Mit spitzem Bleistift – Etüden No. 3

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Stillleben, Stilles Leben – das Wort gefällt mir. Dagegen Nature morte! Nekri physi (gr) – Tote Natur, wie falsch! Nein, in diesem Fall muss ich dem Deutschen recht geben. Die Äpfel liegen unbeweglich da, doch innerlich reifen sie weiter, ihre gerötete Haut ist prall und lebendig, und ihr weißliches Fruchtfleisch perlt saftig, wenn man hineinbeißt. Nichts an ihnen ist tot, und das muss selbst eine bescheidene Bleistiftzeichnung zeigen. – Und die Mimosen, die ihren gelblichen Schatten auf die helle Vase werfen (oben) ….

IMG_6198 oder die gefüllten Astern in der weißen Vase  – sind sie etwa tot? Vielleicht ein wenig mehr als die Äpfel, denn sie sind abgeschnitten und trocknen ein.

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Tot sind auch das Ölkännchen und der Topf aus Ton nicht wirklich. Tot sind nicht der Stoff des Vorhangs, und die dunklere Decke, die in bewegten Falten den Tisch deckt. Es sind Materialien, die der Natur entnommen sind: gebrannte Erde, Eisenerz , Baumwolle. In ihnen lebt und webt immer noch die große Mutter, die Erde. In ihnen lebt auch die Hand des Töpfers, der Weberin, des Metallarbeiters.

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Doch dann kommen die endlosen Studien des Gipsabdrucks der Göttin Ygeia (Gesundheit, das Wort Hygiene ist davon abgeleitet). Und ich erinnerte mich an van Goghs Verzweiflung, der an einem Fuß aus Gips scheiterte. Er sollte ihn korrekt abzeichen. Einen Gipsfuß! Das konnte er nicht. Auch mir wurde der Göttinnen-Kopf meist allzu lebendig. Was da auf dem dunklen Tuch ruht, das ist kein Gipsabdruck, sondern ein abgeschnittener Kopf.

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Und wie steht es mit dem lebendigen Modell? Man bemüht sich, die Stellung wiederzugeben, die Hell-Dunkel-Kontraste zu finden, und vergisst dabei, dass diese junge Frau gleich aufstehen wird und gehen. Kann sie das? Schaffen diese gezeichneten Beine das? Und der Rücken? Wird er sich aufrichten können, ohne zu zerbrechen?

IMG_6189Der Mensch ist nicht nur Form. Er hat Gefühle, Gedanken. Wenn dies gar nicht zu erkennen ist, dann hast du eine Puppe gezeichnet und keinen Menschen. Egal wie perfekt die Zeichnung auch zu sein scheint – sie ist Mist. Das jedenfalls ist meine Meinung.

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Das nächste Modell hat einen Namen: Efi. Sie war Modell vieler bekannter Maler und fast aller Studierenden an der Athener Kunstakademie, fünfzig Jahre lang. Sie begann mit 17, da war sie ein schönes junges Mädchen. Als ich sie kennenlernte, war sie um die 60. Sie hörte auch danach nicht auf zu „sitzen“ und oft auch zu „stehen“, weil ihre Rentenansprüche sie nicht ernähren konnten. Die permanente Unbeweglichkeit hatte den Ausdruck ihres Gesichts gezeichnet. Viele Studenten lästerten über sie, weil sie sich bewegte, weil sie redete, weil sie sich, oft harsch, über die Arbeiten der Studenten äußerte. O, sie hielt mit ihren Ansichten nicht hinter dem Berg! In meiner Erzählung über Luise (https://gerdakazakou.com/2016/03/04/ich-habe-dich-nicht-gekannt-luises-geschichte/) dachte ich oft an sie. Ich mag die Zeichnung, obgleich die Arme hölzern sind. Dennoch: für mich lebt darin Efi, die „Muse“ so vieler Generationen von Malern, der ich hier meinen tief empfundenen Dank aussprechen möchte.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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20 Antworten zu Mit spitzem Bleistift – Etüden No. 3

  1. kunstschaffende schreibt:

    Eine wunderschöne Danksagung an Elfi.
    Ich bin beeindruckt von Deinen Studien liebe Gerda.

    Dir eine gute Nacht
    und herzliche Grüße
    Babsi

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  2. Susanne Haun schreibt:

    Ich mag besonders die 6. Zeichnung, die Perspektive ist schwer darzustellen und das weiß des Körpers hebt sich perfekt vom dunkel (fleißig schraffierten) Hintergrund ab!

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  3. karfunkelfee schreibt:

    Ist das ein toller Beitrag! Man hat so viel erfahren am Ende.
    Das Wort Stillleben ist eines, das ich mit einem Gefühl des Innehaltens in einem sowieso schon ruhigen Moment, verbinde.
    Es kann sowohl unbewegtes als auch lebendiges wiedergeben.
    In der Lyrik erinnern mich Haikus und Senryus aus Japan manchmal an Stilleben. Japaner würden sich kein Bild auf dem Obst dargestellt, ist an die Wand hängen. Sie empfinden die Darstellung und Abbildung von Lebensmitteln und Essen in einer ästhetischen und künstlerischen Weise als befremdlich und irritierend, weil Essen doch zum Aufessen da sei. Das hat mir mal ein japanischer Geschäftskunde erklärt, als wir über Malerei und Kunst sprachen.
    An der Wand des fürnehmen Restaurants prangte gegenüber unserem Tisch ein Stillleben mit einer Obstschale und Blüten auf Öl in kräftigen Farben.
    Dieses Bild brachte ihn so aus der Fassung. 😊
    Dein Dank an die Muse ist ein schöner.
    Was – wären Künstler ohne Musen?
    Sie haben Ihnen dankbar zu sein, gerade auch für Ihre konstruktive Kritik. Diese bringt sie weiter, weil es eine ehrliche ist. Zwickt natürlich, wenn das eigene Werk noch verbesserungswürdig ist. So ein Sport kann erst einmal ganz schön beißen.
    Doch es lohnt sich ja, dennoch hinzuhören auf die Muse, die erfahren ist und schon viele Künstler und ihre Werke kennt.
    Jeder fängt einmal klein an.
    Deine Zdichnungen gefallen mir aber sehr sehr…✨
    Vorösterliche Grüße von der Karfunkelfee
    (ich las, dass in Griechenland die Ostereier rot sind…stimmt das?)

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    • gkazakou schreibt:

      Ich fange mal von hinten an: Ja, die Ostereier sind hier rot und hart gekocht. Man schlägt sie aneinander, und der, der das unversehrte Ei hat, bekommt das Zerschlagene dazu. Ich glaube, das gabs auch in Deutschland, war eine Möglichkeit für arme Kinder, ihren Eierbestand zu erhöhen.
      Die Sache mit dem Japaner ist interessant. Inzwischen hängt sich auch in Europa kaum jemand tote Hasen und Fasanen in Öl an die Wand. Andererseits haben die feinsinnigen Japaner auch einige sehr merkwürdige Sitten, zB das Abschlachten von Walen, deren Fleisch sie dann hübsch garniert verzehren. Da scheinen mir gemalte Äpfel doch harmloser zu sein.
      Was du zur „Muse“ sagst, kann ich nur unterstreichen.
      Und auch, dass das Wort Stillleben eine Stimmung aufkommen lässt wie die von Haikus.
      Schöne Osterfeiertage! Gerda

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  4. karfunkelfee schreibt:

    ersetze bitte sport durch spott…pardon…der Fehlerteufel…danke….

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  5. Myriade schreibt:

    Deine Bemerkungen zu der (mangelnden) Lebendigkeit von Aktzeichnungen finde ich sehr treffend.Ich habe schon viele technisch sehr gute Zeichnungen gesehen, die aber völlig nichtssagend waren. Vielleicht liegt das daran, dass die Zeichnenden nichts von dem Modell gespürt haben und auch nichts von sich selbst hergegeben haben

    Gefällt 2 Personen

  6. teggytiggs schreibt:

    Deine gefüllten Astern in der weißen Vase riechen bis hierher, schon etwas abgestanden das Wasser und die unteren Blätter aufgeweicht…Ich mag sie sehr, diese Zeichnung, berührend der Verfall der Blumen, wenn die pralle Üppigkeit weicht…

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  7. gkazakou schreibt:

    danke für eine einfühlende Beschreibung! Ja, Verblühendes hat auch für mich einen hohen Reiz.

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  8. Madame Filigran schreibt:

    Wieder wunderbare Zeichnungen. Bekomme fast Lust, wieder anzufangen.

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  9. gkazakou schreibt:

    das gefällt mir ganz besonders, wenn meine Beschreibungen für andere ermutigend wirken, wieder zu beginnen. Dir eine frohe Auferstehung (so wünscht man sich hier in Griechenland).

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  10. Maren Wulf schreibt:

    Die Zeichnungen gefallen mir sehr, Gerda. Durch deine Beschreibungen und Gedanken erschließen sie sich mir zusätzlich: der Kopf, der wie abgeschlagen aussieht, die Frage, ob die ruhenden Beine beim Aufstehen wohl tragen, die Notwendigkeit, einen Gedanken, ein Gefühl des Gegenübers zu transportieren… Letzteres empfinde ich ürbigens auch beim Fotografieren als ganz wichtig – und frage mich, ob wohl die Beziehung zwischen Zeichner und Modell mit der zwischen Fotograf und Modell vergleichbar ist.

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  11. gkazakou schreibt:

    Fotograf und Modell – das kann ich nicht beurteilen, da ich nie Modelle fotografiert habe.Aber sicher ist ein guter Portraitfotograf auch nur der, der sein Gegenüber „lesen“ kann, manchmal besser als dieser sich selbst.

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  12. kunstschaffende schreibt:

    Wenn ich meinen Senf auch dazu abgeben darf! Also, ich denke bei der Portrait Malerei wäre es für mich, wenn ich’s denn könnte, schon wichtig in mein Gegenüber einzutauchen. Wie könnte ich sonst den Ausdruck und die Persönlichkeit im Bild einfangen. Bei der Fotografie ist es doch eher der Augenblick, der Entscheidend ist.
    Auf jeden Fall ist es interessant, verschiedene Betrachtungsweise zu erfahren.
    Das Thema gefällt mir!

    Grüße Babsi

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  13. gkazakou schreibt:

    Immer gerne (den Senf zugeben). Mir scheint, dass es verschiedene Portraitphotos gibt: diejenigen, die den Augenblick, eine Stimmung einfangen, und das andere, das nach langem Suchen und vielen Versuchen bei dem „wirklichen“ Portrait ankommt und sagt: ja, das ist er/das ist sie.

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  14. kunstschaffende schreibt:

    Liebe Gerda,

    so gesehen, ja das stimmt. Es kommt vielleicht auf die Art und Weise der Portrait Fotografie an. Ob im Studio oder in der Natur, z.B.
    Das selbige auch in der Malerei.
    Vielleicht muss man auch zwischen Entwürfen und fertigen Zeichnungen unterscheiden. Denn erst im Feinschliff und Detail stellt sich der Ausdruck dar.

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  15. Pingback: Stillleben (2): Bewegung des Unbewegten | GERDA KAZAKOU

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