14.2.2021 Mit Will.i Hexagon spielen

Draußen ist es ungemütlich, kalt und nass. Will.i langweilt sich.“Wollen wir ein bisschen Hexagon spielen?“ frage ich ihn. „Und wie geht das?“ fragt er zurück. „Na, zum Beispiel so: wir nehmen ein Papier, zeichnen gleichschenklige Dreiecke drauf, schneiden sie aus und lassen sie langsam zu einem Sechseck verschmelzen.“ – „Das ist alles? Und ich dachte, es wäre eine Hexenkampf“ – „He??“ –  „Ja, Hex-Agon – der Wettkampf der Hexen“, meint mein im Griechischen und Deutschen bestens bewanderter kleiner Freund.

„Ach komm,  du weißt doch, was ein Hexagon ist. Haben wir doch vorgestern erst drüber geredet. Oder war es …?“ Ich seufze. Ich hatte ganz vergessen, dass die Zeit für Will.i anders vergeht als für uns. Zwei Tage, das sind für ihn fast 8 Monate. Wie soll er sich da erinnern? Erinnere ich mich etwa daran, was ich vor acht Monaten gehört oder gelesen habe? Grad vorhin am Mittagstisch sprachen wir über das Schwimmen an der Küste vor Ramnous: Das war im letzten September, oder? Wer war noch dabei gewesen? Wer? Wir löcherten unser Hirn, bis es uns endlich einfiel…..

„Ein Hexagon ist ein Sechseck, Will.i. Wie die Schneekristalle. Es setzt sich aus zwei gleichschenkligen Dreiecken zusammen. Komm, wir zeichen die Dreiecke und schauen, was uns dabei noch alles einfällt und in den Sinn kommt. Wir können die Dreiecke meinetwegen auch im Computer zeichnen, wenn dir das mehr Spaß macht.“

Aber schließlich tun es doch ein Filzstift und ein Stück Papier. Darauf zeichne ich zwei  gleichschenklige Dreiecke, deren Spitzen aufeinander zeigen. Nun ja, so ziemlich jedenfalls. In der Geometrie kommt es ja nicht so sehr auf Präzision der Zeichnung, wie auf die Lebhaftigkeit der Vorstellung an. „Und was geschieht jetzt, wenn das obere Dreieck nach unten sinkt?“ frage ich Will.i. „Dann durchbohrt es die Spitze von dem unteren Dreieck und dringt dort ein“. – „Ja“, sage ich, „und umgekehrt. Denn auch das untere dringt in das obere ein. Es ist ein wechselseitiges Eindringen…

Eine Art Liebesakt zwischen Oben und Unten, oder, wenn du willst, von Himmel und Erde. Sie dringen ineinander ein und gebären dadurch ein neues Feld: eine Raute. Da kann sich nun allerlei Leben entwickeln.“

Die Fummelei,  die Flächen farbig  auszulegen, überlasse ich Will.i und überlege derweil, was ich ihm über das duale Prinzip und seine Überwindung beibringen könnte.

Denn was ich hier vorführe, ist nichts anderes als die uralte Weltinterpretation, dass am Anfang zwischen Geist und Materie, zwischen dem Männlichen und Weiblichen Prinzip eine Hochzeit stattfand, um so ein Drittes zu gebären.  Anstatt in die Mythologie abzudriften, lasse ich Will.i  wohl besser die beiden Dreiecke weiter ineinander bewegen, bis sie sich als perfekter Sechsstern darstellen.

„Dieser Stern“, so sage ich, „hat viele Namen angenommen. Man nennt ihn das Siegel des Salomon oder die Vereinigung von Shiva und Shakti, von Isis und Osiris oder noch anders. Immer stellt es die Vereinigung der Gegensätze dar. Auch das Schneekristall hat diese Form.

Und die Asphodele, die Blume der Unterwelt, auch. Erinnerst du dich nun, mein Will.i?

Wir Menschen denken sehr stark in Gegensätzen, Will.i.  Die Vorstellung von Oben und Unten ist tief in uns verankert. Und warum? Wir leben, anders als die Tiere, in der Senkrechte: mit unseren Füßen stehen wir auf der Erde, und unseren Kopf heben wir und schauen hinauf zu den Sternen.  Wenn wir sterben, löst sich die Klammer zwischen Oben und Unten auf. Unser toter Körper kehrt in die Erde zurück, aus der er geschaffen wurde.  Unser geistig-seelischer Anteil aber steigt befreit von der Erdenschwere hinauf in den Himmel, wo die Himmlischen wohnen.

Und du, mein Will.i? Du bist ja kein Mensch, wie möchtest denn du, dass wir die Welt wahrnehmen?“ Da schaut mich Will.i  nachdenklich an, nimmt ein paar Farbstifte und beginnt, den Stern auszumalen. Das eingeschlossene Sechseck aber lässt er frei. „Da kann viel passieren“, sagt er mit Bestimmtheit.

Die Asphodele blüht mit ihren schönen weißen Sechs-Sternen auf der Wiese des Hades. Ihre Blüten sind zwittrig. Ihr starkes Rhizom ruht in der Erde. Es hilft ihr, über alle Hitzen und Kälten am Leben zu bleiben und im Kältemonat Februar zu blühen. Ihre Früchte sind kugelförmig, ihre Samen kleine Tetraeder. Und so scheint sie mir ein perfektes Bild für den Ausgleich der Gegensätze zu sein.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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15 Antworten zu 14.2.2021 Mit Will.i Hexagon spielen

  1. Christiane schreibt:

    Ich liebe Schöpfungsmythen und mag sehr, was und wie du das erklärt hast. 👍 Und danke für das Foto mit den Olivenbäumen im Hintergrund. ❤️
    Nachmittagskaffeegrüße 😁⛅☕🍪👍

    Gefällt 3 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Die Olivenbäume sind, wie du weißt, liebe Christiane, extra für dich 🙂 Eben war ich in Wind und Wetter draußen und bewunderte zum zigtausendsten Mal die Olivenstämme, die bei tiefstehender Sonne besonders plastisch wirken. Nun trink ich auch noch einen Kaffee.

      Gefällt 1 Person

  2. ele21 schreibt:

    Was für eine wunderschöne Blume😍

    Gefällt 1 Person

  3. Mitzi Irsaj schreibt:

    Eine wunderschöne Blüte, die mir bisher fremd war. Fremd bzw noch nicht darüber nachgedacht auch vieles andere von dem du Will.i heute berichtet hast. Umso schöner, sich mit diesem Gedanken anschließend ein wenig zu beschäftigen. Zeit habe ich. Überhaupt sollte man ja Zeit haben sich mit neuen Gedanken zu beschäftigen. Wieder einmal danke für diese Zeilen.

    Gefällt 2 Personen

  4. Johanna schreibt:

    Ist das Hexerei, Gerda 😉?
    Ich träumte gerade von diesem Symbol letzte Nacht (dem Ersten, bevor es ein 6 Stern ist) und schrieb und zeichnete es heute morgen in mein Buch…🤔

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  5. Werner Kastens schreibt:

    Liebe Gerda, das Siegel des Salomon wurde ja noch nicht so lange her auch als „Judenstern“ diffamiert. Und da Wil.i ja so wissbegierig ist, hat er sicherlich auch Interesse, mal einen Blick in die Geschichte zu werfen, wie sie der jüdische Maler Felix Nussbaum, der in Auschwitz ermordet wurde, gesehen hat. In der „Digitalen Kunsthalle“ der ZDF-Mediathek findet ihr eine bemerkenswerte Austellung über ihn. LG Werner

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Danke schön, Werner, für deinen Hinweis. Ds Siegel Salomons ist ja auch das Wahrzeichen Israels, den es in seiner Flagge trägt, und kann nicht auf den „Judenstern“ reduziert werden. Über die Frage, wie ich Will.i mit diesem Abschnitt der deutschen Geschichte bekanntmache, haben wir hier schon mal ein wenig geredet. Will.i ist ja kein Deutscher, er ist in der Mani geboren, aber er gehört, da er das Jahr 2021 repräsentiert, irgendwie ja der ganzen Erde. Die deutsche Geschichte von 1933-45 ist insofern nur ein winziges Stück Wirklichkeit für ihn.
      Felix Nussbaum kenne ich, ich habe ihn sogar mal in einem Beitrag erwähnt – mit seinem Selbstportrait. https://gerdakazakou.com/2016/04/26/johns-psychedelische-reise-ii-geschichtengenerator-fortsetzung/

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  6. Hier sieht man einmal mehr, dass das Ganze mehr ist als die Summe der Einzelteile…Verhextes Hexagon.

    Gefällt 1 Person

  7. Wie schön, vom Hexagon zu lesen und nicht mal Wikidings zu Rate ziehen zu müssen.
    So schön anschaulich gibt es das nur bei Dir, liebe Gerda

    Gefällt 1 Person

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