Draußen ist indifferentes Wetter – nicht gut, nicht schlecht, nicht hell, nicht dunkel. Will.i langweilt sich. Er ist jetzt 28 Tage alt, immer noch ein Kind, aber nicht mehr so spontan wie am Anfang. Schlägt man ihm was vor, mault er erst mal, aber was Eigenes stellt er auch nicht auf die Beine. Ich fürchte, Will.i ist in der Phase, wo er will, aber nicht weiß, was er will.
„Anstatt hier rumzuhängen“, sage ich zu ihm, „könntest du mir im Atelier bei der Revision helfen. Wie du weißt, gibt es da haufenweise bemaltes Papier, und meine Versuche, einen Teil wegzuwerfen, sind kläglich gescheitert. Vielleicht sagst du mir, was sich aufzuheben lohnt.“
Also steigen wir ins Atelier hinunter, und ich ziehe das unterste Dossier aus dem Stapel. Blatt für Blatt nehme ich heraus und frage Will.i wie Aschenbrödel die Täubchen: Ins Kröpfchen oder ins Töpfchen? Weg damit oder behalten?
Am schnellsten urteilt er, wenn das Bild farbenfroh ist: „Behalten“.
Ist das Bild farbenfroh UND erzählt eine Geschichte, geht es noch schneller : „Behalten!“
Manchmal will Will.i wissen, wo ich es gemalt habe. Ich sage dann wohl: „Das war eine alte Ölmühle auf der Insel Lesbos. Da waren wir, wart mal, ich glaub, das war Anno 1974…
… Das Meer und die Steine davor waren ganz dunkel vom Öl oder vielleicht von Substanzen, die man zum Pressen benutzte. Ich erinnere mich noch sehr gut, obgleich es schon solange her ist. Ich habe damals noch mit dem Schul-Deckfarbenkasten meines Sohnes gemalt.“
„Gut“, sagt er, „die behalten wir dann wohl besser auch.“
Bilder mit Booten sind auch ok. Wo das war? Hm, vermutlich im Hafen von Kos…
Will.i gefallen auch abstrahierende Bilder, wenn sie ordentlich gezeichnet und gemalt sind. Ja, auch gemalt, denn ohne Farben „fehlt was“, befindet er. Und so passiert dieser Tempel von Samothrake die Hürde.
Schwieriger ist es bei den Bleistiftzeichnungen, die Will.i leichten Herzens ausrangieren würde, zumal das Papier dünn und schon ein bisschen angegilbt ist. Ich aber mag mich nicht von ihnen trennen. Jedenfalls ein paar kann ich retten.
Bei Stillleben ist es noch schwieriger, Will.i von ihrem Wert zu überzeugen. „Du hast doch inzwischen tausend neue gezeichnet, was willst du mit dem alten Kram?“ Ja, was will ich damit? Ich hänge einfach daran, grad weil sie so alt sind und mich daran erinnern, wie alles angefangen hat. „Behalten wir eine Federzeichnung und eine mit Bleistift“, sage ich, und Will.i nickt. Also wandern auch die ins Dossier zurück.
Freie abstrakte Versuche lehnt Will.i regelmäßig ab. „Was soll das darstellen?“ ist die Frage, die so prompt kommt, wie in anderen Zusammenhängen „Wozu ist das nützlich?“. Ich schmuggele aber doch das eine und andere Blatt zurück ins Dossier. Mir gefallen nämlich diese Experimente mit verschiedenen Medien.
Ich gebe zu, solche Sachen sind für ein Kind nicht besonders spannend, und so bin ich froh, noch auf ein frühes Bild mit fantastischen Rittern zu stoßen. „Das kannst du gleich mal rauslegen und mir schenken!“ sagt Will.i und macht mich froh.
Und so gelang es uns heute tatsächlich, eins der vielen Dossiers um ein paar Zeichnungen zu erleichtern. Unter den ausrangierten Blättern ist auch eins, das mich an damalige Versuche erinnert, Vergangenheit zu malen. Gefunden habe ich nur die Titel, nicht die dazu gehörigen Bilder. Aber ich erinnere mich, als wäre es gestern.
































