Der Volksgeist und der Ring der Herrschaft – eine unendliche Geschichte – 1. Fortsetzung

IMG_2112  Der gestrige Beitrag endete mit einem Volksfest. Ein fröhliches Volk feierte sich selbst. Das hellblaue Profil des Volksgeistes hatte sich geschmückt mit einer großen Federhaube und ignorierte den hässlichen Vogel neben sich: den Pleitegeier. Warum sich drum kümmern? Die Tische waren brechend voll mit Speisen und Getränken, der Ring der Herrschaft in der Hand des Volkes (25. Januar 2015).

Aber böse Ahnungen suchten mich schon am Tag nach den Wahlen heim. Die folgenden Bilder entstanden am 26. Januar 2015. Was sah ich in inneren Bildern und arrangierte es auf meiner Pappe? Zwei Musiker sammeln ihre Instrumente ein – oder sind es Gauner, die ihre Taschen mit dem Tafelsilber füllen, bevor sie abtreten? Und die Sängerin mit dem blauen Hut, die so unglücklich dreinsieht, versucht nicht auch sie, etwas unter ihren Röcken zu verbergen? Das Volk tanzt noch ahnungslos, und ein Schwimmer genießt die Freuden des Meeres. Der Volksgeist hat ein wenig von seiner Herrlichkeit eingebüßt. Ein Vogel mit roten Schwingen hat den „Ring der Herrschaft“ ergattert und fliegt triumphierend davon. Doch warum hat er so kurze Beine?

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Der Tag danach (c) Gerda Kazakou

Und was ist das für ein Ding, das da schwebt zwischen dem hellblauen Profil und dem Regierungsvogel mit den roten Schwingen? Es schwebt über den Köpfen der Musiker und über den fröhlichen Tänzern. Es hat die Form eines Schweizer Taschenmessers mit drei ausgefahrenen Klingen. Aha! Schweiz – das bedeutet Banken, Geld, Schulden. Eine Art Guillotine des Finanzwesens scheint es zu sein.

Schneiden (c) Gerda Kazakou

O weh: Das Schweizer Taschenmesser hat seine Klingen ausgefahren! Schneide, schneide, schneide ab, was aus dem Boden sprießen will.  Die Tanzenden werden böse, sie bewaffnen sich mit Knüppeln: „Hej“, rufen sie, „so haben wir nicht gewettet!“- Die Tierlein verstecken sich erschrocken in der Steinmauer. Will man ihnen an den Kragen? Der Regierungsvogel mit den kurzen Beinen verliert den Ring der Herrschaft aus dem Schnabel.

Was nun folgt, sind schwarze Ahnungen von Brandschatzung und Zerstörung, von Aufruhr und Wut. Und von einer unbarmherzigen Schneidemaschine der „Finanzmärkte“, die sich des Rings der Herrschaft bemächtigt. Mit einer Schneide reißt sie das Haus des Armen Mannes nieder.

der Volksgeist weint

Aufruhr (c) Gerda Kazakou

Der Regierungsvogel, nun ohne rote Schwingen, flieht, und fliehend nimmt er die Hoffnung mit, die grüne. Das hellblaue Profil weint, eine große blaue Träne fällt hinab, tropft ins leere Meer. Die Rättchen reichen sich die Hände. Sie werden satt.

Wird sich dieser Alptraum vermeiden lassen?

Fortsetzung folgt.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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5 Antworten zu Der Volksgeist und der Ring der Herrschaft – eine unendliche Geschichte – 1. Fortsetzung

  1. Myriade schreibt:

    Also nach Betrachtung vieler deiner hier zu sehenden Bilder finde ich die panta-rhei-Schnipsel-Kunst genial !! Wie bei vielen genial-einfachen Dingen frage ich mich, wieso ich da noch nicht selbst draufgekommen bin. Herzliche Grüße nach Griechenland. Hoffentlich zeigt sich bald ein echter Schimmer am Horizont, für das Volk und nicht für die Banken und Reeder !

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    • gkazakou schreibt:

      Danke herzlich, Myriade! Ja, das Einfache ist uns vor Augen, aber wir bemerken es oft nicht. Ich benutze die Methode nun auch gelegentlich im Rahmen kunsttherapeutischer Sitzungen und stelle fest, dass die Klienten sehr gut damit umgehen können. Die Freiheit des Umgestaltens hilft, sich zu äußern. Man kann es ja jederzeit ändern und der neuen Befindlichkeit anpassen.

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      • Myriade schreibt:

        Ja, das kann ich mir gut vorstellen. Meine „Malmeisterin“ ist auch Kunsttherapeutin und die arbeitet mit Ton, der hat auch diese Qualität des nicht endgültig definierten und immer wieder veränderbaren. Aber deine Schnipsel finde ich noch vielseitiger

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  2. gkazakou schreibt:

    Ton ist auch gut, Myriade! Es ist „irdischer“, „irdener“ – verbindet tiefer mit dem Leib und seinem Rhythmus als meine Schnipselkunst. Am besten, man findet immer die Ausdrucksmöglichkeiten, die für ein anstehendes Problem geeignet sind. Mein Ansatz ist „KREATIVE THERAPIE DURCH KUNST“ – da gehören dann auch der Körperausdruck im Tanz, die Erzählung, der Dialog, das Aufstellen von Aspekten des Selbst und vieles mehr dazu. ,

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  3. Pingback: Das griechische Drama: ein Jahr danach. | GERDA KAZAKOU

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