Griechische Dichtung am Sonntag: Dionysios Solomos

Wir befinden uns im 19. Jahrhundert. Am Anfang des Jahrhunderts fast noch. Es ist das Jahr 1823, und der erste neugriechische Brückenkopf ist gegründet: „Die Vereinigten Staaten der Ionischen Inseln“.

Dionysios Solomos, 25 Jahre alt, dichtet auf seiner befreiten Geburtsinsel Zakynthos eine begeisterte „Hymne an die Freiheit“. Sie hat sage und schreibe 158 Strophen (Vierzeiler), in denen er die unendlichen Leiden und Kämpfe der Griechen besingt. Sieben Jahre später, 1830, wird die ersehnte Freiheit vom vierhundertjährigen osmanischen Joch für einen weiteren Teil Griechenlands Wirklichkeit: Peloponnes, das Festland bis zum Olymp, ein paar Inseln werden als souveräner Staat anerkannt.

Die „Hymne an die Freiheit“ wird erstmals 1824 veröffentlicht, in Messolongi, das wenig später nach langer osmanischer Belagerung fällt und durch das Selbstopfer (Holokaust) der verbliebenen Bevölkerung zu einem Fanal wird. Von den 10 000 Einwohnern überleben vielleicht 1000. Auch der Philhellene Lord Byron stirbt in Messolongi. Der junge Eugene Delacroix, auch er Philhellene, verewigt das Drama in seinem großen Gemälde von der Freiheit, die unter den Trümmern von Messolonghi stirbt.

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Der Kampf um das griechische Staatsgebiet wird noch 100 Jahre andauern, der Streit um die richtige Sprache sogar noch länger. Solomos ist ein eifriger Verfechter des Volksgriechisch, das in dem neu entstehenden Staat in unzähligen Dialekten geprochen wird. Seine „Hymne an die Freiheit“ ist ein Markstein für die Durchsetzung der „gesprochenen“ Sprache des Volkes.

Wenn ihr bei einer internationalen Sportveranstaltung Griechen auf der Tribüne seht, die versuchen, ihre Tränen zurückzuhalten, während ihre Nationalhymne erklingt – dann folgt ihren Lippen: sie singen das berühmte Lied. Es sind die zwei ersten von den 158 Strophen, die Dionysios Solomos 1823 dichtete und die sein Freund und Landsmann aus Korfu, Nikolaos Manzaros 1824 vertonte. Sie lauten

Σὲ γνωρίζω ἀπὸ τὴν κόψη
τοῦ σπαθιοῦ τὴν τρομερή,
σὲ γνωρίζω ἀπὸ τὴν ὄψη
ποῦ μὲ βία μετράει τὴ γῆ.

Ἀπ‘ τὰ κόκαλα βγαλμένη
τῶν Ἑλλήνων τὰ ἱερά,
καὶ σὰν πρῶτα ἀνδρειωμένη,
χαῖρε, ὢ χαῖρε, Ἐλευθεριὰ !

in wörtlicher Übersetzung:

Ich erkenne dich an der Schneide / deines Schwertes, der furchtbaren / Ich erkenne dich an dem Blick, / der mit Kraft die Erde ausmisst. // Herausgeholt aus den Knochen / der Griechen, den heiligen / und  mannhaft wie seit Beginn / Sei gegrüßt, o sei gegrüßt, Freiheit!

Die im Umlauf befindlichen Nachdichtungen will ich euch nicht zumuten. Die Hymne ist gereimt  A – B – A -B.  Offiziell wurde sie 1865 vom damals herrschenden König Georg I zur Nationalhymne erklärt. Vorher galt die bayrische. Denn ach, die freien Griechen mussten sich lange unter die Vorgaben der europäischen Königshäuser bequemen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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10 Antworten zu Griechische Dichtung am Sonntag: Dionysios Solomos

  1. Susanne Haun schreibt:

    Danke für diese kleine Lektion in griechischer Geschichte. Mir gefällt dein Bild dazu, das so kontrastvoll ist wie die Geschichte.

    Gefällt 2 Personen

  2. haluise schreibt:

    mein GEIST sieht ein schiff, trotz stürmischer see im hafen ’stolz‘ einlaufend, nämlich so vertikal wie das gebäude daneben.

    sei mir gegrüsst, holde GERDA KAZ …
    BIN LUISE

    GERDA beschreibt DEINE SOUVERÄNITÄT und alle DEINE vornamen.
    KAZAKOU beschreibt DEINE zugehörigkeit zur familie im nationalen geschäft.- in der Schweiz wird DEIN familienname hinzugefügt.
    in der brdgmbh gehörst du als sklave dieser firma, du und deine kinder. personalausweis und pass besagen dies mit unterschrift. du bist hier staatenlos und vogelfrei. .. es gibt keine staatsngehörigkeit – deutsch.
    drum verhält sich merkel, wie sie sich verhält. sie ignoriert die stimme/n des volkes.

    so viel zu FREIHEIT und versklavung ganzer völker.

    logische folgerung: ein volk, das sich demokratisch nennen will, muss dies erst mal beweisen mit klarem ausdruck der SOUVERÄNITÄT.

    Gefällt mir

  3. gkazakou schreibt:

    Liebe Luise, es wäre mir lieb, wenn du deine Kommentare nicht zu sehr ausufern lassen würdest, sondern bei deinen persönlichen Eindrücken bliebest. Dieser Blog ist kein Forum für politische Auseinandersetzungen. Sei so lieb und missbrauche das Kommentarfeld nicht. Herzliche Grüße Gerda

    Gefällt 2 Personen

  4. Martina Ramsauer schreibt:

    Ich habe weder von Dionysios Solomos und seiner Hymne zur Freiheit noch von der Belagerung von Messolongi gehört und danke dir hier, liebe Gerda, für diese Informationen. Auch finde ich es interessant, dass sich die Volkssprache durchgesetzt hat. Bei uns im Tessin ist z.B. der Dialekt viel ausdrucksreicher als das Italienische. Cari saluti Martina

    Gefällt 1 Person

  5. kunstschaffende schreibt:

    Liebe Gerda ,
    vielen Dank für diesen so informativen Beitrag! Erst jetzt in Deiner Blogpause lese ich intensiver Deine Themen.
    Das Gemälde von der Freiheits Kämpferin Eugene Delacroix finde ich sehr eindrucksvoll!
    Leider, so glaube ich, wird der Kampf für die Freiheit nie aufhören!

    Babsi

    Gefällt 1 Person

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