17.2.2021 Zahnarzt, Will.is Kriterien, geschenkte Blumen und tägliches Zeichnen

„Nein, Will.i, du kannst nicht mit zum Zahnarzt kommen!“ sagte ich einigermaßen entnervt. „Ich kann dich nicht mitnehmen. Das Rendevouz gilt nur für mich. Denkst du etwa, ich reiße mich drum? Ich WILL nicht hin, ich MUSS! Der Stiftzahn, der rausgefallen ist, muss wieder an seinen Platz, sofern das möglich ist. Also gib Ruhe!“

Aber Will.i gab keine Ruhe. Er saß schon auf dem Beifahrersitz, als ich mich ans Steuer setzte. Er war auch vor mir im Fahrstuhl und drückte auf den Knopf zur dritten Etage, wo die mir noch unbekannte Zahnärztin ihre Praxis hatte. Mir war etwas schummrig zumute, denn der mit Graffiti übersäte Fahrstuhl machte nicht den solidesten Eindruck. Doch als wir den kleinen Empfangsraum der Praxis betraten, entspannte ich mich ein wenig: Er war hübsch eingerichtet und leer.

Nach kurzem Warten zeigte sich die Ärztin in einem weißen Kittel, darüber eine zweite bläuliche Plastikhülle, Kopf und Haar waren mit der Masken verschnürt, die zudem durch ein Plastikvisier verdoppelt wurde. Die Ausstattung der Praxis war ziemlich altmodisch, aber immerhin lief ein Monitor, auf dem ich, während sich die Dame an meinen Zähnen zu schaffen machte,  Werbesendungen sehen konnte bzw hätte sehen können, wenn ich nicht vorsichtshalber die Augen geschlossen hätte. Das tue ich beim Zahnarzt immer. Ich will gar nicht so genau wissen, welche Folterinstrumente er gerade hervorholt.

 

Diesmal war es freilich kein ER, sondern eine SIE. Ich hatte sie aus der Liste der Zahnärzte rausgesucht in der Hoffnung, eine Frau würde einer Frau weniger rabiat zusetzen.  Es wurde dann auch nicht sehr schlimm, und Will.i war ein bisschen enttäuscht, glaub ich. Er hatte es sich dramatischer vorgestellt.

Beim Zahnarzt. Legebild mit Jürgen Küsters Schnipseln

„Und?“ fragte ich ihn auf dem Rückweg. – „Ziemlich fett, die Gute“, meinte Will.i abschätzig. – „Über den Körperumfang der Ärztin wollte ich eigentlich nicht reden, Will.i. Wie fandest du deinen Erstbesuch in einer Zahnarztpraxis?“ – „Blöd. In ihrem Monitor hab ich ganz andere Bilder gesehen. Da gab es jede Menge Chrom und blitzende Geräte und langbeinige Vorzimmerdamen mit hübschen Zähnen, die den Arzt anhimmelten. Und bei der hier gabs nur die dicke Wachtel, die mit Stäben, Spritzen und Bohrern an deinen Zähnen rumfummelte.  Wieso hat sie überhaupt was gesehen? Ihre Brille war beschlagen. Müsste sie mal putzen.“ – „Du siehst, Will.i, ich lebe noch, und der Zahn ist drin. Das ist es, worauf es ankommt. Nicht auf Chrom und Schnickschnack.“  – „Das Klo war auch primitiv, richtig schmuddelig, und nirgends Desinfektionszeugs. Wozu verkleidet sie sich so, wenn sie sonst schlampig ist?“

Da hatte Will.i einen Punkt, aber ich wollte es nicht zugeben. Ich halte ja nichts von übertriebenen Hygienevorschriften, aber auf saubere Toiletten lege ich schon wert, besonders in einer Arztpraxis. Und diese war so la la, wie ich nach überstandener Behandlung selbst festgestellt hatte. Möge der Zahn halten, bis ich wieder in Athen bei dem mir vertrauten Zahnarzt bin! Oder, besser noch, auch bei ihm nicht.

Der Rückweg hielt noch eine hübsche Überraschung bereit, und zwar im Büro der Tankstelle. Da stand auf dem Schreibtisch eine Vase mit entzückenden Frühlingsblumen.  Ich fragte die Inhaberin, woher sie die habe? und fotografierte sie.

„Gefallen sie Ihnen?“ – „Ja, klar, schön sind sie, und sie duften herrlich.“  Und eh ich mich versah, entnahm sie dem Strauß einige Blumen und drückte sie mir in die Hand.

Hier seht ihr sie auf unserem Eisentischchen mit Schwiegermutters Häkeldeckchen, davor  eine klitzekleine Zeichnung, die ich auf dem Rückweg noch machte. Das musste sein, um die angegriffenen Nerven zu beruhigen. Denn ehrlich: Zahnarzt ist schon schlimm genug, aber Zahnärztin mit Will.i in der Vorpubertät möchte ich niemandem wünschen.

Veröffentlicht unter Allgemein, Erziehung, Fotografie, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Willi | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 12 Kommentare

Impulswerkstatt: Fensterblicke

Impulswerkstatt – Einladung für Februar 2021

Fensterblicke – hunderte, tausende habe ich abgelichtet! Wer kennte nicht diesen ersten Gang zum Fenster, kaum hast du ein Hotelzimmer betreten: Gefällt dir der Ausblick?

Nicht? Aber du hast auch nicht so viel Geld für den Superblick und bist daher ganz zufrieden, in einen ruhigen Hinterhof zu schauen, wer weiß, ob sich da nicht doch einige nette Szenen abspielen werden?

Einmal, es war in Salerno südlich von Neapel, kamen wir in einem kleinen, frisch renovierten Appartment unter, das man über vier Treppen (kein Aufzug!) erreichte, nachdem man zuvor schon unendlich viele Treppen im Ort erklommen hatte. Wir nahmen es gelassen – wegen der Aussicht! Die allerdings musste man sich dadurch erschließen, dass man das neue große Klappfenster anhob …

oder mit einem kleineren Fenster vorlieb nahm, durch das man auf den Fußspitzen stehend auf die alten Dächer und hinüber bis zum Meer blicken konnte.

Manchmal, wenn es regnete, war das große Fenster wie blind, und das Bild der Stadt verflüssigte sich auf magische Weise.

Diese Fenster fesselten mich nicht nur wegen ihrer Ausblicke, sondern auch wegen der Lichtspiele, die sie  im Raum veranstalteten. Da entstand eine spannende Raumarchitektur, die ich nicht umhin konnte, immer wieder zu fotografieren.

Am schönsten war freilich der ungehinderte Blick nach unten und in die Ferne. Salerno! Gerne würde ich dich noch einmal besuchen und auch hunderte von Stufen in Kauf nehmen, um dich von weit oben aus einem gekippten Dachfenster zu betrachten!

Veröffentlicht unter Architektur, Autobiografisches, Fotografie, Impulswerkstatt, Leben, Reisen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 15 Kommentare

Zimmerreise mit Will.i: D wie Deckengebälk

Puzzleblumes Zimmerreisen sind ein schöner Impuls, sich im eigenen Heim umzuschauen und zu überlegen, was zu einer sightseeing-Tour einlädt. Danke, Heide, für deine Einladung!

Mit Will.i ist in letzter Zeit nicht viel anzufangen. Er hat seine alte Lebhaftigkeit verloren, hängt durch, hat zu nichts rechte Lust. Oft liegt er auf dem Sofa rum und guckt hoch ins Deckengebälk unseres Wohnraums. Zählt die Balken. Zählen war immer schon seine Leidenschaft. „Was siehst du? Kannst du es beschreiben?“ frage ich ihn, um ihn ein bisschen in Bewegung zu setzen. Bereitwillig beginnt er: „Drei Balken laufen über die ganze Breite des Raums. Zwei dieser Balken stützen das Dach durch einen dicken vierkantigen und vier kurze runde Balken, die von einem Punkt in der Mitte ausgegehen und sich nach oben ausfächern.  Diese zwei  Punkt sind außerdem durch je einen langen runden Balken mit den beiden Schmalseiten des Raumes verbunden. Dort, wo der dicke viereckige Balken das Dach trägt, verzweigen sich wieder sechs vierkantige Balken. Je zwei davon laufen in die vier Zimmerecken. Von denen gehen wie Fischgräten paarweise sechs Balken verschiedener Größe aus. Uff, es ist schwierig, das alles zu beschreiben. Wer soll das kapieren? Kannst du es nicht zeichnen?“ – „Nee, kann ich nicht. Das wird als Zeichnung zu kompliziert. Wir müssten ein Modell bauen, um es zu erläutern.“ – „Aber wie haben es denn die Handwerker gemacht? So ganz ohne Zeichnung? Und dann haben sie all die Hölzer richtig eingepasst und es ist stabil?“

Nicht nur für Will.i ist das ein Rätsel. Unsere Handwerker, eine gemischte Gruppe aus Griechen und Albanern, haben dies Wunderwerk vor zwanzig Jahren geschaffen. Das Deckengebälk beginnt auf ca 4.50 m bzw auf ca 5 m Wandhöhe – die Höhe ist unterschiedlich, entsprechend der Form des davon getragenen Daches – und überspannt den gesamten Wohnbereich. Die großen Querbalken und andere tragende Balken bestehen aus Zypressenstämmen, die Latten aus Kiefernholz, alles ist gebeizt, nicht gestrichen, und zeigt so seine natürliche Zeichnung.  Ich versuchte es mit Fotografieren, konnte aber immer nur Abschnitte des Deckengebälks aufs Bild bringen. Der Rhythmus ist so nicht gut zu erkennen. Aber man sieht jedenfalls den Unterschied zwischen den gerundeten Zypressenstämmen und  den zu glatten Brettern gesägten Kiefernstämmen.

Andere Fotos des Deckengebälks habe ich digital bearbeitet, um die Konstruktion etwas besser sichtbar zu machen.

 

 

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Architektur, Erziehung, Fotografie, Materialien, Reisen, Willi | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 22 Kommentare

Tägliches Zeichnen: Am Hafen (Skizzen und Foto)

Kalt und sonnig der Tag. Ich habe etwas Zeit, dem Kamalata-Hafen einen Besuch abzustatten, setze mich auf einen gelben Poller und zeichne in meinem winzigen „Reporterblock“. Die Liegeplätze vor dem Zoll sind bis auf ein Polizeiboot leer, weiter hinten ankern zwei alte Lastkähne und ein Polizeiboot, erkennbar an seinen Antennen. Sonst ist der Hafen wie ausgestorben. Das Wasser ist nur wenig bewegt, und eine tiefe Ruhe liegt über der Szenerie.

In einem zweiten Anlauf lasse ich den Blick weiter nach links wandern, zum Ag. Nikolaos-Polizeiboot, das im Winkel zum Zollgebäude ankert.

Das kalte Blau von Himmel und Meer und die weiße Wolke fehlen auf meinen Zeichnungen. Auch habe ich mir allerlei zeichnerische Freiheiten genommen, um das Motiv dem kleinen Format anzupassen. Als Foto hat die Szene wohl mehr Kraft.  Doch beim Zeichnen genieße ich sie mehr und beobachte Einzelheiten wie die Aufhängungen der Puffer an den Liegeplätzen und das Gras am Fuß des langen Gebäudes, die mir nie zuvor aufgefallen waren.

Veröffentlicht unter Architektur, Fotografie, kleine Beobachtungen, Leben, Meine Kunst, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , | 4 Kommentare

abc-Etüden: Kafkas „Bericht an eine Akademie“ – Zusammenfassung, Kommentar.

abc.etüden 2021 06+07 | 365tageasatzadayhttps://365tageasatzaday.wordpress.com/2021/02/07/schreibeinladung-fuer-die-textwochen-06-07-21-wortspende-von-wortman/

Franz Kafka: Ein Bericht für eine Akademie.

Zusammenfassung.

Ein „gewesener“ Affe berichtet, wie er, gefangen in einem Gitterkäfig an Bord eines Schiffes von Hagenbeck, begriff, dass alle Wege zurück in die Freiheit blockiert waren. Zitat: „Es war kein vierwandiger Gitterkäfig; vielmehr waren nur drei Wände an einer Kiste festgemacht; … Ich hockte deshalb mit eingebogenen, ewig zitternden Knien, und zwar … zur Kiste gewendet, während sich mir hinten die Gitterstäbe ins Fleisch einschnitten. Man hält eine solche Verwahrung wilder Tiere in der allerersten Zeit für vorteilhaft…Und das…ist im menschlichen Sinne tatsächlich der Fall“.  Für den Gefangenen gab es nur eine realistische Wahl: entweder im Zoo oder auf einer Varietebühne zu landen. Zoo – das bedeutete, für immer im Käfig zu bleiben. Um das zu vermeiden, beschloss er, auf „jeden Eigensinn“ zu verzichten, sich zu fügen und: zu lernen. Ein Weltmeister im Lernen wurde er. Man brauchte ihn nicht zu dressieren, denn er selbst peitschte sich voran auf dem Weg, die Forderungen der Menschen zu begreifen und sie zu befolgen. Dafür bezahlte er einen hohen Preis: er vergaß seine eigene freie Natur. Und so war ihm nicht nur physisch jede Flucht verbaut, auch seelisch wäre bald ein Zurück nicht mehr möglich gewesen, denn je mehr er sich voranpeitschte, um in der Menschenwelt anzukommen, desto enger wurde ihm das „Tor, das der Himmel über der Erde bildet“.

Kommentar.

Hagenbeck rühmte sich, dass er auf die alten schmerzhaften Dressuren verzichtete. Die neuen Methoden seien viel effektiver. „Die Zeiten der Gewaltdressur sind nun vorbei, schon deshalb, weil man mit Gewalt nicht den hundertsten Teil dessen erreichen kann, was sich mit Güte erzielen lässt“  Und das, (so Kafka, s.o.) „kann ich heute nach meiner Erfahrung nicht leugnen, ist im menschlichen Sinne tatsächlich der Fall.“

Seither wurden auch in der Menschendressur große Fortschritte erzielt.

„Kein Durchblick, kein Ausweg, kein Weg zurück“ – Legebild, digital bearbeitet

 

 

 

Veröffentlicht unter abc etüden, Allgemein, Dichtung, Katastrophe, Leben, Psyche, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 5 Kommentare

Montag ist Fototermin: Grau in Grau und ein wenig Blau

Grau in Grau und ein wenig Blau.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Da im Reader die Diashow anscheinend nicht zu sehen ist, füge ich die Fotos noch einmal in anderer Form hier ein. Besser kann ich sie nicht in diesem Sch… Blockformat organisieren

Veröffentlicht unter Fotografie, Leben, Tiere | Verschlagwortet mit , , , | 20 Kommentare

Wortmanns ABC-Projekt (2) : C wie Coitus canium

/https://wortman.wordpress.com/2021/02/07/projekt-abc-c-wie-comicbuch/

Diesen Coitus canium (lat. canis, Hund) habe ich vor zehn Jahren auf Sizilien abgelichtet. Ganz der im alten Griechenland hochgeschätzten Kopulierlust ergeben, waren sie ein lebendes Monument inmitten der zerfallenden Tempelruinen von Agrigent. Wer weiß, welche Nachfahren aus dieser liebevollen Vereinigung hervorgegangen sind, und was das Schicksal mit ihnen vorhatte. Gönnen wir ihnen ihr kurzes Glück.

Agrigent wurde von griechischen Siedlern etwa um 580 v. Chr. als Akragas gegründet und wurde zu einer der bedeutendsten griechischen Städte.  Das „Tal der Tempel“ gehört zu den großartigsten Überbleibseln dieser frühen Zeit. Wer mehr von meinem dortigen Besuch sehen möchte: https://gerdakazakou.com/2017/10/19/igor-maturaj-und-das-tempeltal-von-agrigent-november-2011/

Veröffentlicht unter ABC in Fotos, Allgemein, alte Kulturen, Architektur, Fotografie, Leben, Natur, Reisen, Skulptur, Tiere | Verschlagwortet mit , , , , , , | 6 Kommentare

14.2.2021 Mit Will.i Hexagon spielen

Draußen ist es ungemütlich, kalt und nass. Will.i langweilt sich.“Wollen wir ein bisschen Hexagon spielen?“ frage ich ihn. „Und wie geht das?“ fragt er zurück. „Na, zum Beispiel so: wir nehmen ein Papier, zeichnen gleichschenklige Dreiecke drauf, schneiden sie aus und lassen sie langsam zu einem Sechseck verschmelzen.“ – „Das ist alles? Und ich dachte, es wäre eine Hexenkampf“ – „He??“ –  „Ja, Hex-Agon – der Wettkampf der Hexen“, meint mein im Griechischen und Deutschen bestens bewanderter kleiner Freund.

„Ach komm,  du weißt doch, was ein Hexagon ist. Haben wir doch vorgestern erst drüber geredet. Oder war es …?“ Ich seufze. Ich hatte ganz vergessen, dass die Zeit für Will.i anders vergeht als für uns. Zwei Tage, das sind für ihn fast 8 Monate. Wie soll er sich da erinnern? Erinnere ich mich etwa daran, was ich vor acht Monaten gehört oder gelesen habe? Grad vorhin am Mittagstisch sprachen wir über das Schwimmen an der Küste vor Ramnous: Das war im letzten September, oder? Wer war noch dabei gewesen? Wer? Wir löcherten unser Hirn, bis es uns endlich einfiel…..

„Ein Hexagon ist ein Sechseck, Will.i. Wie die Schneekristalle. Es setzt sich aus zwei gleichschenkligen Dreiecken zusammen. Komm, wir zeichen die Dreiecke und schauen, was uns dabei noch alles einfällt und in den Sinn kommt. Wir können die Dreiecke meinetwegen auch im Computer zeichnen, wenn dir das mehr Spaß macht.“

Aber schließlich tun es doch ein Filzstift und ein Stück Papier. Darauf zeichne ich zwei  gleichschenklige Dreiecke, deren Spitzen aufeinander zeigen. Nun ja, so ziemlich jedenfalls. In der Geometrie kommt es ja nicht so sehr auf Präzision der Zeichnung, wie auf die Lebhaftigkeit der Vorstellung an. „Und was geschieht jetzt, wenn das obere Dreieck nach unten sinkt?“ frage ich Will.i. „Dann durchbohrt es die Spitze von dem unteren Dreieck und dringt dort ein“. – „Ja“, sage ich, „und umgekehrt. Denn auch das untere dringt in das obere ein. Es ist ein wechselseitiges Eindringen…

Eine Art Liebesakt zwischen Oben und Unten, oder, wenn du willst, von Himmel und Erde. Sie dringen ineinander ein und gebären dadurch ein neues Feld: eine Raute. Da kann sich nun allerlei Leben entwickeln.“

Die Fummelei,  die Flächen farbig  auszulegen, überlasse ich Will.i und überlege derweil, was ich ihm über das duale Prinzip und seine Überwindung beibringen könnte.

Denn was ich hier vorführe, ist nichts anderes als die uralte Weltinterpretation, dass am Anfang zwischen Geist und Materie, zwischen dem Männlichen und Weiblichen Prinzip eine Hochzeit stattfand, um so ein Drittes zu gebären.  Anstatt in die Mythologie abzudriften, lasse ich Will.i  wohl besser die beiden Dreiecke weiter ineinander bewegen, bis sie sich als perfekter Sechsstern darstellen.

„Dieser Stern“, so sage ich, „hat viele Namen angenommen. Man nennt ihn das Siegel des Salomon oder die Vereinigung von Shiva und Shakti, von Isis und Osiris oder noch anders. Immer stellt es die Vereinigung der Gegensätze dar. Auch das Schneekristall hat diese Form.

Und die Asphodele, die Blume der Unterwelt, auch. Erinnerst du dich nun, mein Will.i?

Wir Menschen denken sehr stark in Gegensätzen, Will.i.  Die Vorstellung von Oben und Unten ist tief in uns verankert. Und warum? Wir leben, anders als die Tiere, in der Senkrechte: mit unseren Füßen stehen wir auf der Erde, und unseren Kopf heben wir und schauen hinauf zu den Sternen.  Wenn wir sterben, löst sich die Klammer zwischen Oben und Unten auf. Unser toter Körper kehrt in die Erde zurück, aus der er geschaffen wurde.  Unser geistig-seelischer Anteil aber steigt befreit von der Erdenschwere hinauf in den Himmel, wo die Himmlischen wohnen.

Und du, mein Will.i? Du bist ja kein Mensch, wie möchtest denn du, dass wir die Welt wahrnehmen?“ Da schaut mich Will.i  nachdenklich an, nimmt ein paar Farbstifte und beginnt, den Stern auszumalen. Das eingeschlossene Sechseck aber lässt er frei. „Da kann viel passieren“, sagt er mit Bestimmtheit.

Die Asphodele blüht mit ihren schönen weißen Sechs-Sternen auf der Wiese des Hades. Ihre Blüten sind zwittrig. Ihr starkes Rhizom ruht in der Erde. Es hilft ihr, über alle Hitzen und Kälten am Leben zu bleiben und im Kältemonat Februar zu blühen. Ihre Früchte sind kugelförmig, ihre Samen kleine Tetraeder. Und so scheint sie mir ein perfektes Bild für den Ausgleich der Gegensätze zu sein.

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Erziehung, gemeinsam zeichnen, Leben, Mythologie, Philosophie, Psyche, Willi, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , | 15 Kommentare

Wortmanns ABC Projekt: C wie Cristobal Colon

 

Projekt ABC: C wie Comicbuch

Als ich eben bei Puzzleblume ihren heutigen Eintrag zu C in Wortmanns ABC-Projekt sah. fiel mir Cristobal Colon ein, dessen hochragende Statue sich in den Fenstern einer Bootsausstellung spiegelte. Auch dies in Barcelona, 2009.

Mich faszinierte diese gespiegelte Skulptur des Amerika-Entdeckers, sie schien mir in ihrer Schattenhaftigkeit symbolisch aufgeladen. Dahin! zeigt Cristobal Colons weit ausgestreckter Arm. Dahin! Wohin? Das Boot „Republica“ scheint in eine andere, humanere Richtung zu weisen.

Oft sind die Wege der Geschichte verschlungen. Denn  die Staatsform der Republik – rang sie sich nicht erst langsam und mühsam durch die Eroberung jenes fernen Kontinents, durch Zerstörung der alten amerikanischen Kulturen, durch Kolonialzeiten, Skaverei und Bürgerkrieg aus der feudalen Fesselung frei  und setzte sich schließlich auch in Europa durch, wo sie als Athener Demokratie erstmals erdacht wurde? Auch in Spanien – spät erst – wurde sie zur erklärten Staatsform. So weist der gespiegelte Schattenarm des Christoforos Kolumbus – dessen Name ja eigentlich „Christusträger“ und „Taube“ heißt – durch Blut, Leid und Gewalt, Gier und schreckliche Leiden hin auf eine mögliche friedliche durchchristete Res publica.

 

Veröffentlicht unter ABC in Fotos, alte Kulturen, Architektur, Fotografie, Philosophie, Politik, Skulptur, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , | 12 Kommentare

13.2.2021 Will.i, der Schnee und die Asphodele

„Danke“, sage ich zu Will.i, nachdem er mir sein aus dem Internetz gefischtes Wissen  mitgeteilt hatte. „Nun bin ich ein bisschen besser über die Schneekristalle informiert. Vor allem weiß ich jetzt, dass  sie sechseckig sind.  Aber wie sehen sie denn nun wirklich aus? Mir scheint, es gibt da die verschiedensten Formen. Willst du mir nicht ein paar aufzeichnen?“

Will.i zeichnet ein etwas krakeliges einfaches Sechseck. „Ein Hexagramm“, sage ich. „Na gut. Und weiter?“ Er beginnt dann sehr schön mit einem weiteren Hexagramm, aber da gibt der Kugelschreiber den Geist auf. „Nimm den schwarzen!“ schlage ich vor, und so fügt er noch zwei „Auswüchse“ an die zentrale Kristallform an. Aber er ist unzufrieden. „Das sieht doof aus, so viel Gedrängel, nee, ich kann das nicht. Mach du mal weiter, du kannst besser zeichnen.“ Ich versuche, ihn zu überreden, aber er will nicht mehr. „Am Computer“, so sein Einwand, „macht das Zeichnen Spaß, da werden die Linien grade, und notfalls kann ich alles verändern oder auslöschen. Mit dem Kuli wird es Krickelkram.“ Mein eigener Zeichenversuch findet auch keine Gnade vor seinem kritischen Auge: „Das arme Kristall!“ sagt er grinsend zu meinem blumenhaften Gebilde, und so gebe ich auf. Überzeugender sind, da gebe ich Will.i recht, die kunstvollen Fotografien,  die der amerikanische Bauer und Schneeforscher Wilson Bentley Ende des 19. Jahrhunderts aufnahm.

„Komm, gehen wir lieber spazieren!“ schlage ich vor. Unterwegs finden wir einen Haufen Asphodelen (Affodils) in schönster Blüte. „Die Blumen wuchsen im Garten des Hades“, belehre ich Will.i und zitiere auch noch aus der Odyssee, damit er nicht glaubt, ich sei völlig unwissend.

„Die Gestorbenen gingen vorbei an Helios Toren, am Ort, wo die  Träume wohnen, und kamen dann schnell an ihr Ziel, zur Asphodelenwiese. Diese ist Raum und Behausung der Seelen, der Masken der Müden.

Das ist die Stelle, wo Odysseus seine Mutter und andere Tote am Eingang des Hades beschwört.Gern würde ich auch ein paar Zeilen unseres Nobel-Dichters Seferis loswerden:

„Es gibt keine Asphodelen, noch Veilchen und Hyazinten. Wie soll ich mit den Verstorbenen sprechen. Die Verstorbenen kennen nur die Sprache der Blumen“.

Aber dazu habe ich keine Gelegenheit, denn nun ist Will.i in seinem Element: Er zählt. Das tat er immer gern, und jetzt zählt er die Blütenblätter der Asphodelen und stellt fest: „Sechs! Das sind auch Hexagramme“.

So ist es. Rosengewächse tragen den Fünfstern, Liliengewächse den Sechsstern in sich.  „Zu Hause“, schlage ich Will.i vor, „setzen wir uns hin und tragen zusammen, was wir über das Hexagramm wissen. Hast du Lust?“

Veröffentlicht unter alte Kulturen, Dichtung, Erziehung, Fotografie, Leben, Natur, Willi, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 13 Kommentare