Montag ist Fototermin – Ein 10-Jahres-Bogen (Mani – New York – Mexiko – Mani)

Auf meinem täglichen Spaziergang mit Hund Tito wollte ich heute die „Elizabeth“ fotografieren, ein Boot, das fast in die Erde zurückgesunken ist. Ich wollte euch die ganze Serie zeigen – aufgenommen in den letzten Jahren -, endend mit den voll erblühten Mittagsblumen, die das Boot langsam unter sich begraben. Doch war es zu kühl und schattig, die Mittagsblumen hielten ihre Augen geschlossen.

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Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, dachte ich und begab mich zu meinem Lieblingsplatz „bei Babis“. Ich hatte ein dickes Heft mitgenommen, um Skizzen zu machen, doch als ich es öffnete, stellte ich fest: Es gab einige beschriebene Seiten. Ein altes Tagebuch, abgebrochen. Neugierig begann ich zu lesen, während ich den leicht süßen griechischen Kaffee schlürfte, den mir Babis‘ Sohn serviert hatte.

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Und so schwebte ich, in den Notizen lesend, plötzlich über Kanadas „eiszeitüberformter Landschaft, Seen wie ausgekleckste Tinte, Ströme ohne Bett, die sich zu Seen verbreitern, sich verflechten…Breite Wasserarme – Meer. Eine Halbinsel in Goldocker wie Herbstwälder… Linien wie Straßen, nirgendwo endend. Schatten der Wolken auf den Seen und Felsen – die Erde ein Fleckenmuster. Nach einem breiten Wasserarm beginnt langsam die Kulturlandschaft. Zunächst nur blitzende Punkte an der Küste, vermutlich Aussiedlungen. Kleine Wölkchen nehmen an Zahl zu.“

Ich überfliege die nächsten Eintragungen, bin längst auf dem JFK-Flughafen gelandet, habe auch den Tunnel durchfahren, den John Updike in „Der Terrorist“ vermutlich beschreibt (Der Roman war kurz zuvor herausgekommen), und im Hotel am Central Park abgestiegen. „Aussicht auf Hochhäuser, die sich übereinander türmen, ganz unten ein Zwerg von nur 18 Etagen….“

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Vier Wochen später und einige Seiten weiter  bin ich in Mexiko und lese: „Letzter Tag in Helens Landhaus. Über den weichen Formen der Lavaberge türmen sich  ähnlich gestaltete Wolken. Hier, in ihrem weiten schönen Salon, auf dem weißen Sofa mit der braun-weiß gestreiften Lamadecke sitze ich, brav, vielleicht dass ich begreife, warum diese Reise für mich war, und was. – In der Nacht war ich unruhig, der Vollmond stand über dem Land, zwei Mal erhob ich mich, warf die lange grüne Bluse über und tappte hinaus. Beim dritten Mal stieg ich dann auf die Terrasse, deren Ziegelstein-Boden grobe Risse aufweist, und sah hinüber zum Popokatepitl, der mit dem Kommen der Sonne den bläulichen Schleier niedergleiten ließ und sich als ätherisch durchglühtes gelblich-rötliches Dreieck enthüllte. Der Rauch farbiger, kräftiger. Der Vulkan ist aktiv und zeigt es. Seine perfekte Form wird nur durch einen Huckel an der westlichen Flanke gestört. Seine Geliebte sah ich erst später, sie ruhte unter einer Wolkenbank. ….“

Helen Escobedo, die große mexikanische Bildhauerin und zu meiner unbeschreiblichen Freude meine Freundin (ich war ihr einst vor der verschlossenen Tür der Athener Pinakothek  begegnet, wir waren beide ein wenig enttäuscht …und so lernten wir uns kennen), hatte uns zu sich eingeladen. Das war im Jahre 2006. Inzwischen ist sie lange tot. Aber in mir ist sie lebendig, und lebendig ist ihr Rat, den ich heute in jenen Notizen wieder las:

„Helen schlug mir vor, ganz konzentriert auf das Wesentliche, das heißt auf das, was ich denke, zu skizzieren.“ Und so schrieb ich damals, in ihrem Haus, auf, was ich mir als Kunstprojekt vorstellte „in unserem Olivenland“, daheim in der Mani. Und sann über den „Bogen der Bucht“ nach – „Vorstellung der Fläche in der Horizontalen. … Der Bogen ist durch die Küste gebildet. Ohne Intervention der Küste würde sich das Blau in einer unendlichen Fläche ausdehnen, deren scheinbare Grenzen kreisförmig wären, in der Mitte mein Blick. Der Horizont als Grenze des Sehfeldes. – Doch tatsächlich verriegelt das Gebirge die Fläche, deren Fortsetzung nur zu erträumen ist. Wenn ich den Gipfel ersteige, weitet sich der Blick erneut, greift über den horizontalen Kreis hinaus. – Ich denke an den gewaltigen Dreiecksschatten, der auf das Meer fällt, wenn die Sonne hinter der Pyramide, dem Hauptgipfel des Taygetos, aufgeht. ….“

Dort, an diesem Meeresbogen, sitze ich jetzt, und versuche den Bogen meines Lebens zu spannen. Zehn Jahre Leben. Wenig und viel. Bei einem Tässchen leicht gesüßten griechischen Kaffees.

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Hier nun ein Foto des Schattens, den der höchste Gipfel des Taygetos-Gebirges an seltenen Tagen, bei Sonnenaufgang, auf die Bucht von Kalamata wirft. Man kann ihn nur vom Gipfel aus sehen.  (Es ist leider nicht mein Foto, denn ich kann nicht mehr hinaufsteigen, und ich weiß auch nicht, wer es aufgenommen hat).

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Vom Bleistift (No. 4) zur Kohle (1): das Portrait

 

Heute ein letzter Beitrag zum Zeichnen mit dem gespitzten Bleistift: das Portrait. Bei meinen diesbezüglichen Übungen musste als erstes die Heilige Familie dran glauben: Immer wieder der Mann, den ich beim Lesen konterfeite, manchmal der Sohn, wenn er dabei liegen und lesen oder schlafen durfte, und natürlich ich selbst, im Spiegel.

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Auch ein paar Schöne stellten sich zum Abzeichnen ein. Wenn ich sie jetzt betrachte, denke ich: Ja, mit ein bisschen mehr Übung hätte ich damit wohl mein Brot verdienen können.

Aber derartige, um Ähnlichkeit bemühte Portraits waren meilenweit entfernt von dem, was mir als Kunst vorschwebte! Ich ließ es denn auch bald sein, ließ überhaupt den Bleistift Bleistift sein und ging über zu einem  weicheren, flüssigeren Medium: Kohle.

Kohle ist weich und flüssig, ja! Du machst einen Strich, dünn, dick, mit der Spitze, mit der ganzen Breite des abgebrochenen Stücks, du formst den Strich nach Belieben, du verwischst ihn nach Belieben. Kohle widersteht dir nicht. Das ist Wonne, aber auch Gefahr. Wonne, weil du dein Empfinden mit leichter Hand dem Papier aufprägen kann, Gefahr, weil die Präzision leicht der Expression aufgeopfert wird. Hier ein paar Portraits, fast noch im Geist des Bleistifts:IMG_6152

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…doch das anders geartete Medium macht sich zunehmend bemerkbar. Das Malerische tritt zu der Zeichnung hinzu.IMG_6182. Die Schatten werden zugleich weicher und tiefer, das Licht grenzt sich weniger scharf vom Schatten ab, der Graubereich atmet in beide Richtungen – vermittelt zwischen Dunkel und Licht.

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Auch werden spontanere Haltungen begünstigt, da das Zeichnen mit Kohle nur einen Bruchteil der Zeit dauert – verglichen mit den präzisen Bleistiftzeichnungen.

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Hier nun treten Linie und Fläche fast gleichbereichtigt auf.

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Expressivität, Spontaneität, Bewegung. Linie und Fläche, dunkle und helle Formen in lockerem Dialog, malerische Übergänge – das sind für mich die Stärken des Mediums Kohle. Wen stört es, dass die Hand nur zwei Finger hat? Das ist egal, wenn Bewegung und Ausdruck stimmen.

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Die Stärken des Mediums Bleistift hingegen sind für mich Präzision, Sorgfalt, Ehrlichkeit, Festigkeit, Sachlichkeit.  Wenn das Ohr falsch sitzt, sitzt es falsch. Keine Verwischungen, keine ausdrucksstarken Schwärzungen täuschen darüber hinweg.

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geschichtengenerator 10: Emma (weiß alles), Komm!, Flohmarkt

Dies ist eine Fortsetzung der Geschichte, die ich als https://gerdakazakou.com/2016/02/17/luise-7-fortsetzung-in-der-psychiatrischen-klinik und .https://gerdakazakou.com/2016/02/18/ende-geschichtengenerator-luise-john-emma-nina-kantine-flo-manni-bahnhof-erkan-x-2-theke veröffentlicht habe. Angeregt wurde sie wieder durch http://juttareichelt.com/2016/03/25/11-geschichtengenerator-in-aktion/

Ich habe mir gestattet, zwei der Zitate aus Artikeln zu übernehmen, die ich im Blog von Heaven’s Food gefunden habe (s.u.)

Emma lässt sich in den Schaukelstuhl sinken, streift die Schuhe ab und zieht die Beine unter sich. Leicht knarrend setzt sich der Stuhl in Bewegung. Gute, solide Handwerksarbeit, denkt Emma. Sowas wird heute kaum noch hergestellt. Der alte Schaukelstuhl gibt ihr ein wohliges Gefühl der Geborgenheit, aber auch, mit seinem leichten Schaukeln und Wiegen, ein Gefühl der Freiheit. Er beflügelt ihr Denken. Wie gut, dass es ihr immer wieder gelingt, solche Dinge auf dem Flohmarkt aufzutreiben!

Sie gibt dem Ding einen kleinen Schubs, beugt sich vor und fischt ein Dossier vom Tisch – auch der ist vom Flohmarkt. Ein Tisch aus Kirschholz. Ganz blank poliert hat sie ihn, so dass die Maserung fein hervortritt, und die angeschlagenen Stellen hat sie ausgebessert. Solche kleinen handwerklichen Tätigkeiten machen ihr Spaß – mehr Spaß jedenfalls, als die Beschäftigung mit Johns Akte. Muss aber sein. In fünf Monaten soll die Magisterarbeit stehen.

Was haben wir denn hier? Ach ja, ein Exzerpt von einem Artikel über psychiatrische Gutachten. Wichtig sei auch der kulturelle Hintergrund, sagt C. O., Chef der Forensischen Psychiatrie in W.: „Wenn ein Patient aus Afrika kommt und Geister hört, ist das anders zu bewerten als bei einem Deutschen.“*

Der Ansatz könnte was bringen: „Ein interkultureller Vergleich psychiatrischer Symptomatik – dargelegt am Fall John K“. Interkulturell ist schon mal gut. Aktuell. Relevant. Relativität der Werte. Was bei uns als verrückt gilt, gilt bei anderen als normal. Aber bringt das was bei John? Der kommt aus England, nicht aus Afrika. Seine Eltern und Großeltern – Emma blättert im Dossier zurück zur Erstaufnahme –  die kommen aus Italien und aus der Tschechoslowakei. Da gibt’s die jüdische Linie von Vaters Seite: der wurde als Zwölfjähriger von Prag nach Bristol geschickt. So überlebte er, nicht aber seine Eltern.… hm. Schweres Familientrauma. Ja, darauf müsste sie den Finger legen. „Seelische Belastungen durch traumatische Intergenerationen-Konflikte – dargelegt am Fall John K“. Oder doch lieber interkulturell? Jüdisch – italienisch – englisch. Hören vielleicht auch Juden die Gespenster anders als, sagen wir mal, die Deutschen oder die Engländer? Er beklagt sich über eine Frau, die ihn heimlich besucht und ihm befiehlt, Dinge mit ihr zu treiben, die er sittlich verwerflich findet (steht in der Diagnose der Erstaufnahme).

Dinge, die er sittlich verwerflich findet. Das ist sicher interkulturell verschieden, befindet Emma und gibt dem Schaukelstuhl einen kräftigen Schups. Was ist für einen tschechischen Juden wohl sittlich verwerflich, und was für einen italienischen Segelmacher?  Eine Frau besucht ihn heimlich –  hm, das Gespenst ist weiblich. Also muss ich wohl in der weiblichen Linie nachsehen. Was haben wir da? Solides englisches Bürgertum. Die Frauen sind etabliert, die Männer sind die Zugewanderten. Ob das bei John zu einem Minderwertigkeitskomplex gegenüber Frauen geführt hat? Dazu auch noch diese Geschichte mit den jüdischen Großeltern, von denen man nichts weiß.

Doch vielleicht ist dieser ganze interkulturelle Ansatz hier Mist, denkt Emma. Vielleicht nehme ich doch besser einen Trauma-Ansatz. Unschlüssig überfliegt sie einige Auszüge und bleibt bei „Borderline-Persönlichkeit“ hängen.

Borderliner können ambivalente und vieldeutige Affekte nicht zeitgleich wahrnehmen. In einem Moment kann nur ein Affekt akzeptiert und nur eine einzige dazu passende Kognition wahrgenommen werden. … Spaltung sichert das psychische Überleben ….**

Emma seufzt. Wie sie dieses Kauderwelsch ihrer Kollegen hasst. Sie weiß schon, was der Autor sagen will. Solche Borderliner sehen einen Tag lang die Mama als die alleinige Ursache ihres Unglücks, und am nächsten Tag verherrlichen sie dieselbe Mama, als sei sie eine Heilige. Sie können die Nuancen dazwischen nicht wahrnehmen beziehungsweise versteifen sich gern auf die Extreme. Leider hat sie nicht die leiseste Ahnung, ob irgendetwas davon auf John zutrifft. Könnte es sein, dass er dieses Modell umgebracht hat, weil er sie einen Tag für eine Heilige und am andern für eine Hure gehalten hat? Oder hat er da Sachen, die er über seine Mutter dachte, auf sie projiziert? Sie war ja älter als John, keine Schönheit, und er hat sie trotzdem als Modell beschäftigt und dann in einem Zustand des Wahns bestialisch umgebracht. Wollte er vielleicht seine Mutter umbringen?

Wie war denn wohl Johns Beziehung zu seiner Mutter? Es gibt da diesen Traum, den John einmal gemalt hat. Er ist ein kleiner Junge, vor ihm schwebt ein Zwerg in der Luft, der hat das Gesicht von John, wie er jetzt ist. Dann gibt es da noch eine Frau mit gelbem Gesicht, offenbar seine Mutter. Die führt einen Mann an einem gelben Seilchen, als wär es ein Hund. (vergl. https://gerdakazakou.wordpress.com/wp-admin/post.php?post=7646&action=edit)

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Emma blättert im Dossier bis zu Johns Bildern, die sie als Fotografien abgeheftet hat. Außer dem Traumbild gibt es ein anderes, ähnliches: Wieder ist John ein kleiner Junge. Er spielt allein am Strand. In einer Art Grube liegt ein Paar, die Frau hat ein gelbes Gesicht, ist also wohl die Mutter. Im Hintergrund spielen zwei Jungs Ball. Fast am Horizont liegt eine dunkle Frau, und ein kleines Mädchen schaut wie verloren ….

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Gelb. Emma stutzt. Da war doch was mit Gelb. In der Erstdiagnose heißt es: Auch bat er darum, alle gelben Gegenstände zu entfernen, da er Gelb nicht ertragen könne.

Das Gelb hat vielleicht gar nichts mit dem gelben Stern der Juden zu tun, wie sie zuerst dachte. Die Mutter hat ein gelbes Gesicht. Und sie führt den Mann an einem gelben Gängelband. John erklärt seine auffallende Blässe mit einer Lichtallergie, die er von seiner Mutter ….

Aber das ist nun wirklich eine alte Klamotte. Dominante Mutter, passiver Vater, daraus sich ableitende Minderwertigkeitskomplexe des Jungen und gestörte Sexualität – Nee, denkt Emma, das mag ja stimmen, aber damit kann ich keinen Blumentopf gewinnen. Nee, der Ansatz bringt nix. Aber warte mal, was haben wir denn hier noch.

Kreativität und Wahn. Das klingt vielversprechend. Da geht es um … um ein bestimmtes Gen, das … wie war das doch? Aus zahlreichen Untersuchungen weiß man, dass bei vielen psychisch Kranken ein Filter nicht gut funktioniert. Ihr Gehirn wird bombardiert mit Informationen – ein Effekt, der mitverantwortlich für ihr Leiden sein dürfte. Inzwischen ist auch bekannt, dass Menschen mit geringer latenter Inhibition besonders kreativ sind***. Ach ja, da ist ein Filter im Hirn defekt, wodurch es gleichzeitig zu vermehrter Kreativität und zu Wahnvorstellungen kommt. „Künstlertum und Wahn als genetischer Defekt – eine Fallanalyse am Beispiel des John K “. Klingt gut, aber nein, denkt Emma, das übersteigt meine Möglichkeiten. Ich weiß zwar einiges, aber alles weiß ich nicht, nee, die Genetik überlasse ich besser den Fachleuten.

In dem Moment klingelt es. Huch, da hat sie über all der Grübelei ihr Rendevouz fast vergessen!  Mit Schwung katapultiert sie sich aus dem Schaukelstuhl und rast zum Türtelefon. Eine verzerrte Stimme, aber ganz unverkennbar die ihres neuen Freundes, des Dr. Erkan C, seines Zeichens leitender Psychiater ihrer Abteilung, quäkt aus der Anlage: Komm, Emma!

Moment, ruft Emma zurück. Bin gleich fertig. Willst du solange raufkommen? Und drückt auf den Türöffner.

Ja, die beiden sind inzwischen per Du. Immerhin, das ist doch ein Fortschritt. Da wird es mit der Magisterarbeit auch schon klappen.

** gefunden bei Heaven’s Food, dort angegebene Quelle / gesamter Artikel / Bildnachweis: Grenzwandler

*** gefunden bei Heaven’s Food, 25.2.2016, dort angegebene Quelle / gesamter Artikel: Das Gehirn

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Mit spitzem Bleistift – Etüden No. 3

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Stillleben, Stilles Leben – das Wort gefällt mir. Dagegen Nature morte! Nekri physi (gr) – Tote Natur, wie falsch! Nein, in diesem Fall muss ich dem Deutschen recht geben. Die Äpfel liegen unbeweglich da, doch innerlich reifen sie weiter, ihre gerötete Haut ist prall und lebendig, und ihr weißliches Fruchtfleisch perlt saftig, wenn man hineinbeißt. Nichts an ihnen ist tot, und das muss selbst eine bescheidene Bleistiftzeichnung zeigen. – Und die Mimosen, die ihren gelblichen Schatten auf die helle Vase werfen (oben) ….

IMG_6198 oder die gefüllten Astern in der weißen Vase  – sind sie etwa tot? Vielleicht ein wenig mehr als die Äpfel, denn sie sind abgeschnitten und trocknen ein.

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Tot sind auch das Ölkännchen und der Topf aus Ton nicht wirklich. Tot sind nicht der Stoff des Vorhangs, und die dunklere Decke, die in bewegten Falten den Tisch deckt. Es sind Materialien, die der Natur entnommen sind: gebrannte Erde, Eisenerz , Baumwolle. In ihnen lebt und webt immer noch die große Mutter, die Erde. In ihnen lebt auch die Hand des Töpfers, der Weberin, des Metallarbeiters.

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Doch dann kommen die endlosen Studien des Gipsabdrucks der Göttin Ygeia (Gesundheit, das Wort Hygiene ist davon abgeleitet). Und ich erinnerte mich an van Goghs Verzweiflung, der an einem Fuß aus Gips scheiterte. Er sollte ihn korrekt abzeichen. Einen Gipsfuß! Das konnte er nicht. Auch mir wurde der Göttinnen-Kopf meist allzu lebendig. Was da auf dem dunklen Tuch ruht, das ist kein Gipsabdruck, sondern ein abgeschnittener Kopf.

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Und wie steht es mit dem lebendigen Modell? Man bemüht sich, die Stellung wiederzugeben, die Hell-Dunkel-Kontraste zu finden, und vergisst dabei, dass diese junge Frau gleich aufstehen wird und gehen. Kann sie das? Schaffen diese gezeichneten Beine das? Und der Rücken? Wird er sich aufrichten können, ohne zu zerbrechen?

IMG_6189Der Mensch ist nicht nur Form. Er hat Gefühle, Gedanken. Wenn dies gar nicht zu erkennen ist, dann hast du eine Puppe gezeichnet und keinen Menschen. Egal wie perfekt die Zeichnung auch zu sein scheint – sie ist Mist. Das jedenfalls ist meine Meinung.

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Das nächste Modell hat einen Namen: Efi. Sie war Modell vieler bekannter Maler und fast aller Studierenden an der Athener Kunstakademie, fünfzig Jahre lang. Sie begann mit 17, da war sie ein schönes junges Mädchen. Als ich sie kennenlernte, war sie um die 60. Sie hörte auch danach nicht auf zu „sitzen“ und oft auch zu „stehen“, weil ihre Rentenansprüche sie nicht ernähren konnten. Die permanente Unbeweglichkeit hatte den Ausdruck ihres Gesichts gezeichnet. Viele Studenten lästerten über sie, weil sie sich bewegte, weil sie redete, weil sie sich, oft harsch, über die Arbeiten der Studenten äußerte. O, sie hielt mit ihren Ansichten nicht hinter dem Berg! In meiner Erzählung über Luise (https://gerdakazakou.com/2016/03/04/ich-habe-dich-nicht-gekannt-luises-geschichte/) dachte ich oft an sie. Ich mag die Zeichnung, obgleich die Arme hölzern sind. Dennoch: für mich lebt darin Efi, die „Muse“ so vieler Generationen von Malern, der ich hier meinen tief empfundenen Dank aussprechen möchte.

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25. März 1821 (und Karfreitag)

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Während in meiner alten Heimat Karfreitag ist, sind wir in meiner neuen Heimat noch weit davon entfernt. Wir feiern heute etwas anderes: den Tag, an dem die „griechische Revolution“ ausgerufen wurde. Es ist der erste der beiden Nationalfeiertage (der andere ist das OXI gegen den Faschismus).

Am 25. März 1821 startete die Filiki Etairia (Gesellschaft der Freunde), eine geheime Organisation des Auslandsgriechentums, den Kampf gegen das „Türkische Joch“ an drei Fronten: in der Moldau, in Konstantinopel (Istanbul) und auf der Peloponnes. Nur eine der Aktionen war erfolgreich: die auf der Peloponnes. Denn hier gab es die nötige Unterstützung durch die Bevölkerung, vor allem aber gut organisierte Banden von „Kleften“ (Räuber). In Kalamata, meiner allerneuesten Heimatstadt, schworen die Aufständischen ihren schweren Eid.

Immer noch empfinden die Griechen diesen Tag, der über vierhundert Jahre Unterdrückung und Sklaverei beendete, als hochaktuell. Er steht als Symbol für nationale Identität und Autonomie, für ihr „So-Sein“ als Griechen. Mit wem identifizieren sich die Kleinen noch heute am liebsten? Mit Kolokotronis,  dem Führer der Kleften, dem Revolutionshelden der Peloponnes. Und was ist ihr wichtigster Wert? Die Freiheit!

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Der Text auf dem Plakat ist von dem Dichter Kostis Palamas (1859-1943) und besagt: „Meinungen, Herzen, wer auch immer ihr seid, Griechen, vergesst nicht, ihr seid nicht durch eure eigenen Hände allein, nein. Ihr schuldet auch anderen, die kamen, die hindurchgingen, die kommen werden, die hindurchgehen werden. Kritai (Universelle Richter), über uns sprechen Recht die Toten, die Ungeborenen.“

In diesem Jahr marschierte erstmals eine „Kopftuchträgerin“ mit der griechischen Fahne in der ersten Reihe einer Schulklasse: die rundgesichtige 14-Jährige stammt aus Ägypten. Wie es für sie war? O, anfangs habe sie schon ein wenig Angst gehabt, aber dann habe sie gefühlt, dass sie willkommen sei. Es sei eine sehr schöne Erfahrung für sie gewesen, und ihre großen dunklen Augen lachten.

Ich war diesmal nicht bei den Feierlichkeiten, sondern am Strand. Finstere Bewölkung, und über dem Meer mit rotem Sand aus der Sahara zwei Drachenflieger.

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Unter dem Stichwort  „Griechische Revolution 1821“ finden Interessierte alles Wissenswerte zum Verlauf der Revolution und ihre Bedeutung für die nationalen Befreiungsbewegungen in ganz Europa. Sehr informativ finde ich den Artikel „Griechenlandbegeisterung und Philhellenismus“ auf der Seite EGO – Europäische Geschichte online.

Da aber bei den meisten von euch heute Karfreitag ist: Hier eine Foto-Erinnerung an eine Karfreitagsnacht in Kalamata.

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Mit spitzem Bleistift: Etüden No 2

Ermuntert durch eure Resonanz stelle ich heute gleich noch ein paar Zeichnungen von den ersten Anfängen hier ein. Es ist das Jahr 1983, ich bin 41 Jahre alt und lebe seit zwei Jahren in Athen. Ein junger Künstler wurde angeheuert, um unseren Sohn zu unterrichten. Ich mache derweil meine eigenen Etüden nach seinem Vorschlag.

Was darf es denn heute sein? Die Aufgabe ist: zeichne weiße Gegenstände auf weißem Grund, harter Bleistift, kein Radiergummi. Auf gehts!

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Unten rechts notierte ich: „weiße Formen vor weißem Hintergrund, Abstand zur Rückwand, Seitenlicht von links“. Das ist eine gute Übung, um die Ausbreitung des Lichts und des Schattens zu studieren.

Hier noch einmal eine Reihe „mit abnehmender Beleuchtung“. Gelingt nicht immer.

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oder auch „weiße Plastikkugel“, „rotes Marmorei“, Orange und Apfel auf weißem Grund. Solche Zeichnungen verlangen viel Aufmerksamkeit und Geduld, denn es kommt darauf an zu verstehen, wie sich das Licht auf unterschiedlichem Material verteilt – Plastik reagiert eben anders als Marmor auf den Lichtstrahl. Es sind Etüden ganz ähnlich denen, die man macht, wenn man ein Musikinstrument erlernt.

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Irgendwann geht man dann weiter zu komplexeren Formen, zum Beispiel zu einer Hand, die eine weiße Kugel hält (meine rechte Hand, ich bin Linkshänderin), wieder in zwei Beleuchtungen…

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… oder einfach Hände. Einfach? Na, ich weiß nicht. Die „Alten“, wie Rembrandt oder Dürer, ließen sich jede vom Kunden gewünschte Hand extra bezahlen – zu Recht, meine ich.

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Wenn es euch Spaß macht, zeige ich euch noch andere „Gegenstände“: Portrait, Akt, angezogene Person, Landschaft, Stillleben – alles mit hartem Bleistift auf Papier. Wenn das überstanden ist, geht es weiter mit Kohle. Mir macht diese Revue echt Spaß, zumal es mich zwingt, die alten Bestände zu sichten, zu fotografieren und eine gewissen Ordnung herzustellen.

Für heute: Gute Nacht!

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und – malst du noch?

„Doch doch, sicher“, sage ich, wenn man mich fragt, was ich so treibe. Doch, sicher male ich noch. Jedenfalls dann, wenn ich nicht in alten Sachen rumkrame oder ausrangierte Bilder zerschnippele, um Neues draus zu legen. Aber solche Tätigkeiten nimmt niemand recht ernst. Das sei keine Kunst.

Gestern nahm ich seit längerer Zeit mal wieder den Pinsel und Akryllpulverfarben zur Hand, dazu auch Klebestreifen, Kohle, Ölkreide, und übermalte ein älteres Bild, Pappe, 70×50 cm. Herausgekommen ist eine Stadt-Landschaft, bei der Festes und Flüssiges ineinander greifen.

Das Motiv reizt mich, ich werde es mir noch öfter vornehmen. Ich fühle mich dabei, als käme ich von der See und näherte mich einer unbekannten, verheißungsvollen Stadt.

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Hier noch einmal die linke Bildseite als Ausschnitt. Für sich allein stehend gefällt sie mir fast besser. Da ist mehr „Ankommen“ drin, mehr das Gefühl: ich darf ein wenig bleiben.

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Doch schon fühle ich einen Anflug von Klaustrophobie. Zu viel des Ankommens! Wo ist die Durchfahrt, wo ist der weite Horizont?

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Mittwochs-Etüde No. 1: Mit spitzem Bleistift

Dieser Tage krame ich viel in alten Dossiers, um zu sichten und zu sehen, was sich aufzuheben lohnt. Aus der ersten Zeit, als ich noch mit Feuereifer Etüden machte in der Meinung, dass man sein Instrument beherrschen muss, bevor man das große Konzert gibt – aus jener frühen Zeit also habe ich massenhaft Zeichnungen jeder Art. Fleißig war ich, das muss ich schon sagen, sehr fleißig.

Heute und jeden Mittwoch möchte ich euch jeweils eine Art von Übungen zeigen. Ich beginne mit dem Beginn: Zeichne mit spitzem hartem Bleistift ein Stillleben mit Obst, Kanne und Krug.

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Warum nicht mit weichem Bleistift? O nein, Disziplin muss sein. Feiner Strich muss neben feinen Strich gesetzt werden, bis sich der Gegenstand rundet. Radieren gilt nicht. Zum Glück rühren sich die Äpfel und Orangen nicht von der Stelle. Nur manchmal flimmerte es mir vor den Augen, denn dies Zeichnen mit hartem Bleistift, unter künstlichem Licht, geschah meist nachts.Tagsüber war keine Zeit.

Doch gab es Sonntage, und wenn dann das Licht durchs Fenster fiel und die Dinge weich umarmte, wurden auch die Formen ein wenig weicher.

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Hier noch einmal ein Ausschnitt der ersten Zeichnung, um besser zu erkennen, wie Licht und Schatten wieder gegeben werden …

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Sich etwas vorstellen. Eine Geschichte über Personen, Dinge, Staaten, deren Existenz zweifelhaft ist

Angeregt durch http://juttareichelt.com/2016/03/11/10-geschichtengenerator-in-aktion/ und die Wörter Nina, Hotelzimmer und „wie stellst du dir das vor“.

Ich stelle es mir vor. Wie? Na, zum Beispiel so:

Luise – ihr erinnert euch vielleicht – ist von John in einem Zustand des künstlerischen Wahns umgebracht worden. Ihr Abbild ist in den Scherben des zerbrochenen Spiegels in Johns Atelier zurückgeblieben.

 

“Nina, Nina tam kartina eto traktor i motor”. Ich (Luise) hatte mir damals einen Spaß draus gemacht, Nina mit diesem Satz aufzuziehen. Bei jeder Gelegenheit. Sie hatte sich von einer ihrer Cousinen, die in der SBZ lebten, den Russischlehrgang für Grundschüler beschafft, damals, als das Land, das es inzwischen nicht mehr gibt, noch Sowjetisch Besetzte Zone hieß, fest entschlossen, sich des Russischen zu bemächtigen. Dostojewski im Original lesen! hatte sie geschwärmt. Vierzehn war sie, damals, und ich sechzehn. Wie stellst du dir das vor? hatte ich sie gefragt. In eurem Kaff gibt es keinen Russischlehrer. Auch in der Kreisstadt nicht. Du bist hier in der Bundesrepublik, hast du das vergessen? Hier lernst zu Englisch. Lies Shakespeare, wenn du so scharf drauf bist, die Weltliteratur im Original zu lesen. Diese Verrückte! Natürlich hatte ich recht. Ninas Lerneifer brach schnell zusammen, und so blieb es im Wesentlichen bei dem einen Satz: Nina, Nina tam kartina eto traktor i motor.

Ausgerechnet dieser Satz muss mir jetzt einfallen. Hier in diesem schäbigen Hotelzimmer. Die Karte ist schuld, die anstelle der sonst in Hotelzimmern üblichen Dekoration über dem schmalen Bett hängt. Nina Nina, tam kartina… – dort die Karte.   Was sich die Betreiber wohl dabei dachten, eine Karte Deutschlands in den Grenzen von 1939 aufzuhängen? In großen roten Buchstaben läuft ein Spruchband über die ganze Breite: Dreigeteilt niemals! Wie auf der Karte in unserem Schulatlas.  Als ich moserte und sagte, son Quatsch, wollt ihr noch  einen Krieg anzetteln oder was? kriegte ich eins aufs Dach. Hier ist sie also wieder, die Karte. Königsberg, die Stadt des Aufklärers Kant, wie der Herr Lehrer versicherte, der sonst mit Aufklärung nicht viel am Hut hatte, der alte Sack. Braun bis ins Blut. Aha, hier ist auch Breslau. Da hat Mama den Papa geheiratet, der war Soldat. Deutscher Soldat. Mama war Bulgarin, stolz auf ihre mazedonische Herkunft. Aus Petritsch. Darauf war sie stolz, keine Ahnung warum. Vielleicht, weil sie so als Arierin durchging. Stolz war sie auch darauf, dass sie in Sofia Betriebswirtschaft studiert hatte, sie habe sich durchgesetzt, das sei damals für Mädchen nicht leicht gewesen. Und nach all dem heiratet sie einen halb und Viertel Gebildeten, den Papa. Vielleicht, weil ich schon in ihrem Bauch war. Sie mussten sich beeilen. In Breslau gingen die Bomben runter, also gings weiter nach Berlin, da fielen auch Bomben. Da wurde ich dann geboren. „Im Bombenhagel“ – ein Witterungsphänomen. Der Krieg war dann bald zu Ende (es geht alles vorüber, es geht alles vorbei), aber mit Mamas Diplom war nichts anzufangen, und Deutsch konnte sie auch nicht, also studierte sie gleich noch mal, wurde Zahnärztin. Wie sie das schaffte, keine Ahnung. Klein und zart sah sie aus, aber das täuschte gewaltig. Sie setzte sich wieder durch, wie damals in Petritsch, restaurierte jetzt die Zähne der Neureichen, Super-Praxis. Ihr Deutsch blieb immer schlecht, war aber egal, alles war egal, außer Geld verdienen für die schicken Kleider, Hüte und Pelze und eine nicht minder schicke Immobilie, oder auch zwei.  Papa, der konnte reden, aber er brachte es nur zum Landmaschinenvertreter. … eto traktor i motor. Mama war der Traktor, der auch ihn in die Wohlstandshöhen hinaufzog.

Verdammtes Loch von Hotelzimmer.  Grad mal ein dreckiges Fenster, und das geht auf den Lüftungsschacht raus. Und dann diese Karte von Anno Dazumal. Vielleicht war keiner da, sie abzuhängen, und also ist sie noch da. So wie ich. Hols der Teufel. Drei Monate dürfte das Geld noch reichen. Höchstens. Wenn ich sparsam bin. Ich fange gleich heute an, einen Job zu suchen. Hoffentlich hat John noch sein Atelier. Unangenehmer Typ, und schrecklich blass. Aber was hilft es. Ich bin auch nicht mehr taufrisch und muss nehmen, was sich bietet. Was haben wir denn hier im Schrank: drei Metallbügel, wunderbar. Drei Bügel für all die Kleider, Hosen, Blusen, T-Shirts, Jacken, den Mantel. Das zweite Schrankabteil ist vollgestopft mit Decken und Kopfkissen, wohin damit? Fleckiges halb verschimmeltes Zeug, am besten raus damit, ins Bad. Hinter den Vorhang. Schmutz hat sich in der Duschkabine angesammelt. Muss lange niemand mehr benutzt haben. Pfui Teufel, ich werde es auch nicht benutzen. Aber ich muss mich zurechtmachen. Für John. Mich schminken, damit er mich nimmt. Wie seh ich überhaupt aus? He,  der Spiegel ist blind! Wo bin ich hier gelandet? Was ist das für ein Hotel? Wer bin ich? Was mache ich hier ohne mein Spiegelbild?

Nina! Warum kommst du nicht, mir zu helfen? Nina!

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Katzen und Oliventeufel

Heute habe ich in alten Mappen gekramt, auf der Suche nach Federzeichnungen von „Fundsachen“. Die fand ich nicht, dafür aber Zeichungen von unseren Katzen. Wir hatten zwei: eine schwarze Katze und einen schwarz-weiß gefleckten Kater.

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Gezeichnet habe ich mit Kohle auf einfachem Papier von der Rolle, das sich stark verfärbt hat.

In derselben Mappe (aus den 80er Jahren) befanden sich noch andere Zeichnungen, zum Beispiel dieser teuflische Olivenbaum in zwei Versionen,  mit Kohle bzw mit Feder und Chinatinte gezeichnet.

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