Das griechische Drama: ein Jahr danach.

Im Juni letzten Jahres – ich hatte grad einen Monat Bloggerei hinter mir – setzte ich zwei Beiträge hierher, anhand derer ich meine Methode erläuterte.

Der Volksgeist und der Ring der Herrschaft – eine unendliche Geschichte,

Der Volksgeist und der Ring der Herrschaft – eine unendliche Geschichte – 1. Fortsetzung

Doch es gibt darin auch einen inhaltlichen Aspekt: Die Bilder stammen aus der Zeit des griechischen Wahlkampfes (Januar 2015) und den Tagen nach der Wahl (25. Januar). Die Linke hatte gesiegt und bildete sofort eine Koalitionsregierung mit einer rechten Splitterpartei. Diese Koalition wurde bei erneuten Wahlen im September 2015 bestätigt.

Vor ein paar Tagen feierte sich die Regierung mit einer großen Fiesta: Ein Jahr ist sie an der Macht.  Über den Feiernden erhebt sich der „Volksgeist“ mit einer aufgeplusterten Federhaube, neben ihm balanciert der hässliche Pleitegeier.

Das Bild gehört in die Reihe, die ich Ende Januar 2015 legte. Jetzt ist die Geburtstags-Fiesta vorbei – der Druck auf die Regierung steigt von Tag zu Tag – und ich erinnerte mich an diese Legearbeiten. Vielleicht habt ihr Lust, sie mit mir anzusehen?

Da war zuerst der Wahltag selbst (25.1.2015): „Das Volk hat gesprochen“. Ein Vogelpaar füttert die Kleinen mit dicken roten Würmern. Der „Volksgeist“ schwebt im Himmel und sendet Zeichen, die Oppositionsparteien sind ein buntscheckiger gerupfter schimpfender Vogel. Ein Rättchen lauert freilich, denn auch dieses hat Junge, die gefüttert werden wollen.

Mir schwante gleich, dass die Freude nicht lange anhalten würde. Und so legte ich schon am folgenden Tag (26.1.2015) einige schwarzseherische Bilder. Das schweizerische Taschenmesser (internationales Finanzsystem) droht über den Häuptern der Musikanten, die ihre Geräte (oder vielleicht auch das Tafelsilber) einpacken, bevor sie von der Bühne abtreten. Der Regierungsvogel mit den roten Schwingen entschwebt vergnügt mit dem Ring der Herrschaft im Schnabel, doch hat er verdammt kurze Beine. Die Bäuerlein tanzen und ein Schwimmer durchteilt die Fluten.

Im folgenden Bild sieht die Szenerie schon bedenklicher aus: Das Schweizer Taschenmesser ist voll ausgefahren und säbelt ab, was da grünt und blüht. Der Volksgeist sendet dem Regierungsvogel ein paar trübe Gedanken nach. Dieser entfleucht und verliert dabei den Ring der Herrschaft aus dem Schnabel. Die Bäuerlein haben Knüppel ergriffen und tanzen nun gar nicht mehr fröhlich, sondern wütend. Die Rättlein haben sich hinter die Steinmauer verzogen.

Jetzt, Anfang Februar 2016,  sind wir ungefähr bei dieser Situation angelangt. Die Bauern blockieren wütend alle Straßen des Landes, denn sie fühlen sich ausgequetscht und dem Untergang geweiht. Die anderen Berufsgruppen streiken und marschieren mit Transparenten durch die Straßen der Hauptstadt. Die Regierung wankt. Es ist von Neuwahlen die Rede, die die Linke wohl nicht noch einmal gewinnen könnte. Übrigens: welche Linke? Die roten Flügel sind schon im vergangenen Sommer abgefallen, als die „Linke Platform“ ausschied. Geblieben ist die dunkelbraune Farbe des Koalitionspartners.

Das Abfallen der roten Flügel habe ich im folgenden Bild vorausgesagt. Die Situation hat sich dramatisch zugespitzt:  das Schweizer Taschenmesser reißt das Haus des armen Mannes um und schnappt sich den Ring der Herrschaft, die Bäuerlein bewaffnen sich, die roten Flügel werden zu Flammen, über denen zwei wüste Gesellen tanzen, der Regierungsvogel, nun flügellos, nimmt fliehend die Hoffnung mit, der Volksgeist weint eine dicke blaue Träne. Die Rättchen sind vergnügt, sie werden satt.

Noch sind wir nicht an diesem Punkt – und ich hoffe natürlich, wir erreichen ihn nie. Wie der Volksmund sagt: „Die Hoffnung stirbt zuletzt“.

Καλή Νυχτα! – Gute Nacht, liebe Freunde.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Ökonomie, die griechische Krise, events, Feiern, Katastrophe, Kunst, Leben, Methode abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

5 Antworten zu Das griechische Drama: ein Jahr danach.

  1. haluise schreibt:

    ENDE DIESES JAHRES VERSIEGEN DIE TRÄNEN DER MENSCHHEIT, sag ich … tadamm

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  2. Hella schreibt:

    Nach wie vor glaube ich, daß diese „politischen“ Bilder Deine besten sind, jedenfalls scheint mir Deine Legetechnik hier frisch zupackend und stilistisch passend, zwischen Karrikatur und Volkskunst eine eigene Formensprache entwickelnd. Hella

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  3. Ulli schreibt:

    Warum auch immer noch: mir steigen Tränen in die Augen- ja, liebe Gerda, wegen dieser Geschichte, wegen den Bauern, weil die Geschichte sich einfach nicht umdrehen lässt und Verrat und Ausverkauf immer weiter voran schreitet. Ich bin sehr dünnhäutig Zurzeit und muss mein kleines Fünkchen Hoffnung gut nähren, auch für das griechische Volk! Deine Bilder sind einfach nur grossartig!
    Herzliche Grüsse
    Ulli

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  4. gkazakou schreibt:

    Danke, Ulli, für deine mir inzwischen so wichtig gewordene Rückmeldung und für dein Feingefühl. Deine Dünnhäutigkeit zeigt an, dass du in einem Wandlungsprozess stehst, wie auch die Erde, auf der wir leben. Ihr seid im Einklang.

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