Zweiter Gastbeitrag: Flüchtlingshilfe auf Chios

Meine Freundin Ingrid hat einen zweiten Bericht von ihren Erlebnissen auf der Ägäis-Insel Lesbos und jetzt auch auf Chios geschickt, wo sie seit Monatsbeginn im Erstempfang der Flüchtlinge tätig ist. Ich hänge ihren Bericht, der u.a. einige Fehlmeldungen über die  Haltung der griechischen Inselbevölkerung korrigiert, unverändert an.

Bericht Chios 9. 2. II

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Grüße zum Aschermittwoch

fasching Hier in Griechenland, ich sagte es schon, liegt der Tag, an dem der Karneval endet und die Fasten beginnen, noch in weiter Ferne. Dennoch möchte ich heute aus Anlass des katholischen Aschermittwoch ein paar Fotos einstellen, die ich bei einem anderen „Aschenfest“ machte. Nach uralter Sitte trafen sich in einem Bergdorf im Taygetos die Narren. Wüste Gesellen mit Kuh- und Ziegenhörnern und Glocken und Glöckchen, Tamburins und Ziegenfellen wurden an Stricken von ihren nicht minder wüsten Wächtern gezogen.  Außer den Narren kam ganz Kalamata und vermutlich kamen auch Besucher von weiter weg, es war ein großes Gedränge um die Tische mit dem gerösteten Brot und dem Wein, der in Pappbechern unter die Leute kam. Allen wurde das Gesicht mit Asche geschwärzt, klar. Mir gelang es, mich dem Gewühl ein wenig zu entziehen und einige der Narren beim Anmarsch zu fotografieren. Das Licht war freilich kümmerlich, aber immerhin regnete es nicht mehr.    Fasching 8 fasching

Nach diesem Trubel zog mich mein Hund Tito zu einem Spaziergang weg von den Narren und hin in die Einsamkeit des Gebirges und zu den schnell strömenden Winterbächen.

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Geschichtengenerator in Aktion: Luise – ältere Dame mit Hut, Fortsetzung

Geschichtengenerator in Aktion

Luise, ältere Dame mit Hut – Atelier – ich habe dich nicht erkannt.

Fünf Tage später stand sie vor der Tür. Ich hatte nicht mehr mit ihr gerechnet und erkannte sie nicht, als  ich auf ihr Klopfen hin öffnete. Eine hochgewachsene ältere Frau mit Strickmütze und einer etwas schäbigen gefütterten Jacke streckte mir die Hand entgegen und sagte: „Hier bin ich also. Vielen Dank für die Blumen“. Luise! „Ich habe dich nicht erkannt, pardon“, murmelte ich, und kam mir recht dümmlich vor. Luise lachte: „Das scheint bei dir die Regel zu sein, mein Lieber! Lässt du mich nun rein, oder soll ich hier in der Kälte anwachsen?“

Sie hatte so ihre Art, mich verlegen zu machen, keine Frage. Ohne weitere Höflichkeitsfloskeln schritt sie an mir vorbei ins Atelier und steuerte gleich den Holzofen an, in dem ein kräftiges Feuer brannte, rief sich die Hände, schaute sich um, entledigte sich ihrer Jacke, schaute sich wieder um, machte ein paar Schritte zu einem Tischchen, auf dem ich allerlei Krimskrams abgestellt hatte. Mit einer Tasse und einem Teebeutelchen kehrte sie zum Ofen zurück und bediente sich aus dem siedenden Wasser im Kessel. Die nun volle warme Tasse hielt sie in ihren Händen, als sei es ein kleines schnurrendes Kätzchen. Fast meinte ich, das Schnurren zu hören, aber es war wohl doch der Wasserkessel, der vor sich hin sang.

Angestrengt dachte ich nach, wie ich sie ansprechen sollte. War das „Du“ angebracht? Oder sollte ich auf dem „Sie“ bestehen, um Distanz zu schaffen? Sollte ich an die alte Zeit anknüpfen, als sie Modell und ich Student war? Oder gab die Erzählung von Nina etwas her? „Du hast bei Nina gewohnt, hat sie mir erzählt“ oder „Sie waren noch sehr jung damals, als Sie in der Akademie zu arbeiten begannen, nicht wahr?“ oder vielleicht „Was hat Sie in unser Städtchen geführt?“ oder auch: „Nina hat mir erzählt, dass Sie früher in der Kunstakademie gearbeitet haben, aber ehrlich gesagt habe ich Sie nach so vielen Jahren nicht gleich wiedererkannt“.

Luise enthob mich der Schwierigkeit. Sie schritt, die Tasse an ihre dünne Brust gedrückt und ab und an ihre  Nase in dem Dampf, der daraus emporstieg, badend, die Wand ab, an der ich einige meiner Bilder aufgehängt hatte, begutachtete auch das Gemälde, das ich auf der Staffelei in Arbeit hatte.

Figur weiss, Detail

Sie drehte Leinwände, die an der Wand lehnten, um und guckte drauf, drehte sie zurück,

9.2. korrigiert Bild 2 Detail Frau Bild 3 31.7. mit Netz Bild 2 veraendert 14.7.13 f  photo 13 4.2. SWR Detail 3 stellte die Tasse ab, um ein Dossier mit Zeichnungen zu öffnen, kurzum, sie nahm von mir nicht die geringste Notiz. Und so hatte ich Zeit, sie zu beobachten und zu versuchen, mich zu erinnern. Unter dem weiten Pullover und den abgetragenen Jeans der überschlanke Leib mit dem kleinen Busen, der Winkel, den die Hüfte bildete, wenn sie stehen blieb, die Neigung des Halses, des Kopfes. Als ich bei der Rundung ihres Hinterns und der Form ihrer Oberschenkel angekommen war, wendete sich mir zu und sagte: „Damit es dir leichter wird, dich zu erinnern“. Mit schnellen Bewegungen streifte sie Pullover und Jeans, Hemdchen und Slip ab, entledigte sich auch der Schuhe und Socken. Nur die Wollmütze hatte sie noch auf dem Kopf. Doch auch die nahm sie ab und warf sie auf mein Sofa, griff sich stattdessen einen Hut vom Hutständer und setzte den auf. „Na, wie sieht es aus? Ältere Dame mit Hut. Du brauchst, wie ich sehe, dringend ein Modell. Und ich brauche Arbeit. Willst du es noch mal mit mir versuchen?“

Egon Schiele: Maler, Modell mit Spiegel

Und da stehe ich nun seit gestern und mache eine Zeichnung nach der anderen, gierig jeder Linie ihres Körpers folgend, entdecke sie wieder, die Luise von damals, in dem abgetragenen Leib von heute. Wir sprechen wenig, und so habe ich ihre Geschichte noch nicht erfahren. Nach meiner hat sie nicht gefragt, wahrscheinlich ist sie ihr egal.

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Ein Gruß zum Rosenmontag

Bei den meisten von euch wird heute mit dem Rosenmontag schon der Höhepunkt des Karnevals und sein Ende gefeiert.

IMG_2546Zu früh für uns! Bis es auch bei uns in Griechenland so weit ist – am 14. März – dürfen wir noch eine Weile die Narrenkappe tragen.IMG_2543

Ostern ist, wie ihr wisst, ein beweglicher Feiertag, der nach einem komplizierten Schlüssel berechnet wird: erster Sonntag nach dem ersten Vollmond nach der Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche. Dieser Berechnungsmodus trifft für die Ost- wie für die Westkirche zu. Doch im Bereich der orthodoxen Kirche kommt noch eine Bedingung hinzu: ein heiliges Ereignis muss vor dem Vollmond eingetreten sein (leider habe ich vergessen, welches), und so geschieht es, dass wir hier im Osten Ostern meistens weit später als ihr im Westen feiern. Das kommt uns natürlich sehr entgegen. Das Wetter bessert sich, Sturmwarnungen sind eher selten, Regen verdirbt nicht die Kostüme. Und wir haben noch einen Haufen Zeit, den Narren zu spielen.IMG_2547

„Rosenmontag“ also, und Helau Euch zum Gruß!

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Griechische Dichtung am Sonntag: Elytis, Der irre Kahn

IMG_2378 invert ganzZu Odysseus Elytis habe ich schon einen Beitrag veröffentlicht. https://gerdakazakou.com/2015/12/27/griechische-dichtung-am-sonntag-odysseus-elytis. Heute möchte ich noch einmal ein Gedicht von diesem bedeutenden griechischen Dichter vorstellen. Der „irre Dampfer“ oder auch „verrückte Kahn“ gehört zu einem Zyklus mit dem Titel „Ηλιος Ηλιάτορος“ („Sonne Sonnenherrscherin“, oder Herrscher, Helios=Sonne ist männlich). Das titelgebende  „Ilios Iliatoros“ ist einem Kinderreim entnommen. In meiner Übersetzung habe ich versucht, das Kindliche Liedhafte des Gedichts zu erhalten. Dafür war es nötig, sowohl Rhythmus als auch Endreime in der deutschen Sprache zu finden, die dem Griechischen einigermaßen entsprechen. Eine nicht grad einfache Aufgabe.

Entstanden ist der Zyklus in der Zeit der Militärdiktatur 1967-74. Elytis schrieb es im selbstgewählten Exil in Paris.

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Der irre Kahn

Ein geschmückter Kahn dampft ins Gebirge hinaus

Und beginnt mit Manövern, „werft den Anker raus!“

den Anker in Pinien versenkt er

Frischluft beidseitig tankt er.

Aus schwarzem Stein und aus Traum ist das Schiff

arglos der Bootsmann, der Matrose hat Pfiff

Aus der Tiefe der Zeiten kommt es herauf,

Leiden entlädt es und Seufzer zuhauf.

Ah, Christos und Herr, ich staune ihn an

So’n irrer Dampfer, verrückter Kahn.

Lange schon reist er, und wir sind noch hier

den Captain wechselten tausendmal wir

Sintfluten machten uns gar nichts aus

In alles ging’s rein – und wir kamen heraus.

An Deck ein Posten wacht seit Beginn:

ewige Sonne Sonnenherrscherin.

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Το τρελοβάπορο

Βαπόρι στολισμένο βγαίνει στα βουνά
κι αρχίζει τις μανούβρες „βίρα μάινα“

Την άγκυρα φουντάρει στις κουκουναριές
φορτώνει φρέσκο αέρα κι απ τις δυο μεριές

Είναι από μαύρη πέτρα κι είναι απ‘ όνειρο
κι έχει λόστρομο αθώο, ναύτη πονηρό.

Από τα βάθη φτάνει τους παλιούς καιρούς,
βάσανα ξεφορτώνει κι αναστεναγμούς.

΄Ελα Χριστέ και Κύριε, λέω κι απορώ,
τέτοιο τρελό βαπόρι τρελοβάπορο,

Χρόνους μας ταξιδεύει δε βουλιάξαμε
χίλιους καπεταναίους τους αλλάξαμε

Κατακλεισμούς ποτέ δε λογαριάσαμε,
μπήκαμε μες στα όλα και περάσαμε,

Κι έχουμε στο κατάρτι μας βιγλάτορα
παντοτινό τον ΄Ηλιο τον Ηλιάτορα!

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Samstag ist Märchenstunde: Von dem Fischer un syner Frau


Das Märchen vom Fischer und seiner Frau schickte der Maler Philipp Otto Runge dem Verleger von Achim von Arnims „Des Knaben Wunderhorn“ –  vor 210 Jahren, zusammen mit dem Märchen vom Machandelboom. So ging es auch in die Märchensammlung der Brüder Grimm ein. Für mich war es das Märchen meiner Kindheit, vielleicht weil mein Opa Fischer in Vorpommern war. Den lernte ich leider nicht mehr kennen, auch meinen Vater nicht, der in diesem Milieu groß wurde. Mehr dazu findet ihr  in meinem Beitrag  https://gerdakazakou.com/2015/10/10/meinem-grossvater-gewidmet/

Wer das vorpommeraner Platt nicht versteht, wird vielleicht trotzdem seine Freude haben an den Reimen, die sich mehrmals wiederholen und die sich mir tief einprägten.

Das Märchen handelt von einem einfältigen Fischer und seiner wundergläubigen Frau Ilsebill. Die beiden sind sehr arm, leben in einem „Pisspott“. Eines Tages hat der Fischer einen prächtigen Butt an der Angelleine. Der aber bittet um sein Leben: Er sei in Wahrheit ein verwunschener Prinz. Der gutmütige Fischer gibt ihn ohne Wenn und Aber frei.

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Als seine Frau davon hört, wird sie ungehalten: warum er sich nichts gewünscht habe! Sie quängelt und quält ihn solange, bis er wieder an den See geht und den Fisch ruft:

„Mandje! Mandje! Timpe Te!
Buttje! Buttje in de See!
Mine Fru, de Ilsebill,
Will nich so, as ick wol will.“

Der Fisch ist auch gleich zur Stelle und fragt zurück: „Na! wat will se denn?“ Sie will aus dem stinkigen Pisspott raus und endlich in einer ordentlichen Hütte wohnen. Gesagt, getan.

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Eine Weile ist die Frau zufrieden, aber dann beginnt es wieder in ihr zu nagen: ein steinernes Haus wäre doch besser. Und so geht ihr Mann wieder an den See und ruft:

„Mandje! Mandje! Timpe Te!
Buttje! Buttje in de See!
Mine Fru, de Ilsebill,
Will nich so, as ick wol will.“

Und wieder erscheint der Fisch und fragt zurück: „Na! wat will se denn?“ Klar, jetzt will die Ilsebill einen Palast. Sie bekommt ihn umgehend.

Und weil das so schön ist und so einfach (einfach wünschen und schon wird es Realität!), will sie nun der Papst werden, denn der ist noch reicher. Auch das wird ihr gegeben. Schließlich aber überschlägt sich ihre Hybris: sie will Gott werden. Warum? Sie glaubt, der Fisch bringe das nicht zustande.

Dat fuur den Mann so dörch de Gleder, dat he bewt vör Angst; buten awer ging de Storm, dat alle Böme un Felsen umweigten un de Himmel was gans swart, un dat dunnert un blitzt; daar sach man in de See so swarte hoge Bülgen as Barg’ un hadden baben all eene witte Kroon von Schuum up, da sed he:

„Mandje! Mandje! Timpe Te!
Buttje, Buttje in de See!
Mine Fru de Ilsebill,
Will nich so, as ick wol will.“

„Na wat will se den?“ sed de But. – „Ach! sed he, se will warden as de leve Gott.“ – „Gah man hen, se sitt all wedder in’n Pißpott.“ Daar sitten se noch hüt un dissen Dag.

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Ps. Mir kommt es manchmal so vor, als ob all die, die sich durch „Erfolgsautoren“ davon überzeugen lassen, dass das Universum dem wahrhaft Wünschenden alle Wünsche erfülle, sich dies Märchen zu Gemüte führen sollten. Wer wünscht, muss zuerst die sittliche Reife und das Bewusstsein für den richtigen Wunsch entwickeln. Überwuchern ihn die egoistischen Wünsche, so landet er eben wieder „in seinem Pisspott“ und bleibt drin sitzen.

Das ganze Märchen findet ihr bei wikisource : Von den Fischer und siine Fru.

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Luise. Juttas geschichtengenerator in Aktion

Geschichtengenerator in Aktion

Die heutigen Wörter* sind:

Luise, ältere Dame mit Hut

Schulhof

Ich habe dich nicht erkannt.

*Atelier, Bahnhof stammen aus dem vorigen Generator.

——————————

„Du kennst sie, jedenfalls hast du sie gekannt“– sagte Nina, als das erste Bier, frisch gezapft, zwischen uns auf der Theke stand. „Luise heißt sie, ist drei Jahre älter als ich“.

„Luise?“ Keine Erinnerung wollte sich einstellen. Ich hatte Nina kurz zuvor in Begleitung einer Frau gesehen, die mir vage bekannt vorkam. Die beiden schienen ein Herz und eine Seele zu sein. Untergehakt gingen sie auf dem Bürgersteig grad vor mir, die dicke Nina und eine hoch gewachsene ältere Dame mit Hut. Sie waren so sehr in ihr Gespräch vertieft, dass sie weder mich noch sonst jemanden bemerkten und die Passanten auf den Fahrdamm ausweichen mussten, wenn sie vorbei wollten. Ich bummelte hinter ihnen her. Vor dem Hotel Apoll – einem drittklassigen Etablissement in der Nähe vom Bahnhof – blieben sie stehen,IMG_5771 redeten, lachten, umarmten sich, küssten sich und verursachten einen nicht unerheblichen Stau im Fußgängerstrom.

IMG_5770Schließlich ging die ältere Dame ins Hotel, und Nina setzte ihren Weg fort, ihren schweren Körper zur Eile antreibend, um rechtzeitig ihre Kneipe aufzumachen. Ich folgte ihr auf dem Fuß, und, da ich von Natur aus neugierig bin, befragte ich sie stantepe nach ihrer Bekannten.

„Ich war zwölf, als ich sie das erste Mal sah“, begann Nina bereitwillig. „Das war auf dem Schulhof. Ein paar Jungs standen um ein schlaksiges Mädchen herum, ich hörte Geschrei und Gelächter. Da ich damals noch recht klein war, konnte ich nicht sehen, was passierte, aber ich hatte ein ungutes Gefühl, also schlich ich mich näher heran. Das Geschrei nahm zu, und plötzlich fing die ganze Gruppe an zu schwanken und zu trudeln. Immer lauter grölten die Jungs, und nun verstand ich auch, was sie riefen: Hei hupps Hei hupps gebt der Schlampe einen Schubs! Und sie schubsten die Lange zwischen sich hin und her, als wär’s ein Boxsack.

So richtig sah ich Luise zum ersten Mal, als die Jungs endlich von ihr abließen und sie bleich, zerzaust und mit Tränen der Wut in den Augen ihren Ranzen über eine Schulter warf und Richtung Schultor ging. Ja, sie ging. Sie rannte nicht. Später kapierte ich, dass sie nie und nimmer vor jemand oder etwas wegrennen würde. Nein. Ich liebte sie. Sie war eine Außenseiterin, eine Abenteurerin, eine Stolze.

Ich selbst war ziemlich gewöhnlich, glaube ich, bis ich sie kennenlernte. Eine gute Schülerin, brav. Ich lernte die Gedichte auswendig, die wir auswendig lernen sollten, und wusste die Antworten im Matheunterricht. Zu Hause wurde zu festen Zeiten gegessen, am Nachmittag hatte Ruhe zu herrschen, und gegen fünf übte meine ältere Schwester Klavier. So kleinbürgerliche Routinen halt. Bis Luise bei uns einzog.“

„Wie bitte?“ fragte ich nicht wenig überrascht. „Diese Frau hat bei euch gewohnt? Du hast mir in all den Jahren, wo wir uns kennen, nie von ihr erzählt, Nina!“

„Nun ja, eine Frau war sie ja damals noch nicht, sondern ein aufgeschossenes Mädchen. Ihre Eltern hatten sich getrennt, lebten beide in Hamburg, ihre Schwestern waren älter und irgendwie schon selbständig, glaub ich, genau weiß ich es nicht. Luise wollte nichts davon wissen, bei der Mutter, dem Vater oder einer ihrer älteren Schwestern zu wohnen. Sie zog es vor, allein in dem alten Haus zu bleiben, in dem sie all die Jahre gelebt hatte, bevor die Familie auseinander fiel. Es war ein schönes Haus, ein bisschen heruntergekommen, richtig romantisch. Wilde Rosen rankten um den ehemaligen Geräteschuppen, den Luise sich als Atelier zurechtgemacht hatte.“

„Wie bitte?“ fragte ich blöd, als hätte ich auf meinen Ohren gesessen. „Luise hatte ein Atelier? Dann war sie …“

„Es gab auch etliche Katzen in dem Haus“, fuhr Nina unbeeindruckt fort. „Außerdem sammelte Luise streunende Hunde ein und gab ihnen ein Zuhause. Als ich sie kennenlernte, hatte sie den Harry, eine urkomische Kreuzung zwischen Bulldogge und Schnauzer, und Lasley, einen Pinscher, der grässlich kläffen konnte und dies auch ausgiebig tat, sobald sich jemand dem Haus näherte. Luise war sehr zufrieden mit ihrem Leben. Männer, sagte sie, sind Tiere, aber die richtigen Tiere sind voll in Ordnung. Ich staunte, denn von Männern wusste ich nichts, sie aber offenbar recht viel. Dabei war sie erst fünfzehn. Ihre Mutter machte sich Sorgen. Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht, ob sie sich wegen Luise Sorgen machte, oder ob sie einfach Angst hatte, dass man sie wegen Kindesvernachlässigung verklagen würde, wenn irgendwas passierte. Und so kam sie halt zu uns in Pension.“

 

Ihr müsst nun nicht denken, dass Nina diese Geschichte in einem Zug und genau so erzählte, wie ich sie hier wiedergebe, denn inzwischen kamen weitere Gäste, die bedient werden wollten. Als ich merkte, dass ich bei dem Tempo, mit dem Nina mit ihren Informationen rausrückte, bis zum nächsten Morgen an ihrer Theke sitzen würde, fragte ich unvermittelt: „Und woher kenne ich sie? Du sagtest, ich hätte sie früher gekannt!“

„Schon vergessen, Herr Künstler?“ fragte sie schnippisch zurück. „Wer war denn dein erstes Modell in der Kunsthochschule? Denk mal nach, versuch dich zu erinnern! Ah, ich verstehe! Ihr habt alle ihre Rippen, ihren Hintern und ihren Hüftknochen studiert, aber gefragt, wie sie heißt, habt ihr sie nicht.“

Damit wandte sie sich den anderen Gästen an der Theke zu. Ich nahm beschämt meinen Hut und ging. Ging bis zum Hotel Apoll, zögerte, ging noch ein paar Schritte weiter bis zu einem Blumengeschäft. Dort ließ ich einen bunten Strauß zusammenstecken (nicht zu teuer), ließ auch meine Karte dran befestigen und steuerte erneut das Hotel an. Drinnen fand ich in einer dunklen Klause den Portier, den ich ansprach. „Vor circa einer Stunde ist eine ältere Dame mit Hut bei Ihnen abgestiegen. Luise heißt sie, leider weiß ich ihren Nachnamen nicht. Schicken Sie ihr bitte diesen Strauß aufs Zimmer“.

Ich war mit mir zufrieden. Sie würde meinen Namen lesen und keine Ahnung haben, wer ihr die Blumen geschickt hatte. Wir waren füreinander zwei Namenlose: ein Kunststudent und ein Modell. Vielleicht würde sie mich anrufen und fragen, wer ich sei. Und dann würde ich auch den Rest ihrer Geschichte erfahren. Und sie die meine.

 

Ps. Die eigentliche Geschichte von Nina und Luise habe ich nicht bebildert, um eurer Fantasie keine Grenzen zu setzen. Καλή νύχτα – Gute Nacht.

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Madame hat eine Erleuchtung

So mancher geht auf dieser Erde herum und sucht nach dem Sinn des Lebens. Der eine schaut nach rechts, der andere nach links, der eine nach unten, der andere nach oben, manche befragen die alten Orakel, andere die Kristallkugel, und Mütter fragen ihre kleinen Kinder, aber fündig wird nur selten einer.

Befragung des Orakels

Doch die Technologie verspricht Lösungen für unsere wichtigen Lebensprobleme. Madame hat sich die neueste technologische Errungenschaft zwischen Hut und Hirn implantieren lassen, und siehe, schon am gleichen Tag sie hat eine Erleuchtung.

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Da steht sie geschrieben, die Antwort auf die Frage aller Fragen: „What is the sense of life?“ (Pardon, das Gerät versteht nur die engelische Sprache). In zwar kleinen, aber gut lesbaren Buchstaben steht die Antwort am Himmel, gleich unter einem fliegenden Engelchen.

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Keep walkin‘ steht da geschrieben. Madame jubelt. Endlich weiß sie Bescheid. Ein Weiser aus dem Morgenland macht eine fragende Geste: Dafür der ganze Aufwand? scheint er zu fragen. Gehen müssen wir ja, das wussten wir schon.

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Zwitschermaschine

Eisvogel

Eisvogel. Foto von (c) Ed Constantino Valerio

Es sind gegenwärtig so zauberhafte Frühlingstage in Mittwinter. Die Griechen kennen sie als Halkyonische Tage, die den Eisvögeln (Halkyon) zum Brüten eingeräumt wurden von einer gnädigen Gottheit. Ovid berichtete von ihnen in seinen Metamorphosen und James Joyce assoziierte sie in seinem Ulysses. Ich genieße sie schlicht, diese Alkyoniden. Obwohl – nun – ihr wisst schon – Erderwärmung – Katastrophe – und: Überall steigen die Temperaturen mittwinters weit über das Maß, das die Alten für den Eisvogel für notwendig erachteten.

Ich mag mich heute aber nicht einklinken in das laufende Katastrophenszenarium. Es reicht, dass ich vom Winterschlaf des Herrn Winter fabulierte (

Samstags ist Märchenstunde: Herr Winter kommt nicht mehr

). Heute war ich, wie übrigens jeden Tag, mit meinem Hund im nahgelegenen Stadtwald spazieren. Der Klee stand grün und prächtig auf den Wiesen und die Vöglein zwitscherten hell.

IMG_5720 Warum, dachte ich mir, machst du dir nicht auch eine Zwitschermaschine wie der Herr Klee? Ist das etwa nicht erlaubt? Muss ich sein copyright respektieren?

Ich schaute im internet nach und fand, dass außer mir noch andere Künstler Sehnsucht nach einer eigenen Zwitschermaschine empfanden und, soweit ich das beurteilen kann, nicht wegen Verletzung von Autorenrechten vor den Kadi gezerrt wurden.

Paul Klee, Zwitschermaschine

Also Schluss mit den Vorreden. Auf geht es zum fröhlichen Zwitschern.

Erst mal vorzeichnen. Gut. Nicht so gut meine Maschine wie die von Paul, aber sie wird es schon tun.

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Jetzt farbig anlegen: wie zwitschert die Maschine am Morgen? Wie am Mittag bei leichter Bewölkung? Wenn der Abend den Himmel rötet? wenn die Dämmerung hereinbricht? Und nachts, wie zwitschert sie da? oder respektiert sie die Nachtruhe?

 

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Ps. Für die, die die Wahrheit lieben: es gab keine Vorzeichnungen. Die sind, wie alle anderen Varianten, durch Bearbeitung der Fotografie vom Original-Legebild entstanden.

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Lasst euch von so viel Täuschung bitte nicht abhalten, der Musik der Zwitschermaschine zu lauschen. Was ihr sonst so hört, sind ja meist auch nur Tonkonserven. Es sei denn, ihr geht wie ich im Walde spazieren und hört die Vögelein singen.  🙂

Ich ging durch einen grasgrünen Wald,
da hört ich die Vögelein singen,
sie sangen so jung, sie sangen so alt,
die kleinen Vögelein in dem Wald,
die hört ich so gerne wohl singen.

Volkslied, 16. Jahrhundert. Wer es feiner haben will, kann sich Gustav Mahlers Version des Liedes in „Des Knaben Wunderhorn“ runterladen. Denn so glücklich, diese Lieder im Original hören zu können, sind wohl die wenigsten von uns. So ist das eben. Auch ich kann die Zwitschermaschine von Paul Klee nicht im Original haben. Leider. Das Surrogat muss genügen.

Gute Nacht. Καλή Νύχτα.

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Immer wieder …. (Wechsel der Jahreszeiten)

Wilhelm Busch

Stets muß die Bildnerin Natur
Den alten Ton benützen
In Haus und Garten, Wald und Flur
Zu ihren neuen Skizzen.

 

Wenn wieder der Sommer übergegangen ist in den Herbst ….

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und wieder der Herbst in den Winter ….

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Sei getrost! Schon wirft der Winter einen grünen Schatten, und das Rot der knospenden Blätter schimmert in seinem Haar. Der Frühling kommt gewiss.

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Jede Jahreszeit ist groß. Ich will nicht eilen, sondern ihre Macht und ihre Schönheit aus vollem Herzen genießen.

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Wilhelm Busch

Immer wieder

Der Winter ging, der Sommer kam.
Er bringt aufs neue wieder
Den vielbeliebten Wunderkram
Der Blumen und der Lieder.Wie das so wechselt Jahr um Jahr,
Betracht‘ ich fast mit Sorgen.
Was lebte, starb, was ist, es war,
Und heute wird zu morgen.

Stets muß die Bildnerin Natur
Den alten Ton benützen
In Haus und Garten, Wald und Flur
Zu ihren neuen Skizzen.

 

 

 

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