Das Drama der Flüchtlinge und der Helfer – zwei Briefe.

Ingrid – ihr kennt sie aus den beiden Gastbeiträgen, die ich im Blog veröffentlicht habe – schreibt mir fast täglich von ihren Erfahrungen auf den griechischen Ägäis-Inseln – zuerst von Lesbos, dann von Chios, und heute von Samos. Ich habe zwei ihrer Briefe herausgesucht, die das Drama der Flüchtlinge und der freiwilligen Helfer als ganz persönliches Erleben widerspiegeln.

Liebe Ingrid, ich nehme es mir einfach heraus, zwei deiner Briefe hier zu veröffentlichen, ohne dich groß zu fragen. Vielleicht hättest du Bedenken, aber ich mag darauf keine Rücksicht nehmen. Denn sie geben besser als alles, was für die Allgemeinheit geschrieben und durch die Selbstzensur gefiltert wird,  den Pulsschlag der bangenden Liebe wider, den du mit den anderen Freiwilligen teilst. Es ist gut, dass unsere Herzen ihn rein aufnehmen und weiterklingen lassen. Denn dieser leise, feine Pulsschlag darf  keinesfalls überhört werden, er ist wichtiger denn je, heute, wo wütende Abwehr, Zynismus und Kriegsgeschrei um sich greifen.

Januar, Lesbos.

„In der Nacht konnte ich kaum schlafen, Gerda mou, und Hermann auch nur schlecht. Unsere Gedanken drehen sich insbesondere um die kleinen, großen, alten, kranken Angekommenen, die frieren müssen. Bitte, bitte – niemand darf erfrieren ☆
Neue Flüchtlinge sind heute nicht übers Meer gekommen, gestern 5 Boote.
Dort wo die Boote ankommen (können einige km auseinander liegen) werden sie von Helfern in Empfang genommen, die Menschen bekommen Thermodecken und werden mit kleinen Bussen oder Privatautos in ein nahes Camp gebracht. Die Zelte sind geheizt, es gibt trockene, warme Kleidung, heißen Tee, warmes, stimmiges Essen. Auf Isomatten mit Decken können sich die Geflüchteten erst mal ausruhen, die Babys stillen, wickeln, die Kleinkinder mit allem was notwendig ist versorgen. An einer solchen Station habe auch ich gearbeitet, fand mich hilfreich mit all den anderen Freiwilligen zusammen. Manchmal nach einem halben oder nach einem Tag werden die Menschen (Afghanen, Syrer, Iraker, Pakistaner) Bus für Bus nach Moria gefahren. Moria ist das offizielle Registrierungscamp kurz vor Mytilini. Darüber kannst du viel im Internet lesen. Die Syrer kommen ins Camp (früheres Gefängnis mit Panzerdraht und hohen Mauern). Drinnen soll es warm sein und einigermaßen geregelt. Alle anderen Geflohenen bleiben vor den Mauern, hausen oft in selbst gekauften, kleinen Zelten. Die werden zu völlig überhöhten Preisen auf der Straße angeboten. Es gibt auch ein Essenszelt, Kleiderzelt……mehr konnten wir von außen nicht sehen.
Es wird dringend Hilfe gebraucht. Die NGOs sind grad dabei den Ablauf neu zu organisieren, Starfish beteiligt sich mit seinen eigenen Gedanken daran.

Fortsetzung folgt, meine Gedanken schwirren gerade ab.
Ich arbeite später in der Kleiderkammer in Molivos, die wohl auch verlegt werden soll.“

 

Heute, 16. 2., aus Samos.

„Liebe Gerda,

auf der Insel ist in Sachen Flüchtlingen alles im Umbruch. Mit aller Macht wird an dem Hotspot, umgeben von Stachel- und Natodraht gearbeitet. Der Hotspot (welch schreckliches Wort) soll von Polizei, Frontex und Militär  bewirtschaftet werden. Das ist eine unglaubliche Verschlechterung für die Flüchtlinge. Angeblich soll er auch geschlossen sein. Volontäre werden dann nicht mehr gebraucht und gewünscht.

Am letzten Samstag habe ich mich einer privaten Gruppe aus Samos angeschlossen und Frühstück für 300 Leute ausgeteilt. Schon da durften wir nur vor dem Container der beobachtenden Polizei stehen. Wir alle sind tief deprimiert und entsetzt. Bevor das Camp geschlossen wird, wollen Angela und ich einen Kindertag gestalten.

Ich habe die Idee, mit den Größeren T-Shirts zu bemalen, mit den Kleineren vorgefertigte Tiermasken zu gestalten. Es gibt einen schönen Platz am Wäldchen, den wir uns schon als „Tatort“ ausgeguckt haben. Das Wettet soll warm und sonnig bleiben.

Das sind so die highligts. Ansonsten verschlechert sich alles massiv, zum Heulen und Aufschreien. Dabei denke ich gar nicht an die Politik in Europa, den schweren Druck auf Griechenland.

Gleich geht’s auf zum Kleidung sortieren. Mich bekomme ich grad nicht sortiert.“

 

 

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, die griechische Krise, Flüchtlinge, Krieg, Kunst, Leben, Psyche abgelegt und mit , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

10 Antworten zu Das Drama der Flüchtlinge und der Helfer – zwei Briefe.

  1. Hella schreibt:

    Liebe Gerda, ich bin sehr dankbar, diese Briefe von Ingrid lesen zu dürfen. Wie erfreut war ich noch über ihren ersten Bericht, wie freundlich- menschlich all diese Freiwilligenhilfe. Und jetzt diese militaristische europäisch verordnete Organisation, es ist schrecklich! Ingrid gehört meine tiefe Bewunderung für ihren Einsatz und Dank für ihre so subtilen Schilderungen. Hella

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  2. gkazakou schreibt:

    ganz herzlichen Dank auch dir, Hella, dür die feine Aufnahme ihres Tons. Danke euch beiden. Gerda

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  3. mmandarin schreibt:

    Hotspot – schon der Name eine Beleidigung. Danke für die Briefe, sie müssten von so vielen gelesen werden. Es braucht dringend menschlich bewegende Geschichten. Dieses unsägliche Leid. Und die Nachbarländer schotten sich ab. Was ist nur aus dem Europagedanken geworden. Noch nie haben Zäune und Mauern etwas zum Positiven verändert. Was sind wir Menschen doch für eine grausame Spezie.

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  4. Sylvia Kling schreibt:

    Danke, dass ich es lesen durfte. Liebe Grüße
    Sylvia

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  5. Madame Filigran schreibt:

    Danke Ingrid, danke Gerda. Gestern sagte Kaki Bali „Es gibt immer noch eine Allianz der guten Menschen.“ Was für ein Segen.

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  6. Alraune schreibt:

    Ein „gefällt mir“ zu machen, widerstrebt mir bei diesen Texten. Ich kann nur „Danke“ sagen für die intensiven Impressionen. Und fragen: Wo ist der Weg aus all dem Dunkel?

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  7. Petra Gust-Kazakos schreibt:

    Das mit dem „Gefällt mir“ ist natürlich etwas schwierig, die Situation, in der die Menschen sind, gefällt mir nicht, aber die Hilfsbereitschaft und dass wir darüber lesen dürfen bei dir, das gefällt mir sehr. Danke!

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  8. Da passt kein „gefällt mir“. Aber gut, dass Du die Briefe auch uns lesen lässt. Die letzten Wochen war für mich das Flüchtlingsthema ganz in die Ferne gerückt, auch die Slumbewohner, mit denen wir unsere Tage verbracht haben, sind auf eine Art sehr bedürftig.
    Es müsste eine Mischung geben, kein entweder-oder, was Hilfe und Engagement angeht. Neben allem offiziellen Verwalten muss es weiterhin die Möglichkeit geben, sich engagieren zu können.

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, klar, beides ist wichtig. Vor allem aber auch die Möglichkeit der Menschen, die ankommen, sich irgendwie einzurichten, ein bisschen zur Ruhe zu kommen und Normalität in die Abläufe zu bringen. Es sind ja starke Menschen, die diesen Weg geschafft haben – vielleicht nicht ganz so stark wie die Menschen, von denen du schreibst, da sie aus „normaleren“ Verhältnissen herausgefallen sind. Was sehr schlecht ist, wenn sie in Sackgassen landen – also in Auffanglagern und endlosen bürokratischen Labyrinthen.

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