Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – und umgekehrt

Ich möchte, angeregt durch den heutigen Beitrag von Jutta  hier (Jutta ist wahrhaftig eine Ideengeberin!) heute mal von meiner kunsttherapeutischen Arbeit plaudern. Der titelgebende Satz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ hier– ist die Kernthese der modernen Gestalttheorie und wurde – ihr erratet es! – bereits von Aristoteles formuliert. Der Satz lässt sich aber auch umdrehen! Das ist kurios und ein wenig paradox: Die Summe der Teile ist mehr als das Ganze. Seht her! Das Ganze ist ein weißes Blatt Papier, die Summe der Teile ist … etwas ganz Eigenständiges, Aussagekräftiges, eine besondere Gestalt (rechts das Ausgangsmaterial – links das Ergebnis. Demonstration Dr. Avi Goren-Bar)3 Avi, the sum of 3 the parts is more than the whole 2Das machte ich mir in meiner kunsttherapeutischen Gruppenarbeit zunutze. Wenn du jedem das gleiche Ausgangsmaterial gibst – ein leeres Blatt DinA4 Papier -, wird jeder etwas anderes daraus gestalten. Dieses „andere“ wird Aufschluss geben über seine Befindlichkeit, sein Wollen und Denken. Mit diesem Bild könnten wir dann weiterarbeiten…

Der erste Schritt: Jede/r TeilnehmerIn bekommt ein Blatt Papier, das er/sie nach eigenem Geschmack zerreißt oder zerschneidet. Die Teile – und zwar alle ausnahmslos – sollte er/sie dann zu einem Bild zusammenfügen.

Αρχοντιά 1 φάσηΔιονυσία 1 φάσηΜαρία 1 φάσηΑλέξανδρος 1 φάσηΕλένη 1 φάσηΜαρκέλλα 1 φάση

Großes Staunen! Man war überrascht, bewunderte, wunderte sich auch. Nun ließ ich alle eine persönliche Signatur aus Knete herstellen und auf ihrem Bild platzieren, dazu auch einen Titel finden und draufschreiben.

Μαρκέλλα 2 φάσηΝτίνα 2 φάσηΜαρία 2 φάσηΕλένη 3 φάσηΔιονυσία 2 φάσηΑρχοντιά 2 φάση

und um zu demonstrieren, dass man aus seinem Leben tausend Sachen machen kann, ohne das geringste hinzuzusetzen, ließ ich die TeilnehmerInnen nun neue Bilder finden.

Ντίνα 3 φάσηΜαρκέλλα 3 φάσηΜαρία 3 φάσηΔιονυσία 3 φάση

Nun aber galt es zu demonstrieren, dass das Ganze eben doch mehr ist als die Summe seiner Teile: Die einzelnen sollten sich mit ihrem Bild in ein gemeinsames Bild einbringen. Das war ein gar nicht so einfacher Prozess, denn man musste kooperieren und Kompromisse finden. Das Gesamtbild besprachen wir dann, und wenn sich jemand unbequem eingeordnet fand, durfte er um Korrektur bitten und sie auch vornehmen – bis alle zufrieden waren.

ομαδα 2 φάση (επαμβαση Ελένη)Dies war mein erster Versuch unter dem Slogan: Ich mache was aus dem, was ich habe. Ich habe dasselbe wie die anderen auch, aber ich mache daraus mein Ding. Und wenn wir alle das, was wir machen, zusammenfügen, kommt schon was recht Prächtiges dabei heraus.

Μαρκέλλα 2 φάση α

Gerade im Griechenland der Krise schien es mir geeignet, Mut zu machen, um aus dem wenigen etwas ganz Eigenes und Wundervolles zu gestalten. Und zu erfahren, dass, wenn man sich in einer Gruppe einbringt, noch tausendmal reichere Ergebnisse erzielen kann. Und wenn man mit seinem ersten Produkt nicht zufrieden ist, kann man – einzeln oder gemeinsam –  ein anderes machen und wieder ein anderes, bis es einem oder allen wirklich gefällt.

Das Folgende ist ein Beispiel aus der individuellen Arbeit mit einer Frau (eine Sitzung). Ihr seht vier Stadien von der ersten Legearbeit bis zum befriedigenden Ergebnis.

Eleftheria 023 Eleftheria 040 Eleftheria 041 Eleftheria 045

oder diese individuelle Arbeit eines Mannes, in drei Stadien:

Nikos 019 Nikos 036 Nikos 039

Und noch ein paar Beispiele, die ersten beiden von Männern, das dritte und vierte von Frauen (erste Phase)

Savvas 025 Stathis 026 Stavroula 021 Stella 028

Jedes  Bild ist ein hoch persönlicher Ausdruck, ein Fingerprint, mit dem man dann weiterarbeiten kann. Und das alles aus fast nichts: aus einem weißen Blatt Schreibmaschinenpapier… und gelegentlich ein bisschen Knete oder, stattdessen, ein paar  Buntstiften.Evthimia 042

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, die griechische Krise, Erziehung, Juttas Geschichtengenerator in Aktion, Kunst, Leben, Methode, Psyche, Therapie abgelegt und mit , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile – und umgekehrt

  1. wholelottarosie schreibt:

    „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile…“
    Deine Beispiele sind sehr schön, denn die Einzelteile sollen ja auch ein einheitliches Ganzes bilden und nicht nur als Summe zusammengefügt werden ( z.B. auf einen Haufen gelegt werden – was ja sozusagen auch ein „Ganzes“ wäre).
    Ebenso ist eine Silbe auch nicht die Summe ihrer Laute.
    LG von Rosie

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  2. afrikafrau schreibt:

    wow – hochinteressant- welch gute Ansätze und sicher auch Fortschritte.

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  3. Maren Wulf schreibt:

    Wie eingängig die Arbeit mit einem Blatt Papier sein kann! Und so heiter. Nichts ist in Stein gemeißelt. Bin deinem Beitrag mit großem Vergnügen gefolgt, Gerda.

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  4. juttareichelt schreibt:

    Liebe Gerda, vielen Dank für diesen schönen Einblick in deine Arbeit! Mich spricht das sehr an und ich bin begeistert, wie unterschiedlich, wie ausdrucksstark die Ergebnisse sind. Ich grüße dich sehr herzlich!

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  5. Myriade schreibt:

    Es ist doch eine Freude, wie kreativ Menschen sind. Auch die, die behaupten, dass sie es nicht sind. Und jeder Mensch ein Universum …

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  6. chiliwein schreibt:

    Diesen Spruch ‚des ganze ist mehr als die Summe seiner Teile‘ habe ich auch einmal in einem Lied in dem gerapt wurde gefunden.
    Gebt einmal auf Youtube ‚Genetikk – Yes sir!‘ ein.
    LG Chiliwein 😀

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  7. Ulli schreibt:

    das meinte ich gestern, aös ich scgrieb, dass ich mich wieder sehr auf deine eigenen Geschichten freue …
    liebe Grüße
    Ulli

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