17.2.2021 Zahnarzt, Will.is Kriterien, geschenkte Blumen und tägliches Zeichnen

„Nein, Will.i, du kannst nicht mit zum Zahnarzt kommen!“ sagte ich einigermaßen entnervt. „Ich kann dich nicht mitnehmen. Das Rendevouz gilt nur für mich. Denkst du etwa, ich reiße mich drum? Ich WILL nicht hin, ich MUSS! Der Stiftzahn, der rausgefallen ist, muss wieder an seinen Platz, sofern das möglich ist. Also gib Ruhe!“

Aber Will.i gab keine Ruhe. Er saß schon auf dem Beifahrersitz, als ich mich ans Steuer setzte. Er war auch vor mir im Fahrstuhl und drückte auf den Knopf zur dritten Etage, wo die mir noch unbekannte Zahnärztin ihre Praxis hatte. Mir war etwas schummrig zumute, denn der mit Graffiti übersäte Fahrstuhl machte nicht den solidesten Eindruck. Doch als wir den kleinen Empfangsraum der Praxis betraten, entspannte ich mich ein wenig: Er war hübsch eingerichtet und leer.

Nach kurzem Warten zeigte sich die Ärztin in einem weißen Kittel, darüber eine zweite bläuliche Plastikhülle, Kopf und Haar waren mit der Masken verschnürt, die zudem durch ein Plastikvisier verdoppelt wurde. Die Ausstattung der Praxis war ziemlich altmodisch, aber immerhin lief ein Monitor, auf dem ich, während sich die Dame an meinen Zähnen zu schaffen machte,  Werbesendungen sehen konnte bzw hätte sehen können, wenn ich nicht vorsichtshalber die Augen geschlossen hätte. Das tue ich beim Zahnarzt immer. Ich will gar nicht so genau wissen, welche Folterinstrumente er gerade hervorholt.

 

Diesmal war es freilich kein ER, sondern eine SIE. Ich hatte sie aus der Liste der Zahnärzte rausgesucht in der Hoffnung, eine Frau würde einer Frau weniger rabiat zusetzen.  Es wurde dann auch nicht sehr schlimm, und Will.i war ein bisschen enttäuscht, glaub ich. Er hatte es sich dramatischer vorgestellt.

Beim Zahnarzt. Legebild mit Jürgen Küsters Schnipseln

„Und?“ fragte ich ihn auf dem Rückweg. – „Ziemlich fett, die Gute“, meinte Will.i abschätzig. – „Über den Körperumfang der Ärztin wollte ich eigentlich nicht reden, Will.i. Wie fandest du deinen Erstbesuch in einer Zahnarztpraxis?“ – „Blöd. In ihrem Monitor hab ich ganz andere Bilder gesehen. Da gab es jede Menge Chrom und blitzende Geräte und langbeinige Vorzimmerdamen mit hübschen Zähnen, die den Arzt anhimmelten. Und bei der hier gabs nur die dicke Wachtel, die mit Stäben, Spritzen und Bohrern an deinen Zähnen rumfummelte.  Wieso hat sie überhaupt was gesehen? Ihre Brille war beschlagen. Müsste sie mal putzen.“ – „Du siehst, Will.i, ich lebe noch, und der Zahn ist drin. Das ist es, worauf es ankommt. Nicht auf Chrom und Schnickschnack.“  – „Das Klo war auch primitiv, richtig schmuddelig, und nirgends Desinfektionszeugs. Wozu verkleidet sie sich so, wenn sie sonst schlampig ist?“

Da hatte Will.i einen Punkt, aber ich wollte es nicht zugeben. Ich halte ja nichts von übertriebenen Hygienevorschriften, aber auf saubere Toiletten lege ich schon wert, besonders in einer Arztpraxis. Und diese war so la la, wie ich nach überstandener Behandlung selbst festgestellt hatte. Möge der Zahn halten, bis ich wieder in Athen bei dem mir vertrauten Zahnarzt bin! Oder, besser noch, auch bei ihm nicht.

Der Rückweg hielt noch eine hübsche Überraschung bereit, und zwar im Büro der Tankstelle. Da stand auf dem Schreibtisch eine Vase mit entzückenden Frühlingsblumen.  Ich fragte die Inhaberin, woher sie die habe? und fotografierte sie.

„Gefallen sie Ihnen?“ – „Ja, klar, schön sind sie, und sie duften herrlich.“  Und eh ich mich versah, entnahm sie dem Strauß einige Blumen und drückte sie mir in die Hand.

Hier seht ihr sie auf unserem Eisentischchen mit Schwiegermutters Häkeldeckchen, davor  eine klitzekleine Zeichnung, die ich auf dem Rückweg noch machte. Das musste sein, um die angegriffenen Nerven zu beruhigen. Denn ehrlich: Zahnarzt ist schon schlimm genug, aber Zahnärztin mit Will.i in der Vorpubertät möchte ich niemandem wünschen.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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12 Antworten zu 17.2.2021 Zahnarzt, Will.is Kriterien, geschenkte Blumen und tägliches Zeichnen

  1. Gisela Benseler schreibt:

    Was für eine „Belohnung“ zum Schluß nach all den Strapazen! Dein Legebild ist auch sehr ausdrucksvoll. Phantastisch getroffen!

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  2. alphachamber schreibt:

    Hallo!
    genial, die Collage – was sind die Materialien, nur Papier?
    Liebe Gruesse

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    • gkazakou schreibt:

      Das sind Schnittreste aus bedruckter Pappe, die bei der Arbeit eines anderen Künstlers abfielen und die er mir freundlcherweise schickte, damit ich sie zu „Legebildern“ verarbeite. Diese Bilder verklebe ich nicht, sondern mache nur ein Foto und zerstöre sie wieder, um neue zu legen.
      Liebe Grüße!

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  3. Verwandlerin schreibt:

    Einfach köstlich, deine papierne Darstellung der Zahnarztszene!

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  4. Johanna schreibt:

    Ein Glück gut überstanden! 😅

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  5. Oje, ein Zahnarztbesuch. Dringend notwendig war er und dann noch der Will.i, der unbedingt mitwollte 🙂 Am Ende zur Belohnung ein selbstgezeichnetes Bildchen und ein Blütensträußen von einer freundlichen Frau in der Tankstelle.

    Dein Legebild von Zahnarzt und Patient ist toll, Gerda. Da hast Du Dich mal wieder selbst übertroffen.

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  6. kopfundgestalt schreibt:

    Eine tanke, in der der wart seine maske unterm kinn verwurstelt hat, suche ich nicht mehr auf. Das ist so wie schlechte essensitten.

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