Marsyas

Es gibt einen entsetzlichen griechischen Mythos. Der Gott Apoll und der phrygische Satyr Marsyas (dem Gott Pan sehr ähnlich, aber eben kein Gott) treten zum Wettstreit an – der eine mit der Kythara, der andere mit der Doppelflöte. Die Musen sind die Schiedsrichter. Sie finden zunächst beide gleich gut, doch als Apoll zum Saiteninstrument den Gesang fügt, ist es aus mit Marsyas. Apoll hängt ihn in einen Baum und lässt ihn bei lebendigem Leib enthäuten.

Marsyas hat die Kunst, aber auch die Philosophie vielfach beschäftigt. Bei den Alten wird der Wettstreit dargestellt

bei den neueren, angefangen in der frühen Renaissance, steht das Martyrium des Marsyas im Mittelpunkt, wobei an grässlichen Einzelheiten nicht gespart wird (hier: Tizian)

Warum diese schreckliche Strafe?  Was ist das Vergehen des Marsyas? Worum geht es in dem Mythos eigentlich? Um Hybris, meinen manche. Wie konnte es ein Satyr wagen, den Gott Apoll herauszufordern! Doch war nicht Apoll selbst der Herausforderer, und daher Marsyas  von Anfang an zum Tod verurteilt, egal wie gut er spielte? Soll hier gezeigt werden, dass die Götter eben immer recht haben? Eine Kaprize der Götter halt?

2-M120-M3-1655 L.Giordano, Apoll und Marsyas Giordano, Luca 1634-1705. 'Apoll und Marsyas', undat. (Apollo schindet Marsyas). Oel auf Leinwand, 201 x 263 cm. Neapel, Privatsammlung. E: Giordano, Apollo and Marsyas Giordano, Luca 1634-1705. 'Apollo and Marsyas', undated. (Apollo flays Marsyas). Oil on canvas, 201 x 263cm. Naples, private collection.

Mythen muss man lesen wie Wahr-Träume. Es kommt auf die Details an. Zu denen gehört: Apoll siegt, nachdem er sein Instrument umdreht und zum Spiel auch singt. Das kann Marsyas ihm nicht nachmachen: Die Flöte kann man nicht umgekehrt bespielen, und Singen kann man auch nicht, wenn man sie spielt. Ein übler Trick von Apoll, wie manche meinen? O nein!

Ein anderes Detail: Marsyas hat die Flöte „gefunden“, denn erfunden hat sie Athene. Als sie aber merkt, dass sich ihr Gesicht beim Spielen verzerrt, wirft sie sie weg. Ist sie eitel? O nein!

Und dann ist da noch das abgezogene Fell des Marsyas – wozu diente es? Vielleicht wurde es zum Trommelfell oder zum Dudelsack. Die phrygische Doppelflöte, im Klang der Oboe ähnlich, die Trommel und der Dudelsack – das sind Instrumente, die zum rauschhaften Tanz, zur Selbstvergessenheit auffordern. Das Gesicht der Spieler verzerrt sich, die Vernunft des Menschen trübt sich, er gibt sich den Trieben, der Lust seines Leibes und seiner „Flöte“ hin. Die Folge ist: Das Instrument (der Leib) beherrscht den bewussten, logischen Anteil des Menschen.

Apoll siegt, als er zur Musik den Gesang fügt. Melos und Logos: Melodie und Wort wirken zusammen. Der Mensch soll auf seinem Instrument (Leib) spielen, nicht der Leib den Menschen beherrschen. Klarheit, Schönheit, Harmonie sind die Aufgaben der Kunst, nicht Rausch und Wollust. So will es das klassische Griechentum. Darum wird Marsyas zum Gehängten, dem das Fell bei lebendigem Leib abgezogen wird. Nackt, felllos, wird er erst zum Menschen. Das ist ein äußerst schmerzhafter Prozess, der wohl bis heute nicht abgeschlossen ist.

Platon verbannt die phrygische Flöte des Marsyas aus seinem utopischen Staat, denn er findet die Reizung der Sinne eine für die menschliche Entwicklung schädliche Untugend. Johann Sebastian Bach komponiert eine Kantate („Geschwinde ihr wirbelnden Winde“) über den Wettstreit zwischen „Phoebus und Pan“, wie er die Akteure nennt, und schlägt sich ebenfalls auf die Seite des Apollinischen.

Es ist das alte Thema: Soll die Kunst apollinisch oder dionysisch sein? Soll sie, als Geistiges, dazu verhelfen, dass der Mensch als Meister über sein natürliches Triebleben, seine Süchte und Verschwommenheiten herrscht, oder soll die Kunst rauschhaft und entfesselnd wirken, damit der Mensch aus seiner Vereinzelung zurückfindet in die Selbstvergessenheit und die Umarmung der größeren Natur?

Vom Marsyas (oder Pan) habe ich ein Bild gemalt, ohne mich in dieser Frage zu entscheiden. Ich zeige hier, meiner Gewohnheit nach, verschiedene Phasen der Entstehung.

19.12. Pan 1 a    Pan 2

und so seht ihr, dass ich beim Nackten, Enthäuteten (Neugeborenen) beginne und ihm ein Fell wachsen lasse, während er auf seiner Flöte bläst.

Pan 5

Pan 6

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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6 Antworten zu Marsyas

  1. diespringerin schreibt:

    Ganz wunderbar … !

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  2. Susanne Haun schreibt:

    Von meinem Verständnis sollte die Kunst beides sein, Gerda!
    Ich mag die bewegten Linien deines Bildes und die Gesichter, die ich im Gewand entdecke.

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  3. Unruhewerkerin schreibt:

    o ja! Dieser Prozess lässt sich – wie alle guten Mythen – auf so vieles übertragen, was Menschen erleben, erleiden, fühlen…. Es geht eigentllich immer um Prozesse. Wenn sie gut ausgehen, enden sie in „Läuterung“, wenn nicht, im Chaos. So weit, so klar. Das Problem ist meist nur, dass Menschen so schwer konsequent sein können…. Jedenfalls ich. Und dann beutelt’s dich hin und her…
    Jedenfalls: Ganz herzlichen Dank, liebe Gerda, dass du nicht ablässt, diese Themen immer wieder aufzugreifen!!!!❤ Maria

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