Mein Malen (4) – Faszination der Oberflächen

Die Faszination der Oberfläche hat mich nicht mehr losgelassen. Sie war für lange Zeit mein Hauptimpuls zu malen. Oberflächen schaffen. Meine Malmittel waren und sind nicht besonders reichhaltig, wenn ich sie mit denen vergleiche, die in der Malerei heutzutage verwendet werden – von Steinstaub bis zu Asphalt. All das habe ich nicht im Sortiment. Sehr selten benutzte ich Naturmaterialien wie Erde, Halme, Blätter. Meistens beschränke ich mich auf eine Leinwand und Papiere jeder Art, wobei mir besonders Wellpappe und Japanpapier gefallen. Auch Klebebänder liebe ich. Ich malte und male hauptsächlich mit Akryllpigmenten, das ist billig. Als Bindemittel kann man Öl oder Kleister verwenden. Ich bevorzuge den Tischlerleim, der weiß ist und weiß bleibt, also nicht vergilbt wie das Öl. Außerdem trocknet er schneller, und ich kann ihn verwenden, wenn ich Papiere auf die Leinwand kleben will. Außer den Pigmenten verwende ich auch banale Plastikfarben, Kohle, Ölkreiden, Buntstifte, Tuschen. Manchmal mache ich Abdrucke, manchmal lasse ich Farben tropfen, fließen, spritzen. Segel Collage Detail 1b013

Aus der Masse von Oberflächen-Fotos habe ich recht willkürlich ein paar herausgegriffen.  Bei besserer Fotoqualität ließen sich die Details noch einmal aufsplittern – und neue Oberflächen-Wunder kämen zum Vorschein. Das ist wie in der Makro-Fotografie der Natur, mit dem Unterschied, dass hier die – ja, was? – die menschliche Energie spürbar wird, die im Material tätig ist, die sich dem Material mitgeteilt hat. Diese Energie ist bei jedem Menschen verschieden. Wenn du ein Original in dein Zimmer hängst, wirkt diese spezielle Energie auf dich ein, ob du dir dessen nun bewusst bist oder nicht.

Ich meine, dass diese Energie, und nicht das Thema, die eigentliche „Wirkung“ des Bildes ausmacht. Walter Benjamin spricht in seinem sehr wichtigen, 1935 verfassten Werk „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ von der Aura des Originals. Die verschwindet bei der Reproduktion.  Was du hier siehst, sind leider nur Reproduktionen ….

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Detail Bild Bild 9.7.13 b3.2. SW 74.2. SW neu detail 47.2. Abdruck 3Entwerden 5

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Mein Malen, Fortsetzung (3) – Tritt näher!

 

Japanpapier auf Leinwand 2Wenn du ein Bild betrachtest, versuchst du meist als erstes zu verstehen, „was es darstellt“. Viel anders ist es auch nicht, wenn man mit dem Malen beginnt. Kinder werden dir erzählen, was die Klingel, Kästen und Linien „bedeuten“, die sie aufs Papier gezeichnet haben. Werden sie älter, wollen sie, dass ein Pferd wie ein Pferd „aussieht“. Sie bewundern Akuratesse und sind streng gegen „Geschmiere“. Jugendliche neigen dazu, eine innere Dramatik mithilfe von klar abgegrenten Symbolen darzustellen.

In der Geschichte der Malerei ist es ähnlich.  Der berühmteste griechische Maler der Antike, Apelles, galt als Genie, weil er Menschen und Gegenstände so lebensecht darstellen konnte, dass man danach greifen wollte. In der mittelalterlichen Malerei war es nicht so sehr die natürliche Widergabe, als der geistige Inhalt, die Symbolik,  auf die es ankam.

Wann beginnt die Moderne in der Malerei? Hier mein Versuch einer Antwort: Wenn du eine Postkarte mit einem Motiv von Monet in der Hand hältst, könntest du meinen: Monet malt eine Brücke, einen Teich mit Seerosen. Geändert, denkst du, hat sich vor allem das Motiv – keine Heiligen mehr, keine Schlachtenszenen, sondern Landschaften, Gebäude, Menschen in der Natur. Nun, auch das Licht ist ein anderes, wirst du sagen. Und die Farben.

Stehst du aber vor einem Originalbild von Monet, vergeht dir Hören und Sehen. Alles, was du dachtest, verschwindet. Du stürzt in ein Gewimmel von Farbflecken, die dich in die Fläche hineinsaugen. Da ist nichts, rein gar nichts, an dem du dich festhalten kannst. Nur dies farbige Geflacker.   – Wundersamerweise fügt es sich, sobald du gehörigen Abstand nimmst, doch zu Objekten. Beruhigt stellst du fest: Aha, eine Frau in einem Mohnfeld.

Mit den Impressionisten, allen voran Monet, hat sich die Malerei grundlegend geändert. Es ist eine stille Revolution, die man gar nicht überschätzen kann. Kein Maler kommt heute daran vorbei. Er wird eine irgendwie „impressionistische“ Phase haben, in der er von der aufgelösten Fläche fasziniert ist, und sein „Thema“ sich erst bei gehöriger Entfernung herstellt.

Hier ein Beispiel aus meiner eigenen Produktion. Sie liegt ein paar Jahre zurück. Ich nenne das Bild  „Wintersonne“. Es ist gemalt mit Akryllpigmenten und Binder auf Japanpapier auf Leinwand. Leider musst du mit schlechten Fotos vorliebnehmen, obgleich bei dieser Art von Malerei das Haptische (die Berührung mit den Fingerspitzen) nicht fehlen sollte.

Das ganze Bild …

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Und nun tritt langsam näher. Was siehst du? Eine Wintersonne über einer Insel. Alles klar.

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Und nun?

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Jetzt?

Japanpapier auf Leinwand

Ich nehme an, du siehst immer noch den Widerschein der Wintersonne auf dem Wasser. Dabei siehst du „in Wirklichkeit“ ein Stück auf Leinwand geklebtes Japanpapier, leicht geknautscht und blasig, ein paar flüchtige Pigmente und ein krauses Gewimmel von dunklen Linien.  Ich finde es faszinierend.

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Und so entstand die moderne Malerei.

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Rotkäppchen

Rotkäppchen – dein  Käppchen!

Damit mein Blog nicht zur Rückblende verkommt, hier einmal wieder was Aktuelles. Im Cabaret Voltaire (Athen) war HIGH LIFE. Nicht gestern, nicht vorgestern, sondern vor einer Woche oder auch zwei. Nun, fast heute also. Eine junge Besucherin fand, ganz im Geist der Gründer des Cabarets vor 100 Jahren, die Zeit für eine spontane Solo-Nummer gekommen. DaDa pur. Auf der Vorhang für Rotkäppchen.

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Man amüsierte sich, man klatschte und fühlte sich wohlig zurückversetzt in Zeiten, als …Nun ja.

Meine Legearbeit dokumentiert die eigentlich gemeinten Inhalte. Und die lauten: Rotkäppchen – dein Käppchen!IMG_5396

Für Puristen auch als Schattenspiel zu haben:

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Du weißt nicht, was die rote Kappe bedeutet? Lies nach bei Wikipedia!

Phrygische Mütze.220px-Phrygian_cap.svg

Eine phrygische Mütze [ˈfryːgɪʃə], seltener auch skythische Mütze [ˈskyːtɪʃə] genannt, wurde ursprünglich von den antiken Phrygern getragen. Sie bestand aus Wolle oder Leder und besaß einen längeren runden Zipfel, der meist nach vorn geschlagen wurde beziehungsweise in Richtung Stirn fiel. Sie konnte auch mit seitlich herabfallenden Bändern unter dem Kinn festgebunden werden. Der Nackenteil bedeckte zuweilen die Schläfen und reichte manchmal bis auf die Schultern.

Die phrygische Mütze war ursprünglich ein gegerbter Stier-Hodensack samt der umliegenden Fellpartie. Nach der Vorstellung der Griechen sollte ein solches Kleidungsstück die besonderen Fähigkeiten des Tieres auf seinen Träger übertragen.

Ähnliche Zipfelmützen sind heute durch Gartenzwerge, den Weihnachtsmann – beide in roter Farbe – und Trickfiguren wie die Schlümpfe oder die Mainzelmännchen bekannt.

Und da in den Ländern, in denen der alte Kalender noch in Geltung ist – also in Russland, Serbien und noch einigen anderen – der Weihnachtsmann erwartet wird, scheint mir, dass dieser Beitrag aktuellen Bezug genug hat. Allen, die heute Weihnachten feiern, ein schönes Fest! Die anderen haben die Auswahl zwischen Drei-Königs-Fest, Heiligung des Wassers, Epiphania (Verklärung) – auf jeden Fall ein bedeutendes Fest, das zu feiern sich lohnt. Ab morgen sind dann auch die 12 Nächte vorbei, und mit ihnen die Klabautereien.

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Malen – mein Beginnen (2). Blumenaquarelle und Männerportraits

Aller Anfang ist schwer – heißt es. Ich behauptete hier, gestern, das Gegenteil: „Am Anfang war alles leicht!“ Und ja, so ist es! Jeden Tag neue Entdeckungen, Freude über jede Zeichnung, jedes gelungene Aquarell, Riesenfortschritte von Woche zu Woche.

Heute habe ich ein bisschen gestöbert und noch ein paar Aquarelle vom Anfang gefunden. Mimosen mit roten Äpfeln in blauer Vase – Passiflora, die hier roloi (Uhr) heißt – weiße Kalla (hier ein Ausschnitt, um die Technik besser zu sehen)

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Bald beherrschte ich die Technik des Nass-in-Nass, das gelegentliche Trockenmalen, um Konturen herauszuarbeiten, das Aquarellieren ohne Vorzeichnung recht gut.

Dann aber kam unweigerlich der Moment, wo ich mich fragte: Ja, was will ich denn nun mit den neu erworbenen Instrumenten anfangen? Will ich, weil das Blumenaquarell so hübsch aussieht und so gut ankommt, nun noch hundert Blumenaquarelle malen?  Nichts gegen Blumenaquarelle (Noldes wunderbare Blumen!) – aber das war es nicht, was ich wollte. Ich wollte mehr über mich lernen.

Portraits? O, es war eine spannende Zeit, dies Portraitzeichnen und -malen! Ich lernte so viel über die Menschen, die ich malte, und über mich selbst.  Hier drei Beispiele von Männern, die mir Modell saßen.

IMG_5570   IMG_5571Portrait Mann (Andrea)

Höchste Konzentration war geboten, um das Wesentliche in kurzer Zeit einzufangen. Das war auch der größte Gewinn für mich. Denn wenn du einen Menschen vor dir sitzen hast, dem das Stillsitzen keinen besonderen Genuss bereitet, trödelst du nicht herum, sondern arbeitest mit allen deinen Sinnen, mit konzentrierter Aufmerksamkeit und Tempo.

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Morgen geht es weiter mit diesem Rückblick, der für mich eine Art Aufräumen aus Anlass des Jahresbeginns darstellt. Ich bin dankbar, dass ihr meinen Werdegang wohlwollend begleitet, liebe Blogger-FreundInnen, und mir so die Rückbesinnung, die ich schon lange nötig hatte, in Angriff genommen habe.  Denn, so meine ich, ohne Rückbesinnung stolpert man einfach nur weiter vor sich hin, wie’s grad kommt, und es gibt kein vernünftiges Voranschreiten.

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Malerei – meine persönliche Geschichte des Beginnens

Der Jahresbeginn ist eine Zeit, in der man auch auf andere Beginne schauen mag. Heute also: wann begann ich eigentlich mit dem Malen, wie und warum?

Viele denken, wer malt, der hat „immer schon“ gemalt. Also bei mir stimmt das nicht, ich war ein echter Spätzünder. Zwar als Kind – aber das zählt nicht. Als ich mit 37 Jahren (1979) meinen Beruf (Wissenschaftlerin) aufgab und meinen Sprachraum (deutsch) verließ (Familienzusammenführung), begann ich quasi von Null. Ohne griechische Sprachkenntnisse, mit einem zehnjährigen Sohn, der sich ins neue Leben hineinfinden musste, morgens und abends rennend, um als  Deutschlehrerin ein wenig Geld zu verdienen – es war schwierig. Unseren inzwischen 12-jährigen Sohn, der an der öffentlichen Schule keinerlei musische Fächer hatte, fragten wir: möchtest du ein Musikinstrument lernen oder vielleicht malen? Er wählte das Malen, und so heuerten wir einen jungen Künstler an (er wurde später Professor an der Akademie der Künste Athen!).

Und was tat die Mama (inzwischen 40)? Während die beiden zeichneten und Collagen machten, setzte sie sich in einen anderen Raum und zeichnete, malte,  entdeckte, dass es außer den Ausdrucksmitteln, die ihr nun fehlten, noch andere gibt. Und so begann ich, mich zu retten. Der Lehrer meines Sohns ermutigte mich, fand mich talentiert.

Am Anfang war alles leicht. Ich zeichnete wie wild, aquarellierte, versuchte mich auch mit Kohle. Leider habe ich von diesen Anfängen nicht viele Fotos. Eines fand ich jetzt. Es ist 1984 in Venedig entstanden, in einem Hotel. Eine abstrahierende Fassung der Maria delle Salute. Draußen, im dichten Nebel und Nieselregen, malte ich auch, doch leider habe ich keines der grau verfließenden Bilder mehr. Ein Profi-Maler, der Venedig-Ansichten für Touris malte, war neidisch auf meine freien Bilder und schwatzte sie mir ab.

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Damals war mein wichtigstes Malmittel das Aquarell. Ich versuchte mich auch in einem Cezanne nacheifernden Stil (Unterholz).

Waldstueck Samothrake, Quadratausschnitt, bei Andromache a

Doch vor allem zeichnete ich, mit Pastellstiften auf großem billigem Packpapier ..

Stillleben a

oder mit Kohle.

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Aber da hatte ich schon Lehrer. Das waren Studierende der Kunsthochschule, die mir nicht nur Modell saßen, sondern mir auch mit ihrem Wissen weiterhalfen.

Portrait KohleAls Modell dienten wir uns auch gegenseitig. Hier eine Freundin, Maria.

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Montags ist Fototermin: Puppen

Susanne Haun hat in ihrem Blogbeitrag „Auseinandersetzung mit der Zerstörung – das Projekt Null – Zeichnung von Susanne Haun“ vom 2. Januar dieses Jahres eine Puppen-Demontage und Collage gezeigt, die auch von meinem Blog angeregt war.  Mein heutiger Beitrag ist wiederum angeregt von ihrem, denn kaum sah ich die Puppenbilder, fielen mir die Fotos ein, die ich am 7. Januar eines anderen Jahres am sogenannten Weststrand von Kalamata machte. Dort mündet die Neda ins Meer, die Gegend ist recht wüst und verwahrlost. Ich liebe es,

dort, wo er niemanden stört, mit meinem Hund spazieren zu gehen. Die Sportplätze liegen im Winter vereinsamt da, die Netze schaukeln im Wind.

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Die Küste ist mit schwerem Gestein befestigt, lehmig der Fluss, der aus dem Taygetos kommt und nur nach schweren Regenfällen Wasser führt.

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Diesmal ging ich etwas weiter als sonst, mühsam den Schutt übersteigend. Da kam heftig bellend und mit gesträubtem Fell ein Hund auf uns zugerannt. Fast hätte ich den Rückweg angetreten, denn mit diesem Hund schien nicht gut Kirschenessen zu sein. Doch mein Hund Tito ging furchtlos weiter.

7.1. Pole 7.1. Pole 2

Ich folgte ihm, denn meine Neugierde war geweckt. Wenn mich nicht alles täuschte, gab es dort in dieser unwirtlichen Gegend eine Art Zeltlager, und nackte Frauenfiguren standen herum. Wie ich dann sah, gab es drei: zwei Aufrechte waren mit den Füßen in den Boden gepflanzt und eine lag zerbrochen am Boden.

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7.1. Pole 6

Charmant, charmant! Glückselig über meinen überraschenden Fund schaute ich mich suchend um. Wer sie hier wohl aufgestellt hatte? Und wer wohnte in dem Zelt, wer sorgte für den schwarzen Hund, der, wie ich inzwischen merkte, ein Hündin und Mama von einem Gewusel schwarzer Welpen war.

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7.1. Pole 7aDer Besitzer all dieser Reichtümer kam schließlich, aufgeschreckt durch das Gebelle, samt Bierflasche ans Tageslicht: ein Pole, der sich hier angesiedelt hatte. Er sprach gebrochen Griechisch, und so erfuhr ich den Grund seines Dortseins: Er warf ein kontrollierendes Auge auf die Sportplätze und durfte daher hier unten hausen – samt Hunden und Puppen.

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Griechische Kunst zum Sonntag: Die Schirme von Giorgos Zongolopoulos

Rund um unser Steinhaus tobte ein Gewitter, es goss in Strömen und der Strom fiel aus. Ich entzündete den Kamin, auch eine Kerze, und wollte mich grad entspannt aufs Sofa legen – da kam er wieder, der elektrische Strom, und mit ihm kamen die Zivilisation, die Zentralheizung und die Kommunikation via internet.

Als wir in der Regenwolke saßen und ich überlegte, welchen Künstler ich denn heute präsentieren sollte, fielen mir die Schirme (ομπρέλες) von Giorgos Zongolopoulos (Γιώργος Ζογγολόπουλος)  ein. Ich liebe sie. Vielleicht hat der eine und die andere von euch seine Schirme schon mal gesehen? 1995 begrüßten sie die Besucher der 100. Biennale von Venedig. 1995  wurden sie dauerhaft im Ehrenhof des Gebäudes des EU-Ministerrats in Brüssel installiert. Man kann sie im Lichtschacht der Metro von Athen, Station Syntagma, und seit 1997 an der großen Uferpromenade von Saloniki bewundern. Einige seiner Bildwerke werden durch Wasserkraft bewegt – auch darin war er ein Vorreiter.

Giorgos Zongolopoulos, Schirme in Saloniki, Photo von Eleni Vraka

Als G. Zongolopoulos mit den Schirmen in Venedig international berühmt wurde, war er bereits 90 Jahre alt und hatte eine lange Karriere als Bildhauer hinter sich (er wurde 1903 in Athen geboren und starb dort 2004). Bei seiner letzten Teilnahme an der Biennale war er 99. Also, liebe Leute, wenn ihr glaubt, Alter schütze vor Kreativität und „trella“ (griechische „Verrücktheit“), so irrt ihr euch. Zongolopoulos jedenfalls blieb ein „ewiges Kind“, wie seine Freunde ihn nannten.

Im Lichtschacht der Metro hängen sie auch, die Schirme, und freischwebende Leitern gibt es, die mich an die wunderbare Geschichte „Das Lächeln am Fuße der Leiter“ von Henry Miller erinnern. Eine meiner Lieblingsgeschichten, nebenbei bemerkt.

Kaum jemand von den Millionen Menschen, die die Metro-Station vom Syntagma durcheilen, ahnen, dass in einem versteckten Lichtschacht und völlig unzugänglich diese Schirme hängen.

G. Zoggolopoulos, Schirminstallation, Metro Syntagma, Athen. Foto (a) Gerda Kazakou

Man schaut hinunter in den beleuchteten Lichtschacht und sieht sie und möchte auf einer der hängenden Leitern zu ihnen hinunter steigen  …

photo 1b Quadrat        und freut sich an der poetische Fantasie des alten Mannes und fühlt sich beschirmt in  der anonymen Riesenstadt Athen.

photo 1b Quadrat a

 

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Samstag ist Märchenstunde: Von einem, der auszog …

… das Fürchten zu lernen. oder das Gruseln.

Ein Vater“, so beginnt das Grimmsche Märchen, „hatte zwei Söhne, davon war der älteste klug und gescheidt und wußte sich in alles wohl zu schicken, der jüngste aber war dumm, konnte nichts begreifen und lernen“.  Der Gescheite gruselte sich, wenn die Umstände danach waren, der Dumme nicht. Sein größter Wunsch war zu lernen, was das ist, dies Gruseln.

Als erster erbietet sich der Küster, dem Jungen das Gruseln beizubringen. Er erscheint ihm als Geist.  Der Junge ruft den „Geist“ dreimal an, und als der nicht antwortet, schmeißt er ihn ins Schallloch des Kirchenturms – mit tödlichem Ende.  Daraufhin jagt der Vater ihn fort. Der Junge geht forsch in die Welt, hat eine Reihe von Begegnungen mit Gehängten, Riesenkatern, halben Männern, graubärtigen Riesen, Geistern, die mit Totenköpfen kegeln, und dergleichen mehr. Schließlich befreit er das Königsschloss vom Spuk und bekommt die Königstochter zur Frau, dazu auch einen großen Goldschatz. Nur, so ganz zufrieden ist er nicht, denn immer noch weiß er nicht, was Gruseln ist. Da ruft seine Frau die Kammerjungfer zur Hilfe. Die holt einen Eimer mit Wasser, in dem Gründlinge schwimmen. Und Nachts, als der junge König schlief, mußte seine Gemahlin ihm die Decke wegziehen, und den Eimer voll kalt Wasser mit den Gründlingen über ihn herschütten, daß die kleinen Fische um ihn herum zappelten. Da wachte er auf und rief „ach was gruselt mir, was gruselt mir, liebe Frau! Ja, nun weiß ich was gruseln ist.“

Na und?, wirst du fragen. Ist das ein Märchen? Ich gebe zu, dass ich es nicht zu meinen Lieblingsmärchen zählte. Aber die Brüder Grimm setzten es an die vierte Stelle ihrer Sammlung, und sie waren weise Leute. Ich dachte also nach, als ich die Bilder zu dem Märchen legte. Vielleicht, dachte ich, gefällt es mir nicht so, weil es offenbar ein Märchen für Jungs ist.

Die ersten Abenteuer sind eine Art Ouvertüre, in der uns der Junge vorgestellt wird. Und wie ist er? Ohne Arg, gutmütig, stark, hübsch. Aber dumm? Nein. Anstatt vor Spukgestalten zu erschrecken, schreitet er  zur Tat. Er ist tatkräftig. Aber etwas fehlt ihm. Dieses Etwas, das die Leute mit „Gruseln“ bezeichnen. Ich nenne es hier mal versuchsweise Empathie* (Einfühlungsvermögen).

Richtig los geht es, als der Junge beschließt, ins Spukschloss zu ziehen, um die Königstochter für sich zu gewinnen. Der König erlaubt ihm, „drei leblose Dinge“ mitzunehmen. Und was wünscht sich der Dummling? Feuer, eine Drehbank und eine Schnitzbank! – Also darauf wäre ich nicht verfallen! Dumm kann ich das nicht finden. Dies Knäblein ist ein homo faber, ein Macher, der Feuer (Verstand) und komplizierte Werkzeuge zu benutzen weiß. Er ist, möchte ich sagen, ein typischer Rationalist, der handeln kann, bei dem Gefühle aber nicht mitklingen.

So gerüstet erwartet der Junge den Spuk. Als erstes erscheinen zwei riesige schwarze Kater mit glühenden Augen. Einen davon habe ich aufs Bild gebracht – samt dem Feuer  und den Werkzeugen.

Erschrickt der Knabe? Gruselt ihn gar? Natürlich nicht. Das ist alberner Spuk, mit dem wird ein aufgeklärter Kopf leicht fertig. Pfoten einklemmen, Nägel schneiden, Kater totschlagen, Kadaver ins Wasser schmeißen.

Die anderen Episoden habe ich gar nicht erst gelegt. Bleibt die letzte. Der Eimer Wasser mit den Gründlingen wird auf den Schlafenden entleert – der wacht auf und gruselt sich.

 

Hier sind erst mal die drei Protagonisten zu sehen: die Königstochter, die Kammerzofe und der junge Mann. Über ihn werden Fischlein ausgeleert, die, nun, ein wenig wie Spermien aussehen. IMG_5558

Der junge Mann wird durch das Wasser brutal geweckt. Er schrumpft dabei, wird zum Knäblein, das die beiden Weiber nur verschwommen wahrnimmt. Könnte es sein, dass dies ein Märchen über das Trauma des Geborenwerdens ist? Als Knabe geboren zu werden? Schau, schreien sie vergnügt, es ist ein Junge!

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Winzig ist das Knäblein, blutig noch. Aus dem Geburtskanal, aus dem großen schwarzen Loch kämpft es sich ans Licht, Kopf voraus.

Unser Held hat keine Mutter. Jedenfalls kommt sie im Märchen nicht vor. Nur einen Vater und einen Bruder hat er. Er weiß mit Feuer umzugehen, auch mit Werkzeugen. Aber an seine Gefühle kommt er nicht ran. Das spürt er, und er nennt es: ich möchte lernen, was gruseln ist. Seine Frau wird es ihm beibringen.

Die meisten Kinder wollen sich gruseln. Es gibt eine richtige Industrie dafür: Gruselfilme, Gruselspiele. Auch etliche Erwachsene suchen das Gruselgefühl. Warum? Die Gänsehaut, das gesträubte Haar, der Schüttelfrost der Aufregung, der Schweißausbruch, die Schluckbeschwerden, die Fluchttendenz –  als Spiel. Man(n) fühlt! Anscheinend fühlt man sonst nicht. Man(n) braucht Horror, um das Gefühl in sich lebendig zu machen. Frau (sagt man) braucht Liebesromanzen.  Na ja, nicht unbedingt. Ich brauche weder – noch.

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*Empathie = Einfühlung. Von altgriechisch ἐμπάθεια (Leidenschaft, starke Gefühlsregung). Es wurde im 19. Jh. aus πάσχειν (leiden, fühlen), nach dem Vorbild von Sympathie, in seiner jetzigen Bedeutung neu gebildet.

 

 

 

 

 

 

 

 

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Nur so

…und weil ich sie gestern, beim Neujahrsspaziergang, fand. Grüne Herzen, Hoffnungsträger. Symbol fürs beginnende Jahr.

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Bleigießen – Friedenstaube

Sylvester ist  eine Gelegenheit, Altes abzuräumen und Platz für Neues zu schaffen.  Allzu viel sammelt sich im Laufe eines Jahres an. Wie auf diesen Bild. Da bleibt kaum noch Luft zum Atmen!

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Weg damit! Weg damit? Einfach so? O weh! Ist denn gar nichts dabei, was lohnt, um es über das Jahr zu retten?

Ich nahm hier weg, ich nahm da weg …

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… und nahm weg. Aber etwas blieb. Dies hier.

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Gutes Blei, liebe Leute! Das kann man gießen und sehen, was draus entstehen will! Ihr wisst ja, Molybdomantie, Bleiorakel auf Griechisch, braucht man an Sylvester, um zu wissen, wie’s weitergeht mit dem Leben (vergl meinen Beitrag vom 29.12.15, „Lebensschnipsel„).

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Ein Töpfchen war schnell beschafft, und ein Feuerchen entfacht. Ich nahm die Stücke, die mir geblieben waren, und schmolz sie, löschte sie im Wasser – und hier ist das Ergebnis: die gegossenen Stücke samt ihren Schatten.

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Und was ist entstanden? Ich wollt, es wär eine Friedenstaube.

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