Auf meinem täglichen Spaziergang mit Hund Tito wollte ich heute die „Elizabeth“ fotografieren, ein Boot, das fast in die Erde zurückgesunken ist. Ich wollte euch die ganze Serie zeigen – aufgenommen in den letzten Jahren -, endend mit den voll erblühten Mittagsblumen, die das Boot langsam unter sich begraben. Doch war es zu kühl und schattig, die Mittagsblumen hielten ihre Augen geschlossen.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben, dachte ich und begab mich zu meinem Lieblingsplatz „bei Babis“. Ich hatte ein dickes Heft mitgenommen, um Skizzen zu machen, doch als ich es öffnete, stellte ich fest: Es gab einige beschriebene Seiten. Ein altes Tagebuch, abgebrochen. Neugierig begann ich zu lesen, während ich den leicht süßen griechischen Kaffee schlürfte, den mir Babis‘ Sohn serviert hatte.

Und so schwebte ich, in den Notizen lesend, plötzlich über Kanadas „eiszeitüberformter Landschaft, Seen wie ausgekleckste Tinte, Ströme ohne Bett, die sich zu Seen verbreitern, sich verflechten…Breite Wasserarme – Meer. Eine Halbinsel in Goldocker wie Herbstwälder… Linien wie Straßen, nirgendwo endend. Schatten der Wolken auf den Seen und Felsen – die Erde ein Fleckenmuster. Nach einem breiten Wasserarm beginnt langsam die Kulturlandschaft. Zunächst nur blitzende Punkte an der Küste, vermutlich Aussiedlungen. Kleine Wölkchen nehmen an Zahl zu.“
Ich überfliege die nächsten Eintragungen, bin längst auf dem JFK-Flughafen gelandet, habe auch den Tunnel durchfahren, den John Updike in „Der Terrorist“ vermutlich beschreibt (Der Roman war kurz zuvor herausgekommen), und im Hotel am Central Park abgestiegen. „Aussicht auf Hochhäuser, die sich übereinander türmen, ganz unten ein Zwerg von nur 18 Etagen….“
Vier Wochen später und einige Seiten weiter bin ich in Mexiko und lese: „Letzter Tag in Helens Landhaus. Über den weichen Formen der Lavaberge türmen sich ähnlich gestaltete Wolken. Hier, in ihrem weiten schönen Salon, auf dem weißen Sofa mit der braun-weiß gestreiften Lamadecke sitze ich, brav, vielleicht dass ich begreife, warum diese Reise für mich war, und was. – In der Nacht war ich unruhig, der Vollmond stand über dem Land, zwei Mal erhob ich mich, warf die lange grüne Bluse über und tappte hinaus. Beim dritten Mal stieg ich dann auf die Terrasse, deren Ziegelstein-Boden grobe Risse aufweist, und sah hinüber zum Popokatepitl, der mit dem Kommen der Sonne den bläulichen Schleier niedergleiten ließ und sich als ätherisch durchglühtes gelblich-rötliches Dreieck enthüllte. Der Rauch farbiger, kräftiger. Der Vulkan ist aktiv und zeigt es. Seine perfekte Form wird nur durch einen Huckel an der westlichen Flanke gestört. Seine Geliebte sah ich erst später, sie ruhte unter einer Wolkenbank. ….“
Helen Escobedo, die große mexikanische Bildhauerin und zu meiner unbeschreiblichen Freude meine Freundin (ich war ihr einst vor der verschlossenen Tür der Athener Pinakothek begegnet, wir waren beide ein wenig enttäuscht …und so lernten wir uns kennen), hatte uns zu sich eingeladen. Das war im Jahre 2006. Inzwischen ist sie lange tot. Aber in mir ist sie lebendig, und lebendig ist ihr Rat, den ich heute in jenen Notizen wieder las:
„Helen schlug mir vor, ganz konzentriert auf das Wesentliche, das heißt auf das, was ich denke, zu skizzieren.“ Und so schrieb ich damals, in ihrem Haus, auf, was ich mir als Kunstprojekt vorstellte „in unserem Olivenland“, daheim in der Mani. Und sann über den „Bogen der Bucht“ nach – „Vorstellung der Fläche in der Horizontalen. … Der Bogen ist durch die Küste gebildet. Ohne Intervention der Küste würde sich das Blau in einer unendlichen Fläche ausdehnen, deren scheinbare Grenzen kreisförmig wären, in der Mitte mein Blick. Der Horizont als Grenze des Sehfeldes. – Doch tatsächlich verriegelt das Gebirge die Fläche, deren Fortsetzung nur zu erträumen ist. Wenn ich den Gipfel ersteige, weitet sich der Blick erneut, greift über den horizontalen Kreis hinaus. – Ich denke an den gewaltigen Dreiecksschatten, der auf das Meer fällt, wenn die Sonne hinter der Pyramide, dem Hauptgipfel des Taygetos, aufgeht. ….“
Dort, an diesem Meeresbogen, sitze ich jetzt, und versuche den Bogen meines Lebens zu spannen. Zehn Jahre Leben. Wenig und viel. Bei einem Tässchen leicht gesüßten griechischen Kaffees.
Hier nun ein Foto des Schattens, den der höchste Gipfel des Taygetos-Gebirges an seltenen Tagen, bei Sonnenaufgang, auf die Bucht von Kalamata wirft. Man kann ihn nur vom Gipfel aus sehen. (Es ist leider nicht mein Foto, denn ich kann nicht mehr hinaufsteigen, und ich weiß auch nicht, wer es aufgenommen hat).










. Die Schatten werden zugleich weicher und tiefer, das Licht grenzt sich weniger scharf vom Schatten ab, der Graubereich atmet in beide Richtungen – vermittelt zwischen Dunkel und Licht.











































