4.2.2021 La Mezquita de Cordoba – mit Will.i über Religion und Geschichte reden

Heute fiel mir ein Fotoband der Moschee von Cordoba in die Hände. Noch einmal reisen – dachte ich. „Was ist das?“ fragte Will.i neugierig. „Die Moschee von Cordoba“ , sagte ich. „Da war ich einmal“.

Klang meine Stimme traurig? Vielleicht. Vielleicht auch sehnsuchtsvoll. Diese wunderbaren sakralen Räume. Nachdenklich lege ich einen Glasscherben auf die aufgeschlagene Buchseite. Und noch einen. „Was bleibt, sind Erinnerungsscherben“, murmele ich.

„Ach komm!“, ruft Will.i aufmunternd. „Wir reisen noch mal hin und du zeigst es mir.“ –  „Geht nicht“, sage ich. „Man lässt uns nicht reisen. Reisen – das war einmal.“

„Hä?“ macht Will.i. – „Nun ja, du kannst natürlich reisen, wohin du willst, ich aber nicht. Unsere Regierungen halten das Reisen für gesundheitsschädlich.“

Zum Glück bestand Will.i nicht darauf, ihm diese Regierungsansicht zu erklären. Gemeinsam beschauten wir die grandiosen Schwarz-Weiß-Fotos von Alberto Schommer, abgedruckt im Buch La Busqueda (die Suche) mit Texten von Alberto Villar Movellan. Und ich erzählte Will.i ein wenig von der Geschichte des Gebäudes, etwa so:

So viel ist klar: wo diese Moschee, die keine mehr ist, jetzt steht, gab es vorher eine Kathedrale, die ihrerseits auf einem altrömischen Tempel gebaut wurde. Was davor war, weiß ich nicht. Moschee, Kirche, Tempel – das sind Bezeichnungen für Gotteshäuser, also wo sich Leute versammeln, um ihren Gott anzubeten.“ – „Ihren Gott?“ – „Ja, Will.i. Die Vorstellung der Menschen über Gott sind verschieden und haben sich immer wieder gewandelt. Manche glauben an viele Götter, manche an gar keinen, andere wieder nur an einen. Die an viele Götter glauben, bauen für jeden mehrere Tempel – also es gibt wirklich sehr viele Tempel auf der Erde, ich hab sie nicht gezählt. Andere Menschen glauben nur an einen Gott und bauen … also … , ja, also die Juden glauben nur an einen Gott und bauten ihm einen Tempel in ihrer Hauptstadt Jerusalem, sonst aber keinen mehr, obgleich sie zweitausend Jahre nicht dort leben konnten und der Tempel zerstört wurde. Sie bauten aber überall, wo sie lebten, Synagogen, das sind ihre Gebetshäuser. Die Christen glauben auch nur an einen Gott, dazu auch noch an Christus und den Heiligen Geist und an viele Heilige und bauten viele Kirchen, kleine und große, die sie ihren verschiedenen Heiligen widmeten. Du hast ja gesehen, dass in so einem kleinen Dorf  wie dem, das wir kürzlich besuchten, sieben Kirchen stehen. Auch die Moslems glauben nur an einen Gott und bauen viele große Häuser, um ihn anzubeten. Diese Häuser nennen sie Moscheen. Dann gibt es die, die an gar keinen Gott glauben, das sind inzwischen recht viele, für die gibt es keine Gotteshäuser. Aber manche von denen finden in der Natur das Göttliche.

Gern hätte ich Will.i gefragt, woran er wohl glaubt? Seine Freundin Shin.nin glaubt ja sicher was anderes als ich oder die Leute hier in der Gegend, und in Afrika …. aber das ist mir jetzt zu kompliziert, lassen wir es für später. Besser, ich erzähle noch etwas von der Geschichte der Mezquita:

„Als die Araber Cordoba eroberten, zerstörten sie die christlichen Kirchen, die es da schon gab, und bauten Moscheen. Aber die Kathedrale, also die Hauptkirche, ließen sie vorerst stehen und bauten sie nur teilweise um. Doch bald wurde sie ihnen zu klein, und so wurden die Christen auf den Raum außerhalb der Stadtmauern verwiesen. Das war am Ende des 8. Jahrhunderts, also vor, warte mal… ja, ungefähr eintausenddreihundert Jahren.“„Ungefähr? Ist denn nicht jedes Jahr wichtig? Bin ich nicht wichtig?“„Doch, doch, kleiner Will.i, du bist mir sehr wichtig, aber die Zeiten, die weiter weg sind, wirken kleiner, so wie die Bäume und Häuser, die weiter weg sind. Da sieht man dann nur noch so Fitzelkram, da sagt man dann Jahrzehnte oder Jahrhunderte oder Jahrtausende oder für die, die ganz weit weg sind, auch Jahrmillionen ….  Die Moschee wuchs wie eine Pflanze heran und überrankte mit ihren herrlichen Bögen den freien Raum.“ – „Von allein?“ – „Nein, nein, ich rede manchmal poetisch. Natürlich wuchs die Moschee nicht wirklich, sondern es wurden neue Räume angebaut.

Im 13. Jahrhundert oder, damit du es genau weißt, im Jahr 1236 eroberten die christlichen Spanier Cordoba. Man nennt das die Reconquista – die Wiedereroberung. Mitten in die Moschee bauten die Christen eine kleine Kapelle, und in das Minarett – das ist ein spitzer Turm, der zu jeder Moschee gehört – hängten sie eine Glocke. Christen brauchen eine Glocke, Moslems nicht, die haben einen Rufer, um die Gläubigen zum Gebet zu rufen. Die Rundbögen, schau hier, diese Arkaden, die offen waren, mauerte man zu. In den folgenden Jahrhunderten wuchs die Kapelle im Inneren zu einer gothischen Kirche heran – nun, sie wuchs  nicht wirklich, sondern man riss einige Säulen ab und baute die Kirche größer und schöner im gothischen Stil. Sie sieht ziemlich spitzig und protzig aus und ist wie ein Fremdkörper im organischen runden Leib der Moschee. Und heute ist das alles ein Museum.“ – „Du magst die Moscheen wohl lieber als die Kirchen?“ fragte Will.i. „Nein, nein, Willi, manche Kirchen sind sehr schön, nur passt die Kirche einfach nicht in die Moschee. Manchmal ist es besser, man lässt eine Sache so, wie sie ist, und pfuscht nicht mit eigenen Ansichten hinein.“

Später, als ich allein am Meer saß. stand er plötzlich wieder neben mir. „Ich hab dir paar echte Scherben von da mitgebracht. Schau mal!“ – „Von da?“ – „Ja, ich war mal kurz da, das Museum war zu, aber ich fand einen Scherben. Du magst doch Scherben, oder?“

Ich hielt das Mitbringsel vors Abendmeer – und tatsächlich: Fein ins Glas einziseliert sah ich die schönen Säulen der Mezquita de Cordoba, und das charakteristische Fenster war offen und ließ die lichten Meereswellen hindurchscheinen. „Nichts hat Bestand“, sagte ich leise, „alles ist im Fluss, nicht wahr?“

„Danke, Will.i“, sagte ich lächelnd. „Du hast mir den Tag gerettet.“

 

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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11 Antworten zu 4.2.2021 La Mezquita de Cordoba – mit Will.i über Religion und Geschichte reden

  1. Werner Kastens schreibt:

    Ich mag Deinen Privatunterricht an Wil.i , weil er viele Perspektiven und somit Vielfalt aufzeigt, auf der unsere Kultur beruht und ständig neu befruchtet wird.

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  2. Johanna schreibt:

    Liebe Gerda, das ist lebendige Geschichte. Ich fühle Deine Wehmut und Liebe für diese Welt, die sich scheinbar selbst aus den Angeln hebt. Da passen ganze Lebensalter hinein, so gross ist das. Will.i sieht alles frisch und unkompliziert wie der frühe Morgen

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  3. Verwandlerin schreibt:

    Ich war auch schon in dieser Moschee. Sie ist wirklich wundervoll.

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  4. Mitzi Irsaj schreibt:

    Danke will.i. Und danke Gerda.

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  5. TeggyTiggs schreibt:

    …eine wirklich schöne Geschichte, die Du erzählst und tiefsinnig dazu…

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  6. Eine schöne Geschichte. Wieder etwas dazugelernt – dank Willi.

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