11.2.2021 Will.i, der Schnee und das WWW.

Dass Will.i Schnee nicht kennt, finde ich schade. Hier in der südlichen Peloponnes herrschen Frühlingstemperaturen, eine sanfte blumenbestickte Grasdecke hat sich über die kargen Böden der Olivenhaine gebreitet.  Nur aus der Ferne leuchtet noch ein wenig Schneeweiß vom höchsten Gipfel des Taygtos zu uns herunter.

Ich mag Schnee sehr, und wenn ich dieser Tage all die Schneeberichte aus nördlicheren Regionen Europas lese, wird mein kindliches Herz wach und erinnert sich ans Rodeln auf der Wiese von Bauer Prüß, wo es einen steilen Hang für die Mutigen und einen flachen für die Kleinen gab, erinnert sich an die verschneiten Stoppelfelder und an nasse Füße in den schlechten Schuhen, an Schneeballschlachten, die öfter mal, wenn sich im Schneeball Steine befanden, sehr unangenehm wurden, ans Schneeschippen, o ja, Tunnel mussten wir in so manchem Winter schippen, um aus der Haustür rauszukommen! Und natürlich an die diversen Schneemänner und Schneefrauen, die in unserem Garten entstanden.

Und so freute ich mich gestern sehr, als mich Bernadettes Fotos von Schneemännern aus Österreich erreichten. Die zeigte ich Will.i.

„Schau mal, was ich hier bekommen habe!“

„Witzig“, sagt Will.i trocken. „Die Maske macht Eindruck“. Inzwischen ist Will.i mit dem Maskengebrauch sehr vertraut.

Und das andere Foto? „Der ist auch cool! Als ob er von irgendwas die Nase voll hat! Aber der Schnee sieht ziemlich backig aus. Bessere Schneemänner kriegt man hin, wenn der Schnee noch nicht so hart ist. Dieser ist wohl aus geschipptem Schnee entstanden“.

Will.i redet wie ein Experte vom Schnee – obgleich er doch noch nie welchen gesehen hat!  „Du scheinst dich mit Schnee ja recht gut auszukennen“, meine ich verblüfft. „Woher hast du denn dein Wissen?“ – „Schnee kennt doch jedes Kind“, ist seine Antwort.

So ist das also. „Schnee kennt doch jedes Kind“. – „Dann kennst du wohl auch das Kinderlied: Schneeflöckchen, Weißröckchen, wann kommst du geschneit?“ – „Nee, kenn ich nicht. Aber ich weiß, wie Schneekristalle aussehen. Du?“ – „Na ja“, sage ich, „ein bisschen schon. Wie Blüten, mit feinen inneren Zeichnungen, alle ein wenig verschieden.“ – „Und wie sind sie aufgebaut? ihre Grundform? Weißt du das auch?“ -„Nicht wirklich“, gebe ich zu. „Ich glaube, es gibt da viereckige, fünfeckige oder sechseckige Formen, vielleicht haben manche auch neun oder zwölf Ecken so wie eben auch manche Blüten.“ –

„Falsch!“ kommt Will.is triumphierende Antwort. „Alle gründen auf dem Sechseck! Und das kann auch gar nicht anders sein. Weil sie aus Wasser sind!“ – „Ja“, sage ich völlig verunsichert, „klar, dass sie aus Wasser sind, weiß ja jedes Kind. Aber was hat das mit dem Sechseck zu tun?“ – Mir scheint, Will.i grinst, als ich „das weiß doch jedes Kind“ sage. – „Das Wassermolekül lässt nur  Winkel von 60 Grad zu, darum!“ – „Darum. Hm. Versteh ich nicht.“ –  „Denk doch mal nach“, beharrt Will.i. „Wasser ist H2O, das heißt, da hängen zwei Wasserstoffatome an einem Sauerstoffatom. Verstanden?“ – „Ja, ja, klar“. Fast hätte ich gesagt: „das weiß doch jedes Kind“, verkneife es mir aber rechtzeitig, Will.i aber fährt fort. „Die beiden Wasserstoffatome hängen nicht irgendwie rum, sondern in einem ganz bestimmten Winkel. Diese Wasserstoffatome sind wie Brücken zu anderen H2O-Molekülen, und so kann sich jedes H2O-Molekül mit zwei anderen verbinden. Wenn es kalt genug ist, also mindestens 6 Grad unter Null, erstarren die Moleküle  in Form eines sechseckigen Kristallgitters. Verstanden?“ – „So ist das also!“, sage ich. „Aber woher, um Gottes Willen, weißt du das alles?“ – „Wozu gibt es das Internet?“, kommt seine Antwort.  Ach, wie dumm bin ich doch! Da dachte ich tatsächlich, Will.is Wissen hänge von meinem Unterricht ab! Dabei tummelt sich dieses Kind schon längst in den Weiten des World Wide Web. Wie könnte es auch anders sein? Was wir Alten uns langsam durch Erfahrung,  Beobachtung und Lektüre anzueignen versuchten, das weiß heute, und weit genauer als wir, jedes Kind…. Und wir können nur staunen und uns beschämt ob unserer Unkenntnis auf weniger wissenschaftliche Ausdrucksweisen zurückziehen. Zum Beispiel: Schnee malen, wie hier: Es schneit in der Großstadt.

IMG_5387

Es schneit in der großen Stadt, Pigmente und Kleister auf Pappe

 

 

 

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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20 Antworten zu 11.2.2021 Will.i, der Schnee und das WWW.

  1. Lopadistory schreibt:

    Das Bild am Schluss, gefällt mir. LGLore

    Gefällt 1 Person

  2. linienspiel schreibt:

    Ja, „…das weiß heute, und weit genauer als wir, jedes Kind…“ und doch fällt so vieles durch das Netz, weil es sich gar nicht einfangen lässt, allenfalls beschreiben, wobei die Worte dem Gefühl des Erlebens, Erfahrens oft nur dürftig oder gar nicht gerecht werden.

    Sehr schöne Bilder, liebe Gerda, – das „Es schneit in der Großstadt“ und die „blumenbestickte Grasdecke.

    Gefällt 2 Personen

    • gkazakou schreibt:

      Danke, Beate. Ich seh es genauso wie du. Die theoretische Bildung ohne entsprechende Erfahrung finde ich sehr problematisch. In meinem (fiktiven) Dialog habe ich diesen Aspekt des heutigen Lernens zeigen wollen. Vielen Kindern fehlt die Erfahrung von sinnlich Erlebbarem, aber ihr Hirn ist angehäuft mit Daten, die selten tiefer, insbesondere ins Herz, sinken.

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  3. Johanna schreibt:

    Ja da stimme ich Dir zu…. die Kinder verarmen online. Sie brauchen echtes Leben und menschliche Wärme.
    Das letzte Bild mag ich besonders!

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    • gkazakou schreibt:

      Nicht nur online-Unterricht verarmt.. Der Unterrichtsstoff als solcher ist, finde ich, viel zu kopflastig-abstrakt. Ich schrieb darüber im Eintrag Will.i und die Dimensionen, wo es um das perspektivische Sehen und die Beschaffenheit des Auges ging.

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      • Johanna schreibt:

        Ja da hast Du Recht…. daran dachte ich jetzt nicht… ich sah nur, dass das Zusammensein mit Klassenkameraden und Lehrer schon eine so grosse Verbesserung des gegenwärtigen Zustandes bringen würde.
        Leider sieht die Erziehung als Ziel nur eine Nützlichkeit für die Gesellschaft… und nicht die Entwickelung zu einem Menschentum. Das sieht man ja momentan, wo Kunst als nicht ’systemrelevant‘ bezeichnet wird… was für ein Wort ist das !!!

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    • gkazakou schreibt:

      Ich finde das Wort „nicht sytemrelevant“ ausgezeichnet! Ich bin als Künstlerin anti-systemisch, will diesem System der Verdinglichung, Entfremdung und Ausbeutung des Menschen und der Natur nicht dienen. Kunst ist wie was Unkraut, das den Betonbunkern Risse zufügt und sie schließlich zum Einsturz bringt.

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  4. finbarsgift schreibt:

    Feiner Schneedialog mit deinem Ziehkind, auch schon im Internetz gelandet…
    Wundervolles Gemälde am Ende!
    Herzliche Morgengrüße vom Lu

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  5. Manchmal denke ich in diesen Tagen, dass die Masken gar keine Masken sind, sondern ein Kälteschutz. Wir hatten heute Nacht – 20°C. Als ich vom Spaziergang zurückkam, war mein Bart zur Maske erstarrt.

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  6. wildgans schreibt:

    Jetzt hast du mich aber an was erinnert: nasse Füße in schlechten Schuhen – und was an dieser Erinnerung alles dranhängt, so ein Batzen, boah.
    Gruß von Sonja

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  7. Werner Kastens schreibt:

    Du hast vollkommen Recht, liebe Gerda, zu wissen, wo man etwas an Information findet, bedeutet noch lange nicht Wissen, denn erst durch Erfahrung wird Information zu

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    • gkazakou schreibt:

      Ja, genau. Man kann vieles über Schnee lesen, aber ihn zu erfahren ist was ganz anderes. Man kann viel die Umstände anderer Menschen lesen, drüber nachdenken – aber es zu erfahren ist was ganz anderes.

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