Extraetüde: Will.i und der unerschütterliche Seemann (Geschichtsunterricht)

Christiane lädt zur Extra-Etüde: 5 Wörter aus 6, 500 Wörter darf die Etüde umfassen. Diesmal ist Will.i mit von der Partie.

Extraetüden 05.21 | 365tageasatzaday

„Will.i“, sage ich, „gleich kommt eine Frau zur Beratung, da kann ich dich nicht brauchen. Du magst vielleicht inzwischen noch ein tolles oranges Bild malen oder dir Musik anhören. Oder mach beides zugleich. Du kennst dich ja mit dem Computer inzwischen aus. Such dir passende Musik, und auf gehts! In einer Stunde bin ich zurück.“

Da klingelt es schon an der Tür, und ich eile, um meiner Besucherin – nennen wir sie Maria – zu öffnen und mit ihr ins Atelier hinunterzusteigen.

Die Wände unseres Steinhauses sind dick, und die Decken isoliert, aber mir ist, als hörte ich im Wohnzimmer über mir ein Zetermordio, das anschwillt und abschwillt. „Moment, Maria, ich schau grad mal nach, was da oben los ist,“ und renne auf der Außentreppe nach oben. Als ich die Haustür öffne, falle ich fast die Stufen runter, so heftig trifft mich die Musik, die da fortissimo aus den Lautsprechern dröhnt.

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst, Rosmarie!“ dröhnt es, und Will.i marschiert, einen Besen wie ein Gewehr geschultert, im Zimmer herum und singt lautstark mit: „Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern….“ Ich stürze zum Computer und stelle ihn ab. „He, was machst du da?“ schreit Will.i. –  „Ich kann diese Musik nicht hören, Will.i, bitte!“ – „Aber sie ist lustig! Ich mag sie!“ – „Das ist schlechter Geschmack“, sage ich. –  „Dein Geschmack ist schlecht!“ schreit Will.i. „Das Lied hat tollen Rhythmus, ich mags, und ich finde es Scheiße, dass du es einfach abgestellt hast!“

Will.i ist wütend, fast weint er vor Wut und Enttäuschung. So habe ich ihn noch nie gesehen. Was soll ich nur machen? Es bleibt mir nichts anderes übrig, als ihm zu erklären, warum ich das Lied nicht hören kann. „Komm, setz dich“, sage ich weichmütig. „Ich will dir was über das Lied erzählen und warum ich es nicht hören kann…“

Da fällt mir siedendheiß ein, dass Maria im Atelier auf mich wartet. „Also ich erklär es dir nachher. Wirklich, ich habe meine Gründe, warum ich das Lied nicht hören will. Bitte, stell was anderes ein, und sobald ich Zeit habe, erklär ich es dir.“

Aber wie soll ich einem ahnungslosen schwarzen Kind die deutsche Geschichte erklären? (Du erinnerst dich, Will.i kam als Schwarzer aus Afrika zurück). Ist es grundfalsch, es zu versuchen? Soll ich es den Zeitläuften überlassen, was er aufschnappt und was er lernt und was er dann damit macht?

Als ich später wieder raufkomme, hört Will.i „Lili Marlen“ und legt ein Schnipselbild. Er schmollt immer noch. Seine Seeleute spielen Ball – einige sind schwarz, andere weiß. Eine Luftnummer.  Ich muss lächeln. Vielleicht ist das die Lösung?

Leichtmatrosen (c) Gerda Kazakou.


Falls du die Lieder, beide 1939 im Rahmen der deutschen Kriegspropaganda zu den bekanntesten deutschen Liedern hochgepuscht, nicht kennst:

Wenn du nicht verstehst, warum mich Will.is Geschmack erschüttert, lies nach:

FredRitzel

Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern!

Über ein Lied aus der Zeit des Kriegsanfangs, seine mediale Präsentation und seine Nachwirkungen

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter abc etüden, Allgemein, Erziehung, Geschichte, Katastrophe, Krieg, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Musik, Politik, Psyche, Willi, Zwischen Himmel und Meer abgelegt und mit , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

20 Antworten zu Extraetüde: Will.i und der unerschütterliche Seemann (Geschichtsunterricht)

  1. kowkla123 schreibt:

    liebe Gerda, sehr interessant wieder gestaltet, hab einen gute Tag, Klaus

    Gefällt 1 Person

  2. michaelcarljohanns schreibt:

    Es wird einem doch klar das alles Damsls nut Propaganda war. Man möchte nicht immer daran erinnert werden. Das kann ich verstehen.

    Grüße von Michael

    Gefällt 1 Person

  3. lachmitmaren schreibt:

    Jetzt bin ich irgendwie über das Wort „damals“ im Kommentar von Michael „gestolpert“. Und über das „man möchte nicht daran erinnert werden“. Denn mir erscheint es wichtig, dass man sich erinnert, dass man überhaupt bemerkt, was Propaganda ist und wie sie funktioniert.
    Also, liebe Gerda, ich bin dafür, dass du es Will.i erklärst … ;-). Liebe Grüße Maren

    Gefällt 2 Personen

  4. Werner Kastens schreibt:

    Liebe Gerda, bei meiner Etüde von Mitte Januar
    https://wkastens.wordpress.com/2021/01/18/abc-etuden-03-04-21-tumbler/
    habe ich nicht gewusst, dass es sich bei dem „Seemannslied“ um ein „Vermächtnis“ der NSDAP gehandelt hat. Danke für diesen Hinweis, speziell auch auf Rühmann. Ein verstorbener Onkel von meiner Frau hatte ihn als vorgesetzten Offizier im Zweiten Weltkrieg, leider, wie er immer wieder mit der Faust in der Tasche bestätigt hat.

    Gefällt 2 Personen

  5. Christiane schreibt:

    Ich glaube, deutsche Geschichte zu erklären, selbst wenn es „nur“ die letzten 100 Jahre wären, wäre eine mehr als abendfüllende Aufgabe, Ausgang ungewiss. 🤔😉
    Ihm hingegen die Mechanismen von Propaganda nahezubringen, stelle ich mir interessant vor, denn das bedeutet, ein Bewusstsein für den Umgang mit Sprache zu schaffen/vertiefen, und das wiederum kann man/er immer gebrauchen … 🤔
    Danke für den erklärenden Link, da wusste ich einiges nicht. 👍
    Ich kenne beide Lieder, von dem „Seemann“ erinnere ich allerdings nur die erste Strophe und den Refrain (und mochte ihn nie).
    Danke für die Geschichtsstunde per Etüde! 😁
    Nachmittagskaffeegruß 😁☁️☕🍪👍

    Gefällt 3 Personen

  6. Karin schreibt:

    Ich würde will.i diese Lieder ruhig schmettern lassen, auch die Wandervogellieder, die er noch entdecken wird, die Wildgänse, die durch die Nacht brausen, Jenseits des Tales und ich will zu Land ausfahren – was habe ich diese Lieder als Kind geliebt, konnte sie alle auswendig , singe und höre sie heute noch gern und war mir nie bewußt, dass ich damit auch mißbraucht wurde. Ich würde ihm nur sagen, dass Du keine guten Erinnerungen an die Zeit hast, als diese Lieder in Deiner Jugend gespielt wurden. Später würdest Du ihm das alles mal erklären. Aber ihm die kindliche Freude jetzt zu nehmen, fände ich falsch.
    Lale Andersen war ein Sehnsuchtslied all der Frauen, die damals ihre Männer im Krieg hatten,, jeden Tag für das Überleben beteten, es bot ihnen Trost. . Wenn ich an den seichten 50er Jahre Kisch, mit dem wir im Radio, später Fernsehen überschüttet und eingelullt wurden, denke – auch das war Propaganda.
    Mir haben sie als 4-Jährige (die alten Freunde und nicht im Krieg befindlichen Männer unseres Hauswirts) beigebracht, aus vollem Halse zu schmettern: Ist meine Frau nicht fabelhaft, was sie nicht alles kann, mit ihrer großen Leidenschaft, steckt sie die Männer an…. -:))) sie wollten meine hübsche Mutti damit ärgern, der Vati war ja im Krieg. Natürlich hat mir Mutti verboten, das Lied zu singen, war sie nicht zu sehen, sang ich wieder los -:))
    Will.i Weltgeschichte, nicht nur deutsche beizubringen, da muss er noch ein bißchen hineinwachsen und er wird eine gute Lehrerin in Dir haben.
    Der Junge stellt Dich vor immer neue Herausforderung -:)))

    Gefällt 5 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Karin, meine zusammenfassende Antwort steht weiter unten. Hier nur zu einem Punkt: Diese Lieder wurden kurz VOR dem Eintritt in den Krieg produziert und populär gemacht. Der Krieg wurde ja von langer Hand vorbereitet, eigentlich vom ersten Tag der Machtbernahme an. Und das Volk marschierte begeistert. als dann der Krieg von Blitzieg zu Blitzsieg fortschritt und die begehrten Güter aus den besetzten Gebieten hereinkamen, verflog bei den meisten Zweifelnden die Beklemmung. Dass die Frauen später bitter den Trosteines Liedes brauchten, steht auf einem anderen Blatt.

      Ich finde das Brechtlied „Und was bekam des Soldaten Weib …“ aufschlussreich. Da mein Vater in Russland fiel, war es für mich wichtig.

      Und was bekam des Soldaten Weib
      Aus der alten Hauptstadt Stadt Prag?
      Aus Prag bekam sie die Stöckelschuh‘
      Einen Gruss und dazu die Stöckelschuh‘
      Das bekam sie aus der Hauptstadt Prag

      Und was bekam des Soldaten Weib
      Aus Warschau am Weichselstrand?
      Aus Warschau bekam sie das leinerne Hemd
      So bunt und so fremd, ein polnisches Hemd
      Das bekam sie vom Weichselstrand

      Und was bekam des Soldaten Weib
      Aus Oslo über dem Sund?
      Aus Oslo bekam sie das Kräglein aus Pelz
      Hoffentlich gefällt’s, das Kräglein aus Pelz
      Das bekam sie aus Oslo am Sund

      Und was bekam des Soldaten Weib
      Aus dem reichen Rotterdam?
      Aus Rotterdam bekam sie den Hut
      Und der steht ihr so gut, der holländische Hut
      Den bekam sie aus Rotterdam

      Und was bekam des Soldaten Weib
      Aus Brüssel im Belgischen Land?
      Aus Brüssel bekam sie die seltenen Spitzen
      Ha, das zu besitzen, so seltene Spitzen
      Die bekam sie aus Belgischem Land

      Und was bekam des Soldaten Weib
      Aus der Lichterstadt Paris?
      Aus Paris bekam sie das seidene Kleid
      Zu der Nachbarin Leid, das seidene Kleid
      Das bekam sie aus der Stadt Paris

      Und was bekam des Soldaten Weib
      Aus dem lieblichen Tripolis?
      Aus Tripolis bekam sie das Kettchen
      Das Amulettchen am Kopfe mit Kettchen
      Das bekam sie aus Tripolis

      Und was bekam des Soldaten Weib
      Aus dem weiten Russland?
      Aus Russland bekam sie den Witwenschleier
      Zur Totenfeier den Witwenschleier
      Den bekam sie aus Russland

      Gefällt mir

  7. elsbeth weymann schreibt:

    …ich stimme Karin zu. Meine Mutter konnte dies Lied auch partout nicht leiden. Wir waren nur ratlos, wenn sie wütend wurde. Der Schwung des Liedes riss doch soo schön mit. Aber wie soll man als Kind verstehen, worum es EIGENTLICH ging? Mit 13/14 Jährigen später dann zu Hause und /oder im Unterricht einmal das Tückische dieser Sprache analysieren. Sie zu sensibilisieren für das Wie und das eigentliche Was dahinter , im Geschichts- oder sonst- einem -Unterricht, finde ich gut (Vielleicht sogar schon für 9/10Jährige). „Kraft durch Freude“… „Arbeit mach frei“…wie WAHR beides. Eigentlich. Und wie schrecklich gebraucht. ….Das wunderschöne Kinderlied „Alle Vögel sind schon da“, kann ich nicht mehr unbefangen singen, seit ich erfuhr, dass Häftlinge, die wieder eingefangen wurden, dies singen mussten, bevor… ///Ich bin absolut gegen jedes Vergessen, jeden „Vogelschiss“ oder die „Moralkeule“ von Walser u.a. ….Er–innern, Bewusstmachen, die Macht von Sprache , im Bösen wie im Guten –sich selber immer wieder bewusst machen….Mal z.B. nur auf „Militärisches“, in unserer Alltagssprache, ganz harmlos gebraucht, zu achten…bringt schon ganz schön ins Nach-denken. /// Und noch : Dank für eure LANDART am Strand !!! Alles Echt-Schöpferische tut so gut jetzt !!!!

    Gefällt 4 Personen

  8. Gisela Benseler schreibt:

    Was hast Du da wieder eine lebendige Geschichte geschrieben, die man wirklich für wahr halten möchte. Dieser kleine erfundene Bursche nimmt immer realere Formen an. Die Videos sind für mich aber “ nicht verfügbar“.

    Gefällt 2 Personen

  9. gkazakou schreibt:

    Dank an euch alle, die ihr hier kommentiert habt. Wenn ich zusammenfassen darf, so ist das Thema, das die meisten von euch beschäftigt, der Mechanismus der Propaganda. Das sei auch ein Thema, das heute von Bedeutung sei und das man einem Kind nahebringen kann. Da ist dann auch die Rolle der Kunst von ziemlicher Bedeutung.
    Ob man Lieder, die historisch „verhunzt“ sind, noch leichten Herzens schmettern sollte? Darüber gibt es hier unterschiedliche Meinungen.
    Niemand geht darauf ein, dass Will.i jetzt ein schwarzes Kind ist, das insofern keinen besonders tiefen Bezug zur deutschen Geschichte hat – außer es käme aus einem afrikanischen Land, wo deutsche Kolonialisten gewütet haben.

    Die Frage, die ich hier noch aufwerfen möchte, ist: wie muss eine deutscher Geschichtsunterricht beschaffen sein, wenn ein Großteil der Kinder (und manchmal fast alle) sich durch ihre Eltern auf einen ganz anderen als den deutschen historischen Hintergrund beziehen? Das Thema der Propaganda ist sicher für alle wichtig, das Thema der Kriege und Vertreibungen auch, auch gibt es in vielen Ländern „verhunztes“ Kulturgut, das man nicht mehr naiv nutzen kann oder dulden will. (Man denke zB an cancel culture in den USA).

    Gefällt 1 Person

  10. Johanna schreibt:

    Gerda, wie Du die Fäden so kunstvoll zusammenwirkst. Du entrollst somit ein Bild vor uns, zu dem wir emotionellen Bezug nehmen können.
    Mir waren diese Lieder fremd bisher, und so sind sie ein Fenster in eine andere Zeit. Ich denke sie sind zum Verstehen und Verabeiten wichtig…und zum Erkennen, was Propaganda mit uns macht und wie sie angewendet wird. Ich meine, dass wäre eines der wichtigsten Unterichtsthemen auch für die heutige Zeit. Die Lieder erinnern mich auch sehr an entsrechende englische Lieder, welche ich in Altersheimen etc gehört habe. Es ist eine Nostagie für die Engländer dahin, eine Sehnsucht nach einer gute Zeit (!). ….und es zeigt, wie das Fussvolk in jedem Land ‚bearbeitet‘ werden musste, damit es überhaupt in den Krieg ziehen wollte..

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Liebe Johanna, meine zusammenfassende Antwort steht weiter oben .
      Jetzt wird das „Fußvolk“ erneut bearbeitet – allerdings werden keine fernen Abenteuer mehr versprochen, sondern die Chose soll technisch perfekt über die Bühne gehen. Tote werden nur die „Feinde“ zu beklagen haben.

      Gefällt 1 Person

  11. Ach, Gerda, der will.i wußte es nicht besser, konnte es nicht besser wissen. Es stimmt schon, die deutsche Geschichte ist mehr sls schwierig und das Lied klingt erst mal so schön schmissig…
    *Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern, keine Angst, keine Angst, Rosmarie!“

    Das BrechtLied sagt aus, was wirklich war und ich habe es immer mit Gänsehaut und Tränen in den Augen gehört, weil es trifft.

    Gefällt 1 Person

  12. Pingback: Schreibeinladung für die Textwochen 06.07.21 | Wortspende von Wortman | Irgendwas ist immer

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.