6. Fortsetzung, Luise – Nina – Manni.

Diese Erzählung, die sich langsam zum Roman auswächst, hat ihren Erstimpuls durch Juttas geschichtengenerator bekommen geschichtengenerator. Und nun läuft sie weiter und weiter. Ich hoffe, ihr habt noch Lust, die Entwicklungen mit mir zu verfolgen.

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Ich muss mich um meine Figuren kümmern, da hilft nichts. Luise ist tot und umgebracht – das lässt sich nicht mehr gutmachen. Aber die anderen? Die Überlebenden? Die, die noch auf der Bühne stehen (bzw. sitzen) und ohne Souffleur nicht wissen, welches die nächsten Sätze sind? Die kann ich nicht einfach ihrem Schicksal überlassen. Da sind der Maler John (gewöhnlich sehr blass), der sich nach einem Selbstmordversuch in der Psychiatrie befindet, und Flo, der Sprayer, der ihn blutüberströmt in seinem Atelier fand, da ist der kleine Erkan, den wir entsetzt vom Tatort wegrennen sahen und den sie in Untersuchungshaft steckten. Da ist Nina, die  vor ihren eigenen Gästen geflohen ist und grübelnd auf den Stufen des Viehwaggons hockt, während die Nacht um sie wächst. Und da ist Manni, ihr Mann, der Erkan festgenommen hat.

Der einzige, der mit dem Gang der Ereignisse höchst zufrieden sein kann, ist Ninas Mann, der Manni. Und er ist wahrhaftig zufrieden. Endlich ist ihm ein Coup gelungen, der seine polizeilichen Fähigkeiten unter Beweis stellt. Der Hauptverdächtige an diesem schrecklichen Mord sitzt hinter Gittern – und er hat gestanden! Er hat zugegeben, bei dieser Frau, Luise K, geschlafen zu haben. Beischlaf nennt man so was. Er hat sie geliebt – so sagt er selbst. Alle seine Einlassungen sind im Beisein eines Dolmetschers ordentlich protokolliert worden. Manni ist sich sicher: Erst hat sich dieses Jüngelchen das Vertrauen der Frau erschlichen, und dann hat er sie hinterrücks gefesselt und gewürgt und hat sich an ihr vergangen. So wird es gewesen sein. Die Beweislage ist eindeutig. Dass der Täter kleinwüchsig und das Opfer groß ist, ist für Manni kein Argument, schließlich ist er selbst auch kleinwüchsig  und hat eine große stattliche Frau rumgekriegt.

Manni ist, wie gesagt, sehr zufrieden mit sich. Die Anerkennung seiner Mitbürger und eine verdienstvolle Beförderung sind ihm sicher. Am wichtigsten aber ist ihm, dass Nina ihn jetzt nicht mehr wegen geringer polizeilicher Fähigkeiten hochnehmen kann. Nina wird endlich von ihrem hohen Ross runtersteigen müssen. Er wird sie heute ganz ritterlich von ihrer Kneipe abholen und sich bescheiden in ihrem Lob sonnen.

In ihrer Kneipe aber sind nur noch zwei Gäste, die sich gerade am Zapfhahn selbst bedienen. Von ihnen erfährt er, dass Nina schon vor Stunden weggegangen ist. Zu Hause ist sie nicht. Im Revier, wohin Manni einigermaßen beunruhigt eilt, gesteht im ein junger Polizist, dass sie beim alten Bahnhof Einlass verlangte und er ihn gewährt habe. Das sieht Nina mal wieder ähnlich! Mit Blaulicht rast er zum Tatort. Mit vorgestreckter Taschenlampe nähert er sich den überwachsenen Gleisen. Und ja, da kommt sie tatsächlich angestolpert, seine Nina, groß und gewichtig, und anscheinend heil. Ein Stein plumpst ihm vom Herzen.

Während Manni, jetzt ohne Blaulicht den Polizeiwagen chauffierend, von den letzten Entwicklungen „im Mordfall Luise K“ berichtet, bleibt Nina auffallend stumm. Sie sagt nicht ja und sie sagt nicht nein. Sie fragt auch nichts. Ihre Gedanken stoßen sich im Hirn und wollen sich in keine ordentliche Reihe fügen. Luise – Erkan – John: zwischen diesen drei Personen rasen ihre Gedanken hin und her, durchtränkt von Erinnerungen an die Monate, in denen sie zwölf war und Luise bei ihnen wohnte, unterbrochen von den Sprüchen, die sie heute abend an der Theke hörte, eingefärbt von ihrem Herzweh, weil sie, dort auf den Stufen des Waggons sitzend, über sich selbst nachgedacht hat. Und sich gefragt hat, ob erst eine liebe Freundin ermordet werden musste, damit sie, Nina, 64 Jahre alt, kinderlos und stark übergewichtig, endlich mal wieder den kleinen Sichelmond hinter entlaubten Ästen sieht und eine kleine Katze beim Fressen beobachtet.

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Wie lange hatte sie das nicht mehr getan! Wie lebte sie denn überhaupt, eingezwängt zwischen ihrer Ehe mit Manni und ihrer Kneipe, deren Besucher sie heute fast in den Wahnsinn getrieben haben. Die alle schon wissen, dass der kleine Erkan der Mörder ist, bloß weil er eben Erkan und nicht Uwe heißt und dort in der Nähe aufgegriffen wurde. Und jetzt schwadroniert ihr Manni davon, dass alles protokolliert und perfekt sei. Es ist so passend, so verflucht passend!

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„Ich will diesen Erkan sehen“, sprach Nina schließlich. „Bitte fahre mich ins Gefängnis.“

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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