Kindheit und „Flüchtlingskrise“

Als ich ein Kind war, lebte ich in einer kleinen Stadt an der Ostsee. Die hatte vor dem Krieg 3 000 Einwohner. Nach dem Krieg, 1945, waren es 12 000 geworden. Ja, woher waren die denn alle gekommen? Zugegeben, damals gab es noch viele Störche, aber ein solcher Zuwachs hätte diese liebenswerten Vögel doch ein wenig überfordert.

Es waren – ihr habt es erraten – Flüchtlinge. Sie wurden überall einquartiert (bei uns wohnten zeitweilig in fünf Zimmern fünf Familien) oder im rasch gebauten Barackenlager untergebracht. Auch unsere Schulen waren Baracken, klar, denn für so viele Kinder konnte man nicht so schnell Schulraum beschaffen. Uns machte das nichts aus – außer im Winter, wenn der Wind durch die Holzwände pfiff. Dann gruppierten wir uns um den Bullerofen und ließen den Lehrer frieren.

n1025831059_30426169_1682801

Was ihr hier seht, war unser Gymnasium und unsere Klasse, 1952. Wir waren die Sexta, also 1. Klasse des Gymnasiums. Das entsprach dem 5. Schuljahr. Wir waren zehn oder elf Jahre alt. 46 Schüler in der Klasse, und alle quietschvergnügt. Mich könnt ihr gleich erkennen, dritte Reihe, dritte von links: Ich war halt immer schon ein heller Kopf 🙂

Warum sollte nicht heute möglich sein, was damals ging? Die Zahlen sind ja heute sehr viel geringer, und die Wirtschaftskraft unvergleichlich viel größer. „Das schaffen wir“ ist ein richtig guter Satz in meinen Ohren.

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, Erziehung, Flüchtlinge, Fotografie, Katastrophe, Krieg, Leben, Vom Meere abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

13 Antworten zu Kindheit und „Flüchtlingskrise“

  1. waehlefreude schreibt:

    Mit der richtigen Einstellung läßt sich viel bewegen. Doch die gab es damals nach dem Krieg auch nicht überall in Deutschland. Ich habe ja viel mit Senioren gearbeitet. Der Satz einer Dame aus Frankfurt am Main ist mir noch sehr präsent. Sie war noch während des Krieges aus Pommern geflohen… „Kartoffelkäfer“ haben sie uns genannt; „Kartoffelkäfer“!…

    Liebe Grüße,
    Frank

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Ja, das stimmt, Frank. Die Flüchtlinge wurden oft von den Einheimischen angefeindet, es gab auch Ausdrücke wie „Polacken“ oder „Polenpack“. Den Spätaussiedlern aus Russland (Russlanddeutsche, dazu der sehr schöne Blog „Scherbensammlerin“) geht es heute nicht viel anders, sie werden in den Sack der Kriminellen, Taugenichtse oder Chauvinisten gesteckt. Das Bild ist 7 Jahre nach dem großen Treck entstanden. Da gab es immer noch das Flüchtlingslager, und das Gymnasium war immer noch in einer Baracke untergebracht. – Für mich aber waren die Flüchtlingskinder die Rettung aus der provinziellen Spießigkeit, in der sich die Einheimischen eingerichtet hatten. Sie übten Berufe aus, die bei uns bis dahin nicht vorkamen, manche spielten ein Instrument.
      Meine Geschwister und ich wurden dort geboren, aber wir waren trotzdem „Utländers“ – Ausländer, da meine Eltern nicht von dort stammten.
      Schließlich aber verloren sich die Unterschiede, auch ehemalige Flüchtlinge konnten Stadtverordnete werden 🙂 . LG Gerda

      Gefällt 1 Person

      • waehlefreude schreibt:

        Heute sind die Ängste und Voreingenommenheiten in Deutschland andere. Noch vor dem Flüchtlingsstrom klaffte die soziale Schere zwischen arm und reich immer weiter auseinander, wenn auch auf hohem Niveau. – Isolation durch Armut war da eine der Ängste; denn einen Halt in Familien gibt es nur noch selten.
        Der Flüchtlingsstrom aktuell schafft zunächst eher Verwirrung als Angst. Die zuständigen Ämter sind hoffnungslos überfordert.
        Und am Wohnungsmangel verdienen aktuell die Reichen; die schon immer am Mangel und an der Armut anderer verdienen und verdient haben…
        Was die Zukunft bringen wird?…
        Vor der Wende war Westdeutschland überaltert; die Wiedervereinigung hat das etwas aufgefangen, jedoch nicht viel. Die Flüchtlinge bringen auch Verjüngung in die Bevölkerung…
        Liebe Grüße,
        Frank

        Gefällt 1 Person

    • Scherbensammlerin schreibt:

      Das sind schon heftige Bezeichnungen: Kartoffelkäfer – wenn Menschen als Insekten bezeichnet werden, wirds brenzlich. In dem heutigen „Diskurs“ werden Flüchtlinge auch mit Worten benannt, die sie entmenschlichen. Aber es sind eben auch andere Geschichten und positive Stimmen dazu da. Die gehen nur in dem unrefektierten Gegröhle unter. Wenn in den zerbombten Städten und Nachkriegsdörfern damals, nach 1945 Platz geschaffen wurde für mehrere Millionen Neubürger (es waren glaub ich 7 Mio oder mehr), dann gibt es Hoffnung, dass es diesmal auch funktioniert. Aber für die Neuankömmlinge wirds leider eben so schwierig sein wie damals. Besonders für die Kinder.

      Gefällt 2 Personen

  2. Sabine Oetjen schreibt:

    Ich bin selbst ein Kind sogenannter Flüchtlinge. Meine Großeltern sind aus Schlesien geflüchtet und mein Vater hat diese Flucht als Kind erlebt. Heute muß ich in Gesprächen immer wieder feststellen das viele „Einheimische“ so garkein Verständniss für die Nöte und Motive der heutigen Flüchtlinge haben. Für viele sind das einfach nur Sozailschmarotzer die uns ausnutzen und unsere Frauen belästigen. Es macht mich traurig das diesen armen Menschen so wenig Empathie
    entgegen gebracht wird.
    Bine unter den Linden

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Hallo Bine! Hoffentlich haben sich die ehemaligen Flüchtlinge und deren Kinder und Enkel ihre Empathie bewahrt! Hier in Griechenland haben wir auch sehr viele Nachfahren ehemaliger Flüchtlinge (1923 wurden die Griechen aus Kleinasien vertrieben), und die haben tatsächlich viel mehr Verständnis als die „Einheimischen“. Die Erinnerung an die Vertreibung ist noch sehr lebendig. Viele von ihnen helfen heute auf den Inseln in der Ostägäis den Neuankommlingen. LG Gerda

      Gefällt 1 Person

  3. teggytiggs schreibt:

    …es sind immer die, die anders sind, die scheel angesehen werden und das ist wahrscheinlich überall so…so waren es in Italien die deutschen Kinder, die die Läuse in die Schule brachten, während in Deutschland dunkelhäutige angeschaut werden…Ich nehme an, das ist einfach eine „menschliche“ Eigenschaft, die Angst vor einer Veränderung des Gewohnten. Dagegen hilft nur, sich gegenseitig kennen zu lernen, gemeinsam Feste feiern, gemeinsam kochen und Fußball spielen…

    Als ich eingschult wurde, waren wir 48 Kinder in einer Klasse, erst auf der Oberschule wurden es weniger…es war toll, so unter vielen Kindern zu sein, wir machten sehr viel Unsinn…

    Gefällt 1 Person

  4. Ulli schreibt:

    wie ähnlich dein Klassenfoto mit meinem ist! Und ja, alles wäre möglich, wenn wir nur nicht so satt wären und Angst um unsere Pfründe hätten …
    herzliche Grüsse
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Pfründe – interessant, dass du das Wort in diesem Zusammenhang benutzt. Denn es betraf ja das Recht der Mächtigen (Kirche, Adel), den Rest der Bevölkerung auszuplündern. Nun meint der deutsche (oder sonstige) europäische Spießer, das Recht zu haben, die ganze Welt ungestraft auszuplündern.

      Gefällt 1 Person

      • Ulli schreibt:

        Das meint er ja leider schon sehr, sehr lange, aber irgendwie dreht sich jetzt das Rad, wie es ausgeht wissen vielleicht die Sterne. Bleiben wir aufrecht!
        herzliche Feierabendgrüsse
        Ulli

        Gefällt 1 Person

  5. kunstschaffende schreibt:

    Man sollte vielleicht trotz aller Not der Flüchtlinge nicht vergessen, dass die Armen in Deutschland oft genauso diskriminiert und ausgegrenzt werden. Wir haben in unserem reichen Land, vor allem in den Großstädten, soviel obdachlose Kinder und Erwachsene. Der Integrationswille der Mehrheit der Neuankömmlinge ist schon auch entscheident. Das gilt wohl für Jeden, der in ein anderes Land mit einer völlig anderen Kultur kommt. Durch viele Versäumnisse der Politik werden diese jetzt sehr viel transparenter für die Bürger. Und dass ist die Kritik an der ganzen Situation. Fundamentalisten und Faschisten gibt es Weltweit, leider. Für Griechenland ist diese Flüchtling Situation wohl am schlimmsten, denn es ist sowieso schon ein gebeuteltes Land. Und trotzdem erhalten die Ankommenden von der Bevölkerung soviel Hilfe. Denen gilt meine größte Hochachtung! Kritisch zu sein gehört zu einer gesunden Streitkultur und Demokratie, oder?

    Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s