geschichtengenerator 10: Emma (weiß alles), Komm!, Flohmarkt

Dies ist eine Fortsetzung der Geschichte, die ich als https://gerdakazakou.com/2016/02/17/luise-7-fortsetzung-in-der-psychiatrischen-klinik und .https://gerdakazakou.com/2016/02/18/ende-geschichtengenerator-luise-john-emma-nina-kantine-flo-manni-bahnhof-erkan-x-2-theke veröffentlicht habe. Angeregt wurde sie wieder durch http://juttareichelt.com/2016/03/25/11-geschichtengenerator-in-aktion/

Ich habe mir gestattet, zwei der Zitate aus Artikeln zu übernehmen, die ich im Blog von Heaven’s Food gefunden habe (s.u.)

 

 

Emma lässt sich in den Schaukelstuhl sinken, streift die Schuhe ab und zieht die Beine unter sich. Leicht knarrend setzt sich der Stuhl in Bewegung. Gute, solide Handwerksarbeit, denkt Emma. Sowas wird heute kaum noch hergestellt. Der alte Schaukelstuhl gibt ihr ein wohliges Gefühl der Geborgenheit, aber auch, mit seinem leichten Schaukeln und Wiegen, ein Gefühl der Freiheit. Er beflügelt ihr Denken. Wie gut, dass es ihr immer wieder gelingt, solche Dinge auf dem Flohmarkt aufzutreiben!

Sie gibt dem Ding einen kleinen Schubs, beugt sich vor und fischt ein Dossier vom Tisch – auch der ist vom Flohmarkt. Ein Tisch aus Kirschholz. Ganz blank poliert hat sie ihn, sp dass die Maserung fein hervortritt, und die angeschlagenen Stellen hat sie ausgebessert. Solche kleinen handwerklichen Tätigkeiten machen ihr Spaß – mehr Spaß jedenfalls, als die Beschäftigung mit Johns Akte. Muss aber sein. In fünf Monaten soll die Magisterarbeit stehen.

Was haben wir denn hier? Ach ja, ein Exzerpt von einem Artikel über psychiatrische Gutachten. Wichtig sei auch der kulturelle Hintergrund, sagt C. O., Chef der Forensischen Psychiatrie in W.: „Wenn ein Patient aus Afrika kommt und Geister hört, ist das anders zu bewerten als bei einem Deutschen.“*

Der Ansatz könnte was bringen: „Ein interkultureller Vergleich psychiatrischer Symptomatik – dargelegt am Fall John K“. Interkulturell ist schon mal gut. Aktuell. Relevant. Relativität der Werte. Was bei uns als verrückt gilt, gilt bei anderen als normal. Aber bringt das was bei John? Der kommt aus England, nicht aus Afrika. Seine Eltern und Großeltern – Emma blättert im Dossier zurück zur Erstaufnahme –  die kommen aus Italien und aus der Tschechoslowakei. Da gibt’s die jüdische Linie von Vaters Seite: der wurde als Zwölfjähriger von Prag nach Bristol geschickt. So überlebte er, nicht aber seine Eltern.… hm. Schweres Familientrauma. Ja, darauf müsste sie den Finger legen. „Seelische Belastungen durch traumatische Intergenerationen-Konflikte – dargelegt am Fall John K“. Oder doch lieber interkulturell? Jüdisch – italienisch – englisch. Hören vielleicht auch Juden die Gespenster anders als, sagen wir mal, die Deutschen oder die Engländer? Er beklagt sich über eine Frau, die ihn heimlich besucht und ihm befiehlt, Dinge mit ihr zu treiben, die er sittlich verwerflich findet (steht in der Diagnose der Erstaufnahme).

Dinge, die er sittlich verwerflich findet. Das ist sicher interkulturell verschieden, befindet Emma und gibt dem Schaukelstuhl einen kräftigen Schups. Was ist für einen tschechischen Juden wohl sittlich verwerflich, und was für einen italienischen Segelmacher?  Eine Frau besucht ihn heimlich –  hm, das Gespenst ist weiblich. Also muss ich wohl in der weiblichen Linie nachsehen. Was haben wir da? Solides englisches Bürgertum. Die Frauen sind etabliert, die Männer sind die Zugewanderten. Ob das bei John zu einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber Frauen geführt hat? Dazu auch noch diese Geschichte mit den jüdischen Großeltern, von denen man nichts weiß.

Doch vielleicht ist dieser ganze interkulturelle Ansatz hier Mist, denkt Emma. Vielleicht nehme ich doch besser einen Trauma-Ansatz. Unschlüssig überfliegt sie einige Auszüge und bleibt bei „Borderline-Persönlichkeit“ hängen.

Borderliner können ambivalente und vieldeutige Affekte nicht zeitgleich wahrnehmen. In einem Moment kann nur ein Affekt akzeptiert und nur eine einzige dazu passende Kognition wahrgenommen werden. … Spaltung sichert das psychische Überleben ….**

Emma seufzt. Wie sie dieses Kauderwelsch ihrer Kollegen hasst. Sie weiß schon, was der Autor sagen will. Solche Borderliner sehen einen Tag lang die Mama als die alleinige Ursache ihres Unglücks, und am nächsten Tag verherrlichen sie dieselbe Mama, als sei sie eine Heilige. Sie können die Nuancen dazwischen nicht wahrnehmen beziehungsweise versteifen sich gern auf die Extreme. Leider hat sie nicht die leiseste Ahnung, ob irgendetwas davon auf John zutrifft. Könnte es sein, dass er dieses Modell umgebracht hat, weil er sie einen Tag für eine Heilige und am andern für eine Hure gehalten hat? Oder hat er da Sachen, die er über seine Mutter dachte, auf sie projiziert? Sie war ja älter als John, keine Schönheit, und er hat sie trotzdem als Modell beschäftigt und dann in einem Zustand des Wahns bestialisch umgebracht. Wollte er vielleicht seine Mutter umbringen?

Wie war denn wohl Johns Beziehung zu seiner Mutter? Es gibt da diesen Traum, den John einmal gemalt hat. Er ist ein kleiner Junge, vor ihm schwebt ein Zwerg in der Luft, der hat das Gesicht von John, wie er jetzt ist. Dann gibt es da noch eine Frau mit gelbem Gesicht, offenbar seine Mutter. Die führt einen Mann an einem gelben Seilchen, als wär es ein Hund. (vergl. https://gerdakazakou.wordpress.com/wp-admin/post.php?post=7646&action=edit)

IMG_5817a IMG_5814 IMG_5815 IMG_5812.

Emma blättert im Dossier bis zu Johns Bildern, die sie als Fotografien abgeheftet hat. Außer dem Traumbild gibt es ein anderes, ähnliches: Wieder ist John ein kleiner Junge. Er spielt allein am Strand. In einer Art Grube liegt ein Paar, die Frau hat ein gelbes Gesicht, ist also wohl die Mutter. Im Hintergrund spielen zwei Jungs Ball. Fast amHorizont liegt eine dunkle Frau und ein kleines Mädchen schaut wie verloren ….

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Gelb. Emma stutzt. Da war doch was mit Gelb. In der Erstdiagnose heißt es: Auch bat er darum, alle gelben Gegenstände zu entfernen, da er Gelb nicht ertragen könne.

Das Gelb hat vielleicht gar nichts mit dem gelben Stern der Juden zu tun, wie sie zuerst dachte. Die Mutter hat ein gelbes Gesicht. Und sie führt den Mann an einem gelben Gängelband. John erklärt seine auffallende Blässe mit einer Lichtallergie, die er von seiner Mutter ….

Aber das ist nun wirklich eine alte Klamotte. Dominante Mutter, passiver Vater, daraus sich ableitende Minderwertigkeitskomplexe des Jungen und gestörte Sexualität – Nee, denkt Emma, das mag ja stimmen, aber damit kann ich keinen Blumentopf gewinnen. Nee, der Ansatz bringt nix. Aber warte mal, was haben wir denn hier noch.

Kreativität und Wahn. Das klingt vielversprechend. Da geht es um … um ein bestimmtes Gen, das … wie war das doch? Aus zahlreichen Untersuchungen weiß man, dass bei vielen psychisch Kranken ein Filter nicht gut funktioniert. Ihr Gehirn wird bombardiert mit Informationen – ein Effekt, der mitverantwortlich für ihr Leiden sein dürfte. Inzwischen ist auch bekannt, dass Menschen mit geringer latenter Inhibition besonders kreativ sind***. Ach ja, da ist ein Filter im Hirn defekt, wodurch es gleichzeitig zu vermehrter Kreativität und zu Wahnvorstellungen kommt. „Künstlertum und Wahn als genetischer Defekt – eine Fallanalyse am Beispiel des John K “. Klingt gut, aber nein, denkt Emma, das übersteigt meine Möglichkeiten. Ich weiß zwar einiges, aber alles weiß ich nicht, nee, die Genetik überlasse ich besser den Fachleuten.

In dem Moment klingelt es. Huch, da hat sie über all der Grübelei ihr Rendevouz fast vergessen!  Mit Schwung katapultiert sie sich aus dem Schaukelstuhl und rast zum Türtelefon. Eine verzerrte Stimme, aber ganz unverkennbar die ihres neuen Freundes, des Dr. Erkan C, seines Zeichens leitender Psychiater ihrer Abteilung, quäkt aus der Anlage: Komm, Emma!

Moment, ruft Emma zurück. Bin gleich fertig. Willst du solange raufkommen? Und drückt auf den Türöffner.

Ja, die beiden sind inzwischen per Du. Immerhin, das ist doch ein Fortschritt. Da wird es mit der Magisterarbeit auch schon klappen.

** gefunden bei Heaven’s Food, dort angegebene Quelle / gesamter Artikel / Bildnachweis: Grenzwandler

*** gefunden bei Heaven’s Food, 25.2.2016, dort angegebene Quelle / gesamter Artikel: Das Gehirn

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu geschichtengenerator 10: Emma (weiß alles), Komm!, Flohmarkt

  1. juttareichelt schreibt:

    Liebe Gerda, ich mag den Kontrast von „ernsthafter Wissenschaft“ und schnoddriger Rollenprosa hier sehr … Herzliche Grüße!

    Gefällt 1 Person

  2. bruni8wortbehagen schreibt:

    oh, oh, liebe Gerda, wieviele Gedanken sind hier verpackt, allen werde ich nicht gerecht, aber einigen schon. Borderline, die schwierig zu packende und *seufz* noch schwieriger, oder eher doch fast nie in den Griff zu kriegende Krankheit, Störung? Welcher Art genau?

    Toll, wie Du verbindest und dann entspannt beendest, obwohl Dein Leser sich noch mitten in Deinen Gedanken befindet und mittendrin Deine feinen Legearbeiten.

    LG von Bruni

    Gefällt 1 Person

  3. Pingback: geschichtengenerator: Emma Ka und Emma Lo an der Käsetheke | GERDA KAZAKOU

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