Victor (Nein sagen) und Emma, 5. Fortsetzung: Die Feier

Victor (sagt Nein), Emma, Fortsetzung No 5: Die Feier zur Verleihung des Lyrikpreises

inspiriert durch http://juttareichelt.com/in Aktion)

 

IMG_5968 Die andern halten mich für ne Zimperliese, weil ich nicht gleich mit jedem geh und immer noch allein bin. Aber wenn mir jemand echt gefällt, habe ich auch Mut. Und der Victor, ja, der gefällt mir, der ist was anderes als die Männer, die ich sonst so kenne. Ich zog mir also am Samstag Abend was Hübsches an und schminkte mich ein bisschen, denn immerhin war es ein Festtag für ihn. Als ich an der Ecke Fußgängerpassage ankam, stand der Bunte da schon, mich abzuholen. Mit nem Mofa! Bonsoar, Madame, und so – er war sehr höflich. Also, ich hinten drauf und los. Es ging ne ganze Strecke bis in einen Stadtteil, den ich gar nicht so kenne. Puh, war mir kalt und auch ein bisschen unheimlich. Aber ich hielt mich an der Jacke vom Bunten fest und sagte mir: Wer A sagt, muss auch B sagen. Schließlich bog er in einen Hof ein, half mir vom Mofa und wies auf eine Treppe, die nach unten führte. Durch die vergitterten niedrigen Fenster drang ein bisschen Licht, auch meinte ich eine Musik mit Trommeln zu hören. Was sollte ich tun? Mitgefangen, mitgehangen, sagte ich mir, und als der Bunte mir galant die Hand gab, um mich die Stufen runterzuführen, ging ich mit. Er öffnete die Tür und ließ mich vorgehen. Da sah ich Victor schön angezogen auf einem Lager aus Kissen und Decken. Mann, war ich erleichtert. Rundum waren Teppiche und niedrige Sitzmöbel ausgebreitet, auf denen Leute saßen. Ob die extra so niedrig saßen, damit sie Victor nicht überragten? Viel konnte ich von den Leuten nicht erkennen, denn es brannte nur eine Lampe, und außerdem hatten sie dunkle Gesichter. Eigentlich sah ich mehr ihre Kleidung, die in dem Halbdunkel leuchtete. Ich hörte auch ihre Stimmen, die in einer mir fremden Sprache durcheinander redeten, und die Trommelmusik.

Danke, dass du gekommen bist, Emma, liebes vertrauensvolles Täubchen, rief Victor mir zu. Hab keine Sorge, dies hier sind alles gute Freunde, die mit mir feiern wollen. Und er begann, die Leute vorzustellen. An zwei Frauen erinnere ich mich: die eine war eine mächtige Matrone mit einem Kind auf dem Schoß, die hieß Sarah, die andere, Judith, war jünger und hübsch anzusehen in ihren fließenden Gewändern. Ich wunderte mich, dass die alle so biblische Namen haben. Später erfuhr ich, dass sie Christen sind, daher. Es gab auch Männer mit bunten Kappen auf dem Kopf, und einer trug ganz weiße Kleider. Mehr habe ich nicht mitgekriegt, denn ich musste immer Victor ansehen, der in seinem hellen Anzug richtig schick aussah. Und bei dem schwachen Licht fielen seine Narben im Gesicht gar nicht auf.  IMG_5967aIch war immer noch total verfroren. Victor merkte das gleich und ließ mir eine bunte Decke bringen, in die ich mich einwickeln konnte. Ein Hocker war auch schon für mich da, gleich neben seinem Lager. Darauf sollte ich mich setzen. Jetzt sah ich auch den niedrigen langen Tisch, auf dem Speisen standen. Man reichte mir ein Glas mit heißem Tee. Mir wurde immer wohler, und ich begann, mich zu entspannen.

Nachdem alle ein bisschen hin und her und durcheinander geredet hatten, wurde die Musik ausgemacht. Der Bunte, der richtig Abraham heißt, zog ein Blatt Papier aus seinem Gewand und rückte die Lampe so, dass er lesen konnte. IMG_5965a Dann las er einen langen Text, der sich wie ein Gedicht anhörte. Leider verstand ich nichts. Ich fragte Victor, ob ich das Blatt mitnehmen konnte, vielleicht können Sie es mir übersetzen? Ich möchte doch allzu gern wissen, was da drin steht.

Ich habe übrigens auch ein ganz hübsches Foto von uns bekommen. Da sehen Sie dann auch, wie schön und friedlich alles war.

IMG_5968Ich bin froh, dass ich hingegangen bin. Victor ist so ein netter Mann, und auch seine Freunde gefallen mir sehr. So freundlich. Und das Essen und die Musik, gefiel mir alles sehr. Bestimmt gehe ich wieder hin. Schade nur, dass ich kein Französisch kann.

PS. Emma gab mir einen Text auf einem Schreibmaschinenblatt. Ich stellte gleich fest, dass es eine Art französische Ballade war. Beim Übersetzen fiel mir auf, dass es sich rhythmisch stark an das Lieblingsgedicht von Victor anlehnte, das er mir früher mal zum lesen gab. Ich meine die Legende von der entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration. Ihr findet es bei https://gerdakazakou.com/2016/02/19/victor-juttags-geschichtengenerator-no-5/. Hier nun meine etwas stümperhafte Übersetzung.

Preislied auf Victor, anlässlich der Verleihung des Lyrikpreises.

Als er fünf war und die Freude in ihm mächtig / Rannte er und tollte rund ums Haus / Mit dem Freund, dem Bruder und mit Papageien prächtig / Grell schrien die Möwen mit dem weißen Flaus / Und das Spiel war niemals aus. 

Als er zehn war, kamen fremde Horden / Mit Macheten und mit Messern angetan / Und sie gingen in das Haus um Frau und Hund zu morden / Und das Weiß im Auge glimmte fahl im Wahn. / Er war noch nicht dran.

Und er nahm, was er noch fand an Dingen / Ein Hemd, das Messer und auch seine Schuh / So ging er weg, das Leben musste ihm mit wenigem gelingen / Er sah noch einmal seinen Möwen zu / Und sprach zu sich, nun wein nicht, du. 

Und ging den Weg, der führte längs am breiten Fluss / Den wandert’ er so hin bis in die Dämmerung. / Und in dem Ohr klang noch ein Schrei und  Schuss / Der seiner Mutter galt, die war noch jung / Sie ist nun Erinnerung. 

Weil er nicht ewig hungrig bleiben konnte und allein, / ging er mit andern, die auch auf der Straße gingen / und wo’s was gab in Häusern, da gingen sie hinein / und nahmen sich,  was ihnen nützlich schien an Dingen. / Es durfte nicht misslingen.

So kam er in die Stadt, die große unbekannte / Ein Keller hier, ne Bank, ein Mensch, was lag daran / und einer stahl und einer fiel zu Boden, einer rannte / Auch er war da und sah und lernte und wuchs schnell heran / So wurde er zum Mann. 

Und noch war Krieg und Mord, und mancher ward erschossen / und mancher sprach, ich hab es satt, ich gehe in den Krieg / hab lange schon das bittre Armutsbrot genossen./  Er aber sprach sein erstes NEIN, das war sein erster Sieg / in diesem ew’gen Krieg.

Er suchte Lehrer, suchte Bücher, Wörter zu begreifen / Und schrieb auch Reim auf Reim in fremder Sprache auf / Wie langsam wollte diese Nahrung in ihm reifen! / Er betete zur Muse, dass sie ihn nicht quäle, / dass sie ihn auserwähle.

Und so ward’s ihm geschenkt. Den Preis, den er bezahlte, / in Wundenwährung, Schmerzensgeld, den zählt er nicht. / Er ist nicht einer, der mit Schmerz und Leiden prahlte. / Er sucht nur eines, sucht des Lebens Schönheit und das Licht / Was andres sucht er nicht.

Heut sind wir hier, um einen Dichter zu verehren / Der NEIN zu sagen sich getraute und nicht schwieg / Die Hand, zum Schreiben nutzt, nicht zum Vermehren / Der Toten, und mit wilder Tat die Heimat zu verheeren. / Er sagte NEIN. Und lebt von Sieg zu Sieg. / Das ist sein Krieg.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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2 Antworten zu Victor (Nein sagen) und Emma, 5. Fortsetzung: Die Feier

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