Victor (2), mit Emma, Käsetheke und schwer bepackt.

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Die heutigen Akteure sind: Victor, Emma (samt Käsetheke und schwer bepackt)

Dieser schwarze Krüppel, der da immer am Eingang von unserer Fußgängerzeile auf so nem Holzwagen sitzt, will mir gar nicht mehr aus dem Kopf. Ich beobachte ihn immer, wenn ich von meiner Arbeit da vorbei komme. Ich arbeite im Supermarkt La Paloma an der Käsetheke, müssen Sie wissen, und wenn ich mit meiner Schicht fertig bin, bin ich, ehrlich gesagt, auch ganz schön fertig. Besonders die Beine, die sind dann ziemlich alle, und wenn ich auch noch schwer bepackt bin – . Also ich ruhe mich zwischendurch gern aus, wenn das Wetter angenehm ist. Es gibt da am Eingang der Fußgängerzone so ne Art Steinbank, also eigentlich ne Steinplatte, die in der Hauswand steckt, ich weiß nicht, wie man das sagt. Sims, sagen Sie? Ja, also ist wohl sone Art Sims, da hocke ich mich dann drauf, stelle meinen Einkaufskram auf den Boden, lasse die Beine baumeln und gucke mir die Leute an. Gegenüber von meiner Ecke sitzt also dieser schwarze Krüppel auf seinem Karren. Manchmal bleiben Leute bei ihm stehen und werfen Geld in seine Büchse. Die meisten gehen dann schnell weiter, als wär der Teufel hinter ihnen her, aber einige bleiben doch stehen, und dann holt der Mann einen Zettel aus einem Kasten, der hinter ihm steht, und gibt ihn dem Mann oder der Frau, manchmal sind es auch Kinder. IMG_5931

Langsam wurde ich furchtbar neugierig, was das wohl für Zettel sind. Vielleicht Glücksbringer? Die Schwarzen kennen so Sachen, hab ich gehört. Ich verdiene ja nicht viel Geld, aber einen Euro könnte ich schon entbehren, dachte ich, und mir so nen Glücksbringer holen. Ich gehe also zu ihm rüber, werfe meinen Euro in seine Dose und strecke die Hand aus. Der Mann lächelt – ich muss sagen, das sah schon ziemlich gruselig aus – und sagt Sie wünschen ein Los aus meiner Blechtrommel? Ich bin schon mal baff. Der kann richtig reden! Ich schiele über seine Schulter nach dem Kasten – ich möchte mal wissen, warum er das Ding Blechtrommel nennt, es ist einfach nur ein Pappkarton -, nicke und sage: Ja gern. Da angelt er mir auch schon einen Zettel aus dem Karton und gibt ihn mir mit seiner guten Hand – die andere ist aus Holz. Ihr Gedicht, sagt er noch. Ich falte den Zettel auf und da steht doch tatsächlich ein Gedicht drauf. Aber Sie raten nie, was für eins! Hier, lesen Sie mal! –

Möwenlied.

Die Möwen sehen alle aus, / als ob sie Emma hießen. / Sie tragen einen weißen Flaus / und sind mit Schrot zu schießen.

Ich schieße keine Möwe tot, / ich lass sie lieber leben / und füttre sie mit Roggenbrot / und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei/ der Möwe Flug erreichen. / Wofern du Emma heißest, sei / zufrieden, ihr zu gleichen.

Da gucken Sie, was? Ich heiße doch Emma, und er hat, ohne überhaupt hinzusehen und ohne mich zu kennen, dies Gedicht für mich rausgefischt. Ich glaube, der ist ein Zauberer. Er trägt auch so eine bunte Decke, ich dachte, er hat die, um sie zu wärmen, aber vielleicht zaubert er darunter Sachen. Ich machte wahrscheinlich ein ziemlich dummes Gesicht, als ich das Gedicht las. Er sagt: Gefällt es Ihnen nicht – Ich stottere Doch, doch, natürlich, danke schön. Bloß, woher wussten Sie, dass ich Emma heiße? O je, da verzieht er doch sein ganzes Gesicht zu einer schrecklichen Fratze. Ich glaube, der wollte lachen! Und sagt: Emma, die Möwe! Freut mich sehr. Und ich hätte gewettet, dass sie eine Taube sind. Ich heiße Victor, Dichter von Beruf, wenns beliebt. Da war ich gleich noch mal baff. Woher wusste er, dass ich in der Paloma arbeite? Ich frage ihn also, und er sagt: Ich sehe Sie immer da drüben auf dem Sims sitzen und dachte bei mir,  was für eine hübsche Taube. Da musste ich auch lachen. IMG_5951Er kann übrigens richtig gut schreiben. Das Gedicht reimt sich am Ende, und es kommen lauter schwierige Wörter drin vor, wie diese rötlichen Zibeben. Wissen Sie vielleicht, was das ist? Nein? Na, da bin ich ja beruhigt, ich dachte schon, bloß ich wär so blöd. Wo er das wohl gelernt hat? Ich frage ihn also und sage: Hör mal, Viktor, wo kommst du denn her? Er sagt: Aus Kongo Bratzawiel. Ich hab lieber nichts geantwortet, um mich nicht zu blamieren. Ich hab nämlich keine Ahnung, wo das ist. Sie haben doch studiert, Sie werden es wissen. Ist das ein Land oder was? Und wo liegt es? In Afrika, sagen Sie? Hätte ich auch drauf getippt, klar, aber wo? Der Kerl kann sehr gepflegt reden und schreiben, ich dachte, die da unten sind Analphabeten. Nicht alle, sagen Sie? Aber wenn er so gut schreiben kann, wieso sitzt er dann da an der Ecke rum und bettelt? Warum tut er das? Wir kamen dann noch ein bisschen ins Plaudern, ich frage ihn dies und das und auch nach dem Kasten mit den Gedichten, warum er den immer Blechtrommel nennt, obgleich es doch nur ein Pappkarton ist. Anstatt einer Antwort fragt er mich Kennst du Grass, Emma? Wir sind nämlich inzwischen auf Du und Du. Da bin ich aber doch ziemlich sauer geworden. Natürlich kenne ich Gras, ich fresse es freilich nicht wie die Ziegen, von denen wir den Käse verkaufen. Oder meinte er das Gras, das die verrückten jungen Leute rauchen? Ob er wohl auch davon raucht und gerne wollte, dass ich ihm was besorge? Nee, also so was mache ich nicht.IMG_5950a

Und nun muss ich immer drüber nachgrübeln. Woher wusste er, dass ich Emma heiße? Ich glaube, ich gehe morgen wieder vorbei und frag ihn platsch ins Gesicht.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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6 Antworten zu Victor (2), mit Emma, Käsetheke und schwer bepackt.

  1. juttareichelt schreibt:

    Was da morgen wohl passieren wird, wenn sie ihn platsch ins Gesicht fragt?!

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    • gkazakou schreibt:

      Nicht viel, fürchte ich, liebe Jutta. Es wird sich herausstellen, dass es gar nicht so einfach ist, eine gemeinsame Sprache zwischen einem schwarzen gebildeten Dichter, der verkrüppelt ist und bettelt, und einer Verkäuferin im Supermarkt mit geringem Wortschatz und Einkommen zu finden. Aber wer weiß! Wer weiß das schon. ich will mal sehen, wie Verständigung möglich wird. (Übrigens wusste ich selbst tatsächlich sehr wenig über Kongo Brazzaville, Victor führte mich ins internet und da fand ich u.a. eine sehr gute Arte-Reportage mit deutscher Übersetzung).

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      • juttareichelt schreibt:

        Liebe Gerda, In Ulrike Ulrichs Erzählband „Draussen um diese Zeit“ (ich habe darüber gebloggt) gibt es eine Geschichte, die eindrucksvoll davon erzählt, wie schwierig schon die Kommunikation zwischen einem Obdachlosen und einer Grafikerin ist, die aus derselben Stadt kommen … Und dennoch 😉 Herzliche Grüße!

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  2. gkazakou schreibt:

    Nun habe ich, glaube ich, die Lösung für Victor und Emma gefunden. Danke herzlich für deinen Hinweis, dem ich nachgehen werde. Gute Nacht, Gerda

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