Zeichnen No. 3: Einfühlen durch Kopieren

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„Im Grunde genommen“ – las ich kürzlich, und ich stimme dem zu -„kann der Mernsch nur das verstehen, wovon er weiß, wie es entsteht, wie es wird. Er kann nur das verstehen, an dessen Schöpfung er in einer gewissen Weise erkennend sich beteiligen kann.“ * Gesagt wurde dieser Satz in anderem Bezug: es ging um unser Verstehen der Naturreiche, die, da wir sie nicht erschaffen haben, unserer Wissenschaft  verschlossen bleiben.

Bei der Kunst sind wir glücklicher dran, denn sie ist von Menschen gemacht. Selbst wenn wir nur ein kleines Licht sind und es ein Genie war, das ein Bild geschaffen hat – wir können es in gewisser Weise nachvollziehen und begreifen. Eine Methode ist, Bilder zu kopieren. Alberto Giacometti hat angeblich sämtliche Bilder des Louvre drei Mal kopiert, etliche auch öfter. Er nannte das „Einfühlen durch Kopieren“.

Von den vielen Kopien, die ich meist nach gedruckten Vorlagen machte, haben sich nur wenige in meine Zeichenmappen gerettet. Das macht aber nichts, denn für euch wäre sowieso nur das Original als Kopiervorlage interessant. Meine kleinen Versuche mögen immerhin als Anregung dienen, dem „Nachschaffen“ Raum zu geben. Man begreift ein Bild anders, wenn man es abzeichnet und die Diskrepanzen wahrnimmt, die das Eigene vom Original trennt.

Hier seht ihr nun: Köpfe nach Leonardo (mit Feder und Chinatinte ) und Kopf eines alten Mannes nach Rubens, der diesen Kopf selbst kopiert hatte, vergessen nach wem (Pastell), zwei frühe Landschaften nach van Gogh (Bleistift), Vergleich von Frauen nach Kokoschka und Schiele (Bleistift), zwei Versuche nach Toulouse-Lautrec (Bleistift) und ein kleines Waldstück, vergessen nach wem, vielleicht Derrain (Pinsel und Chinatinte).

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Auch heute ein kleiner Nachtisch mit einer eigenen Komposition, zugleich ein Nachtrag zum gestrigen Beitrag: ein recht großes komplexes Stillleben in kubistischer Manier (Kohle auf Papier A2).

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*Rudolf Steiner, 10. Vortrag der Reihe „Die geistigen Wesenheiten in den Himmelskörpern und Naturreichen“, Helsingfors, 12. April 1912

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Zeichnen No. 3: Einfühlen durch Kopieren

  1. haluise schreibt:

    ‚es ging um unser Verstehen der Naturreiche, die, da wir sie nicht erschaffen haben, unserer Wissenschaft verschlossen bleiben.‘
    FOLGENDES von mir:
    naturreiche (zu denen auch die naturgeister gehören), kann man nicht v e r s t e h e n (von verstand, der begrenzt ist, die naturreiche sind unendlich).
    man kann sie nicht ‚wissenschaftlich‘ ergründen, denn sie werden mit GEFÜHLEN wahrgenommen und das dann noch individuell.
    „“Alberto Giacometti hat angeblich sämtliche Bilder des Louvre drei Mal kopiert, etliche auch öfter. Er nannte das “Einfühlen durch Kopieren”.““
    ohne einfühlen in die wesensart und situation des künstlers/In kann man nicht kopieren.
    noch besser: es gibt schaffende, die die ausdrucksform eines künstlers/In nachempfinden und dann neue werke erschaffen in dessen stil — das will ich sagen.
    eine kopie aus dem kopierer ist unlebendig, eine kopie, die lediglich die äussere form nachäfft, ist unlebendig. hat weder die authentizität des künstler noch die des kopierenden künstlers.
    ICH, ich kann nicht kopieren, kommt immer was anderes und mit anderer aussage heraus.

    ich hab mal Tolstoi’s kopf grösser gemalt (in öl) von einem 1×2 cm-grossen bildchen, weil ich den kopf sooo toll fand. dann wollte ich plötzlich eine kopie davon anfertigen, was dann dilletantisch wurde, ein weiterer versuch misslang und ich änderte mein vorhaben und liess den kopf im nebel des gealtertsein schwinden und konnte so herausfinden, was mir misslang und was mir dann doch gelang.
    JA
    verwirrender kann ichs nicht vertellen …
    BIN LUISE und griisse

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  2. Martina Ramsauer schreibt:

    Es ist sehr schwierig zu sagen, welches deiner Kopien mir am besten gefällt, weil ich sie alle toll finde! Eigentlich erachte ich es als ein Geschenk, wenn man so viel Freude am Kreieren hat. Wenn ich z.B. einen kleinen Artikel schreibe, entnehme ich auch viele Informationen aus Artikeln/Bücher, die ich gelesen habe und forme sie für mich um und setze passende Bilder ein, so erhalte ich meine Kopie! Ich danke dir, Gerda, für deine Kunst. Hab ein schönes Wochenande.

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    • gkazakou schreibt:

      Du sagst da etwas, Martina, was mir ebenfalls vorschwebte: beim Schreiben kopieren wir oft auch, teils unbewusst, teils bewusst. Wahrscheinlich gilt, wie beim Malen, auch beim Schreiben: Kopiere einen Text, den du gelesen hast, dann begreifst du ihn viel tiefer. Man kann das Wort-Wort machen oder indem man das, was man behalten hat, aufschreibt – nachliest – die Differenzen wahrnimmt zwischen Original und Kopie.

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  3. kunstschaffende schreibt:

    Wunderbar, wenn man so zeichnen kann!
    Völlig egal ob Original oder Kopie.👏👌

    Grüße Babsi

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  4. gkazakou schreibt:

    eigentlich geht es beim Kopieren nicht darum zu verstehen, „was der Künstler sagen wollte“, sondern was er sagt und wie er es sagt. Man folgt ihm einfach und lernt.

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  5. kunstschaffende schreibt:

    Ja, ich seh schon ich muss noch viel lernen.
    Und es hört, bis man die Augen schließt, nicht auf.

    Vielen Dank liebe Gerda
    Grüsse Babsi

    Gefällt 1 Person

  6. Pingback: Studieren heißt kopieren: Landschaften nach Georges Rouault | GERDA KAZAKOU

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