich um die Früchte meiner wochenlangen Arbeit gebracht. Grad war ich so weit, dass sich aus meinen Vorstudien etwas Großes entwickeln wollte, da kündigt sie mir. Ich kann solche Verantwortungslosigkeit nicht ertragen. Es zeigt, dass sie keinen Respekt vor der Kunst hat. Es wundert mich überhaupt nicht, dass sie keine Künstlerin geworden ist, sondern sich immer noch als Modell anbietet. In ihrem Alter!“

Nina reagierte gar nicht freundlich. Sie kniff ihren Mund im geschwärzten Gesicht verächtlich zusammen und sah mich schief an, als sie mir mein Bier hinschob. Würdigte mich keiner Antwort, keines Kommentars, rückte ihre Krone aus Goldpapier auf dem Kopf zurecht und wandte sich majestätisch von mir ab und einem anderen Kunden zu. Der Typ hatte sich eine rote Clownsnase in sein geschwärztes Gesicht setzt, der Blödmann. Nina erzählte mit großem Schwung und ausgreifenden Gebärden ihre Geschichte, in der ihr Mann, der Manni, eine Heldenrolle spielte. Manni, dieser lächerliche Polizist, zu klein für seine Uniform und erst recht für sein gewaltiges Weib – ein Held, dass ich nicht lache!

Ich hatte nicht die geringste Lust auf Ninas Geschichte, hatte überhaupt keine Lust auf irgendwas, nicht auf den Typen mit der Clownsnase, nicht auf die vermaledeite Dekoration, auf die anderen Gäste mit ihrem afrikanischen Look und ihrem radebrechenden Gequassel, das sie anscheinend für witzig hielten. Die afrikanische Trommelmusik, die aus den Lautsprechern dröhnte, ging mir gewaltig an die Nerven.

Da Nina keine Anstalten machte, sich an mich zu erinnern, nahm ich mein Bier und setzte mich beleidigt an einen Einzeltisch. Ich ließ meinen Blick über die albernen Girlanden und Ballons laufen, um meine Gedanken von Luise fernzuhalten. Ich inspizierte von meinem Platz aus sogar die Uhr, die ewig stehen blieb, und über die Nina in einem Anfall ihres skurrilen Humors ein Schild mit der Aufschrift „Keep walking“ gehängt hatte. IMG_5900Hols der Teufel, auch ich musste weitermachen. Stehenbleiben geht nicht. Ich würde eben wieder Landschaften und Segelboote malen, wurde höchste Zeit, für Nachschub zu sorgen, für son Kram fanden sich immer Käufer, und die brauchte ich dringend. Die Stunden mit Luise hatten ein Loch in meine Bilanzen gerissen. Wieviele Stunden hatte ich ihr bezahlt? Ich versuchte, im Kopf einen Überschlag zu machen, was sie mich gekostet hatte, aber es gelang mir nicht. Stattdessen reichte der Name Luise, damit ihr langer dünner Körper, ihre weißliche Haut unter dem Neonlicht, ihre Ecken und Kanten, ihre verschlossene Sinnlichkeit wieder vor mir auftauchten.

 

Und wieder begann ich innerlich zu rasen. Ich musste sie knacken, Teufel noch mal! Was bildete sich dieses Weibsstück eigentlich ein! Arm war sie, alt war sie, verbraucht war sie, und sträubte sich und verweigerte sich mir? Schmiererei hatte sie meine Malerei genannt und mich einen alten Schmierlappen. Ich hätte ihr eine schmieren sollen, als es noch an der Zeit war. Hätte sie bezwingen sollen, anstatt herumzuturteln und es auf die indirekte Weise zu versuchen.

Ich fühlte ein heftiges Brennen in meiner Brust, sah vor mir Bilder: eine Frau mit weit aufgerissenen Augen, den Mund verzerrt, blutend, schreiend! Gefesselte Gliedmaßen, zerrissene Leiber, vergewaltigt, hingemetzelt.

Ha! Das waren Themen! Das würde mich aus der Anonymität herauskatapultieren, ich würde zu den Großen gehören, über die man sprach und um deren Werke man sich riss! Leidenschaft, Wahrheit, echtes Gefühl – ich musste es aus ihr herauspressen, notfalls herausprügeln, damit es herüberkam vom Bild auf den Betrachter. Sie würde sich winden, würde sich wehren, ja, das war es, was ich brauchte. Kein willenloses Opfer, keine hingegebene Schöne, keine freiwillig gespreizten Schenkel, kein soft Porno. Luise, diese gealterte, abgegriffene, verblichene Stolze, sie war die Richtige, um zu zeigen, was zu zeigen war. Ah, welch ein Thema. Endlich verstand ich, warum ich Nina brauchte. Sie inspirierte mich. Die Bilder der großen Maler rasten auf mich zu, die sich nicht gescheut hatten, die Wahrheit in erschütternden Bildern zu gestalten: die geschundene Natur, das vergewaltigte Weib, die Gräuel des Menschengeschlechts, die Lust und der Tod als Geschwister.

Das Bier war alle, und Nina war mit ihrer Geschichte fertig. Also begab ich mich wieder an die Theke, um ein Neues zu bestellen und vielleicht doch noch ein paar Auskünfte über Luise zu erhalten. Ich musste wissen, wo sie abgestiegen war. Ich würde sie schon rumkriegen. Sie würde zu Kreuze kriechen, denn sie braucht Geld, und wer will schon ein abgetakeltes Modell außer so Verrückten wie ich? Ich würde meine Pläne ausführen, der Kunst zuliebe. Ja, der Kunst zuliebe!

Nina hatte nur ein kurz angebundenes „Weiß nicht“ für mich übrig, als ich sie nach Luises Absteige befragte. Meine Bier-Bestellung überhörte sie, verließ ohne weiteren Gruß die Theke und setzte sich an einen Tisch zu einer Frauengruppe. Sie erzählte einen Witz und alle kreischten los. Kreischten los und blickten zu mir herüber. Mir reichte es. Ich legte Kleingeld auf die Theke und ging.

 

Ich muss das Atelier aufräumen, es sieht übel aus. Der Rock und die Unterhosen gehören in den Müll. Was für eine blöde Idee, den Schiele kopieren zu wollen! Ab jetzt würde ich meine Bildmotive selbst finden. Die Bilder warten ja nur darauf, von mir gehoben zu werden. Wenn ich nur erst Luise hier hätte! Aha, da liegen immer noch die Scherben vom Spiegel, die müssen auch weg. Wo ist die Kehrschaufel? Der Besen? He, was ist das? Die Scherben – das gibt es doch nicht! Das ist unmöglich! Ich glaub, ich werd verrückt! In jeder Scherbe das Bild von Luise! Sie lagert auf dem Sofa, beschienen von der Lampe, unnahbar in ihrem weißen Leib. Ich muss diese Scherben loswerden, sofort weg damit, in den Mülleimer! O mein Kopf.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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