Griechische Dichtung am Sonntag: Nikos Kazantzakis

Nikos Kazantzakis kennt jeder – und doch ist es schwer, ihn wirklich zu kennen. Durch die Mühlen seiner Zeit (1883-1957) gemahlen, vielen Ideologien mal folgend, mal sie verdammend, hoch gerühmt und übel beschimpft, durch die Kirche vom christlichen Begräbnis ausgeschlossen und vom Volk Kretas heimgeholt – nicht viele Schriftsteller können ein so dramatisches Leben und ein so vielfältiges Werk aufweisen.

Seine Biographie ist zugleich ein Querschnitt durch die Irrungen und Wirrungen der griechischen Geschichte, beginnend mit Kreta während der Osmanischen Herrschaft, über die Balkankriege und den 1. Weltkrieg, die Vertreibung der Pontos-Griechen (er war da zeitweilig Minister) und die Kleinasiatische Katastrophe, die Metaxas-Diktatur und den 2. Weltkrieg mit seinen Besatzungsgräueln, den ideologischen Auseinandersetzungen zwischen Kommunisten und Rechten, die sich in einem blutigen Bürgerkrieg austoben, und schließlich eine gewisse Normalisierung der politischen Verhältnisse, die erst zehn Jahre nach dem Tod von Kazantzakis erneut entgleisen (Diktatur der Obristen). An all diesen Entwicklungen hatte der Schriftsteller – dokumentierend, eingreifend, leidend – aktiven Anteil. Doch sein geistiger Horizont greift viel weiter aus:

Seine wichtigsten geistigen Väter sind Homer, Dante und Henri Bergson – so sagt er selbst. Seine Promotion schreibt er in Paris – über Nietzsche. Aber auch über Buddha hat er gearbeitet, ein Buch geschrieben – auf dem Berg Athos -, Kommunist ist er gewesen und Gründer einer sozialistischen Partei, auch Freund von Albert Schweizer, der ihn an seinem Krankenbett besuchte, kurz vor seinem Tod. Zeitweilig entnahm er sein Lebensmotto dem Inferno von Dante: „Come l‘ uom s‘ etterna“ („wie der Mensch sich retten kann“). Er bereist die Sowjetunion als Korrespondent eines Athener Magazins, interviewt Mussolini und Primo de Rivera, Franco und Unamuno, besucht China auf Einladung der dortigen kommunistischen Regierung. Dem Franz von Assisi fühlt er sich seelenverwandt. Seine Novelle „Rechtfertigung vor Greco“ nennt er sein Vermächtnis.

El_Greco,_The_Vision_of_Saint_John_(1608-1614)

Als ihn die griechische Orthodoxie verfolgt und der katholische Papst sein Buch „Die letzte Versuchung Jesu“ auf den Index setzt, beruft er sich auf seine eigene Gläubigkeit und Seelenreinheit. Als sein Lebenswerk bezeichnet er die Nachdichtung von Homers „Odyssee“, für die er keinen Verlag findet. Aber mit dem „Alexis Sorbas“ wird er weltberühmt, sogar bevor der Roman einem Film mit Antony Quinn als Vorlage dient.

Wie lebt ein solcher Schriftsteller? Spärlich, dürftig, von Reisetagebüchern, Kinderbüchern, Enzyklopädischen Artikeln, Wörterbüchern, Übersetzungen. Gewaltige Projekte wie die Übersetzung von Dantes „Göttlicher Komödie“ und Goethes „Faust“, Homers „Ilias“ nimmt er sich vor und führt sie aus, trotz Geldmangel, trotz Krankheit (Leukämie, Augenerkrankung mit einseitiger Erblindung, Gesichtsekzem), trotz ständigem Reisen, Wechsel des Wohnsitzes und permanentem Provisorium.

Er stirbt in einer Freiburger Klinik, seinem Leichnam, nach Athen überführt, wird die christliche Bestattung verweigert, dann aber in Heraklion/Kreta wird er unter großer Anteilnahme der Bevölkerung in der venezianischen Stadtmauer beerdigt. Die Inschrift der Grabplatte hat er selbst gewählt:

Ich erhoffe nichts.

Ich fürchte nichts.

Ich bin frei.

Sonnenuntergang 4.1.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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Eine Antwort zu Griechische Dichtung am Sonntag: Nikos Kazantzakis

  1. Maren Wulf schreibt:

    Sehr berührend. Danke, Gerda.

    Gefällt 1 Person

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