Ich habe dich nicht gekannt. Luises Geschichte

Siehe auch: https://gerdakazakou.com/2016/02/05/luise-juttas-geschichtengenerator-in-aktion/

Diese Geschichte wurde angestoßen vom geschichtengenerator http://juttareichelt.com/.

 

Luise M, 67, wurde am … im stillgelegten Bahnhofsgelände bestialisch ermordet. Als Täter wurde der ortsbekannte Maler John K identifiziert, für den sie zuletzt als Modell gearbeitet hat. John K wurde in der Psychiatrischen Klinik in P interniert und ist in Behandlung. Das ärztliche Gutachten spricht von einem psychotischen Schub, der zu dieser grausamen Tat geführt habe.

Beide – Täter und Opfer – waren Ortsfremde. Auch der junge Mann, E.M., auf den sich zunächst der Hauptverdacht der Polizei richtete, lebt erst seit kurzem in unserer Stadt. Das führte bei einigen unserer Mitbürger zu der verständlichen Reaktion, dass „alles Übel von außen“ kommt.

Da der Mordfall unsere Stadt in große Aufregung versetzt hat, haben wir uns entschlossen, alle Informationen über die Hauptpersonen des Dramas zusammenzutragen und Ihnen, lieber Leser, liebe Leserin, zu präsentieren. Sie haben ein Recht darauf, die Hintergründe zu erfahren und sich selbst ein Bild über das Opfer, den Täter und den inzwischen wieder auf freiem Fuß lebenden Hauptverdächtigen zu machen.

Teil I: Das Opfer – Wer war Luise M?

IMG_5770a Luise M kam am … 1940 in …. als viertes Kind des bekannten Hamburger Chirurgen K.M Welt. Die Familie bewohnte im wohlhabenden Hamburger Stadtteil … eine Villa mit großem Garten und besaß ferner ein Landhaus an der Ostsee, in dem sie ihre Sommerferien verbrachte. Im Jahre 1954, als Luise 14 war, zerbrach die Ehe der Eltern. Luise reagierte mit Trotz. Sie widersetzte sich den erzieherischen Absichten ihrer Eltern, entwickelte ein provozierendes Verhalten gegenüber ihren älteren Schwestern und musste wegen Fehlverhaltens und Schwänzens mehrfach die Schule wechseln. Mit 16 verließ sie die Realschule ohne Abschluss und begann, sich herumzutreiben. Ihre besorgte Mutter vermittelte sie daher als Au pair-Mädchen in einen Ärzte-Haushalt in der Schweiz. Doch auch dort blieb sie nicht lange. Wie wir erfahren konnten, kletterte sie bei Nacht und Nebel aus dem Fenster der Villa und verschwand.

Im Jahre 1958, wurde sie erstmals als Modell in der Kunsthochschule in …. geführt. Nach den uns zur Verfügung gestellten Unterlagen war Luise dort als Interessenvertreterin aktiv und kämpfte dafür, dass die Männer und Frauen, die in jenen Jahren als Modell arbeiteten, eine feste Anstellung und einen angemessenen Lohn erhielten. Als sie sich mit diesen Forderungen nicht durchsetzen konnte, verließ sie die Kunstakademie und arbeitete freiberuflich in verschiedenen Ateliers. Sie wechselte oft ihren Wohnsitz. Anscheinend lebte sie auch mehrere Jahre im Ausland, unter anderem in Neuseeland. Zuletzt ging es ihr finanziell sehr schlecht. John P kannte sie aus ihrer Zeit an der Kunstakademie in K. Hatten sich ihre Wege auch danach wieder gekreuzt? Kam sie in unsere Stadt, weil sie sich von ihm Hilfe versprach?

Lesen Sie morgen die Fortsetzung: Wer war John K?

Nina schob die Zeitung in die hölzerne Halterung und hängte sie an den Garderobenhaken neben die anderen Lokalblätter. Luise. Habe  ich dich gekannt?  Wer warst du, Luise?

—–

Modell sein – das heißt Gegenstand sein. Luise fühlte sich, als sie das erste Mal nackt vor den Augen der Kunststudenten posierte, wie in der Klinik, als man ihren Körper den Studenten als Anschauungsmaterial vorführte. Dass ihr Bauch schmerzte und ihre Seele zerrüttet war, spielte damals wie heute keine Rolle. Eine Universitätsklinik ist eine Ausbildungsstätte, also halt still. Dies ist die Anatomie, du bist schon tot und gestorben, halt still.  IMG_5905 Und eine Kunstakademie – was ist das? Eine Ausbildungsstätte. Du bist ein Gegenstand, Luise, also halt still. Vor allem: HALT STILL. Rühr dich nicht, zucke nicht. Sei still wie das Plakat an der Wand. IMG_5788x Wie sonst können die Studenten den richtigen Winkel zwischen Hals und Schulter und den Abstand zwischen den Schenkeln finden?

Sie finden ihn sowieso nicht, diese Stümper. Sie zeichnen dich ab, aber sie verstehen dich nicht. Sie gehen nicht von Innen nach Außen, sondern bleiben im Außen stecken. IMG_5801 Wie ein Apfel von außen, ohne Geschmack, ohne das Wunder seiner Kerne, ohne die Fähigkeit seiner Haut zu schrumpfen, eine Form nur, wesenlos. Der Winkel zwischen Hals und Schulter, der Abstand zwischen den beiden Schenkeln – er ist nicht in Graden zu messen, sondern in Befindlichkeiten.

Ich, Luise, verstehe mehr davon als ihr. Ich sehe euch, wie ihr euch abmüht. Du da drüben, bleichgesichtiger Jüngling IMG_5809, der du immer wieder prüfend deinen Messstab hebst – ich könnte dir sagen, dass deine Mutter eine Furie ist, eine gelbgesichtige. Sie hasst dich, weil sie ihren Mann hasst. Sie führt ihn am Gängelband, und du schaust ihr dabei zu, voller Wut und Angst.IMG_5920   IMG_5814 Und nun, groß gewachsen und bleich, hasst du dich selbst. Da hilft dir auch alles Messen nicht. Solange du versuchst, deiner Mutter zu imponieren, stehst du auf verlorenem Posten, John. Du wirst keine Frau begreifen, also auch kein Bild von ihr zustande bringen. Besser, du suchst dir einen anderen Beruf. Werde Buchhalter, meinetwegen.IMG_5680aa IMG_5809s

Und du da drüben, Mädchen, hübsch anzusehen, glaub du nur nicht, du Püppchen, dass ich nicht sehe, wie du meinen Körper sezierst im Glauben, dass du immer die Hübsche bleiben wirst. Du begreifst nicht, dass dein eigener Körper dich bereits verlässt. Wie solltest du also mich verstehen und meinen Körper? Vielleicht schaffst du es ja mal zur grau gesichtigen Illustratorin von Kinderbüchern. Dann sei froh und zufrieden.

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Ich steh hier. Mein rechtes Bein muss die gesamte Last meines Körpers tragen, damit du da hinten, mein Fräulein, einen schönen Hüftschwung aufs Papier bringst. Aber wenn du ihn nicht in dir hast, wenn du den Hüftschwung nicht eben jetzt, wo du meine Winkel ausmisst, in dir spürst, wenn du nicht begreifst, wie deine Hüfte zurückschwingt und sich ein Lächeln in deinen Mundwinkeln einnistet, weil der Lehrer dich anschaut, dann könntest du genauso gut einen Kleiderständer abmalen.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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15 Antworten zu Ich habe dich nicht gekannt. Luises Geschichte

  1. Myriade schreibt:

    Genial, der Teil über das Aktzeichnen, sowohl der Text als auch die Legebilder. Ich bin ganz begeistert !

    Gefällt 1 Person

  2. barbarabosshard schreibt:

    fühle mich, obwohl in kleidern und am tisch bei warmem tee sitzend, ausgezogen, leide (mit) und beobachte mit – phantasie und bilder.

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  3. hausauspapier schreibt:

    Ich mag mich barbarabosshard anschließen. Was du beschreibst, bewegt mich und macht mich beobachtend verletzlich.
    Lieben Gruß.

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  4. haluise schreibt:

    ALS DU schon LUISE warst, war ich vielleicht noch SYLVIA , die physische, ganz sicher war ich dann HANAH, das INNERE-KIND, und nun bin ich LUISE, mit GOTT vereint jedoch auf erden …
    geliebte ZWILLINGSSCHWESTER im GEIST
    und grüsse an dich
    und
    an die plaudertasche GERDA KAZ
    von
    SHLUISE

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  5. dasgrauesofa schreibt:

    Und toll, liebe Gerda, mit solch unterschiedlichen Perspektiven zu jonglieren: Blick von außen, Blick von innen und dann die unterschiedlichen Assoziationen, die sich dabei beim Lesen auftun. Das ist klasse!
    Viele Grüße, Claudia

    Gefällt 2 Personen

  6. karfunkelfee schreibt:

    Toller Beitrag und im Text gut nachfühlbar, wie das Modell sich fühlt beim Zeichnen, dazu die Bilder.
    Das war Lesefreude und Bildschmaus in einem.
    Herzliche Grüße von der Karfunkelfee

    Gefällt 1 Person

  7. Pingback: Mit spitzem Bleistift – Etüden No. 3 | GERDA KAZAKOU

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