Sich etwas vorstellen. Eine Geschichte über Personen, Dinge, Staaten, deren Existenz zweifelhaft ist

Angeregt durch http://juttareichelt.com/2016/03/11/10-geschichtengenerator-in-aktion/ und die Wörter Nina, Hotelzimmer und „wie stellst du dir das vor“.

Ich stelle es mir vor. Wie? Na, zum Beispiel so:

Luise – ihr erinnert euch vielleicht – ist von John in einem Zustand des künstlerischen Wahns umgebracht worden. Ihr Abbild ist in den Scherben des zerbrochenen Spiegels in Johns Atelier zurückgeblieben.

 

“Nina, Nina tam kartina eto traktor i motor”. Ich (Luise) hatte mir damals einen Spaß draus gemacht, Nina mit diesem Satz aufzuziehen. Bei jeder Gelegenheit. Sie hatte sich von einer ihrer Cousinen, die in der SBZ lebten, den Russischlehrgang für Grundschüler beschafft, damals, als das Land, das es inzwischen nicht mehr gibt, noch Sowjetisch Besetzte Zone hieß, fest entschlossen, sich des Russischen zu bemächtigen. Dostojewski im Original lesen! hatte sie geschwärmt. Vierzehn war sie, damals, und ich sechzehn. Wie stellst du dir das vor? hatte ich sie gefragt. In eurem Kaff gibt es keinen Russischlehrer. Auch in der Kreisstadt nicht. Du bist hier in der Bundesrepublik, hast du das vergessen? Hier lernst zu Englisch. Lies Shakespeare, wenn du so scharf drauf bist, die Weltliteratur im Original zu lesen. Diese Verrückte! Natürlich hatte ich recht. Ninas Lerneifer brach schnell zusammen, und so blieb es im Wesentlichen bei dem einen Satz: Nina, Nina tam kartina eto traktor i motor.

Ausgerechnet dieser Satz muss mir jetzt einfallen. Hier in diesem schäbigen Hotelzimmer. Die Karte ist schuld, die anstelle der sonst in Hotelzimmern üblichen Dekoration über dem schmalen Bett hängt. Nina Nina, tam kartina… – dort die Karte.   Was sich die Betreiber wohl dabei dachten, eine Karte Deutschlands in den Grenzen von 1939 aufzuhängen? In großen roten Buchstaben läuft ein Spruchband über die ganze Breite: Dreigeteilt niemals! Wie auf der Karte in unserem Schulatlas.  Als ich moserte und sagte, son Quatsch, wollt ihr noch  einen Krieg anzetteln oder was? kriegte ich eins aufs Dach. Hier ist sie also wieder, die Karte. Königsberg, die Stadt des Aufklärers Kant, wie der Herr Lehrer versicherte, der sonst mit Aufklärung nicht viel am Hut hatte, der alte Sack. Braun bis ins Blut. Aha, hier ist auch Breslau. Da hat Mama den Papa geheiratet, der war Soldat. Deutscher Soldat. Mama war Bulgarin, stolz auf ihre mazedonische Herkunft. Aus Petritsch. Darauf war sie stolz, keine Ahnung warum. Vielleicht, weil sie so als Arierin durchging. Stolz war sie auch darauf, dass sie in Sofia Betriebswirtschaft studiert hatte, sie habe sich durchgesetzt, das sei damals für Mädchen nicht leicht gewesen. Und nach all dem heiratet sie einen halb und Viertel Gebildeten, den Papa. Vielleicht, weil ich schon in ihrem Bauch war. Sie mussten sich beeilen. In Breslau gingen die Bomben runter, also gings weiter nach Berlin, da fielen auch Bomben. Da wurde ich dann geboren. „Im Bombenhagel“ – ein Witterungsphänomen. Der Krieg war dann bald zu Ende (es geht alles vorüber, es geht alles vorbei), aber mit Mamas Diplom war nichts anzufangen, und Deutsch konnte sie auch nicht, also studierte sie gleich noch mal, wurde Zahnärztin. Wie sie das schaffte, keine Ahnung. Klein und zart sah sie aus, aber das täuschte gewaltig. Sie setzte sich wieder durch, wie damals in Petritsch, restaurierte jetzt die Zähne der Neureichen, Super-Praxis. Ihr Deutsch blieb immer schlecht, war aber egal, alles war egal, außer Geld verdienen für die schicken Kleider, Hüte und Pelze und eine nicht minder schicke Immobilie, oder auch zwei.  Papa, der konnte reden, aber er brachte es nur zum Landmaschinenvertreter. … eto traktor i motor. Mama war der Traktor, der auch ihn in die Wohlstandshöhen hinaufzog.

Verdammtes Loch von Hotelzimmer.  Grad mal ein dreckiges Fenster, und das geht auf den Lüftungsschacht raus. Und dann diese Karte von Anno Dazumal. Vielleicht war keiner da, sie abzuhängen, und also ist sie noch da. So wie ich. Hols der Teufel. Drei Monate dürfte das Geld noch reichen. Höchstens. Wenn ich sparsam bin. Ich fange gleich heute an, einen Job zu suchen. Hoffentlich hat John noch sein Atelier. Unangenehmer Typ, und schrecklich blass. Aber was hilft es. Ich bin auch nicht mehr taufrisch und muss nehmen, was sich bietet. Was haben wir denn hier im Schrank: drei Metallbügel, wunderbar. Drei Bügel für all die Kleider, Hosen, Blusen, T-Shirts, Jacken, den Mantel. Das zweite Schrankabteil ist vollgestopft mit Decken und Kopfkissen, wohin damit? Fleckiges halb verschimmeltes Zeug, am besten raus damit, ins Bad. Hinter den Vorhang. Schmutz hat sich in der Duschkabine angesammelt. Muss lange niemand mehr benutzt haben. Pfui Teufel, ich werde es auch nicht benutzen. Aber ich muss mich zurechtmachen. Für John. Mich schminken, damit er mich nimmt. Wie seh ich überhaupt aus? He,  der Spiegel ist blind! Wo bin ich hier gelandet? Was ist das für ein Hotel? Wer bin ich? Was mache ich hier ohne mein Spiegelbild?

Nina! Warum kommst du nicht, mir zu helfen? Nina!

IMG_4907b

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, die schöne Welt des Scheins, Juttas Geschichtengenerator in Aktion, Katastrophe, Krieg, Kunst, Leben, Psyche abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

7 Antworten zu Sich etwas vorstellen. Eine Geschichte über Personen, Dinge, Staaten, deren Existenz zweifelhaft ist

  1. juttareichelt schreibt:

    John, Luise, das Atelier – freue mich sehr, dass sie sich bei dir ein bisschen eingenistet haben😉

    Gefällt 1 Person

  2. bruni8wortbehagen schreibt:

    *schmunzel*, schön, wie Du Deinen Schreibstil der in Deinem Kopf entstandenen Geschichte anpasst, liebe Gerda. Leicht schnodderig, glasklar und ehrlich klingt, was ich da lese und es gefällt mir.
    Wenn sie das Zeug zum Roman gehabt hätten, die beiden, John und Luise, dann schreibe doch weiter daran. Fortsetzungen, die sich aneinanderreihen, Geschichten aus Luises Leben. Ich glaube, Du würdest ihr wieder Leben einhauchen, denn schon hier hast Du es geschafft , ihr Präsenz zu geben und Deine Collage und auch das untere Bild gefallen mir sehr.

    Gefällt 1 Person

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s