Das griechische Drama: ein Jahr danach.

Im Juni letzten Jahres – ich hatte grad einen Monat Bloggerei hinter mir – setzte ich zwei Beiträge hierher, anhand derer ich meine Methode erläuterte.

Der Volksgeist und der Ring der Herrschaft – eine unendliche Geschichte,

Der Volksgeist und der Ring der Herrschaft – eine unendliche Geschichte – 1. Fortsetzung

Doch es gibt darin auch einen inhaltlichen Aspekt: Die Bilder stammen aus der Zeit des griechischen Wahlkampfes (Januar 2015) und den Tagen nach der Wahl (25. Januar). Die Linke hatte gesiegt und bildete sofort eine Koalitionsregierung mit einer rechten Splitterpartei. Diese Koalition wurde bei erneuten Wahlen im September 2015 bestätigt.

Vor ein paar Tagen feierte sich die Regierung mit einer großen Fiesta: Ein Jahr ist sie an der Macht.  Über den Feiernden erhebt sich der „Volksgeist“ mit einer aufgeplusterten Federhaube, neben ihm balanciert der hässliche Pleitegeier.

Das Bild gehört in die Reihe, die ich Ende Januar 2015 legte. Jetzt ist die Geburtstags-Fiesta vorbei – der Druck auf die Regierung steigt von Tag zu Tag – und ich erinnerte mich an diese Legearbeiten. Vielleicht habt ihr Lust, sie mit mir anzusehen?

Da war zuerst der Wahltag selbst (25.1.2015): „Das Volk hat gesprochen“. Ein Vogelpaar füttert die Kleinen mit dicken roten Würmern. Der „Volksgeist“ schwebt im Himmel und sendet Zeichen, die Oppositionsparteien sind ein buntscheckiger gerupfter schimpfender Vogel. Ein Rättchen lauert freilich, denn auch dieses hat Junge, die gefüttert werden wollen.

Mir schwante gleich, dass die Freude nicht lange anhalten würde. Und so legte ich schon am folgenden Tag (26.1.2015) einige schwarzseherische Bilder. Das schweizerische Taschenmesser (internationales Finanzsystem) droht über den Häuptern der Musikanten, die ihre Geräte (oder vielleicht auch das Tafelsilber) einpacken, bevor sie von der Bühne abtreten. Der Regierungsvogel mit den roten Schwingen entschwebt vergnügt mit dem Ring der Herrschaft im Schnabel, doch hat er verdammt kurze Beine. Die Bäuerlein tanzen und ein Schwimmer durchteilt die Fluten.

Im folgenden Bild sieht die Szenerie schon bedenklicher aus: Das Schweizer Taschenmesser ist voll ausgefahren und säbelt ab, was da grünt und blüht. Der Volksgeist sendet dem Regierungsvogel ein paar trübe Gedanken nach. Dieser entfleucht und verliert dabei den Ring der Herrschaft aus dem Schnabel. Die Bäuerlein haben Knüppel ergriffen und tanzen nun gar nicht mehr fröhlich, sondern wütend. Die Rättlein haben sich hinter die Steinmauer verzogen.

Jetzt, Anfang Februar 2016,  sind wir ungefähr bei dieser Situation angelangt. Die Bauern blockieren wütend alle Straßen des Landes, denn sie fühlen sich ausgequetscht und dem Untergang geweiht. Die anderen Berufsgruppen streiken und marschieren mit Transparenten durch die Straßen der Hauptstadt. Die Regierung wankt. Es ist von Neuwahlen die Rede, die die Linke wohl nicht noch einmal gewinnen könnte. Übrigens: welche Linke? Die roten Flügel sind schon im vergangenen Sommer abgefallen, als die „Linke Platform“ ausschied. Geblieben ist die dunkelbraune Farbe des Koalitionspartners.

Das Abfallen der roten Flügel habe ich im folgenden Bild vorausgesagt. Die Situation hat sich dramatisch zugespitzt:  das Schweizer Taschenmesser reißt das Haus des armen Mannes um und schnappt sich den Ring der Herrschaft, die Bäuerlein bewaffnen sich, die roten Flügel werden zu Flammen, über denen zwei wüste Gesellen tanzen, der Regierungsvogel, nun flügellos, nimmt fliehend die Hoffnung mit, der Volksgeist weint eine dicke blaue Träne. Die Rättchen sind vergnügt, sie werden satt.

Noch sind wir nicht an diesem Punkt – und ich hoffe natürlich, wir erreichen ihn nie. Wie der Volksmund sagt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Καλή Νυχτα! – Gute Nacht, liebe Freunde.

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noch ne Fortsetzung (IV) mit Flo, Bahnhof, Nina und anderen Figuren von Juttas geschichtengenerators

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Ei ei ei, wen haben wir denn hier in voller Aktion erwischt? Den Flo, seines Zeichens hochkarätiger Sprayer. Am alten Bahnhof treibt er wieder sein Unwesen. Auch zwei andere Gestalten, die das helle Licht scheuen, sind wieder da (oder immer noch?). Sie verbergen sich hinter einem blühenden Strauch. Ach was, das ist nicht John. John ist immer sehr blass, wie du weißt, und dieser hier ist eher dunkelhäutig, ein Ali oder Ahmed vermutlich. Und seine Frau heißt weder Nina noch Emma, tut mir leid. Wie wärs mit Fatima? IMG_5742

Nina, meine dicke Freundin, ist woanders auf dem Bild zu sehen. Grad erscheint sie im Lichtkegel einer Laterne – oder ist es der Mond? Wie soll ich das wissen, ich war ja nicht dabei, sondern versuchte, in meinem Atelier ein bisschen Ordnung zu schaffen. Flo und seine Kumpels hatten es im Zustand allgemeiner Auflösung hinterlassen.

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Die Geschichte, die es hier zu erzählen gilt, erfuhr ich von Nina selbst, als ich mich am nächsten Abend in ihrer Kneipe einfand, um ein Bierchen zu trinken.

Nina hatte vergebens versucht, so erzählte sie mir, den Manni, ihren Polizistenmann, erneut zum stillgelegten Bahnhof zu schicken. Sein „Peng“ fand sie wenig befriedigend, zumal sie ja wusste, dass er seine Waffe nie bei sich trug. Auch wunderte sie sich, warum seine Uniform so zerfetzt war. Es fehlten ganze Teile.  Wahrscheinlich, so warf sie ihm an den Kopf, hast du Reißaus genommen und bist an einem Gebüsch hängengeblieben. Dabei war es deine Pflicht und Schuldigkeit, das Lumpengesindel dingfest zu machen. Wenn du so ein Angsthase bist, mein lieber Manni, dann geh eben ich und seh nach dem Rechten!“

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Gesagt, getan. Eine Polizeitruppe hatte sie nicht, aber willfährige Kunden, die bereit waren, sie zu begleiten. Nina schritt vorneweg, die anderen hielten sich hinter ihr. Stockfinster war es, vom Mond kaum was zu sehen, denn der steckte hinter einer Wolke. Plötzlich sei eine Figur vor ihr aufgetaucht, die ihr starr in die Augen blickte. In den Händen habe sie zwei grüne Fetzen gehalten, die aussahen wie die Teile von Mannis Polizeihosen, die gestern fehlten, als er heimkam.

„Hallo, du da, was machst du da mit Mannis Polizeihosen!“ habe sie streng gerufen. Aber der Kerl habe keinen Mucks von sich gegeben.  Stocksteif habe er da gestanden, stumm wie ein Fisch.

Die Herrschaften, die sie zum Bahnhof begleitet hatten, seien unruhig geworden. „Nina, bitte“, hätten sie geflüstert, „lass uns gehen! Mit dem ist nicht gut Kirschen essen!“ Aber sie sei entschlossen gewesen, den Dingen auf den Grund zu gehen, bis …. ja, bis plötzlich ein großes Getöse erscholl, Rauch und Feuer überall! Da habe auch sie der Mut verlassen und sie habe den Rückweg angetreten. „Ich wusste es ja, dort am alten Bahnhof spukt es!“, beendete sie ihre Erzählung.

Ach ja, meine gute tapfere Nina! Den Flo muss ich mir wohl mal vorknöpfen, ihn und seine Kumpanen! Meine Freundin so zu erschrecken!

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Denn die waren es, klar. Flo war richtig stolz auf seinen Streich, von dem er mir haarklein berichtete. Sie hatten die Uniformteile an einem Gebüsch hängend gefunden und damit einen Signalmast geschmückt, so dass er aussah wie eine Vogelscheuche. Dann waren sie auf einen Waggon geklettert, um ihrem Nachtwerk nachzugehen. Aber einen stehenden Zug besprayen ist nicht wirklich cool. Also setzten sie die Lok in Gang. Großes Getöse, Qualm und Rauch. Sie hatten einen Höllenspaß, als sie Nina mit ihrem Völkchen davonrennen sahen, als sei der Gottseibeiuns hinter ihnen her.

Zum Glück bin ich kein Polizist, sondern Künstler. Ich zog mich ins Atelier zurück und malte die Szene, die mir Flo auf einem Stück Papier skizziert hatte (siehe oben) in Öl. Vielleicht findet sich ja ein Käufer. Ich brauch die Moneten, denn wie sonst soll ich die Biere bei Nina bezahlen? Sie ist zwar meine Freundin, aber Bier ist Bier und Schnaps ist Schnaps. Und eine Freundschaft ist nicht mit Geld aufzuwiegen.

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Großmama, warum gibt es Krieg?

Da fragt so ein kleiner Mensch, ein Warum-Frager: „Warum machen die Menschen Krieg?“

Was soll ich ihm antworten? Die Sphinx könnte ihm die Rätselfrage vielleicht lösen, aber die schweigt seit altersher.

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Also versuch ich es mal mit einem Bild. Zwei gepanzerte Fahrzeuge mit großen Kanonenrohren fahren aufeinander zu, in jedem Fahrzeug hockt ein Mann mit Helm auf dem Kopf.

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Worum geht es? O, ganz einfach: Wer hat das größere Ding und kann weiter schießen! Verstehst du nun? Wenn du groß bist, mein Kleiner, willst du dann auch so gepanzert lossausen, um zu beweisen, dass du ein starker Mann bist? Glaub mir, Frauen machen sich nichts daraus. Die mögen lieber Blumensträuße.

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Ps. Es sind dieselben Schnipsel, aus denen diese  beiden Bilder entstanden sind, nur das Grün habe ich rechts hinzugefügt. Dieselben Schnipsel verwendete ich auch für das gestrige Bild „Trauer“. Dieselben Schnipsel plus ein paar weitere nahm ich auch für „Herr Winter kommt nicht mehr“ und für sämtliche Bilder zu Juttas geschichtengenerator, veröffentlicht in der letzten Woche. Aus demselben Material lässt sich eben vieles formen. Nicht auf das Material kommt es an, sondern auf den Geist, der es formt. Wie im echten Leben.

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Der kreative Prozess

Lieber probieren und schlecht machen, als gar nichts tun.“ Leo Tolstoi in seinen Tagebüchern, 1851 – dies las ich eben auf Susanne Hauns Blog und finde, es passt ganz gut als Motto zu meinem heutigen Thema. Danke, Susanne!

Der kreative Prozess beginnt damit, dass du dich mit deinem Material bekannt machst. Bei mir sind es, in dieser Phase, Schnipsel von eigenen Bildern, die ich zerschnitten habe.  Aus dem Haufen, der sich inzwischen angesammelt hat, treffe ich eine Auswahl. diesmal sind es relativ große prägnante Stücke, das macht die Sache schwieriger.

IMG_5693Ich kenne sie gut, meine Schnipsel, denn sie haben schon in vielen Bildern ihre Rolle gespielt. Dennoch betrachte ich sie gern einzeln und befrage sie, welche Rolle sie denn heute wohl spielen möchten?

Es ist immer gut, sein Handwerkszeug zu kennen, denke ich und – lege zuerst mal

IMG_5700 Handwerkszeug: Messer, Schaber, Schneidegeräte mit Griffen jeder Art. Doch nun? ein Thema ist noch nicht in Sicht, also probiere ich einfach mal rum.

IMG_5698Aha, schneidige Wappenvögel und ihre englischen Herrschaften!

Das war gestern abend. Ich sagte mir, genug für heute, morgen ist ja auch noch ein Tag. Und sogar Sonntag. Da wird sich schon noch einiges entwickeln.

Heute also las ich erst mal all eure Blog-Beiträge, darunter auch einen Bericht, den Coco Nienhoff heute gebloggt hat.

LESENSWERT

KOPIERT aus Facebook,
Verfasser R. Lindemann

Raphaele Lindemann

Und plötzlich war ich gar nicht mehr zu englischen Herren und schneidigen Wappenvögeln aufgelegt. Mein Herz wurde schwer, sehr schwer. Und so legte ich aus den gestrigen Teilen dieses Bild, das ich Trauer nenne.

IMG_5703 Einen Moment Halt! schreien, schweigen und trauern. Mit ihnen, die ihr Liebstes in einen kleinen Holzsarg legen mussten, weinen, fassungslos.

IMG_5704Morgen müssen sie weiter, doch ihr Herz bleibt zurück bei der Kleinen, so sinnlos Verlorenen. Morgen mache ich dann wieder mehr oder weniger lustige Geschichten, aber heute mag ich nicht. Ich mag nicht, NEIN!

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Griechische Dichtung am Sonntag: Nikos Kazantzakis

Nikos Kazantzakis kennt jeder – und doch ist es schwer, ihn wirklich zu kennen. Durch die Mühlen seiner Zeit (1883-1957) gemahlen, vielen Ideologien mal folgend, mal sie verdammend, hoch gerühmt und übel beschimpft, durch die Kirche vom christlichen Begräbnis ausgeschlossen und vom Volk Kretas heimgeholt – nicht viele Schriftsteller können ein so dramatisches Leben und ein so vielfältiges Werk aufweisen.

Seine Biographie ist zugleich ein Querschnitt durch die Irrungen und Wirrungen der griechischen Geschichte, beginnend mit Kreta während der Osmanischen Herrschaft, über die Balkankriege und den 1. Weltkrieg, die Vertreibung der Pontos-Griechen (er war da zeitweilig Minister) und die Kleinasiatische Katastrophe, die Metaxas-Diktatur und den 2. Weltkrieg mit seinen Besatzungsgräueln, den ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Rechten, die sich in einem blutigen Bürgerkrieg austoben, und schließlich eine gewisse Normalisierung der politischen Verhältnisse, die erst zehn Jahre nach dem Tod von Kazantzakis erneut entgleisen (Diktatur der Obristen). An all diesen Entwicklungen hatte der Schriftsteller – dokumentierend, eingreifend, leidend – aktiven Anteil. Doch sein geistiger Horizont greift viel weiter aus:

Seine wichtigsten geistigen Väter sind Homer, Dante und Henri Bergson – so sagt er selbst. Seine Promotion schreibt er in Paris – über Nietzsche. Aber auch über Buddha hat er gearbeitet, ein Buch geschrieben – auf dem Berg Athos -, Kommunist ist er gewesen und Gründer einer sozialistischen Partei, auch Freund von Albert Schweizer, der ihn an seinem Krankenbett besuchte, kurz vor seinem Tod. Zeitweilig entnahm er sein Lebensmotto dem Inferno von Dante: „Come l‘ uom s‘ etterna“ („wie der Mensch sich retten kann“). Er bereist die Sowjetunion als Korrespondent eines Athener Magazins, interviewt Mussolini und Primo de Rivera, Franco und Unamuno, besucht China auf Einladung der dortigen kommunistischen Regierung. Dem Franz von Assisi fühlt er sich seelenverwandt. Seine Novelle „Rechtfertigung vor Greco“ nennt er sein Vermächtnis.

El_Greco,_The_Vision_of_Saint_John_(1608-1614)

Als ihn die griechische Orthodoxie verfolgt und der katholische Papst sein Buch „Die letzte Versuchung Jesu“ auf den Index setzt, beruft er sich auf seine eigene Gläubigkeit und Seelenreinheit. Als sein Lebenswerk bezeichnet er die Nachdichtung von Homers „Odyssee“, für die er keinen Verlag findet. Aber mit dem „Alexis Sorbas“ wird er weltberühmt, sogar bevor der Roman einem Film mit Antony Quinn als Vorlage dient.

Wie lebt ein solcher Schriftsteller? Spärlich, dürftig, von Reisetagebüchern, Kinderbüchern, Enzyklopädischen Artikeln, Wörterbüchern, Übersetzungen. Gewaltige Projekte wie die Übersetzung von Dantes „Göttlicher Komödie“ und Goethes „Faust“, Homers „Ilias“ nimmt er sich vor und führt sie aus, trotz Geldmangel, trotz Krankheit (Leukämie, Augenerkrankung mit einseitiger Erblindung, Gesichtsekzem), trotz ständigem Reisen, Wechsel des Wohnsitzes und permanentem Provisorium.

Er stirbt in einer Freiburger Klinik, seinem Leichnam, nach Athen überführt, wird die christliche Bestattung verweigert, dann aber in Heraklion/Kreta wird er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in der venezianischen Stadtmauer beerdigt. Die Inschrift der Grabplatte hat er selbst gewählt:

Ich erhoffe nichts.

Ich fürchte nichts.

Ich bin frei.

Sonnenuntergang 4.1.

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Samstags ist Märchenstunde: Herr Winter kommt nicht mehr

IMG_5689a Es war einmal ein steinalter Mann, der hieß Herr Winter. Es war seine Gewohnheit, jedes Jahr, meistens so um den Dezember herum, eine Rundreise durch die Länder und Städte Europas zu beginnen. Kam er zu spät, schrien die Leute: wo bleibt er nur? Warum verspätet er sich? Kam er noch später, begrüßten ihn die einen mit Hallo und Endlich schneit es! die anderen mit einem langem Gesicht, in dem eine rote Nase flammte. Blieb er etwas länger als drei Tage, ging das Gemurmel los: Wie lange will der Alte noch hier rumsitzen? fragten die einen. Die Ölrechnung steigt in astronomische Höhen, wenn er nicht bald abhaut, klagten die anderen. Dem einen war der Schnee, den er mitbrachte, zu nass, dem anderen zu viel, dem dritten zu wenig.

Bei so viel Genörgele ist es ein Wunder, dass Herr Winter trotzdem immer wieder vorbeischaute. Doch wie an alle Wunder, gewöhnten sich die Menschen auch an dieses und nörgelten weiter. Bis Herr Winter endgültig Schluss machte mit seinen Besuchen.

Er stieg hinab in seine Sommerhöhle, nahm einen runden Siegelstein und versiegelte sorgfältig das Einstiegsloch, damit ihn kein vorwitziges Mäuschen störte. Dann legte er sich aufs rechte Ohr. Schluss mit den Besuchen, sagte er, schon verhauchend, zu seinem treuen Raben, und schlief ein. Und da schläft er nun, fest und tief wie ein Stein schläft er auf seinem steinernen Lager. Manchmal schnarcht er leise, was bei einem so alten Mann ja vorkommen kann. Nichts und niemand soll ihn wecken – nicht in diesem und auch nicht im nächsten Jahr, und schon gar nicht im übernächsten.

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Januar ist’s. Der Bauer tritt aus seinem Haus, dehnt und streckt sich und saugt die Frühlingsluft in seine Lungen.

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Oi oi, sagt er, ich muss mich beeilen, die neuen Saaten auszubringen! – Ja schau einer an, sie sprießen ja schon, die Saaten, und der Kaktus fängt an zu blühen. Der Himmel wärmt die Sonne wie die Pfanne das Spiegelei. Eine ganz unausgeschlafene zauselige Krähe schreit ihr Krakra, krakra auf der Suche nach einem Gemahl. IMG_5692

Na, wenn das man gut geht, denkt sich der Bauer. So ganz ohne Winter. 

 

 

 

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Fortsetzung III mit Atelier, Flo, komm!

Dem Geschichtengenerator von Jutta Reichelt verpflichtet. Danke, Jutta. Geschichtengenerator in Aktion

der heutige Feed ist: Atelier, Flo, komm

Dass meine Geschichte weitergeht, habt ihr Kais Kommentar zu meiner gestrigen Geschichte zu verdanken. Hier also die Fortsetzung.

Nun denkt bloß nicht, dass ich jeden Abend bei meiner Freundin Nina in der Kneipe rumhänge! Nein, manchmal bin ich auch in meinem Atelier. Schließlich muss ich mir das Geld für die Biere bei Nina verdienen. Außerdem halte ich mich gern im Atelier auf. Es riecht angenehm nach Farben. Und wenn es nach Farben riecht, kann ich besser nachdenken.

Gestern steckte ich, schwer in Gedanken, den Schlüssel ins Schloss meiner Ateliertür, um mich ein bisschen zurückzuziehen. Diese verrückte Nina mit ihrem „Peng!“ hatte mich ganz konfus gemacht. Ich kenne Manni, nie würde der jemanden einfach so abknallen. Außerdem hat er, soweit ich weiß, nie seine Dienstpistole dabei, sondern wohlverwahrt im Schrank in seinem Büro. Aus Sicherheitsgründen, wie Nina ein bisschen schnippisch zu sagen pflegt.

Ich drehte den Schlüssel um und trat in das dunkle Atelier, wollte grad nach dem Lichtschalter tasten, als ein lautes „Peng!“ erschallte, gefolgt von einem wilden Gelächter. Wenn Flo und seine Kumpane mir einen Schreck einjagen wollten, so war es ihnen gelungen. Denn die waren es, klar! wer denn sonst? Nur Flo hatte einen Ersatzschlüssel zum Atelier.

Als das Oberlicht aufflammte, sah ich sie auf meinem ollen schwarzen Ledersofa und einigen Kissen lagern, Flo natürlich in der Mitte. IMG_5684 IMG_5685IMG_5680Eigentlich heißt er Florian, aber alle nennen ihn Flo, denn er ist wendig wie ein Floh und ein Wahnsinnssprayer, ehrlich! Am liebsten besprayt er Eisenbahnwaggons in voller Fahrt. Da turnt er dann von Waggon zu Waggon, hangelt sich außen lang, keine Ahnung wie, und dekoriert die leeren Flächen. Er hält sich für einen Künstler – und das ist er wohl auch. Ich jedenfalls anerkenne es ihm gerne: Ja, er ist ein Künstler. Darum hat er auch den Schlüssel zu meinem Atelier.

Komm! rief Flo mir zu, immer noch lachend. Komm, ich will dir meine neuen Sprayfotos zeigen!

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Verdammt talentiert, der Junge.

ps. Dass ich beim Betreten meines Ateliers eine Palette in der Hand hielt, ist natürlich gelogen. Aber wie sonst soll man den Maler kenntlich machen?

pps. Die Staffelei ist jeden Malers Heiligtum. Drum ist sie hier als Totempfahl dargestellt.

ppps. Das Auge des Malers, erschrocken aufgerissen, ist identisch mit dem Auge des Gesetzes, das niemals schläft.

 

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Manni in Aktion (Fortsetzung von John, Bahnhof, was sagen)

Geschichtengenerator in Aktion

Die gestrige Erzählung hatte Jutta Reichelts Geschichtengenerator losgetreten. Nun ist sie ein Selbstläufer geworden. Danke Jutta! Dich trifft keine Verantwortung für den Fortgang 🙂

Manni in Aktion

Meine Freundin Nina ist, da muss ich ihrem Mann, dem Manni, leider Recht geben, für eine gute Pointe gern bereit, die Wahrheit zu opfern. Manni ist da ganz anders. Vielleicht ist sein Beruf schuld. Oder ihrer. Sie hatte damals ja die Kneipe, stand, fett und neugierig, hinter der Theke und lockte Geschichten aus ihren Kunden heraus. Die tischte sie dann zu Hause dem Manni auf.

Wie oft war er ihretwegen umsonst einem angeblichen Verbrechen hinterhergestiefelt! Es gab keins, gab es nur in Ninas Fantasie. Oder vielleicht auch in der Fantasie eines Kunden, dem unter dem Einfluss allzu großzügigen Bierkonsums die Grenze zwischen Tatsachen und Geisterwelt verschwamm.

Diesmal wollte sich Manni nicht wieder lächerlich machen! Aber nützte es ihm was, nicht zu wollen? Nina wollte, und das genügte vollkommen. Und so zog er murrend seine Polizistenhosen und großen Stiefel an, gürtete sich mit der Pistolentasche (die Pistole hatte er an sicherem Ort im Büro verwahrt) und machte sich auf den Weg zum stillgelegten Bahnhof. Bravo, tapferer Manno! Das Auge des Gesetzes darf nie schlafen!

Nina, Manni und das Auge des Gesetzes

Nina schlich ihm natürlich hinterher. Dieses Abenteuer würde sie sich nicht entgehen lassen. Sie suchte in einem halb verfallenen Gebäude Zuflucht, um von dort aus das weitere Geschehen im Auge zu behalten.

„Das erste, was mir auffiel“ – so sagte sie mir später, als wir beide wieder an der Theke standen, sie dahinter, ich davor – – „das erste also war, dass von John nichts zu sehen war. Er war nicht mehr da! Und auch die vier anderen in ihrem komischen Fahrzeug – futsch!“. „Nun, das war ja zu erwarten“, tröstete ich sie. „Gespenster haben das so an sich: mal sind sie da, mal sind sie weg.“- und wischte mir den Bierschaum vom Mund. „War Manni wütend auf dich?“ „Ach i-wo!“ wehrte meine Freundin Nina ab. „Also ich muss dir mal was sagen! Manni ist zwar klein, aber ein tüchtiger Polizist! Er hatte ja jeden Grund, dort am alten Bahnhof nach dem Rechten zu sehen. Ich habe ihn fast bewundert, wie er auf zwei dunkle Gestalten zutrat, die sich dort verschanzt hatten.IMG_5677 IMG_5676a Aus Eisenteilen von der Eisenbahn hatten sie sich einen Unterschlupf gebaut, mit allem Drum und Dran. Sogar eine Kochstelle hatten sie sich eingerichtet! Der eine, ziemlich finsterer aalglatter Typ, so die Sorte „Mich kriegst du nie!“ wollte grad von einem großen Baum einen Ast abzusägen, für die Feuerstelle, vermutlich …IMG_5676aa

Da hättest du Manni sehen sollen! Ein Griff nach der Pistolentasche und Peng!!“ rief sie mir über die Schulter zu, „warte, ich zeige dir meine neuen Fotos“ und verschwand im Zimmerchen hinter der Theke.

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Gleich war sie wieder da. „Bisschen verwackelt“, gab sie zu. „Wegen dem Selbstauslöser. Das Licht war auch nicht so toll. Aber warte, dies hier ist ganz gut geworden.“

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Juttas Geschichtengenerator: John, Bahnhof, was sagen

 

Liebe Jutta, leider komme ich nicht mit dem Verlinken klar, kann nicht herausfinden, wie deine web-Adresse genau lautet. (Manche brauchen eben etwas länger*). Dein genialer Geschichtengenerator ist nun auch bei meiner Bildproduktion angesprungen. Und ich wollte dir hiermit danken für die Bereitstellung dieses wunderbaren Instruments. *Heute, 29.1., habe ich es, glaube ich, geschafft mit dem Verlinken:  Geschichtengenerator

IMG_5669„Ich muss dir was sagen! Du wirst es ja sowieso nicht glauben, aber … Mach doch mal den Fernseher leiser, Manni, man versteht ja sein eigenes Wort nicht. Also ich war eben am Bahnhof, du weißt, dort, wo die uralten Loks rumstehen, und das Gras wächst schon hoch über die Gleise, und die Waggons mit den kaputten Türen und zerbrochenen Fensterscheiben, wo die Jugendlichen immer alles vollsprayen. Ich sag dir, Manni, da spukt es!“

IMG_5673aManni, eigentlich Martin und von Beruf Polizist, schaute wenig begeistert weg vom Fernseher (es war grad der tägliche Polizeibericht dran, den er niemals versäumte) und in Ninas Richtung. Die und ihre Geschichten. Aber er musste Interesse heucheln, sonst würde sie keine Ruhe geben. „Soso, es spukt. Und was hattest du dort so spät noch zu tun? Weißt du nicht, dass sich da einige Pakistani eingenistet haben? Du solltest vorsichtiger sein!“

Nina nahm einen Schluck aus Mannis Bierflasche, wütend: „Wozu rede ich eigentlich noch mit dir. Du glaubst mir ja sowieso nie was. Aber diesmal habe ich vorgesorgt. Ich habe fo-to-gra-fiert! Sie zog ihr smartphone aus der Tasche, durchlief hektisch die letzten Aufnahmen und stoppte bei einem Bild. „Hier, der Beweis.“ Und hielt Manni das Gerät unter die Nase. IMG_5669 Der seufzte dezent und schaute aufs Bild. Und stutzte. Das war wirklich seltsam. Sein geübter Polizistenblick erkannte sofort vorne rechts John, der seine Mütze immer verkehrt rum auf den Kopf setzte. Verdammt blass sah er aus. Aber eigentlich war er ja immer so blass, auch, als er noch lebte.

IMG_5671 Und die anderen vier? Auch die kamen ihm bekannt vor. Sie ähnelten sehr dieser vierköpfigen Familie, die in dem Wagen gesessen hatten. Sie fischten sie unter den Trümmern hervor, war nichts mehr zu machen.

IMG_5673Nina triumphierte, als sie Martins fragenden Blick sah: „Ich sag dir doch, am Bahnhof spukt es.“

IMG_5669f(Ich gebe zu, dass man die Geschichte zum Bild besser erzählen könnte. Vielleicht hat jemand Lust dazu?)

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Verführung zu Höherem

Es waren einmal zwei Fische, die waren recht prächtig anzuschauen. Gold und Grün schwammen sie in ihrer Wasserwelt herum, weitgehend zufrieden mit dem, was sie waren und taten.

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Doch eines Tages erschienen dunkle Gestalten über dem Wasser, die schrieen und schrieen.

„Was – was – was – – – wie – denn – das! Verschwommene Gestalten niederer Gewalten! Wollt wohl stets im Wasser schwimmen – wollt nicht das Sonnenlicht erklimmen – wollt nicht die wahre Wonne kennen! – Wohl uns, die in der Sonne brennen!“ So, oder so ähnlich schrieen sie und flitzten über dem dunklen Wasser hin und her.

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Die Fische lauschten dem Geschrei. Sie schauten die Schatten und schwiegen. Schwarze Schwermut schwoll in ihrem Flossenleib. Die wahre Wonne, die wahre Sonne würden sie niemals erschwimmen. Schwingen würden ihnen nicht wachsen. Was wunder war ihr Leben im Wasser? In Witz.

Ach liebe Fische, lasst euch nicht verführen! Seid nur recht vergnügt in eurem Element! Das Höhere ist nicht notwendiger Weise auch das Wahre.

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