Geschichtengenerator Jutta Reichelt: Luise – 2. Fortsetzung

Luise – Atelier Geschichtengenerator in Aktion

Ich bezahle Luise nach Stunden. Sie nimmt das Geld, zieht sich an und verschwindet. Mehrmals habe ich versucht, sie zum Bleiben oder zu einem Drink einzuladen. Bisher vergeblich. So trabe ich, wenn wir mit der Arbeit fertig sind, allein zu Nina und berichte ihr das Neue vom Tage: wann Luise bei mir war, wie sie drauf war, dass ich Fortschritte beim Aktzeichnen mache, dass ich jetzt auch Bilder farbig anlege. Nina zeigt Interesse. Sie scheint sich zu freuen, dass ihre alte Freundin bei mir ein und aus geht. Wenn ich aber versuche, sie nach Luises Leben auszufragen, beiße ich auf Granit: „Frag sie doch selbst! Wenn sie dir was erzählen will, wird sie’s schon tun“.

Wie aber kann ich eine ältere Frau nach ihrem Leben ausfragen, die splitternackt vor mir steht, einen Hut auf dem Kopf? Bei der kleinsten persönlichen Frage zieht sich ihr Gesicht zusammen, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Sie hat ja recht, es geht mich nichts an. Ihre Anonymität ist ein Schutz, der ihr die Nacktheit vor einem fremden suchenden Auge erträglich macht. Und doch! Damit meine Zeichnungen von ihr mehr werden als Fingerübungen, muss ich Luise besser kennenlernen. Ich brauche ihr Inneres, ihre Seele, ihren Geist, ihre Sinnlichkeit, um ihre Körperform zu beleben.

Seit Luise bei mir erschienen ist, arbeite ich wie besessen. Meine alte Unentschlossenheit und Schlappheit ist verschwunden. Ich fühle mich durch diese Frau herausgefordert. Meine Skizzen schaut sie an, mit der Zungenspitze in der Backe bohrend, den Mund verziehend oder leicht schnalzend, ohne sie zu kommentieren.

IMG_5795 IMG_5798 IMG_5788xx Ich kann nicht entziffern, was sie denkt und fühlt. Ihre Verschlossenheit plagt mich mehr, als vernünftig ist. Ich grübele, welches Leben sich hinter dieser leicht angegrauten Haut, hinter den Rippen, die ihre Lungen und ihr Herz eng umschließen, hinter dieser Bauchdecke, die von einer Narbe durchquert wird, verbergen mag. Ich möchte sie öffnen und hineinschauen. Wenn ich sie anfasste, wenn ich meine Fingerspitzen über die blauen Adern an ihren Oberschenkeln gleiten ließe, anstatt nur mit dem Blick ihren Linien zu folgen – würde sie erzittern und nervös auflachen? Würde sie sich wohlig strecken und lächeln? Vielleicht würde sie nach mir schlagen und auf und davon gehen.

Bisher nimmt sie jede Position ein, die ich ihr abverlange. Das Stehen strengt sie an, aber sie hält durch. Wenn ich sie auf dem schwarzen Ledersofa posieren lasse – mir gefällt der scharfe Schwarz-Weiß-Kontrast – beklagt sie sich zwar kurz über die Kälte und zieht eine Grimasse, weigert sich aber nicht.  IMG_5799 IMG_5800 IMG_5801 IMG_5792vv Ich möchte neue Positionen ausprobieren, sehen, wie weit sie geht.   Wo ihre Grenzen sind. Wo es anfängt, weh zu tun.  Heute habe ich einen Bildband mit Aktzeichnungen von Egon Schiele herausgesucht, ich werde ihn aufgeschlagen herumliegen lassen und sie beobachten. schiele, Akt images Schiele rote socken 6631S Schiele, liegend

Ich habe schwarze Strümpfe und rote Socken besorgt, einen weiten Blümchenrock und altmodische Spitzenunterhosen, will ihren mageren Körper damit drapieren, wie Egon es tat. Es ist Faschingszeit, da liegt so was nahe. Aber eine Maske soll sie nicht tragen. Ich will ihr Gesicht sehen, will sehen, ob es von einer Erinnerung berührt wird, aufblüht vielleicht. Und sie anfängt zu erzählen.

Ich weiß nicht, was mit mir los ist. Was geht mich diese Frau an. Ich stehe vor ihrem hingestreckten Leib und schaue und kann nicht wegsehen. Zähle ihre Rippen, ihre blauen Krampfadern, starre auf ihren kleinen spitzen Busen, als hinge das Heil meiner Seele davon ab.  IMG_5809Glotz nicht so, ermahne ich mich. Siehst du nicht, wie abgetragen ihr Leib ist? Was willst du von dieser ältlichen Frau? Ich drehe mich um, da ist sie wieder, umgedreht auch sie und im Spiegel. Wie eine Geistererscheinung. Wer bist du, Luise? Was suchst du in meinem Leben?

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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13 Antworten zu Geschichtengenerator Jutta Reichelt: Luise – 2. Fortsetzung

  1. juttareichelt schreibt:

    Liebe Gerda, mir gefällt das alles sehr: Die geheimnisvolle Luise, das Atelier mit den unterschiedlichsten Aktbildern und die Fragen: Wer bist du, Luise? Was suchst du in meinem Leben? (Darf ich hinzufügen, dass sie mir noch nicht beantwortet scheinen😉

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  2. Susanne Haun schreibt:

    Ich mag Luise in ihrer Unnahbarkeit. Du hast sie sehr intensiv sprachlich gezeichnet, Gerda.🙂

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  3. madameflamusse schreibt:

    das ist ja toll das Dich der Generator so inspiriert😀

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  4. madameflamusse schreibt:

    ps.: das wäre vielleicht eine schöne Geschichte für „Das heimliche Auge“? Verlag Claudia Gehrke, kennste?

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    • gkazakou schreibt:

      Nee, kenne ich nicht. Gibt es da einen Link?

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    • gkazakou schreibt:

      noch mal danke, madameflamusse, ich hab eben den Verlag ergoogelt, passt nicht. Erotisch im engeren Sinne ist meine Geschichte nicht. Dafür sind die Bilder (abgesehen von Schiele, natürlich) zu grotesk, finde ich.

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      • madameflamusse schreibt:

        Du die sind total offen im Verlag, es gibt immer ein Sammelheft mit den unterschiedlichsten Beiträgen, wenn etwas genommen wird bekommt man 2 Belegexemplare und und Rabatt auf alles andere. Ich finde die Geschichte schon erotisch und deine Bilder lassen doch dem betrachter immer auch Raum für die eigene Phantasie.

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  5. waehlefreude schreibt:

    …Mhhm… Hinschauen und doch nicht hinschauen… „Der veränderte Blick“… Ich war viele Jahre in der Behindertenarbeit tätig und habe auch einige Jahre in der Pflege gearbeitet. Da gab es sehr viel Umgang mit Nacktheit und Intimsphäre… Und jedes Mal für mich auch eine eigenartige Scheu und jedes Mal auch eine neue ausgesprochene und unausgesprochene Übereinkunft zwischen den mir Anvertrauten und meiner Person damit umzugehen… Diese Menschen waren da und auf meine Hilfe angewiesen und nur selten konnten sie sich die pflegende Person aussuchen… Und ich habe Kolleginnen und Kollegen gehabt, bei denen…
    Und mit dem Pflegen bin ich schon als Kind konfrontiert worden, als meine Mutter in eine Depression rutschte und ein kleiner schwerstbehinderter Bruder und eine kleine Schwester da waren, die versorgt werden wollten… Nacktheit hat viele Gesichter…

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    • gkazakou schreibt:

      danke, waehlefreude, für diesen sehr schönen Kommentar zur Nacktheit des Menschen. Es ist tatsächlich ein großes Thema. Um nicht zu sagen: ein riesiges Thema.

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      • waehlefreude schreibt:

        …Es ist so viel größer, als ein Mensch denken kann…

        Herzlichen Dank für die schöne Antwort…

        Ich ergänze noch ein wenig…

        In der Pflege ist Dekubitus, das Wundliegen, ein großes Thema und da zeigt sich besonders, wie gut, oder wie schlecht Menschen mit anderen Menschen umgehen…

        Ich habe das Pflegen im Beruf ja auch erst lernen müssen und hatte einige sehr gute Anleiterinnen. Besonders haften geblieben ist die Begegnung mit einer alten Dame, die Nekrose hatte.

        Sie sprach schon lange nicht mehr, mußte über Sonde ernährt werden. Der Körper war durch das Liegen zusammengezogen, weil sich durch Bewegungsmangel die Sehnen verkürzt hatten (Kontraktur) .

        Nach einem Krankenhausaufenthalt kam sie zurück mit einer Nekrose (Hautzersetzung), die sich besonders über eine Gesäßhälfte hinzog.

        Das zerstörte Gewebe mußte sorgfältig entfernt und das gesunde Gewebe gepflegt und gereinigt werden. Die Unterhaut lag wie eine durchsichtige Folie auf den Muskelpartien und Bändern. Man sah, wie sich alles bewegte und wie gering diese Bewegung war.

        Immer wieder wurde vorsichtig Spalthaut ( netzförmig aufgeschnittene Haut zur Oberflächen- vergrößerung) aufgetragen. Ich habe erlebt, wie mit so viel Liebe und Sorgfalt, diese handgroße Wunde zurückging und verheilte.

        Es war unbeschreiblich und Worte sind zu arm, um diese Eindrücke wiederzugeben…

        Nacktheit bis unter die Haut…

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