Vom Bleistift (No. 4) zur Kohle (1): das Portrait

 

Heute ein letzter Beitrag zum Zeichnen mit dem gespitzten Bleistift: das Portrait. Bei meinen diesbezüglichen Übungen musste als erstes die Heilige Familie dran glauben: Immer wieder der Mann, den ich beim Lesen konterfeite, manchmal der Sohn, wenn er dabei liegen und lesen oder schlafen durfte, und natürlich ich selbst, im Spiegel.

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Auch ein paar Schöne stellten sich zum Abzeichnen ein. Wenn ich sie jetzt betrachte, denke ich: Ja, mit ein bisschen mehr Übung hätte ich damit wohl mein Brot verdienen können.

Aber derartige, um Ähnlichkeit bemühte Portraits waren meilenweit entfernt von dem, was mir als Kunst vorschwebte! Ich ließ es denn auch bald sein, ließ überhaupt den Bleistift Bleistift sein und ging über zu einem  weicheren, flüssigeren Medium: Kohle.

Kohle ist weich und flüssig, ja! Du machst einen Strich, dünn, dick, mit der Spitze, mit der ganzen Breite des abgebrochenen Stücks, du formst den Strich nach Belieben, du verwischst ihn nach Belieben. Kohle widersteht dir nicht. Das ist Wonne, aber auch Gefahr. Wonne, weil du dein Empfinden mit leichter Hand dem Papier aufprägen kann, Gefahr, weil die Präzision leicht der Expression aufgeopfert wird. Hier ein paar Portraits, fast noch im Geist des Bleistifts:IMG_6152

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…doch das anders geartete Medium macht sich zunehmend bemerkbar. Das Malerische tritt zu der Zeichnung hinzu.IMG_6182. Die Schatten werden zugleich weicher und tiefer, das Licht grenzt sich weniger scharf vom Schatten ab, der Graubereich atmet in beide Richtungen – vermittelt zwischen Dunkel und Licht.

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Auch werden spontanere Haltungen begünstigt, da das Zeichnen mit Kohle nur einen Bruchteil der Zeit dauert – verglichen mit den präzisen Bleistiftzeichnungen.

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Hier nun treten Linie und Fläche fast gleichbereichtigt auf.

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Expressivität, Spontaneität, Bewegung. Linie und Fläche, dunkle und helle Formen in lockerem Dialog, malerische Übergänge – das sind für mich die Stärken des Mediums Kohle. Wen stört es, dass die Hand nur zwei Finger hat? Das ist egal, wenn Bewegung und Ausdruck stimmen.

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Die Stärken des Mediums Bleistift hingegen sind für mich Präzision, Sorgfalt, Ehrlichkeit, Festigkeit, Sachlichkeit.  Wenn das Ohr falsch sitzt, sitzt es falsch. Keine Verwischungen, keine ausdrucksstarken Schwärzungen täuschen darüber hinweg.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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25 Antworten zu Vom Bleistift (No. 4) zur Kohle (1): das Portrait

  1. diespringerin schreibt:

    wunderschön.(e) Entwicklung.

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  2. kunstschaffende schreibt:

    Ich finde die reduzierten Kohlezeichnungen, die ja nicht so ins Detail gehen, viel ausdrucksstärker und interessanter. Aber vielleicht ist dass auch Geschmacksache. Aufjedenfall sind es wunderbare Zeichnungen.

    Eine gute Nacht liebe Gerda

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  3. Katrin - musikhai schreibt:

    Ich mag es, wenn du deine Bilder kommentierst! Das ist dann fast so, als würde ich dir beim Zeichnen zuschauen.

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  4. mmandarin schreibt:

    Gerda, du Künstlerin. Die Bilder haben eine unglaubliche Intensität. sie erzählen Geschichten aus deinem Leben, danke, dass du mich an deinem kreativen Aufräumprozess teilhaben lässt.
    Marie

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  5. Petra Frerichs schreibt:

    Deiner Portraitzeichnungen sind mir ein Ostergeschenk der besonderen Art. Ich komme aus dem Staunen nicht mehr raus!
    Gruß Petra

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  6. mizzimai schreibt:

    Ich freue mich von Mal zu Mal mehr, deinen wunderbaren Blog durch Zufall gefunden zu haben! Herzliche Grüße und besten Dank für all die inspirierenden Beiträge!

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  7. dasgrauesofa schreibt:

    Liebe Gerda,
    es ist immer wieder schön – und spannend – Deine Bilder und die dazu gehörigen Erklärungen und Erläuterungen zu sehen und zu lesen und so den Eindruck zu haben, dass auch mein gänzlich ungeübtes Auge etwas erkennen kann. Und an den Bleistiftzeichungen bewundere ich ja die unglaubliche Präzision.
    Viele Grüße, Claudia

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  8. Herr Ärmel schreibt:

    Beeindruckend schön. Vielen Dank für die Präsentation und die Erläuterungen.
    Abendschöne Grüsse aus dem Bembelland

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  9. bruni8wortbehagen schreibt:

    die Kohle liegt Dir. Nach dem Bleistift dachte ich ja schon, hier hat sie ihre Bestimmung gefunden *lächel*, aber dann kommt die Kohle und da gibt es einige, da bin ich geplättet, wie Du es schaffst, hier einen Ausdruck herauszuarbeiten, der mehr über das Model aussagt, als es vielleicht selbst wußte.

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  10. haluise schreibt:

    dein blick ist unbestechlich !!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!! huuiiii

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  11. gkazakou schreibt:

    na ja😉 Schönen Tag noch, Gerda

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  12. wholelottarosie schreibt:

    Superschön!
    Ich bin begeistert von der Stimmung, der Atmosphäre und den Gesichtern, in denen man mehr sieht, als auf den ersten Blick zu sehen ist.
    Wunderschön.

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