Gastbeitrag zum Thema Gastfreundschaft

Meine Freundin Ingrid, Leserin dieses Blogs, hat mir einen Bericht „von der Front“ geschickt: von der Insel Lesbos, im östlichen Mittelmeer, wo sie als Freiwillige den Neuankömmlingen hilft.  Ich füge ihren Beitrag hier unverändert ein. Bitte anklicken und öffnen.

für Gerda mit Fotos 12. 1. 2016

 

 

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Schon ins Land der Pyramiden….

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Schon ins Land der Pyramiden
Flohn die Störche übers Meer;
Schwalbenflug ist längst geschieden,
Auch die Lerche singt nicht mehr.

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So dichtete Theodor Storm, mein „Heimatdichter“,  und ich lernte es in einer schwermütigen Melodie zu singen. Ich liebte diese vier Zeilen und diese Melodie, liebe sie bis heute.

Und zog mit den Störchen südwärts, ins Land der Pyramiden. Damals, als Kind der Ostsee, freilich nur in sehnsuchtsvollen Gedanken und wie durchs Fernglas folgte ich ihnen.

 

Später sah ich sie dann wirklich, Meister Adebar und seine Gemahlin, wie sie, ortsüblich gekleidet, den Nil hinabschipperten.

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Blutiger Tempel

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Das Heiligtum unserer Tage ist die Börse. Jeden Morgen, anstelle des Morgengebets, öffnet der Adept die Internetseite mit der Fieberkurve, die das Leid und Weh der Menschheit anzeigt. Jeden Abend schließen die Nachrichten mit einem Blick auf die Börse. Die Seelen der Menschen bewegen sich auf der Kurve der Börsenberichte. „Es wird besser“ – sagen sie, „es wird schlimmer“. „Uns geht es gut“, wenn der Dax sich nach oben bewegt, den Chinesen geht es schlecht, wenn ihre Börse Abwärtstrend zeigt.

Eine Krankheit, die viele und keinen Namen hat, ist über uns gekommen. Luther nennt sie: dem Mammon dienen.

Mammon ist nichts, und doch ist die Übersetzung aus dem Aramäischen „das, worauf ich mich verlasse“ (frei nach Wiki). Also verlasse ich mich auf Nichts. Ich diene Nichts. Völker werden in den Abgrund gerissen wegen Nichts. Alle Religionen verdammen den Handel mit Geld und betreiben ihn. Alle Kriege werden geführt um seinetwillen. Um Nichts.

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Montag ist Fototermin: Weg und Schatten

Mir fielen beim heutigen Strandspaziergang die Schatten auf, die die Steine auf dem frisch angeschwemmten festen Sand bildeten. Ihre Form, die beim Draufgucken eher flach erscheint, wird quasi im Schattenbild enthüllt.

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Beim Hinschauen auf die Steine bemerkte ich auch die Spuren, die sie im nassen Sand hinterlassen hatten. Das rührte mich seltsam an.

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Wie ein Gleichnis kam es mir vor.  Unser Dunkles, nicht Gelebtes, unsere Angst vor Verlust, Alter und Tod werfen wir als Schatten voraus, unseren schon gegangenen Weg lassen wir als Spur zurück. Jeder für sich.

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Den einen trägt es ein wenig weiter, der andere hinterlässt eine breitere Spur. Ein jeder ist anders zusammengesetzt, hat eine andere Geschichte zu erzählen. Und doch gehen wir alle denselben Weg.

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Ein kleiner Nachtrag
Im griechischsprachigen Blog ιδου las ich eben ein Sprichwort:

«Να γράφεις το κακό στην άμμο και το καλό στην πέτρα». 

„Schreib das Schlechte in den Sand und das Gute in den Stein“.

 

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Griechische Dichtung am Sonntag: Dionysios Solomos

Wir befinden uns im 19. Jahrhundert. Am Anfang des Jahrhunderts fast noch. Es ist das Jahr 1823, und der erste neugriechische Brückenkopf ist gegründet: „Die Vereinigten Staaten der Ionischen Inseln“.

Dionysios Solomos, 25 Jahre alt, dichtet auf seiner befreiten Geburtsinsel Zakynthos eine begeisterte „Hymne an die Freiheit“. Sie hat sage und schreibe 158 Strophen (Vierzeiler), in denen er die unendlichen Leiden und Kämpfe der Griechen besingt. Sieben Jahre später, 1830, wird die ersehnte Freiheit vom vierhundertjährigen osmanischen Joch für einen weiteren Teil Griechenlands Wirklichkeit: Peloponnes, das Festland bis zum Olymp, ein paar Inseln werden als souveräner Staat anerkannt.

Die „Hymne an die Freiheit“ wird erstmals 1824 veröffentlicht, in Messolongi, das wenig später nach langer osmanischer Belagerung fällt und durch das Selbstopfer (Holokaust) der verbliebenen Bevölkerung zu einem Fanal wird. Von den 10 000 Einwohnern überleben vielleicht 1000. Auch der Philhellene Lord Byron stirbt in Messolongi. Der junge Eugene Delacroix, auch er Philhellene, verewigt das Drama in seinem großen Gemälde von der Freiheit, die unter den Trümmern von Messolonghi stirbt.

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Der Kampf um das griechische Staatsgebiet wird noch 100 Jahre andauern, der Streit um die richtige Sprache sogar noch länger. Solomos ist ein eifriger Verfechter des Volksgriechisch, das in dem neu entstehenden Staat in unzähligen Dialekten geprochen wird. Seine „Hymne an die Freiheit“ ist ein Markstein für die Durchsetzung der „gesprochenen“ Sprache des Volkes.

Wenn ihr bei einer internationalen Sportveranstaltung Griechen auf der Tribüne seht, die versuchen, ihre Tränen zurückzuhalten, während ihre Nationalhymne erklingt – dann folgt ihren Lippen: sie singen das berühmte Lied. Es sind die zwei ersten von den 158 Strophen, die Dionysios Solomos 1823 dichtete und die sein Freund und Landsmann aus Korfu, Nikolaos Manzaros 1824 vertonte. Sie lauten

Σὲ γνωρίζω ἀπὸ τὴν κόψη
τοῦ σπαθιοῦ τὴν τρομερή,
σὲ γνωρίζω ἀπὸ τὴν ὄψη
ποῦ μὲ βία μετράει τὴ γῆ.

Ἀπ‘ τὰ κόκαλα βγαλμένη
τῶν Ἑλλήνων τὰ ἱερά,
καὶ σὰν πρῶτα ἀνδρειωμένη,
χαῖρε, ὢ χαῖρε, Ἐλευθεριὰ !

in wörtlicher Übersetzung:

Ich erkenne dich an der Schneide / deines Schwertes, der furchtbaren / Ich erkenne dich an dem Blick, / der mit Kraft die Erde ausmisst. // Herausgeholt aus den Knochen / der Griechen, den heiligen / und  mannhaft wie seit Beginn / Sei gegrüßt, o sei gegrüßt, Freiheit!

Die im Umlauf befindlichen Nachdichtungen will ich euch nicht zumuten. Die Hymne ist gereimt  A – B – A -B.  Offiziell wurde sie 1865 vom damals herrschenden König Georg I zur Nationalhymne erklärt. Vorher galt die bayrische. Denn ach, die freien Griechen mussten sich lange unter die Vorgaben der europäischen Königshäuser bequemen.

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Griechische Kunst am Sonntag: Georgios Jakobides

IMG_4005Kennt ihr euch mit dem bürgerlichen Realismus besser aus als ich? Gustav Freitag, Wilhelm Raabe, Theodor Storm, Friedrich Hebbel, Marie von Ebner-Eschenbach und Gottfried Keller fallen mir ein.

Wie fern mir diese Zeit ist! Ferner als die Renaissance, ferner als das Mittelalter und ferner sogar als das antike Griechenland. Nur Theodor Storm ist für mich eine Ausnahme, eine ganz persönliche, denn er war für mich, die Schleswig-Holsteinerin, ein „Heimatdichter“. Von den anderen habe ich vermutlich in der Schule das eine oder andere gelesen, aber geblieben ist nichts. O weh!

Und wie ist es mit der Malerei? Leider genauso. Hätte ich nicht die in Griechenland so populären Genremaler Nikiforos Lytras (1832-1904) und vor allem Georgios Iakovidis oder Jakobides (1853-1932) schätzen gelernt, wüsste ich kaum einen Namen aus dieser Kunstrichtung zu nennen. Sie wurde überstrahlt vom französischen Impressionismus, der die traditionelle Malweise sprengte. 

Es ist die Epoche, die mit der „bürgerlichen Revolution“ von 1848 (die schließlich keine war) begann, und mit der Gründung des deutschen Kaiserreichs endete.

Was aber hat mein heutiger Repräsentant der griechischen Malerei mit diesen Entwicklungen in Deutschland zu schaffen?

Das griechische Königshaus, das eigentlich ein bayrisches war, förderte Georgios Iakovidis, wie so manchen anderen begabten jungen Künstler, mit einem Stipendium. Und so fand er sich zum Studium der Malerei in München ein, reüssierte schon bald, nahm an den wichtigsten Ausstellungen seines Jahrhunderts teil, gründete in München eine Malschule für Frauen (Frauen durften nicht an der Akademie studieren) und wurde schließlich nach Athen zurückgerufen, um die erste Nationalpinakothek zu gründen und zu leiten.

IMG_4004 Die beiden Bilder, die ich selbst (leider schlecht) fotografiert habe, befinden sich in einer privaten Athener Sammlung, die nicht mehr zugänglich ist. Ich hatte das Glück, sie zu sehen. Und hoffe, ihr könnt das freudige Staunen fühlen, das mich vor diesen lebhaften Szenen erfüllte.

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Samstag ist Märchenstunde: Willkommen.

Mir sind grad die Märchen ausgegangen. Doch vor einem Jahr – und zwar genau am 1. Januar – hatte ich ein märchenhaftes Zusammentreffen, von dem ich euch ersatzweise erzählen möchte.

Neujahr, bei schon einbrechender Dämmerung. Es nieselt, aber ich habe den Meeresspaziergang wie immer genossen. Mein Hund Tito rennt voraus zur Straße und bändelt mit einer kleinen Hündin an. Bei der Hündin  zwei junge Menschen, ein Mann, eine Frau. Sie schieben Fahrräder, an einem  hängt ein schwerer Anhänger. ich frage: Wohin des Wegs bei diesem Wetter? Sie suchen den Weg ins nächste Dorf, denn der Anhänger hat einen Platten, sie müssen ihn reparieren lassen. An einem solchen Tag? frage ich. Ihr werdet schwerlich jemanden finden. Ich druckse ein wenig herum und frage dann gerade heraus: wäre euch damit geholfen, wenn ihr die Nacht in unserem Haus verbringt?

Die Gesichter erhellen sich. O ja! Sie sind verklamt, alle Sachen sind nass, seit zwei Tagen frieren sie. Wir schaffen es, den Anhänger in den Gepäckraum zu verfrachten, die jungen Leute schieben ihre Räder hinter meinem Auto her – den Berg hinauf – angekommen. Warmes Bad, Kamin, Essen, Erzählen. Ich fühle mich wie Abraham, dem zwei Engel Besuch abstatteten. Erster Januar – und so viel Glück!

Zwei Tage blieben sie bei mir, dann zogen sie weiter.

Sie kamen aus Spanien, Irma stammt aus Andalusien. Or (Licht) kommt aus Israel. Sie lieben sich. Die Liebe trägt sie über alle Schwierigkeiten des Wegs hinweg.

Sie waren keine Flüchtlinge. Es gab damals schon viele Flüchtlinge. Ich legte gelegentlich Bilder zu diesem Thema, das offiziell noch keins war.Refugees Eines Tages im März, als ich an die beiden Liebenden dachte, und was wohl aus ihnen geworden sei,  legte ich ein Bild, das ich nannte: „Ors Traum“. Es ist der Traum von einer Welt, in der man frei herumziehen kann, mit wenigem auskommt und überall willkommen ist. Ich selbst hatte diesen Traum, aber damals traute ich mich nicht, ihn zu unterschreiben. „Willkommen“ – das schien eine zu realitätsferne Utopie.

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Doch dann, wie im Märchen, ging ein Ruck durch die Gemüter, und überall erschienen Menschen mit Plakaten, auf denen stand: Willkommen.

Möge es so bleiben. Mögen sich die Herzen nicht wieder verfinstern und von Angst beherrschen lassen. Möge der Kriegsengel nicht mehr die Menschen vor sich hertreiben, sondern der Friedensengel seine Arme ausbreiten mit einem herzlichen „Willkommen“.

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Mein Malen (6) – Kleine Führung durch meine Collage-Mal-Welten

Zu meinem gestrigen Beitrag über Foto und Magie meinte Susanne Haun „jedoch mag ich es nicht, nach Fotos (besonders fremde) zu zeichnen“. Dies Wort in Klammern ist für mich das Wesentliche: „besonders fremde“. Fremdes, durch andere Geschaffenes ins Eigene zu übersetzen ist so mühsam wie – – – essen und verdauen. Man muss es sich erst aneignen, umsetzen, bevor man es für sich selbst verwenden kann.

Das ist auch die Sperre, die mich hindert, Collagen aus „Fotos von anderen“ zu machen. Wenn überhaupt, muss ich sie bis zur Unkenntlichkeit zerschnippeln, so dass sie nicht mehr wie Bilder, sondern wie grobe Pigmente funktionieren.

re-cycle copy

Mit anderen Worten, ich benutze vorgefundenes Bildmaterial fast nie als Motiv, sondern eher als Baumaterial.

Collage 6, half tone

Reine Collagen mache ich selten. Meistens stehen Malerei und aufgeklebte Papiere in einem Spannungsverhältnis zueinander. Manchmal sind die Papiere die eigentlichen gestaltenden Mittel, und ich arbeite nur sparsam  mit Farbe und Linien hinein, um Akzente zu setzen …

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Mani-Landschaft, abstrakt (c) Gerda Kazakou

… manchmal ist es genau umgekehrt:  ich klebe Papierfetzen ins fertige Bild, um Akzente zu setzen, wie hier bei diesem festlichen Segler (Bildausschnitt) ….

festliche Segler (c) Gerda Kazakou

Boote, Ausschnitt… mal stehen die geklebte Flächen wie ein Relief vor einem gemalten Hintergrund ….

Aufbruch (c) Gerda Kazakou

… dann wieder sind gemalte und geklebte Teile so ineinander verwoben, dass sie nicht zu trennen sind (mit Bildausschnitt).

8.1. Detail

 

 

 

 

 

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Fotografie und Magie – Delphi

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Wenn die Mühen der Malerei überhand nehmen, flüchte ich mich gern in die Fotografie.

Walter Benjamins Bedenken gegen die reproduzierbare Kunst in Ehren, aber das Foto hat unsere Welt schon lange erobert, und seit geraumer Zeit wurden auch Mittel entwickelt, um die ursprüngliche Fotografie in etwas völlig Neues zu verwandeln. Teufelswerk, Zauberwerk, Verführung des armen Malers, der all das auch gern könnte. Und zwar mühelos, staunend, wie ein spielendes Kind.

Eine Kameraausrüstung habe ich nicht, und die paar Tricks, die mir eine befreundete Graphikerin beibrachte, machen mich nicht  zur Expertin. Und dennoch: selbst mit diesen bescheidenen Mitteln kann ich so ziemlich alles, was ich will, hervorbringen. Ein Zauberlehrling. Schaut selbst. Das Foto einer Distel machte ich in Delphi, drum heißt die Serie  Delphi. Schaut mit mir in die Zauberkugel der Verwandlung durch technologische Mittel.

Delphi 4

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Halt! Ist das denn dasselbe Foto? Ja, freilich. Dies ist Delphi 4. Du glaubst es nicht? Nun, Delphi 5 ist nicht genauso gut gelungen, aber auch nicht schlecht, zumal es die Flamme imitiert. die unter dem Dreifuß der Pythia brennt.

 

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Und was sagt die Delphische Priesterin zu meiner Zukunft? Verstehst du den Sinn ihres Orakels?

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Nein? Ich auch nicht. Was ich sehe, sind Barrieren, eine grausame Abfolge von sich wiederholenden Stockungen.

Ich lasse mich nicht leicht entmutigen. Eine neue Beleuchtung kann vielleicht Wandel schaffen und Aufklärung bringen.

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Aha, ja, da scheint sich irgendetwas im Qualm des Orakelfeuers herauszukristallisieren. Eine message, die mir weiterhilft.

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Aber nein, in dieser Zauberkugel erscheint die Delphische Priesterin wieder und wieder, aber keine Lösung. Vielleicht hilft es, in die 2-Dimensionalität zu gehen, die ja das Metier des Malers ist.

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Ich sehe einen Globus vor mir, in den Zeichen eingetragen sind. Hieroglyphen vielleicht, deren Bedeutung sich erst in Zukunft erschließen wird. Wenn ihre Zeit gekommen ist. Aber dann kenne ich ihre Bedeutung ohnehin.

Worin besteht denn nun eigentlich der Unterschied zwischen der Generierung von Bildern durch den Computer und durch die Hand des Malers? Es muss da doch einen Unterschied geben, einen gewaltigen Unterschied. Doch worin besteht er? Worin besteht er nur?

 

 

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Mein Malen (5): Von der Oberfläche zum Thema – drei Mal heiliger Innenraum

„Die persönlichen Wege zur Malerei sind wohl verschieden, aber ich denke es gibt schon auch Gemeinsamkeiten“ – schreibt  Myriade in einem Kommentar. Ja, so sehe ich es auch. Der wohl größte Unterschied ist, ob ein Mensch eher dazu neigt, wie ein Bergarbeiter ins Unbewusste hinabzusteigen, um von dort das Material heraufzubefördern, aus dem er seine kleine Welt baut, oder ob er es vorzieht, die Ideenwelt anzuzapfen und quasi von oben her ins Leben hineinzuwirken und es zu gestalten. Im ersten Fall ist sein Vorgehen eher hermeneutisch (griechisch: interpretierend), im zweiten eher interventionistisch (lateinisch: eingreifend). Das ist eine brauchbare Unterscheidung, die man natürlich nicht wörtlich zu nehmen braucht. Ich gehöre zu denen, die meistens, auch beim Malen, den ersten Weg beschreiten. Vielleicht ist es der weibliche Weg. Aber auch der intervenierende Weg „von oben“ (von der Idee her) ist mir nicht fremd.

Beim Malen geht es mir darum, der Materialität Form und Sinn abzuringen. Der sich bildenden Oberfläche ihre Gesetze abzulauschen und sie gefügig zu machen für meinen Ausdruckswillen. Es ist der Weg vom Abstrakten (Farbe und Form) zum Thematischen (Bedeutung).

Hier nun drei Beispiele aus dem Jahre 2008, mit einem gemeinsamen Thema: heilige Innenräume.

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Bild No. 1. Das Vorgehen: Ich schüttete Plastikfarbe über eine bereits bemalte Leinwand und ließ sie in kontrollierter Weise sich verteilen – in der Mitte als dick aufliegenden Balken, im Hintergrund als filigranes Gitterwerk.

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Daraus entwickelte ich diesen Innenraum, wie er in meinem Gedächtnis aufgehoben ist: als verfallener byzantinischer Kirchenraum in Istanbul. Was also tat ich? Ich prägte der noch undefinierten abstrakten Oberfläche mein Thema auf. Ich verband den materiellen Eindruck mit einem inneren Bild, dem ich durch ein paar Interventionen mit dem Pinsel  Nachdruck verlieh.

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No.2. Ich hatte nun mein Thema gewonnen und machte einen weiteren Anlauf, auf einer etwas kleineren bemalten Leinwand, der ich eine stark strukturierte Oberfläche gegeben hatte. Dieses Bild ist viel fester, da er mehr vom Willen bestimmt ist. Es hat aber auch dieser Raum etwas Geheimnisvolles für mich, und genau deshalb interessiert er mich auch: der rötliche Grund scheint mir Spuren von alten Fresken mit Heiligenbildern zu tragen. Meine Einbildung? Mir reicht die Ahnung, die mich verbindet mit etwas, das nicht mehr ist.

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No.3. Hier benutzte ich eine noch kleinere Leinwand und kehrte den Vorgang der Bildentwicklung um: Ich nahm mir vor, als Gegensatz zu den hohen, säulenreichen Kirchen-Innenräumen ein Felsenkirchlein zu gestalten, wie es sie in der Mani gibt. Ich hatte also ein Thema, für das ich die richtigen Ausdrucksmittel suchte.

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Man spürt vielleicht, dass ich hier mehr „vom Kopf her“ vorgegangen bin und es mir Mühe machte, den richtigen Standtpunkt einzunehmen, von dem aus ich in den Raum hineinschaute. Aber die Liebe zum Gegenstand macht diesen Mangel einigermaßen wett. Am überzeugendsten ist die Wölbung, die den Kirchenraum abschließt. Um diese Wirkung zu erzeugen, ging ich wieder und wieder mit Farbe über die Leinwand, so als wollte ich den kleinen heiligen Raum selbst aus dem Felsen herausmeißeln.

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Die verblassten Fresken und die heiligen Geräte sind hier absichtlich aufgetragen und so oft übermalt worden, bis der gewünschte Effekt in etwa erreicht war. Geheimnisvoll sind sie vielleicht für den Beschauer, nicht aber für mich, da ich weiß, wie ich sie „produziert“ habe.

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