Griechische Kunst zum Sonntag: Die Schirme von Giorgos Zongolopoulos

Rund um unser Steinhaus tobte ein Gewitter, es goss in Strömen und der Strom fiel aus. Ich entzündete den Kamin, auch eine Kerze, und wollte mich grad entspannt aufs Sofa legen – da kam er wieder, der elektrische Strom, und mit ihm kamen die Zivilisation, die Zentralheizung und die Kommunikation via internet.

Als wir in der Regenwolke saßen und ich überlegte, welchen Künstler ich denn heute präsentieren sollte, fielen mir die Schirme (ομπρέλες) von Giorgos Zongolopoulos (Γιώργος Ζογγολόπουλος)  ein. Ich liebe sie. Vielleicht hat der eine und die andere von euch seine Schirme schon mal gesehen? 1995 begrüßten sie die Besucher der 100. Biennale von Venedig. 1995  wurden sie dauerhaft im Ehrenhof des Gebäudes des EU-Ministerrats in Brüssel installiert. Man kann sie im Lichtschacht der Metro von Athen, Station Syntagma, und seit 1997 an der großen Uferpromenade von Saloniki bewundern. Einige seiner Bildwerke werden durch Wasserkraft bewegt – auch darin war er ein Vorreiter.

Giorgos Zongolopoulos, Schirme in Saloniki, Photo von Eleni Vraka

Als G. Zongolopoulos mit den Schirmen in Venedig international berühmt wurde, war er bereits 90 Jahre alt und hatte eine lange Karriere als Bildhauer hinter sich (er wurde 1903 in Athen geboren und starb dort 2004). Bei seiner letzten Teilnahme an der Biennale war er 99. Also, liebe Leute, wenn ihr glaubt, Alter schütze vor Kreativität und „trella“ (griechische „Verrücktheit“), so irrt ihr euch. Zongolopoulos jedenfalls blieb ein „ewiges Kind“, wie seine Freunde ihn nannten.

Im Lichtschacht der Metro hängen sie auch, die Schirme, und freischwebende Leitern gibt es, die mich an die wunderbare Geschichte „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ von Henry Miller erinnern. Eine meiner Lieblingsgeschichten, nebenbei bemerkt.

Kaum jemand von den Millionen Menschen, die die Metro-Station vom Syntagma durcheilen, ahnen, dass in einem versteckten Lichtschacht und völlig unzugänglich diese Schirme hängen.

G. Zoggolopoulos, Schirminstallation, Metro Syntagma, Athen. Foto (a) Gerda Kazakou

Man schaut hinunter in den beleuchteten Lichtschacht und sieht sie und möchte auf einer der hängenden Leitern zu ihnen hinunter steigen  …

photo 1b Quadrat        und freut sich an der poetische Fantasie des alten Mannes und fühlt sich beschirmt in  der anonymen Riesenstadt Athen.

photo 1b Quadrat a

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Griechische Kunst zum Sonntag: Die Schirme von Giorgos Zongolopoulos

  1. kormoranflug schreibt:

    Eine wunderschöne Schirmskulpture. Pass auf das Herr Ai Weiwei nicht zuschaut, sonst hängt er die Schwimmwesten der Flüchtlinge auch so auf.

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  2. Ich freue mich jedesmals auf Deine „Kunst zum Sonntag“, liebe Gerda! Ich muss gestehen, dass ich von diesem Künstler gar nichts gekannt habe, was sicher schade ist, so dass es an der Zeit war, ihn durch Dich zu entdecken. Sicher werde ich beim nächsten Athenbesuch an der U-Bahnstation Syntagma auf Suche gehen!
    Die Schirme in Saloniki hoch über dem Meer erinnern mich an den roten Damenschrim, der in dem von mir geliebten griechischen Film „Zimt und Koriander“ bzw. „Politiki Kusina“ den Weg übers Meer (und ins All?!) sucht, bevor ihm Filmpersonen folgen werden – ein schönes, poetisches Motiv!
    Übrigens: “Das Lächeln am Fuße der Leiter” von Henry Miller gehört auch zu meinen Lieblingsgeschichten.

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  3. Myriade schreibt:

    Großartig beschwingt. Ein erfreulicher Gedanke, dass man auch im hohen Alter noch richtig kreativ sein kann

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  4. Maren Wulf schreibt:

    Welch zauberhafte Objekte! Bei dem ersten Schirmbild mit den beiden Leitern (wunderschönes Foto übrigens) kam mir auch sofort Henry Millers August in den Sinn. „Nichts konnte dieses ungewöhnliche Lächeln trüben…“ Auch nicht die vielen Jahre, die vergangen sind, seit ich diese kleine große Geschichte las. Danke fürs Erinnern.

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      O, noch eine Liebhaberin der Erzählung! Ja, „nichts konnte dieses ungewöhnliche Lächeln trüben“ – das sich sogar in unseren Herzen fortsetzt, wenn wir uns daran erinnern.

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  5. mmandarin schreibt:

    so ein Mist, das ich die Geschichte nicht kenne, werde ich mir umgehend bestellen. Danke für den Tipp, Marie

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  6. mmandarin schreibt:

    hab mir das Büchlein gekauft und schon auf dem Nachhauseweg in der Straßenbahn verschlungen. Jetzt lese ich es noch einmal gaaanz langsam. Wunderbar.

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  7. mmandarin schreibt:

    ja, so zauberhaft

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