Impulswerkstatt: Irgendwie unheimlich?

https://laparoleaetedonneealhomme.wordpress.com/2021/02/01/impulswerkstatt-einladung-fuer-februar-2020/

Da wandern sie nun, gläserne Menschen, noch ein wenig erdig-irdisch und halbtransparent, gerastert, getestet und für würdig befunden … immer dem Pfeil nach, den alternativlos vorgegebenen Weg, in eine etwas unheimliche Zukunft. Ihr Ziel? Vielleicht die Theke, wo der Käse als elektronische Ware, fein angereichert durch Camenbert- und Emmentaler-Düfte in köstlichen Mengen feilgeboten auf den Feinschmecker wartet.

Glascherbenlegebild, digital bearbeitet: Einbahnstraße. 13.2.2021

Es gab auch schon mal eine andere Käsetheke.  Die gehörte zu Jutta Reichels Geschichtengenerator und inspirierte mich zu einer mehrteiligen dramatischen Geschichte, in der es u.a. zu schwierigen Korrespondenzen zwischen abstrakten Wissenschaftsmenschen und vollblütigen Käseverkäuferinnen kam.

geschichtengenerator: Emma Ka und Emma Lo an der Käsetheke

IMG_6119

die beiden Emmas begegnen sich

Victor (4) und Emma

IMG_5958

Victoer, Abraam und Emma: eine Einladung. Schnipsel-Legebild

Emma schenkt dem gelähmten schwarzen Dichter Victor einen runden Käse von ihrer Theke. Er schenkt ihr ein Gedicht.  https://gerdakazakou.com/2016/02/23/victor-3-und-emma/

IMG_5954

Nun, diese Zeiten sind vorbei. Eine neue Normalität wurde uns beschert, in eine andere Richtung sind wir kollektiv gewiesen worden. Zu einer digitalen Käsetheke mit elektronischen Verkäuferinnen. Irgendwie unheimlich?

Veröffentlicht unter elektronische Spielereien, Impulswerkstatt, Juttas Geschichtengenerator in Aktion, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Politik, Psyche | 8 Kommentare

11.2.2021 Will.i, der Schnee und das WWW.

Dass Will.i Schnee nicht kennt, finde ich schade. Hier in der südlichen Peloponnes herrschen Frühlingstemperaturen, eine sanfte blumenbestickte Grasdecke hat sich über die kargen Böden der Olivenhaine gebreitet.  Nur aus der Ferne leuchtet noch ein wenig Schneeweiß vom höchsten Gipfel des Taygtos zu uns herunter.

Ich mag Schnee sehr, und wenn ich dieser Tage all die Schneeberichte aus nördlicheren Regionen Europas lese, wird mein kindliches Herz wach und erinnert sich ans Rodeln auf der Wiese von Bauer Prüß, wo es einen steilen Hang für die Mutigen und einen flachen für die Kleinen gab, erinnert sich an die verschneiten Stoppelfelder und an nasse Füße in den schlechten Schuhen, an Schneeballschlachten, die öfter mal, wenn sich im Schneeball Steine befanden, sehr unangenehm wurden, ans Schneeschippen, o ja, Tunnel mussten wir in so manchem Winter schippen, um aus der Haustür rauszukommen! Und natürlich an die diversen Schneemänner und Schneefrauen, die in unserem Garten entstanden.

Und so freute ich mich gestern sehr, als mich Bernadettes Fotos von Schneemännern aus Österreich erreichten. Die zeigte ich Will.i.

„Schau mal, was ich hier bekommen habe!“

„Witzig“, sagt Will.i trocken. „Die Maske macht Eindruck“. Inzwischen ist Will.i mit dem Maskengebrauch sehr vertraut.

Und das andere Foto? „Der ist auch cool! Als ob er von irgendwas die Nase voll hat! Aber der Schnee sieht ziemlich backig aus. Bessere Schneemänner kriegt man hin, wenn der Schnee noch nicht so hart ist. Dieser ist wohl aus geschipptem Schnee entstanden“.

Will.i redet wie ein Experte vom Schnee – obgleich er doch noch nie welchen gesehen hat!  „Du scheinst dich mit Schnee ja recht gut auszukennen“, meine ich verblüfft. „Woher hast du denn dein Wissen?“ – „Schnee kennt doch jedes Kind“, ist seine Antwort.

So ist das also. „Schnee kennt doch jedes Kind“. – „Dann kennst du wohl auch das Kinderlied: Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?“ – „Nee, kenn ich nicht. Aber ich weiß, wie Schneekristalle aussehen. Du?“ – „Na ja“, sage ich, „ein bisschen schon. Wie Blüten, mit feinen inneren Zeichnungen, alle ein wenig verschieden.“ – „Und wie sind sie aufgebaut? ihre Grundform? Weißt du das auch?“ -„Nicht wirklich“, gebe ich zu. „Ich glaube, es gibt da viereckige, fünfeckige oder sechseckige Formen, vielleicht haben manche auch neun oder zwölf Ecken so wie eben auch manche Blüten.“ –

„Falsch!“ kommt Will.is triumphierende Antwort. „Alle gründen auf dem Sechseck! Und das kann auch gar nicht anders sein. Weil sie aus Wasser sind!“ – „Ja“, sage ich völlig verunsichert, „klar, dass sie aus Wasser sind, weiß ja jedes Kind. Aber was hat das mit dem Sechseck zu tun?“ – Mir scheint, Will.i grinst, als ich „das weiß doch jedes Kind“ sage. – „Das Wassermolekül lässt nur  Winkel von 60 Grad zu, darum!“ – „Darum. Hm. Versteh ich nicht.“ –  „Denk doch mal nach“, beharrt Will.i. „Wasser ist H2O, das heißt, da hängen zwei Wasserstoffatome an einem Sauerstoffatom. Verstanden?“ – „Ja, ja, klar“. Fast hätte ich gesagt: „das weiß doch jedes Kind“, verkneife es mir aber rechtzeitig, Will.i aber fährt fort. „Die beiden Wasserstoffatome hängen nicht irgendwie rum, sondern in einem ganz bestimmten Winkel. Diese Wasserstoffatome sind wie Brücken zu anderen H2O-Molekülen, und so kann sich jedes H2O-Molekül mit zwei anderen verbinden. Wenn es kalt genug ist, also mindestens 6 Grad unter Null, erstarren die Moleküle  in Form eines sechseckigen Kristallgitters. Verstanden?“ – „So ist das also!“, sage ich. „Aber woher, um Gottes Willen, weißt du das alles?“ – „Wozu gibt es das Internet?“, kommt seine Antwort.  Ach, wie dumm bin ich doch! Da dachte ich tatsächlich, Will.is Wissen hänge von meinem Unterricht ab! Dabei tummelt sich dieses Kind schon längst in den Weiten des World Wide Web. Wie könnte es auch anders sein? Was wir Alten uns langsam durch Erfahrung,  Beobachtung und Lektüre anzueignen versuchten, das weiß heute, und weit genauer als wir, jedes Kind…. Und wir können nur staunen und uns beschämt ob unserer Unkenntnis auf weniger wissenschaftliche Ausdrucksweisen zurückziehen. Zum Beispiel: Schnee malen, wie hier: Es schneit in der Großstadt.

IMG_5387

Es schneit in der großen Stadt, Pigmente und Kleister auf Pappe

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein | 20 Kommentare

Impuls Schatten interpretiert

Du wirst dich vielleicht erinnern an meine Bearbeitung  von Myriades  viertem Foto der Impulswerkstatt (oben), das  ich ohne weitere Erläuterungen einstellte (unten): https://gerdakazakou.wordpress.com/2021/02/09/impulswerkstatt-figur-und-schatten/,

Erfreulicherweise kamen  von euch, liebe Leser und Leserinnen, etliche kluge einfühlsame Interpretationen. Hier in Kurzform:

Der Schatten wirkt revolutionär (Gisela) – Ein Schatten, der über seinen Erzeuger … hinaus wächst (Werner) – Etwas Zauberlehrlingshaft (Random) – Die ‚Eisernen‘ marschieren wieder, die ‚Menschen‘ können nur verzweifelt die Hände heben (Olpo) – Unterwürfigkeit oder Auflehnung? (Ines) – Aladin losgelassen zeigt dominante Präsenz! (Bruni)

Myriade  war gespannt auf meine Ideen zu dem dominanten Schatten. Auch Random wünschte Aufklärung. Also will ich meine Gedanken, wie sie sich beim Umgestalten des Ausgangsfotos einstellten, ein wenig nachzeichnen.

  1. Schritt

Jede Aktion hat auch eine Schattenseite. Solange ich mir des Schattens bewusst bleibe und ihn integrieren kann, laufe ich keine besondere Gefahr. Was aber, wenn er sich verselbständigt? Mir kam eine Vielzahl von Beispielen, auch aus dem eigenen Leben. Zum Beispiel demonstrierten wir in den späten 60er Jahren gegen das Terrorregime, wie wir es nannten, des Schahs von Persien, nicht ahnend, dass wir damit die Installierung des Mullah-Regimes beförderten.  Noch weniger ahnten wir, dass Agenten der DDR in unseren Reihen mitmarschierten, wodurch es dann zum Tod von Ohnesorg mit all den bekannten Konsequenzen („68er Jahre“) kam. … Und selbstverständlich ahnten wir nicht, dass einige derjenigen, die damals für Frieden und Gerechtigkeit demonstrierten, ihr eigenes Karrieresüppchen drauf kochen würden.

2. Schritt

Der Schatten wird zur Verheißung. Wie oft pasiert das! Ahnten die Initiatoren der französischen Revolution, dass sie und ihre Überzeugungen auf der Guillotine enden würden? Oder die frühen Christen: waren sie sich bewusst, dass aus ihrem Glauben Inquisition, schlimmste Kriege und der Holocaust entspringen würden? Die Sozialisten, ahnten sie, dass ihr Kampf für das Arbeiterparadies im Stalinismus enden würde?

Nein, sie ahnten es nicht. Und doch geschah es. Und es geschah nicht zufällig, denn in ihrem Fanatismus, in ihrem Hass, in ihrem Avantgardebewusstsein, in ihrem Ehrgeiz, in ihrer Missgunst steckte der Schatten, der sich löste, den sie als Verheißung bejubelten,  mit dem sie die  Nicht-Überzeugten totschlugen, bis sie erschrocken erkennen mussten:

Schritt 3

Nicht das Verheißene, sondern das Gegenteil des Verheißenen wurde real, es machte sich selbständig, ergriff eine Fahne und verlangte Weltherrschaft.

Welche Fahne ist es, die der Schatten ergreift, der sich gerade gewaltig aufbläst und uns alle zu unterwerfen droht?

  • Manche sagen: Es sind die „Nazis“! Sie ergreifen die Gelegenheit, benutzen Naive, Unwissende, Gutgläubige, um wieder Macht zu gewinnen.
  • Manche sagen: Es sind die regierenden „Eliten“. Sie nutzen die Besorgnis der Menschen, ihre Gutgläubigkeit, ihre Bereitschaft Opfer zu bringen, ergreifen das Banner der Gesundheitshoffnungen und schwenken es gewaltig.
  • Manche sagen: Es sind die „Gewaltigen dieser Erde“, die die Bequemlichkeit, die Selbstbezogenheit, den Egoismus der meisten ausnutzen, um den großen Umbau zu bewerkstelligen, der am Ende nur eine abhängige Herde armseliger Überlebender zurücklässt. Sie schwenken die Fahne des Versprechens, dass es DICH nicht treffen wird, sondern nur die andern.
  • Manche sagen, es sei „das Böse schlechthin“, das in jedem Menschen lebt und das nun hervortritt, sich zum riesigen kollektiven Schatten zusammenballt, Gestalt annimmt und sich anschickt, Herrscher der Welt zu werden.

Worauf es ankommt: sich des eigenen Schattens bewusst zu bleiben, ihn unter Kontrolle zu halten, ihn zu integrieren. Nur so lässt sich verhindern, dass er sich verselbständigt und einer Formation von Millionen Schatten anschließt, die dich erschrecken wird.

Veröffentlicht unter Fotocollage, Geschichte, Impulswerkstatt, Leben, Philosophie, Politik, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 20 Kommentare

10.2. Will.i probt den Aufstand.

Das Zusammenleben mit Will.i läuft nicht mehr so rund wie am Anfang. Er ist jetzt irgendwas zwischen 11 und 13 und ich fürchte, schon in der Vorpubertät. Jedenfalls machte er heute Randale. Dabei hatte der Tag sehr schön und harmonisch begonnen.

Am Vormittag waren wir in Kalamata einkaufen, und ich machte wie schon zuvor eine Pause beim Eisenbahnmuseum, um ein bisschen zu zeichnen. Ich gebe zu, für Will.i, der Wiederholungen hasst, ist das eine Geduldsprobe. Aber was soll ich machen? Es herrscht Shut-down, und eigentlich dürfte ich nicht mal in den Park, sondern müsste gleich nach dem Einkauf ins Auto steigen und heimfahren. Und im Park kann er jedenfalls sie Loks und Waggons untersuchen. Doch sein vorher so lebhaftes Interesse war diesmal schnell erlahmt.

Ich begnügte mich daher mit einer klitzekleinen Zeichnung eines Güterzuges (handtellergroß).

Güterwaggons in Kalamata, 10.2.2021

Zum Mittagessen hatten wir Moussakas. Das hatten wir bei unserer Lieblingstaverne bestellt, aber als wir es abholen wollten, war es noch nicht fertig. Also gingen wir am Meer spazieren – und ich machte eine zweite handtellergroße Zeichnung, während mein Mann Zeitung las und Will.i Steine ins Meer warf. Dass er sie sehr heftig warf, fiel mir auf, aber ich beachtete es nicht.

Altes Haus am Meer, 10.2.2021

Später las ich am Computer, machte einen Bummel durch den Olivenhain und ging hinunter ins Atelier. Da fing Will.i an, verrückt zu spielen. Er tanzte im Atelier herum, setzte sich allerlei Sachen auf den Kopf, fuchtelte herum und schrie: „Ich bin der große Zampano“*. Ich fand es ja lustig, aber auch ein wenig störend, denn ich wollte eigentlich zeichnen. Stattdessen legte ich ein Scherbenbild, das Will.i und mich als den großen und kleinen Zampano* darstellt. Ihr kennt das Bild ja schon.

Der große und der kleine Zampano, 10.2.2021


Und dann gings rund. „Nur weil ihr alt und müde seid und Angst habt, muss ich hier rumsitzen und mich zu Tode langweilen! Warum reist ihr nicht? Warum fliegt ihr nicht mindestens mal zum Mond? Warum träumt ihr nicht groß? Warum lauft ihr mit diesen lächerlichen Masken rum? Ihr seid einfach nur jammervoll!“ – „Hej? Das sind ja ganz neue Töne! Alt bin ich, aber Angst habe ich nicht! Ich hindere dich nicht! Mach doch was du willst!“ – „Mach ich!“ und schwupps schnappte er sich eines meiner angefangenen ziemlich großen Bilder auf Pappe und begann, es wüst zu übermalen.

So sah es vorher aus:

Pigmente (blau, weiß, ocker, schwarz)

Beim Malen sang Will.i:

„Das Meer ist wild,

Das Meer das quillt

gleich übers Bild

Es tobt, es wütet und es lacht

es wogt und wallt und sprüht und kracht

Das Meer ist wild, das Spiel ist aus!

ich hab es satt, ich will hier raus!

Woanders gibt es Spaß und Lust

und nicht wie hier nur Ruh und Frust!

Das kann ja heiter werden, dachte ich, während ich ziemlich fasziniert zuschaute, wie der groß-kleine Zampano mein Bild versaute. Schließlich war der blaue Himmel ganz verschwunden und der einstmals ins Helle führende Steg war von Trümmern und Schwärze umgeben.““Ha!“, schrie er. „So ist mein Leben! Das habt ihr aus meinem Leben gemacht! Eine Trümmerwüste!“

*Der große Zampanò ist eine der drei Hauptfiguren aus dem Film „La Strada“ (1954) von Frederico Fellini. Dargestellt von Antony Quinn. Schausteller und Großmaul. Er kauft Gelsomina (dargestellt von der großartigen Giulietta Masina), zieht mit ihr durch die Gegend, beutet sie aus, misshandelt sie. Sie tritt als Clown auf, lernt ein berühmt gewordenes Lied auf einer geschenkten Trompete spielen …Es kommt zu allerlei Verwicklungen. Am Ende ist der Große Zampano ein einsamer gebrochener Mann.

Ganz anders wird die Figur später von Freddy Beck (1975) in einem Schlager interpretiert: Da ist Zampano der große Strippenzieher und Bestimmer im Hintergrund.

Lebe dein Leben, so wie’s dir gefällt
Dafür bist du, auf dieser Welt
Lebe dein Leben, es zählt jeder Tag
Tu was dein Herz immer mag

Denn wohin der Wind uns weht
Und wohin die Reise geht
Weiß allein der große Zampano
Denn der bestimmt das sowieso

Und wohin der Strom uns treibt
Was von unserm Leben bleibt
Steht im dicken Buch schon irgendwo
Beim großen Zampano

etc

Veröffentlicht unter Allgemein, Collage, Erziehung, Leben, Malerei, Meine Kunst, Musik, Psyche, Willi, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 26 Kommentare

10.2.2021 Der kleine und der große Zampano (Glasscherben-Legen)

Ein neues Glasscherben-Legebild: Der große und der kleine Zampano. Wobei der kleine Zampano der große ist – und der große der kleine. Wer mir als Modell gedient hat? Dreimal darfst du raten.

Glasscherben: Der große und der kleine Zampano, 10.2.2021

Und weils von meinem Modell gewünscht wurde, habe ich noch ein paar Effekte eingebaut:

Veröffentlicht unter die schöne Welt des Scheins, elektronische Spielereien, Erziehung, Legearbeiten, Meine Kunst, Willi | Verschlagwortet mit , , , | 23 Kommentare

Und sonst? Kleine Freuden (Fotos von heute)

Max der Kater (Zeit für Katzenfotos)

Deutsch unterrichten mit Puppen und Plüschtieren

im „Versailles“ (Garküche)

Versunkenes Haus a la Random

Veröffentlicht unter Allgemein, Alltag, Autobiografisches, Erziehung, Fotografie, Leben, Psyche, Tiere, Umwelt | Verschlagwortet mit , , , , , | 9 Kommentare

9.2.2021 Mit Will.i über Realismus und Idealismus parlieren

Beim vorgestrigen Aussortieren im Atelier stießen wir auf eine Federzeichnung, die Will.is besonderes Interesse erregte. Er hat ja eine Schwäche für Ritter, weiß der Himmel warum. Jedenfalls sonderte er eine Federzeichung von Don Quichote und Sancho Panza (Kopie nach Gustave Dore) aus dem Haufen und wollte wissen, wer und was das sei….

… um welche Art von Helden es sich handele. Dass es Helden sein müssen, stand nicht zur Debatte.

„Das sind Don Quichote auf dem Pferd Rosinante und Sancho Panza auf einem namenlosen Esel“, gab ich Auskunft. „Die lebten vor mehr als 500 Jahren in Spanien. Oder vielleicht lebten sie auch nicht, aber ein Dichter namens Cervantes hat sie lebendig gemacht – so sehr, dass sie  auch heute noch lebendig sind.“

„Und wo leben sie jetzt? Auf  der Burg vielleicht?“ Ich lachte. „Nee, nee, mein Will.i, sie leben anders, also zum Beispiel in mir.  Mal bin ich Don Quichote, sitze auf dem hohen Ross, schaue hinauf zu den Sternen und predige: „So und so müsste die Welt sein, so sollte sie sein!“ und verwickle mich in allerlei Kämpfe, damit mehr Gerechtigkeit in der Welt herrscht.  Dabei hole ich mir dann leicht eine blutige Nase. Dann wieder bin ich Sancho Panza und schimpfe mit mir: „Hör auf zu träumen und pass auf deine Füße auf, sonst fällst du wieder auf die Nase“. Sancho Panza ist ein Realist, und Don Quichote ein Idealist“.

So ganz verständlich scheint meine Erklärung nicht gewesen zu sein, denn Will.i guckte verwirrt und wusste nichts zu fragen. Also setzte ich von neuem an: „Ein Idealist wie Don Quichote hat ein paar Ideen im Kopf, zum Beispiel meint er, dass die Menschen von Natur aus edel und gut sind, dass man die Frauen und Kinder schützen soll und dass Gerechtigkeit auf der Welt herrschen soll. Auf der anderen Seite sieht er böse Mächte am Werk, die den unschuldigen Menschen allerlei Übel zufügen. Also wirft er sich in die Schlacht, um den die bösen Mächte auszurotten.“ – „Das ist richtig!“ befand  Will.i. „Don Kischot macht es richtig! Gegen die Bösen muss man zu Felde rücken.“

„Schon“, gab ich zu bedenken. „Das Dumme ist, dass man nicht immer gleich erkennt, wer gut und  wer böse ist. Realisten wie Sancho Panza wissen das, sie sagen: „Manche Menschen sind  nur ein bisschen gut und sonst ist mit ihnen nicht viel los, und andere sind zwar ein bisschen böse aber nicht wirklich schlecht.“ Sancho Panza weiß das, weil er selbst so ein gewöhnlicher Mensch ist: ein bisschen gut, ein bisschen böse, ziemlich verfressen und andererseits auch ein guter Kumpel.“

„Der Sanso Pansa hat wohl recht“, meinte Will.i. „Ich bin auch so und so. Aber dieser Don Kischot ist auch in Ordnung.  Wenn niemand gegen die Bösen zu Felde rückt, wärs auch Mist, oder?“

 

Was wir sonst noch redeten – über Illusion und Täuschung, Wirklichkeit und Traum, Rittertum und Demokratie … – kann ich hier nicht alles niederschreiben. Es wird einfach zu viel.

Veröffentlicht unter Dichtung, Erziehung, Kunst, Leben, Legearbeiten, Philosophie, Willi, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 23 Kommentare

Impulswerkstatt: Figur und Schatten

Das vierte von Myriades Fotos zur Februar-Impulsierung …

…. erinnerte mich sogleich an einen früheren Eintrag, den ich hier gern noch einmal in Erinnerung rufen möchte. Da ging es u.a. um die Frage, wer dichter und ergo auch schwerer ist:  der Fuchs oder sein Schatten?

Mensch, Fuchs und Schatten

Doch noch eine zweite Assoziation bildete sich in mir. Das Ergebnis war eine gründliche Umgestaltung des Fotos. Ich will meine Gedanken dazu vorerst für mich behalten. Was siehst du darin?

 

 

Veröffentlicht unter Collage, Commedia dell'Arte, Fotocollage, Impulswerkstatt, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Philosophie | Verschlagwortet mit , , , , , | 13 Kommentare

8.2.2021 Mit Will.i ans Meer und durch die Felder

Heute Nacht träumte ich von einem wilden grauen Meer, das mit großen Wellen ans Land rollte und stieg und stieg. Ich fragte mich, wann die Wellen die Kaimauer wohl überrennen und die Straßen und  Häuser überschwemmen würden. Angst hatte ich nicht, eher schaute ich mit Ehrfurcht auf dies, wie mir schien, unaufhaltsame Geschehen.

Das war ein Traum. In Wirklichkeit holte Freundin Magda Will.i und mich zu einem Spaziergang ab, und wir stiegen hinab zu einem uns unbekannten Küstenabschnitt. Das Meer rannte wie im Traum gegen die Küste, doch stieg es nicht an. Die Wellen brachen und rollten, wie wir es kennen, zurück ins Meer, um sich zu sammeln und erneut heranzurennen, Welle um Welle sich aufhäufend, bis die siebte, die höchste sich gebildet hatte und auch sie brach und zurückrollte.

Will.i zählte mit – eins, zwei, drei …. und rannte, sobald er die Sieben erreicht hatte, schreiend zurück und den Hang hinauf, um nicht nass zu werden. Ein bisschen theatralisch das Ganze, denn soo mächtig sind die Wellen hier nicht. Buhnen aus riesigen Steinen halten die Wasssermassen im Zaum.

Der Hang – oder richtiger die abgesunkenen Erdmassen, über denen sich eine ockrige Steilküste erhebt – , ist hier wunderbar bewachsen und überblüht von Ginster, Wolfsmilchgewächsen, blauer Iris, Asphodelen und Meerzwiebeln. Es gibt auch wilden Spargel und jede Menge wilde Kräuter. Hier auf einem der herabgesunkenen Felsen zu sitzen und aufs Meer zu schauen, den Duft der Kräuter in der Nase, die Musik der Wellen im Ohr und dem Tag zuzusehen, wie er langsam in die Nacht übergeht – was gibt es Besseres? Selbst Will.i kam zur Ruhe, nachdem er noch schnell die Treppe erkundet hatte, die dort in den Hang eingelassen ist, um die Bucht für ein darüberliegendes Haus zu erschließen.

Doch schließlich begann es zu nieseln, und wir machten uns auf den Heimweg, nicht ohne noch einen uralten Olivenbaum zu umarmen.

„Hier drin kann man wohnen, Will.i!“ rief Magda. Und tatsächlich, im Wurzelbereich des hohlen Baumes hatte sich eine tiefe Höhle geöffnet. „Schau mal, hier unten! Ist mindestens zwei Meter tief!“

Nun, die Höhle konnte ich nicht fotografieren, aber ich schwöre: es gibt sie. Und wenn mal Not am Mann ist, weiß ich, wo ich unterkommen kann….

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Erziehung, Fotografie, Leben, Natur, Umwelt, Willi, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 11 Kommentare

„Glückliche Elternschaft“ und „Was ist hier los?“ (Scherbenbilder variiert )

„Glückliche Elternschaft“

Glasscherben mit ihren scharfen Kanten, ihrer Halbtransparenz und Verschmutzung geben bei einfacher digitaler Bearbeitung (Filter) andere Effekte her als Papierschnipsel.

„Was ist hier los“?

Ambivalenz der Interpretation: Wird die Frau belästigt und wehrt sich mit ihrer Handtasche? Handelt es sich um ein Paar, das sich mit einem Selfie verewigen will?

Ändert sich etwas, wenn der Mann weiß und  die Frau schwarz ist und statt Nacht Tageslicht herrscht?

Das fragte ich auch Will.i. aber seine Antworten sage ich euch nicht.

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, elektronische Spielereien, Legearbeiten, Materialien, Meine Kunst | Verschlagwortet mit , , , | 18 Kommentare