Juttas geschichtengenerator. Sieben Personen warten auf ihre Autorin

Luigi Pirandello behauptet (in seinem Vorwort zu dem Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor von 1926), dass er eine Magd habe, Fantasia mit Namen, und „die macht sich einen Spaß daraus, mir Leute ins Haus zu schleppen, damit ich Novellen, Romane und Theaterstücke aus ihnen mache; es sind die unzufriedensten Leute der Welt, Männer, Frauen, Kinder, die in Geschehnisse verwickelt sind, aus denen sie keinen Ausweg mehr finden, die gescheitert sind in ihren Plänen, betrogen in ihren Hoffnungen, und der Umgang mit ihnen kostet natürlich oft große Mühe. – Nun kam meiner Magd Phantasie (…) der unglückliche Gedanke oder, sagen wir, der verhängnisvolle Einfall, mir eine ganze Familie ins Haus zu führen. Ich könnte nicht sagen, wo oder wie sie sie aufgegabelt hatte. Ihrer Ansicht nach hätte ich jedenfalls den Stoff für einen wunderbaren Roman aus ihr herausholen können.“

Mir ging es wie Pirandello, mit dem Unterschied, dass ich weiß, wer mir die Figuren ins Haus geschleppt hat: Jutta Reichelt mit ihrem http://juttareichelt.com/2016/03/25/11-geschichtengenerator-in-aktion/  ….

Diese sechs (bzw sieben, acht oder neun) Personen ...standen, ohne dass ich wissentlich nach ihnen gesucht hätte, so lebendig, dass ich sie hätte berühren können, dass ich sogar ihren Atem hören konnte, mir gegenüber. Dergestalt anwesend warteten sie, jeder mit seinem heimlichen Kummer und alle vereint durch ihre Entstehung und ihre miteinander verflochtenen Erlebnisse, dass ich ihnen die Welt der Kunst zugänglich machte…

Aber ich war anderweitig beschäftigt. Schließlich ist es nicht meine Hauptaufgabe im Leben, mich um ausgedachte Figuren zu kümmern. „Warum“, dachte ich mit Pirandello, „sollte ich (meine Blogfreunde) mit der Erzählung der traurigen Geschicke dieser  unglücklichen Menschen betrüben?“ Und mit diesem Gedanken schob ich sie von mir fort, oder vielmehr versuchte ich alles, um sie fernzuhalten. – Aber man gibt einer Gestalt nicht umsonst Leben.

Sie lebten also, während ich noch die feste Absicht hatte, sie aus meinem Geist zu verjagen, selbständig weiter. Inzwischen verloren sie ihre Farbigkeit, sie verblassten, wurden durchscheinend …

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… und drohten, im Orkus des literarischen Personals zu verschwinden, in dem alle landen, die einmal entstanden, dann aber von ihrem Autor in Stich gelassen wurden.

Als ich sie so bleich und halbwegs dahingeschieden sah, packte mich das schlechte Gewissen. Vielleicht sollte ich sie doch noch mal aufpäppeln, damit sie fähig waren, ihre Geschichte zu Ende zu erzählen, um dann vielleicht nicht im Orkus, sondern in den Elysischen Feldern (dem ewigen Leben der Literatur) zu landen?

Ich will gerne meine Pflicht tun, und wenns denn klappt und sie kehren zurück ins farbige Leben – so sei es ihnen gegönnt. Zunächst aber wird es nötig sein, sich zu erinnern, wer sie sind und wo wir sie verließen.. https://gerdakazakou.com/2016/02/18/ende-geschichtengenerator-luise-john-emma-nina-kantine-flo-manni-bahnhof-erkan-x-2-theke/

Links im Bild steht Nina, die uns allen bekannte, liebenswerte Inhaberin einer Kneipe. Sie ist immer noch ein wenig dickleibig, aber wen stört das? Eine dünne Wirtin will keiner. Wir verließen sie, als sie am stillgelegten Bahnhof saß und über die Schicksale ihrer Kindheitsfreundin Luise und ihre eigenen sinnierte, Katzen fütterte und dem Ruf des Käuzchens lauschte. – Hinter ihr schwebt der Geist der Luise, die dort, bei den Gleisen, vom Leben zum Tod gebracht wurde. – Nina zu Füßen ruht, nach getaner Arbeit, und hält verdienten Schlaf das Auge des Gesetzes, Ehemann Manfred, genannt Manni. Vor Nina steht ein Kleiner, unklar ob es Flo der Sprayer oder Erkan, sein Freund ist. Erkan, wir erinnern uns, liebte Luise und wurde deshalb eingesperrt, später aber auf freien Fuß gesetzt, als sich nämlich herausstellte, dass ein anderer Luises Mörder war.  IMG_6516Wer aber sind die beiden Frauen rechts im Bild? Ich fürchte, sie heißen beide Emma. Emma, die schwer Bepackte. Die beiden kennen sich noch nicht, begegnen sich hier auf dem Bild zum ersten Mal. Die eine Emma ist Kunsttherapeutin in einer Psychiatrischen Klinik und forscht über den Fall des John K, über John den Maler also, der Luise ums Leben gebracht hat. Sie hofft auf eine eheliche Verbindung mit Dr. Erkan Y, ihren Chef.  Die andere Emma ist Verkäuferin an einer Käsetheke und Schutzengel von Viktor, dem Dichter aus Kongo-Brazzaville, der mit seinem selbstgebauten Rollwagen am Eingang der Fußgängerzone sitzt und Leuten, die ihm ein Almosen geben, Gedichte schenkt.

Es bleibt die Figur rechts unten, die ich für John (auffallend blass) halte: Eines Tages wird seine Marmorbüste in einem Park stehen, weil er eine Berühmtheit geworden ist. Künstler und Mörder aus Wahnsinn – das ist eine unwiderstehliche Kombination für den Nachruhm. Vielleicht handelt es sich bei der Marmorbüste aber auch um Victor?  Auch sein Schicksal verheißt erhöhte Medienpräsenz. Ein schwarzer Krüppel, Bettler und Dichter, der seinen ersten Preis gewann – so verließen wir ihn. Einmal entdeckt, wird man ihn rumreichen, wird ihm Preis um Preis verleihen, bis er kein schwarzer Krüppel und Bettler mehr ist, sondern ein Mann mit Namen und Werk. Man wird ihm Biographien schreiben und ihn rühmen als Präzedenzfall für gelungene Integration und die Toleranz der neudeutschen Gesellschaft.

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Liebe Leute, ich weiß nicht, ob ich euch eure frischen Farben zurückgeben kann. und wenn ja, wann. Habt ein wenig Geduld mit mir.

O, was ist das? Die eine Emma – ich vermute, es ist die Therapeutin – hat bereits begonnen, lebhaft zu deklamieren! Sie scheint der anderen Emma Bilder von John zu zeigen und ihr den Fall anhand ihrer Aufzeichnungen zu erläutern! Ihren Dossier schleppte sie im Rücksack mit sich! So sind sie, die Figuren von Jutta! Kaum reichst du ihnen den kleinen Finger, fangen sie schon an und spielen sich auf.

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Montags ist Fototermin: mein Atelier

Darf ich euch mein Atelier zeigen so, wie es gerade ist? Unaufgeräumt. Doch so sieht es meinstens aus, wenn auch nicht jeden Tag gleich.

Du näherst dich dem Eingang, nachdem du eine steinerne Treppe hinabgestiegen und um die Ecke gebogen bist. Ein alter Olivenbaum, ziemlich überwachsen von allerlei Winden, Ranken und Geranien, hält Wache. IMG_6503

Die Eingangstür aus grau gestrichenem Eisen steht offen. Also darf man eintreten.

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Auf den ersten Blick sieht es ja ganz ordentlich aus. Die Stühle vom gestrigen Meeting (ich mache hier Sonntags immer Gruppenarbeit, insbesondere systemisches Aufstellen) stehen noch im Kreis, und hinten links lehnt die Gitarre an dr Wand. Ein Fernrohr, kaum gebraucht, da mir das Justieren nicht gelingt, wartet rechts hinten auf einen Fachmann. Dahinter geht eine Rampe hoch zu Hilfsräumen. Unter der orange Decke verbirgt sich das schwarze Ledersofa, das in Johns Atelier eine Rolle spielte. (https://gerdakazakou.com/2016/01/29/fortsetzung-iii-mit-atelier-flo-komm/)

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Beim näheren Hinschauen wird das Durcheinander schon ein bisschen störend. Ich müsste mich wohl doch mal entscheiden, ein paar Sachen hinter die Regale zu stopfen. Aber nun sind sie halt da, und ihr könnt sie betrachten: eine Art „Wandzeitung“, in der ich die Legearbeiten zum „Volksgeist und dem Ring der Herrschaft“ vom Januar 2015 für meine Ausstellung in Koroni  (Oktober 2015) ausgedruckt habe. (https://gerdakazakou.com/2015/06/21/der-volksgeist-und-der-ring-der-herrschaft-eine-unendliche-geschichte/), einen Gong aus 12 Metallen, der den Sonnenton in sich trägt, Zeichnungen und Bilder überall, vollgestopfte Regale. Es riecht angenehm nach Farbe – ich finde den Geruch berauschend.

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Draußen lacht ein sonniger Tag, und mein Hund wartet auf seinen Spaziergang. Also erlaube ich mir hinauszugehen. Aufräumen kann ich auch später, ein andermal oder eben auch nicht. Wenn du magst, begleitest du mich noch ein Stückchen, es lohnt sich!

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Denn trittst du aus dem Atelier: „Wie herrlich leuchtet mir die Natur“ , der Feigenkaktus und das voll erblühte Quittenbäumchen, die Ölbäume und die blaue Bucht von Kalamata.

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Hinaus, hinunter den Weg, vorbei an dem Feld, auf dem eine Ziegensippe grast (und flieht) … und schon bist du am Meer.

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Beeile dich ein bisschen, sonst ist die Sonne weg!

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Eine schöneWoche wünsche ich! Καλή εβδομάδα

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Zeichnen (5): Wenn Bekannte und Kunststudenten dir Modell sitzen

Es ist eine prekäre Sache, wenn Freunde und Bekannte dir Modell sitzen. Sie möchten gern gut oder jedenfalls ähnlich aussehen. Wenn du sie hässlich zeichnest, sind sie sauer, denn sie halten das für Mangel an Sympathie (soo siehst du mich?), wenn du sie verzeichnest, halten sie dich für einen Stümper. Wenn du sie zeichnest, wie sie gerne aussehen würden,

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macht sie das glücklich.

Ideal als Modell sind Menschen, die selbst mit der Kunst zu tun haben –  IMG_6329 IMG_6178 IMG_6330also professionelle Modelle, denen das Ergebnis egal ist, sowie Kunststudenten, die  auf andere Qualitäten der Zeichung als Ähnlichkeit und Wohlgestalt schauen. Sie haben auch eher Verständnis für die zeichnerischen Schwächen des Anfängers.

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Einen nicht geringen Einfluss auf die Zeichnung hat der Lehrer. Das waren, außer der ersten Lehrerin im XEN, die eine durchaus strenge Auffassung vom Zeichnen hatte, in meinem Fall vor allem drei junge Frauen – fortgeschrittene Studentinnen an der Kunstakademie, die sich ihr Brot als Modelle verdienten: Julia, Gianna, Alkisti  (Alkeste).

IMG_6404 Dies ist Alkisti, die Älteste, zugleich auch die letzte, die mein Zeichnen beeinflusste. Charakteristisch ist die Linienführung. Jeder Punkt der Zeichnung musste gefunden werden, indem man ihn mit anderen verband. Dazu benutzt man einen kleinen eisernen Stab, den man gegen das Modell hält, den Winkel feststellt und diesen mit dem Kohlestift auf dem Papier notiert. So entsteht Linie für Linie die Figur. Die vielen Punkte, an denen sich Linien kreuzen, verbindet man und erhält so die Kontur. Das Ergebnis sind sehr präzise, aber irgendwie auch unlebendige Zeichnungen, Konstrukte eben. Eine gute Übung in jedem Fall.

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Dies ist Julia, die Malerische. Sie  legte wert auf die genaue Wiedergabe der Helligkeitswerte, also insbesondere der Grautöne. Wie hebt sich die Helligkeit des Arms vom hell-dunkel gebrochenen Hintergrund des Kleides ab? Manchmal ist die Konturlinie dunkel, dann wieder so hell, dass sie mit dem hellen Tuch fast verschmilzt. das Ergebnis sind klassisch anmutende Schwarz-Weiß-Studien.

IMG_6350 Und dies hier ist Gianna, die Expressive. Zwei Sätze sind mir in Erinnerung geblieben, die sie immerfort wiederholte. Der eine Satz war: „Alles zusammen“. Du sollst dich nicht auf ein Detail versteifen, sondern immer das ganze Bild, also die Gesamtwirkung im Blick haben. Der andere Satz: „Es ist dein Werk, du kannst damit tun, was du willst“. Das war die Aufforderung, nicht ängstlich am Vorbild zu kleben, sondern autonom zu handeln. Und es hieß auch: Sei mutig, zerstöre, was dir nicht gefällt, übermale es, überarbeite es, es ist deins! Mach damit, was dir gefällt.

Ach, Gianna, du sehr begabte sehr junge Frau, als die ich dich kannte! Wie gut mir diese Sätze getan haben!! Nie habe ich sie vergessen. Auch dich habe ich nicht vergessen, Gianna. Als ich dich so nachdenklich, sogar traurig zeichnete, war mir nicht bewusst, welches Schicksal auf dich wartete. War es dir bewusst? IMG_6353

Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass du sehr begabt warst, und dreißig, als du an Leukämie erkranktest. Deine Freunde sorgten dafür, dass du deine erste Ausstellung bekamst. Mit 32 Jahren war dein Weg schon zu Ende.

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Ich aber, Gianna mou, ich bin noch immer da, und ich erinnere mich an dich mit großer Liebe.

 

 

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Zeichnen (4) : die menschliche Gestalt

In das Auditorium der Athener Kunstakademie, in dem abends das Aktstudium für alle Semester stattfand,  schmuggelte ich mich unter falschem Namen ein. Der Wärter am Eingang beäugte mich zwar misstrauisch, als ich mich als M.K. (Name einer griechischen Freundin) vorstellte,  ließ mich aber passieren.Ich fühlte seinen Blick noch in meinem Nacken, als ich mir einen  Platz irgendwo in der Mitte der aufsteigenden Sitzreihen suchte und möglichst gelassen Papier und Kohle aus der Tasche kramte.

Weit unten, wie eine Schauspielerin auf der hell erleuchteten Bühne, erschien eine Frau, nackt mit schwarzem Schal. Eine Assistentin gab Anweisung: eine Minute die Position halten, dann Wechsel. Drei Minuten, Wechsel! Eine Minute – Wechsel! Während sie ihre Anweisungen zum Modell rüberschrie, ging sie durch die Sitzreihen, um die Arbeiten der Studierenden zu begutachten. Mein Herz klopfte gewaltig, als sie sich mir näherte, aber zu meiner Erleichterung hatte sie gute Worte für meine Skizzen. „So müsst ihr das machen“, rief sie und stellte mich als Vorbild hin. „Das Wesentliche erfassen!  Keine Gesichter, keine Details!“ Uff! Ich fühlte mich plötzlich sicher, entspannte mich.

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Eine andere Gelegenheit für Aktstudien ergab sich beim XEN („Vereinigung christlicher Frauen“), das eine Art Volkshochschulprogramm für Jedefrau anbietet. Ich wurde aufgrund meiner Mappe gleich zum zweiten Studienjahr zugelassen und hatte das große Glück, eine ausgezeichnete Graphikerin als Lehrerin zu bekommen.

Im übrigen suchte man sich Mitkämpferinnen, um das Geld für Modelle aufzubringen, ging wann immer möglich in die Kunstakademie und erwischte bisweilen auch einen Angehörigen bei der Siesta, an dem man seine Studien treiben konnte.

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Warum nackt? mögen manche fragen. Nun, um den menschlichen Körper zu begreifen, ist das Aktstudium nötig. Kleidung hat andere Qualitäten als die nackte Haut. Auch kann man bei Kleidung durchaus schummeln – eine Falte darf so oder auch anders fallen. Bei einem nackten Körper hast du gar keine Anhaltspunkte außer eben diesem Körper selbst.

IMG_6343IMG_6342Hilfslinien, folgend der unterschiedlichen Bräunung der Haut, müssen notfalls die Kleidungsstücke ersetzen.

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Hilfreich ist auch, wenn man ein Umfeld mitgestalten kann, von dem sich der hellere Körper als Kontrast abhebt.

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Aber der reine Akt ohne Drum und Dran ist die eigentliche Herausforderung.

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Zeichnen No. 3: Einfühlen durch Kopieren

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„Im Grunde genommen“ – las ich kürzlich, und ich stimme dem zu -„kann der Mernsch nur das verstehen, wovon er weiß, wie es entsteht, wie es wird. Er kann nur das verstehen, an dessen Schöpfung er in einer gewissen Weise erkennend sich beteiligen kann.“ * Gesagt wurde dieser Satz in anderem Bezug: es ging um unser Verstehen der Naturreiche, die, da wir sie nicht erschaffen haben, unserer Wissenschaft  verschlossen bleiben.

Bei der Kunst sind wir glücklicher dran, denn sie ist von Menschen gemacht. Selbst wenn wir nur ein kleines Licht sind und es ein Genie war, das ein Bild geschaffen hat – wir können es in gewisser Weise nachvollziehen und begreifen. Eine Methode ist, Bilder zu kopieren. Alberto Giacometti hat angeblich sämtliche Bilder des Louvre drei Mal kopiert, etliche auch öfter. Er nannte das „Einfühlen durch Kopieren“.

Von den vielen Kopien, die ich meist nach gedruckten Vorlagen machte, haben sich nur wenige in meine Zeichenmappen gerettet. Das macht aber nichts, denn für euch wäre sowieso nur das Original als Kopiervorlage interessant. Meine kleinen Versuche mögen immerhin als Anregung dienen, dem „Nachschaffen“ Raum zu geben. Man begreift ein Bild anders, wenn man es abzeichnet und die Diskrepanzen wahrnimmt, die das Eigene vom Original trennt.

Hier seht ihr nun: Köpfe nach Leonardo (mit Feder und Chinatinte ) und Kopf eines alten Mannes nach Rubens, der diesen Kopf selbst kopiert hatte, vergessen nach wem (Pastell), zwei frühe Landschaften nach van Gogh (Bleistift), Vergleich von Frauen nach Kokoschka und Schiele (Bleistift), zwei Versuche nach Toulouse-Lautrec (Bleistift) und ein kleines Waldstück, vergessen nach wem, vielleicht Derrain (Pinsel und Chinatinte).

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Auch heute ein kleiner Nachtisch mit einer eigenen Komposition, zugleich ein Nachtrag zum gestrigen Beitrag: ein recht großes komplexes Stillleben in kubistischer Manier (Kohle auf Papier A2).

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*Rudolf Steiner, 10. Vortrag der Reihe „Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen“, Helsingfors, 12. April 1912

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Stillleben (2): Bewegung des Unbewegten

IMG_6238 In meinem Beitrag „Etüden No 3“ stellte ich zufrieden fest, dass die lebendigen Dinge ein stilles Leben in sich haben. Beruhigend sei dabei, dass Äpfel und Birnen – anders als Menschen und Katzen – an ihrem Platz bleiben, so dass man sie in Ruhe abzeichnen kann.

Mit spitzem Bleistift – Etüden No. 3

 

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Flaschen, Gläser und Tücher bleiben, wenn die Katze nicht drüber springt, an ihrem Platz, und Bewegung kommt in ihr stilles Leben nur durch die Strichführung und durch kompositorische Elemente.

IMG_6397Will man die Bewegung der Pflanze betonen, kann man sie zum Beispiel auf einen Schrank stellen, der durch seine rechten Winkel Stabilität signalisiert.

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Oder meinetwegen stellt man die Vase vor einen Spiegel, so dass sich die Winkel verändern und sie in einen bewegten Dialog mit ihrem Spiegelbild eintreten kann.

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Wem das noch nicht genug Bewegung ist, kann die Damastdecke, auf dem die Äpfel ruhen, in fließende Falten bringen …

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.. oder durch unterschiedliche Bearbeitung des Festen (Vase) und des Vegetativen (Pflanze) die Verschiedenheit ihres stillen Lebens betonen.

IMG_6360Das alles ist den Dingen angemessen. Sie erscheinen im Licht,  runden sich vor unserem Auge  und und sinken ins schattige Dunkel zurück.

Doch eines Tages stach mich der Hafer. Genug des stillen Lebens! Ich wollte die Äpfel und Birnen tanzen sehen, und die Flaschen sollten sich nicht nur brav spiegeln, sondern sich verdoppeln und übereinander wachsen. In der Kunstgeschichte kennen wir diese plötzliche Manie, die die Maler ergriff, als Kubismus – und, in nochmaliger Steigerung -,  Futurismus. – Wie sonst sollten die Maler standhalten  gegenüber dem aufkommenden Film? gegenüber der allgemeinen Beschleunigung der Welt? Auf ihrer armseligen zweidimensionalen Fläche mussten sie die neue Dynamik des Zeitalters irgendwie gestalten. Und so erfanden sie das Prinzip der Simultanität: die verschiedenen Ansichten eines Gegenstandes, die sich im Leben und in den bewegten Bildern des Films nacheinander ordnen, erscheinen im Kubismus gleichzeitig auf der Bildfläche und durchdringen sich.

Meine Obstschalen und Flaschenensembles jener Zeit sind nicht eigentlich kubistisch. Vielmehr handelt es sich nur um Anspielungen auf diese Kunstepoche. So als wollte ich sagen: schaut her,  auch ich kann den Dingen ihr stilles Leben austreiben und sie zum Tanzen bringen.

     IMG_6232IMG_6236Und wenn Flaschen und Äpfel in Bewegung geraten, warum nicht auch die Gipsköpfe, die der geplagte Adept der Kunst wieder und wieder abzeichnen muss? Hier treten die Göttinnen der Liebe (Aphrodite) und der Gesundheit (Hygia) in einen Dialog, und, so möchte ich hoffen, vereinen ihre Kräfte, damit es uns allen gut geht.

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Zeichnen – von Kassel nach Kreta

Immer noch arbeite ich mich durch die Mappen mit den alten Zeichnungen hindurch, fotografierte (schlecht) und überlegte, was ich euch denn heute präsentieren soll. Da fiel mein Blick auf eine Bleistift-Zeichnung, die ich mit besonders großer Akuratesse ausgeführt hatte. Wer mal in Kassel war oder gar dort wohnt, wird das Motiv erkennen.Damals hatte ich große Freude daran, vor dem Motiv sitzend zu zeichnen ( bis heute habe ich nicht nach Fotos gearbeitet). So detailgenau wie dieses sind freilich nur wenige meiner Zeichnungen.

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Da mein Auge nun für Deutsches geschärft war, fiel mir gleich noch ein anderes Motiv auf, diesmal in Kohle. Die Kasselaner werden den Blick kennen – falls er nach mehr als 30 Jahren noch so ist wie damals.

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Die Verfärbungen müsst ihr euch wegdenken. Und wenn jemand von euch den Blick, wie er heute ist, fotografisch festhalten möchte: Es würde mich freuen.

Als Nachtisch noch drei Kohlezeichnungen aus Kreta, auf die ich damals besonders stolz war. Die Technik bestand darin, mit einem Spezialgummi (oder auch mit Weißbrot) Teile der Zeichnung auszuradieren, also nicht nur vom Hellen ins Dunkle, sondern auch vom Dunklen ins Helle zu arbeiten. Die Wirkung erinnert ein wenig an alte Gravouren. Ich habe diese Technik dann bald wieder aufgegeben, da mir der direkte lebendige Strich mehr zusagt.  .

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Leben im Tod (oder umgekehrt) – ein Spaziergang

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Gestern am „Weststrand“ von Kalamata fand ich eine tote Caretta caretta.

Etwas getrübt und schwer ist die Atmosphäre, von den weiter im Inland qualmenden Fabriken, die Olivenkerne verarbeiten. Tito rennt freudig durch die hellen kleinen Wellen, ich stapfe durch den Kies. Der weite Strand ist leer. Eine noch winterlich verlassene Sommerhütte aus Schilf. Tang und flache Flitzsteine. Ein angeschwemmter Baumstumpf, holzwurmzernagt, schöne Plastik. Ein zerfetzter dunkelfarbiger Sonnenschutz, gebaut aus Eternitrohren und einer ausgefransten Plane, spießt sich in den Horizont. Ich gehe drauf zu, knipse, suche einen  besseren Winkel zum Fotografieren, knie mich in den Sand. Da sehe ich sie: die riesige Schildkröte. Hier ist sie wohl verendet, hat sich unter den Sonnenschutz geschleppt, um zu sterben. Sie riecht nur wenig nach Aas. Kleine harmlose Fliegen huschen über sie hinweg. Mein Herz ist schwer von Trauer. Sie ist so gewaltig groß, ihr Panzer so schön geschwungen. Eine herrliche Schale.

2025, las ich, wird es die Caretta Caretta nicht mehr geben.

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Kohle No. 2: Experimentieren vor der Landschaft

Jahrelang besuchte ich jeden Sommer die Insel Samothrake, und dort entwickelte sich auch meine Malerei zuerst.

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Ich benutze einfache Kohle, der man noch ansieht, dass sie aus Holz gewonnen wurde.  Die Stücke brechen leicht, aber das stört mich nicht, im Gegenteil. Oft zerbreche ich sie absichtlich, um ihre Breite zu nutzen oder neue Kanten zu gewinnen. Das Papier kann billig und dünn sein, wie dieses hier, das im Laufe der Zeit stark vergilbt ist.

 

IMG_6254aDie leiseste Berührung der Kohle mit dem Papier hinterlässt Spuren. Bei kräftigerem Aufdrücken vertiefen sich die Linien und Schatten. Das Dach eines Hauses tritt aus dem Wäldchen hervor. IMG_6254d

Kreisende Striche IMG_6254b schaffen Fülle und Rundung der Formen.

Diesen eher lyrisch-melodischen Bildern entgegengesetzt sind die, die sich auf die Landschaftsstruktur konzentrieren.  Die Linien geben vor allem den Bau und Rhythmus der Landschaft an. Vergleichbar scheint mir das mit den Rhythmusinstrumenten in der Musik.

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Ich versuche, Klarheit der Formen zu finden, aber allzu große Härten zu vermeiden. Dabei helfen die verdoppelte Kontur, die gelegentlichen Verwischungen.

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Eine dritte Sorte von Zeichnungen aus dieser Zeit sind einfache, expressive Skizzen wie diese hier:

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Darin, denke ich, bin ich am meisten zu Haus. Sie entsprechen meinem Temperament als geborenem Stiermensch.

Aber es gibt doch auch eine andere Seite, die sich gern ins Träumerische verliert. Da löse ich mich von dem, was mir vor Augen liegt, und schaffe aus einem ganz innerlichen Rhythmus heraus.

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Die schwierigste Entscheidung für mich, die ich bisher nicht habe treffen können, ist: Wer bin ich? Welches ist der mir gemäßeste Ausdruck? Sie gefallen mir alle – und noch etliche Ausdrucksformen mehr -, und es fällt mir nicht schwer, mich in all diesen Stilen auszudrücken. Doch geht das? Muss ich mich nicht entscheiden? Das, liebe Leute, kann ich leider nicht. Und so wechselte ich in all den Jahren, die kamen, und trug mal das Hemd des Lyrikers, mal das gestrenge Kostüm der Strukturalisten, mal wollte ich einfach nur im Leben sein, und oft genug trug ich auch das Narrenkleid.

Gute Nacht für heute.

 

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Montag ist Fototermin – ein Nachtrag: Helen Escobedo

Ich habe das Bedürfnis, meinen heutigen Beitrag mit einem Nachtrag zu versehen. Wie lebendig steht Helen Escobedo, dieser wunderbare Mensch, diese großartige Künstlerin, vor meinem inneren Augen! Wenn ihr mögt, schaut doch einmal nach, es gibt viel über sie zu ergoogeln.

Ich selbst kann ein paar sehr persönliche Fotos beitragen, die ich während unseres Mexiko-Besuchs im Jahre 2006 machte.

Helen, Panos und ich, 2006 in Mexiko. (1) Straßenlokal, (2-3) Kleinstadtmarkt (4) Helens Skulptur „die große Schlange“ im Universitäts-Campus Mexico City, (5-6) Frühstück in Puebla, (7) Helens Skulptur in ihrem Garten in Mexico City, (8) in Helens Garten unterhalb des Popokatepitl, (9) Blick in eine Anlage mexikanischer Künstler (auch Helen) mit Lavagestein im Inneren, (10) Helen und ich, lachend, beim Frühstück in Puebla (11) Uni-Campus, vor dem Museum für moderne Kunst, deren Direktorin Helen war (12) Helens Stadtwohnung mit Skulpturen, (13) im Haus von Diego Rivera und Frida Kahlo in Mexico City, mit von Rivera gesammelter Volkskunst (14) nochmal wir beiden.

Adieu, Helen. Adieu! An den Tagen, an denen in Mexico der Tod gefeiert wird, tanzt la Muerte (die Todin) mit den Lebenden, sitzend auf ihrer Schulter.  Das sagtest du mir, und ich will es wohl glauben.

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