Juttas geschichtengenerator. Sieben Personen warten auf ihre Autorin

Luigi Pirandello behauptet (in seinem Vorwort zu dem Theaterstück Sechs Personen suchen einen Autor von 1926), dass er eine Magd habe, Fantasia mit Namen, und „die macht sich einen Spaß daraus, mir Leute ins Haus zu schleppen, damit ich Novellen, Romane und Theaterstücke aus ihnen mache; es sind die unzufriedensten Leute der Welt, Männer, Frauen, Kinder, die in Geschehnisse verwickelt sind, aus denen sie keinen Ausweg mehr finden, die gescheitert sind in ihren Plänen, betrogen in ihren Hoffnungen, und der Umgang mit ihnen kostet natürlich oft große Mühe. – Nun kam meiner Magd Phantasie (…) der unglückliche Gedanke oder, sagen wir, der verhängnisvolle Einfall, mir eine ganze Familie ins Haus zu führen. Ich könnte nicht sagen, wo oder wie sie sie aufgegabelt hatte. Ihrer Ansicht nach hätte ich jedenfalls den Stoff für einen wunderbaren Roman aus ihr herausholen können.“

Mir ging es wie Pirandello, mit dem Unterschied, dass ich weiß, wer mir die Figuren ins Haus geschleppt hat: Jutta Reichelt mit ihrem http://juttareichelt.com/2016/03/25/11-geschichtengenerator-in-aktion/  ….

Diese sechs (bzw sieben, acht oder neun) Personen ...standen, ohne dass ich wissentlich nach ihnen gesucht hätte, so lebendig, dass ich sie hätte berühren können, dass ich sogar ihren Atem hören konnte, mir gegenüber. Dergestalt anwesend warteten sie, jeder mit seinem heimlichen Kummer und alle vereint durch ihre Entstehung und ihre miteinander verflochtenen Erlebnisse, dass ich ihnen die Welt der Kunst zugänglich machte…

Aber ich war anderweitig beschäftigt. Schließlich ist es nicht meine Hauptaufgabe im Leben, mich um ausgedachte Figuren zu kümmern. „Warum“, dachte ich mit Pirandello, „sollte ich (meine Blogfreunde) mit der Erzählung der traurigen Geschicke dieser  unglücklichen Menschen betrüben?“ Und mit diesem Gedanken schob ich sie von mir fort, oder vielmehr versuchte ich alles, um sie fernzuhalten. – Aber man gibt einer Gestalt nicht umsonst Leben.

Sie lebten also, während ich noch die feste Absicht hatte, sie aus meinem Geist zu verjagen, selbständig weiter. Inzwischen verloren sie ihre Farbigkeit, sie verblassten, wurden durchscheinend …

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… und drohten, im Orkus des literarischen Personals zu verschwinden, in dem alle landen, die einmal entstanden, dann aber von ihrem Autor in Stich gelassen wurden.

Als ich sie so bleich und halbwegs dahingeschieden sah, packte mich das schlechte Gewissen. Vielleicht sollte ich sie doch noch mal aufpäppeln, damit sie fähig waren, ihre Geschichte zu Ende zu erzählen, um dann vielleicht nicht im Orkus, sondern in den Elysischen Feldern (dem ewigen Leben der Literatur) zu landen?

Ich will gerne meine Pflicht tun, und wenns denn klappt und sie kehren zurück ins farbige Leben – so sei es ihnen gegönnt. Zunächst aber wird es nötig sein, sich zu erinnern, wer sie sind und wo wir sie verließen.. https://gerdakazakou.com/2016/02/18/ende-geschichtengenerator-luise-john-emma-nina-kantine-flo-manni-bahnhof-erkan-x-2-theke/

Links im Bild steht Nina, die uns allen bekannte, liebenswerte Inhaberin einer Kneipe. Sie ist immer noch ein wenig dickleibig, aber wen stört das? Eine dünne Wirtin will keiner. Wir verließen sie, als sie am stillgelegten Bahnhof saß und über die Schicksale ihrer Kindheitsfreundin Luise und ihre eigenen sinnierte, Katzen fütterte und dem Ruf des Käuzchens lauschte. – Hinter ihr schwebt der Geist der Luise, die dort, bei den Gleisen, vom Leben zum Tod gebracht wurde. – Nina zu Füßen ruht, nach getaner Arbeit, und hält verdienten Schlaf das Auge des Gesetzes, Ehemann Manfred, genannt Manni. Vor Nina steht ein Kleiner, unklar ob es Flo der Sprayer oder Erkan, sein Freund ist. Erkan, wir erinnern uns, liebte Luise und wurde deshalb eingesperrt, später aber auf freien Fuß gesetzt, als sich nämlich herausstellte, dass ein anderer Luises Mörder war.  IMG_6516Wer aber sind die beiden Frauen rechts im Bild? Ich fürchte, sie heißen beide Emma. Emma, die schwer Bepackte. Die beiden kennen sich noch nicht, begegnen sich hier auf dem Bild zum ersten Mal. Die eine Emma ist Kunsttherapeutin in einer Psychiatrischen Klinik und forscht über den Fall des John K, über John den Maler also, der Luise ums Leben gebracht hat. Sie hofft auf eine eheliche Verbindung mit Dr. Erkan Y, ihren Chef.  Die andere Emma ist Verkäuferin an einer Käsetheke und Schutzengel von Viktor, dem Dichter aus Kongo-Brazzaville, der mit seinem selbstgebauten Rollwagen am Eingang der Fußgängerzone sitzt und Leuten, die ihm ein Almosen geben, Gedichte schenkt.

Es bleibt die Figur rechts unten, die ich für John (auffallend blass) halte: Eines Tages wird seine Marmorbüste in einem Park stehen, weil er eine Berühmtheit geworden ist. Künstler und Mörder aus Wahnsinn – das ist eine unwiderstehliche Kombination für den Nachruhm. Vielleicht handelt es sich bei der Marmorbüste aber auch um Victor?  Auch sein Schicksal verheißt erhöhte Medienpräsenz. Ein schwarzer Krüppel, Bettler und Dichter, der seinen ersten Preis gewann – so verließen wir ihn. Einmal entdeckt, wird man ihn rumreichen, wird ihm Preis um Preis verleihen, bis er kein schwarzer Krüppel und Bettler mehr ist, sondern ein Mann mit Namen und Werk. Man wird ihm Biographien schreiben und ihn rühmen als Präzedenzfall für gelungene Integration und die Toleranz der neudeutschen Gesellschaft.

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Liebe Leute, ich weiß nicht, ob ich euch eure frischen Farben zurückgeben kann. und wenn ja, wann. Habt ein wenig Geduld mit mir.

O, was ist das? Die eine Emma – ich vermute, es ist die Therapeutin – hat bereits begonnen, lebhaft zu deklamieren! Sie scheint der anderen Emma Bilder von John zu zeigen und ihr den Fall anhand ihrer Aufzeichnungen zu erläutern! Ihren Dossier schleppte sie im Rücksack mit sich! So sind sie, die Figuren von Jutta! Kaum reichst du ihnen den kleinen Finger, fangen sie schon an und spielen sich auf.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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8 Antworten zu Juttas geschichtengenerator. Sieben Personen warten auf ihre Autorin

  1. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, als Kind hatte ich ein Lieblingsbuch: Max und die Männchen, Max hatte einen Pudel, aber keine Freunde, also malte er sich welche auf seine Zimmerwand. Aber was war das? Sie stiegen von der Tapete herunter und wurden die besten Freunde von Max und stellten so einiges an. Kürzlich erst las ich, dass es dieses Buch jetzt wieder gibt. Gezeichnete Männchen, die lebendig werden, von Gerda gelegte Figuren, die nicht eher ruhen, bis sie wieder über die Flächen wandern dürfen und vielleicht sogar wieder Farbe bekommen, die Frühlingssonne würde es schon hergeben! ich würde mich auf alle Fälle für sie mit freuen …
    herzlichst
    Ulli

    Gefällt 2 Personen

  2. juttareichelt schreibt:

    Liebe Gerda, ich freue mich und kann einfach kein Bedauern aufbringen – so lebendig und originell wie sich dein wunderbares Personal präsentiert! Meine Vermutung: Du wirst die Bande zu unserem Glück so schnell nicht wieder los😉

    Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: (13) Geschichtengenerator in Aktion | Über das Schreiben von Geschichten

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