September-Zeichnen am Strand – Skizzenbuch

August adieu, September, sei mir gegrüßt! Es ist die schönste Zeit, um am Strand zu sitzen, das zartblaue Meer zu betrachten und drin zu schwimmen. Badende gibt es in unserer Bucht jetzt kaum noch. Aber zum Glück hatte ich ein „Modell“ zur Verfügung, um noch ein bisschen zu zeichnen. Auf einem Steine hockend, das Skizzenbuch auf dem Knie, zog ich meine krummen Linien. Ähnlichkeiten mit dem Modell sind eher zufällig, Lachen ist erlaubt.

Die bei Lampenlicht aufgenommenen Zeichnungen sind leider sehr schlecht zu erkennen, drum habe ich daneben immer eine mit dem fotoshop-Filter bearbeitete Fassung gestellt. Da sieht man dann die Linienführung, auf die es mir ankam, besser.

Veröffentlicht unter Allgemein, Leben, Meine Kunst, Natur, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , | 14 Kommentare

Gemeinsam zeichnen

Gestern nachmittag, vier Besucherinnen und ich im Atelier. Diesmal waren es Magda, Poppy, Nena und Kokkinia – alle um die 50.

Mein Vorschlag, eine Anwärmphase mit kurzen Posen einzuführen, wurde gern aufgegriffen. Die Anwärmphase dauerte schließlich – bis zum Ende. Das heißt, dass wir diesmal sehr viele Zeichnungen in kürzester Zeit gemacht haben. Für die Frauen war das eine Herausforderung, denn keine hat mit dem Skizzieren von Personen – und dann auch noch in 2-5 Minuten! – die geringste Erfahrung.

Ich bin nun am Zögern, wie ich die Ergebnisse am besten präsentiere. Alle? Eine kleine Auswahl? Ich entschloss mich zu einer „breiten Auswahl“ und einer Ordnung  nicht nach dem Modell, sondern nach der Zeichnenden. Wenn du dir die Mühe machst hinzuschauen, siehst du, dass bei aller Unvollkommenheit der Zeichnungen jede ihren eigenen Stil, ihren eigenen Ausdruckswillen hat, und dass es in nur zwei Stunden konzentrierter Bemühung Fortschritte gibt. Dies für alle von euch, die ihr meint, es „nie zu können“.

Und noch etwas: jeder, der einmal selbst gezeichnet hat, schaut anders und mit größerem Respekt auf die Kunst.

 

Magdas Skizzen:

Kokkonias Skizzen

Poppys Skizzen

Nenas Skizzen

Gerdas Skizzen

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Kunst, Leben, Meine Kunst, Zeichnung | Verschlagwortet mit , , , , , | 16 Kommentare

Skizzieren am Strand

Heute war ich fleißig, hab schon am Vormittag mit dem Zeichnen begonnen, als ich mit zwei befreundeten Frauen am Strand saß. Ich hatte mein seit langem vernachlässigtes Skizzenbuch dabei. Die beiden unterhielten sich und ich zeichnete – meistens die eine, die in ständig wechselnden bequemen Stellungen in ausreichendem Abstand vor mir saß oder lag.

Es war nicht leicht für mich, einen Rhythmus und eine Linie zu finden, denn  ich bin ziemlich aus der Übung und das „Modell“ bewegte sich vollkommen natürlich, ohne zu merken, dass ich zeichnete. Aber langsam wurde ich mutiger.

Am Nachmittag ging es dann mit dem gegenseitigen Portraitieren weiter ….

Veröffentlicht unter Allgemein, Leben, Meine Kunst, Zeichnung, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , | 20 Kommentare

Chemnitz und der Casino-Kapitalismus

Avatar von Gerhard Mersmannform7

Bitte nicht die alten Rituale! Bitte jetzt keine Empörung, die in der Selbstbestätigung haften bleibt. Das hatten wir alles schon. Nach Rostock, nach Hoyerswerda und und und. Die Phänomene sind die gleichen geblieben, Hass ist umgeschlagen in Gewalt, und getroffen hat es diejenigen, die am wenigsten für alles konnten, was die anderen bedrückte. Und dennoch: die moralische Empörung mag einigen Halt geben, politisch verändern wird sie nichts. Noch immer wird von Humanität und Menschenrechten geredet, als seien das sakrale, museale Werte, die irgendwo entstehen und die die guten Menschen bewahren mögen. 

Nein, Menschenrechte sind den Treibern schrecklich egal, die ihre Geld- und Machtpolitik weltweit durchsetzen und immer mehr Orte auf unserem Planeten verwüsten. Die Epoche des Wirtschaftsliberalismus hat die Weltwirtschaft in eine sich wandelnde Koalition von Individuen verwandelt, die Märkte und Ressourcen unter sich aufteilen. Tatsächlich sind die Nationalstaaten im Niedergang, aber nicht, wie manche glauben, zugunsten höherer Institutionen…

Ursprünglichen Post anzeigen 395 weitere Wörter

Veröffentlicht unter Allgemein | 13 Kommentare

Sommer-Intermezzo-Kata-Strophen: Die kleine Gerda und der Schaukelbär

Sommer-Intermezzo 2, dritter Anlauf. Die Zeiten sind schwierig, und was gibt es da Besseres zu tun, als noch ein paar Kata-Strophen zu ersinnen? Diesmal sind die Protagonisten des Dramas: ein Teddybär, eine Graugans und ein Kind namens Gerda Struck. So hieß ich wirklich, aber dennoch ist die Geschichte völlig aus der Luft gegriffen. Ich besaß keinen Teddybären. Und natürlich weiß ich überhaupt nicht, was Sarkasmuss ist. Das einzige, was zutrifft, ist, dass wir einen Kaninchenstall und Brombeeren sowie auch Johannesbeeren im Garten hatten. Und Mücken gab es damals natürlich auch. Kann sein, dass auch Graugänse vorüberflogen, dort, wo ich wohnte. Denn meine Heimatstadt lag an der Vogelfluglinie.

Ich träumt ich wär

Ein Schaukelbär

Hatt ein gestricktes Höschen an

Da waren Hosenträger dran.

Dran hing ich nun und baumelte,

Und alles ringsum taumelte,

Am Holze von dem Brombeerstrauch.

Johannesbeeren gab es auch

Die kitzelten an meinem Bauch

Beim allerfeinsten Windeshauch.

 

Wer tat mir das, ich fragte: WER?

Mir armem kleinen Teddybär!

Das war wohl Gerda, namens Struck

Die mich sonst gern mit Muckefuck

Und Knäckebroten tat traktieren

Und mich von allen ihren Tieren

Am aller- allerliebsten hatte,

weit lieber noch als ihre Ratte,

auch lieber als die Stall-Kaninchen,

die Hühner und die Maja-Bienchen –

 

Bis eines Tags die Graugans kam

und uns die kleine Gerda nahm.

 

„Die Gans kann fliegen“, sprach das Kind

„Sie bringt mich fort und  windgeschwind

Bin ich wohin mein Herz begehrt

Ich fliege fort ganz unbeschwert.

Du Bär mit deinem Langsamkeitswahn

Dich häng ich an den Brombeerstrauch dran

Da kannst du baumeln mit Bein und Arm

kannst tanzen in dem Mückenschwarm

kannst träumen von Waldeinsamkeit

du hast ja mehr als reichlich Zeit

kannst knarren wie das Kaninchenstallscharnier

du Schaukel-Bär, das wünsch ich dir.“

 

Und warf mich fort mit großem Schwung

Zum Glück fiel ich nicht auf den Dung

Doch fragt ich mich: woher hat den Sarkasmuss

Das kleine Kind – das war für mich ne harte Nuss

Die ich nicht knacken konnte, so am Aste

Baumelnd und schaukelnd wie am Maste

Der Segelboote, die im Meere schaukeln

Wo Möwen sie wie Mückenschwärm‘ umgaukeln.

 

Vor Pein erwacht ich, gottseidank,

Und lag im Bette, fieberkrank.

Nach langer Pause legte ich heute dies Bild. Die Schnipsel bilden jetzt freilich große unübersichtliche Haufen. Schwitzend und stöhnend suchte ich passende Teile, um die abc-Helden abzukonterfeien. „Schuld“ ist Susanne Haun, die gern neue Schnipselbilder sehen wollte. Danke, Susanne, für den Anstupser!

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Commedia dell'Arte, Dichtung, Katastrophe, Leben, Legearbeiten, Meine Kunst, Psyche, Reisen, Tiere, Träumen, Zwischen Himmel und Meer | Verschlagwortet mit , , , , , , | 12 Kommentare

Sommer-Intermezzo „Flüsterpropaganda“(keine Kata-Strophe, versprochen!)

Interessante Fragen haben Myriade und Christiane diskutiert (https://365tageasatzaday.wordpress.com/2018/08/29/kloss-im-herz-etuedensommerpausenintermezzo-ii-18/): Wie geht eine jede, ein jeder vor, wenn er oder sie eine Geschichte aus einer vorgegebenen Reihe von Wörtern bauen will?

Auch ich fragte mich: Wie gehe ich eigentlich vor? Nun, so ähnlich wie bei den Legebildern. Die Wörter sind meine Schnipsel. Ich sehe sie mir an, denke über Klang und Assoziationen nach und welche sich einander zuordnen lassen, um eine „Gestalt“ zu bilden. Manchmal ist es mehr der Klang (die Farben), manchmal mehr die inhaltliche Assoziation (die Form). Schließlich nehme ich eines der Wörter als „Kopf“ bzw. Leitidee, schließe die „Gestalt“ an und verwende die restlichen Schnipsel-Wörter zum Ausschmücken oder für kleine Nebenmotive.

Zum Beispiel wie hier, wo jedes der zwölf von Jürgen alias Buchalov gespendeten Teile einmal Kopf sein durfte:

 

Jürgens Bildmaterial: Kopf und Gestalt – Sechs Variationen

Da sind sie nun, von Ludwig Zeidler ( lz. ) bildschön in Reih und Glied gebracht: Die Wörter des 2. Sommer- Intermezzos, zu dem Christiane eingeladen hat.

Was fange ich diesmal mit den Wörtern an?

 

 

 

 

Zunächst lasse ich sie mir noch einmal auf der Zunge zergehen (am besten laut und rhythmisch zu lesen).

Fl … Gr … Ho … Ka-blabla –
Knäck.. La … La-wa-a …
Mu-kke-fuck …Sar-kas-muss …
Sch … Schr…Wa-in …
Wa-bau …. Wi-hau.
(Schluss).

Als nächstes betrachte ich mir die möglichen dramatis personae. Da sind eine Beere und ein Bär – und schon sehe ich sie vor mir, wie sie zum Tanz einladen. Wie? Natürlich via Flüsterpropaganda.

Herr Schaukelbär und Frau Johannisbeere
geben sich die Ehre.
Die Flüsterpropaganda flüstert’s fort,
von Ort zu Ort
der Windhauch trägt es
aus Waldesmitte
der Hirsch erzählt es
durch seine Schritte
ans Holz klopft es der Specht
dem Mäuslein ist es recht
es knusperts fort am Knäckebrot
das Feuer qualmt es durch den Schlot.
Frau Graugans ruft es
das Pferd das huft es
Selbst das Karninchenstallscharnier
Verkündet knarrend dir und mir:
Heut Nacht in der Waldeinsamkeit
Macht euch bereit
Da tanzen unter Sternen und Lampionen
Alle, die am Waldesrande wohnen
Zu trinken gibt es Muckefuck und Bowle
Dass jede/r sich vom Tagsgeschäft erhole.

Flüsterpropaganda

 

Veröffentlicht unter Allgemein, Feiern, Katastrophe, Leben, Legearbeiten, Märchen, Meine Kunst, Methode, Natur, Technik, Umwelt | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | 41 Kommentare

Johann Wolfgang zum Wiegenfest

Ja, ja, auch Goethe wurde einmal geboren, an einem Tag wie diesem, vor wievielen Jahren? Ich muss rechnen. 28. August 1749. Das macht zweihundertneunundsechzig (269) Jahre. O wei, so viele? Und seither wurde kein solches Genie mehr geboren? Armes Deutschland, arme Welt!

Er selbst weiß folgendes über seine Geburt zu berichten (Dichtung und Wahrheit, 1. Teil):

Am 28sten August 1749, Mittags mit dem Glockenschlage zwölf, kam ich in Frankfurt am Main auf die Welt. Die Konstellation war glücklich: die Sonne stand im Zeichen der Jungfrau und kulminierte für den Tag; Jupiter und Venus blickten sie freundlich an, Merkur nicht widerwärtig, Saturn und Mars verhielten sich gleichgültig; nur der Mond, der soeben voll ward, übte die Kraft seines Gegenscheins um so mehr, als zugleich seine Planetenstunde eingetreten war. Er widersetzte sich daher meiner Geburt, die nicht eher erfolgen konnte, als bis diese Stunde vorübergegangen.

Diese guten Aspekten, welche mir die Astrologen in der Folgezeit sehr hoch anzurechnen wußten, mögen wohl Ursache an meiner Erhaltung gewesen sein: denn durch Ungeschicklichkeit der Hebamme kam ich für tot auf die Welt, und nur durch vielfache Bemühungen brachte man es dahin, daß ich das Licht erblickte. Dieser Umstand, welcher die Meinigen in große Not versetzt hatte, gereichte jedoch meinen Mitbürgern zum Vorteil, indem mein Großvater, der Schultheiß Johann Wolfgang Textor, daher Anlaß nahm, daß ein Geburtshelfer angestellt und der Hebammen-Unterricht eingeführt oder erneuert wurde; welches denn manchem der Nachgebornen mag zu gute gekommen sein.“

Aus den tausenden von Aphorismen und Maximen, die dieser unermüdliche Denker und Wortkünstler äußerte, habe ich eines für den heutigen Tag ausgesucht, das vielleicht in Blogger- und anderen -welten manchmal zu bedenken wäre:

Sei nicht ungeduldig, wenn man deine Argumente nicht gelten läßt.

Nun ist es aber dein Wiegenfest, lieber Wolfi, und ich möchte dir einen Spruch mit auf den Weg geben, wie es sich gehört. Ich las ihn an einer Wand des Sozialkrankenhauses von Kalamata, in Griechenland. Du wirst es, wenn du groß bist, lesen können, denn Griechisch wird für dich wie eine zweite Muttersprache sein. Und du wirst das, was da steht, weit besser sagen können. Aber wenn es zutrifft, dass du sterbend zuletzt noch murmeltest: „Mehr Licht!“, dann ist es vielleicht ja doch das Richtige für dich, jetzt, am Anfang deines Weges.

Da steht also geschrieben (und gemalt) von Skitzophrenis, und das gebe ich dir mit auf den Weg:

„Immer kämpfe und leiste Widerstand, bleibst du auch allein. Allein, verlassen, friedvoll kämpfe für das Gute des Menschen. Und den vielen, den wenigen widerstehe, indem du deine Seele flammend hältst.  Zum Licht gehe, immer zum Licht, dem Guten des Menschen.“ ,

Veröffentlicht unter Allgemein, Dichtung, events, Feiern, Kunst, Philosophie, Schrift | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , | 20 Kommentare

Ein Schwanen-Doppelbogen oder: Menons Klagen um Diotima (Hölderlin)

Nach dem dramatischen Heraklit-Abramovic-Ulay-Auftritt von gestern hatte ich das Bedürfnis nach Harmonie und Stille. Nicht immer, so meine ich, muss Krieg zwischen den Gegensätzen herrschen, es darf auch ein friedliches Miteinander sein. Und so suchte ich in meinem Foto-Archiv nach dem Doppelbogen der Schwanenhälse, die „zufrieden gesellt“ sich im See der Bostoner Parkanlagen spiegelten. Und stellte einige der Strophen von Friedrich Hölderlins Elegie „Memons Klagen um Diotima“ (ca 1802) dazu.

Aber wir, zufrieden gesellt, wie die liebenden Schwäne,

Wenn sie ruhen am See, oder, auf Wellen gewiegt,

Niedersehn in die Wasser, wo silberne Wolken sich spiegeln,

Und ätherisches Blau unter den Schiffenden wallt,

So auf Erden wandelten wir. Und drohte der Nord auch,

Er, der Liebenden Feind, klagenbereitend, und fiel

Von den Ästen das Laub, und flog im Winde der Regen,

Ruhig lächelten wir, fühlten den eigenen Gott

Unter trautem Gespräch; in Einem Seelengesange,

Ganz in Frieden mit uns kindlich und freudig allein.

….

Aber ach, der „Eine Seelengesang“ ist eingebettet in Verlust und Trauer. „Hinauf irret der Geist und hinab, Ruh erbittend.“ „Wechselnd und streitend, so tost droben vorüber die Zeit Über sterblichem Haupt“

Und so hat eben doch Heraklits Krieg der Gegensätze, die, einander zugleich fliehend und anziehend, in ein Joch gespannt sind, das erste Wort in der Welt.

Oder sollte es umgekehrt sein? Ist das, was wir Wirklichkeit nennen, wenn der Tod uns den Geliebten entreißt, selbst nur ein Traum? Wäre es möglich, „Daß unsterblicher doch, denn Sorg und Zürnen, die Freude / Und ein goldener Tag täglich am Ende noch ist“ ?

Hier die ganze Elegie, die wieder einmal zu lesen mir ein Bedürfnis war.  

Menons Klagen um Diotima

[78] 1

Täglich geh ich heraus, und such ein Anderes immer,

Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;

Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich,

Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,

Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,

Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;

Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm,

Jammernd und schlummerlos treibt es der Stachel umher.

Nicht die Wärme des Lichts, und nicht die Kühle der Nacht hilft,

Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst.

Und wie ihm vergebens die Erd ihr fröhliches Heilkraut

Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephyre stillt,

So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand

Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum?

2

Ja! es frommet auch nicht, ihr Todesgötter! wenn einmal

Ihr ihn haltet, und fest habt den bezwungenen Mann,

Wenn ihr Bösen hinab in die schaurige Nacht ihn genommen,

Dann zu suchen, zu flehn, oder zu zürnen mit euch,

Oder geduldig auch wohl im furchtsamen Banne zu wohnen,

Und mit Lächeln von euch hören das nüchterne Lied.

Soll es sein, so vergiß dein Heil, und schlummere klanglos!

Aber doch quillt ein Laut hoffend im Busen dir auf,

Immer kannst du noch nicht, o meine Seele! noch kannst dus

Nicht gewohnen, und träumst mitten im eisernen Schlaf!

Festzeit hab ich nicht, doch möcht ich die Locke bekränzen;

Bin ich allein denn nicht? aber ein Freundliches muß

Fernher nahe mir sein, und lächeln muß ich und staunen,

Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist.

3

Licht der Liebe! scheinest du denn auch Toten, du goldnes!

Bilder aus hellerer Zeit, leuchtet ihr mir in die Nacht?

Liebliche Gärten seid, ihr abendrötlichen Berge,

Seid willkommen und ihr, schweigende Pfade des Hains,

Zeugen himmlischen Glücks, und ihr, hochschauende Sterne,

Die mir damals so oft segnende Blicke gegönnt!

Euch, ihr Liebenden auch, ihr schönen Kinder des Maitags,

Stille Rosen und euch, Lilien, nenn ich noch oft!

Wohl gehn Frühlinge fort, ein Jahr verdränget das andre,

Wechselnd und streitend, so tost droben vorüber die Zeit

Über sterblichem Haupt, doch nicht vor seligen Augen,

Und den Liebenden ist anderes Leben geschenkt.

Denn sie alle, die Tag und Jahre der Sterne, sie waren

Diotima! um uns innig und ewig vereint;

4

Aber wir, zufrieden gesellt, wie die liebenden Schwäne,

Wenn sie ruhen am See, oder, auf Wellen gewiegt,

Niedersehn in die Wasser, wo silberne Wolken sich spiegeln,

Und ätherisches Blau unter den Schiffenden wallt,

So auf Erden wandelten wir. Und drohte der Nord auch,

Er, der Liebenden Feind, klagenbereitend, und fiel

Von den Ästen das Laub, und flog im Winde der Regen,

Ruhig lächelten wir, fühlten den eigenen Gott

Unter trautem Gespräch; in Einem Seelengesange,

Ganz in Frieden mit uns kindlich und freudig allein.

Aber das Haus ist öde mir nun, und sie haben mein Auge

Mir genommen, auch mich hab ich verloren mit ihr.

Darum irr ich umher, und wohl, wie die Schatten, so muß ich

Leben, und sinnlos dünkt lange das Übrige mir.

5

Feiern möcht ich; aber wofür? und singen mit Andern,

Aber so einsam fehlt jegliches Göttliche mir.

Dies ists, dies mein Gebrechen, ich weiß, es lähmet ein Fluch mir

Darum die Sehnen, und wirft, wo ich beginne, mich hin,

Daß ich fühllos sitze den Tag, und stumm wie die Kinder,

Nur vom Auge mir kalt öfters die Träne noch schleicht,

Und die Pflanze des Felds, und der Vögel Singen mich trüb macht,

Weil mit Freuden auch sie Boten des Himmlischen sind,

Aber mir in schaudernder Brust die beseelende Sonne,

Kühl und fruchtlos mir dämmert, wie Strahlen der Nacht,

Ach! und nichtig und leer, wie Gefängniswände, der Himmel

Eine beugende Last über dem Haupte mir hängt!

6

Sonst mir anders bekannt! o Jugend, und bringen Gebete

Dich nicht wieder, dich nie? führet kein Pfad mich zurück?

Soll es werden auch mir, wie den Götterlosen, die vormals

Glänzenden Auges doch auch saßen an seligem Tisch,

Aber übersättiget bald, die schwärmenden Gäste,

Nun verstummet, und nun, unter der Lüfte Gesang,

Unter blühender Erd entschlafen sind, bis dereinst sie

Eines Wunders Gewalt, sie, die Versunkenen, zwingt,

Wiederzukehren, und neu auf grünendem Boden zu wandeln. –

Heiliger Othem durchströmt göttlich die lichte Gestalt,

Wenn das Fest sich beseelt, und Fluten der Liebe sich regen,

Und vom Himmel getränkt, rauscht der lebendige Strom,

Wenn es drunten ertönt, und ihre Schätze die Nacht zollt,

Und aus Bächen herauf glänzt das begrabene Gold. –

7

Aber o du, die schon am Scheidewege mir damals,

Da ich versank vor dir, tröstend ein Schöneres wies,

Du, die Großes zu sehn, und froher die Götter zu singen,

Schweigend, wie sie, mich einst stille begeisternd gelehrt;

Götterkind! erscheinest du mir, und grüßest, wie einst, mich,

Redest wieder, wie einst, höhere Dinge mir zu?

Siehe! weinen vor dir, und klagen muß ich, wenn schon noch.

Denkend edlerer Zeit, dessen die Seele sich schämt.

Denn so lange, so lang auf matten Pfaden der Erde

Hab ich, deiner gewohnt, dich in der Irre gesucht,

Freudiger Schutzgeist! aber umsonst, und Jahre zerrannen,

Seit wir ahnend um uns glänzen die Abende sahn.

8

Dich nur, dich erhält dein Licht, o Heldin! im Lichte,

Und dein Dulden erhält liebend, o Gütige, dich;

Und nicht einmal bist du allein; Gespielen genug sind,

Wo du blühest und ruhst unter den Rosen des Jahrs;

Und der Vater, er selbst, durch sanftumatmende Musen

Sendet die zärtlichen Wiegengesänge dir zu.

Ja! noch ist sie es ganz! noch schwebt vom Haupte zur Sohle,

Stillherwandelnd, wie sonst, mir die Athenerin vor.

Und wie, freundlicher Geist! von heitersinnender Stirne

Segnend und sicher dein Strahl unter die Sterblichen fällt,

So bezeugest du mirs, und sagst mirs, daß ich es andern

Wiedersage, denn auch andere glauben es nicht,

Daß unsterblicher doch, denn Sorg und Zürnen, die Freude

Und ein goldener Tag täglich am Ende noch ist.

9

So will ich, ihr Himmlischen! denn auch danken, und endlich

Atmet aus leichter Brust wieder des Sängers Gebet.

Und wie, wenn ich mit ihr, auf sonniger Höhe mit ihr stand,

Spricht belebend ein Gott innen vom Tempel mich an.

Leben will ich denn auch! schon grünts! wie von heiliger Leier

Ruft es von silbernen Bergen Apollons voran!

Komm! es war wie ein Traum! Die blutenden Fittige sind ja

Schon genesen, verjüngt leben die Hoffnungen all.

Großes zu finden, ist viel, ist viel noch übrig, und wer so

Liebte, gehet, er muß, gehet zu Göttern die Bahn.

Und geleitet ihr uns, ihr Weihestunden! ihr ernsten,

Jugendlichen! o bleibt, heilige Ahnungen, ihr

Fromme Bitten! und ihr Begeisterungen und all ihr

Guten Genien, die gerne bei Liebenden sind;

Bleibt so lange mit uns, bis wir auf gemeinsamem Boden

Dort, wo die Seligen all niederzukehren bereit,

Dort, wo die Adler sind, die Gestirne, die Boten des Vaters,

Dort, wo die Musen, woher Helden und Liebende sind,

Dort uns, oder auch hier, auf tauender Insel begegnen,

Wo die Unsrigen erst, blühend in Gärten gesellt,

Wo die Gesänge wahr, und länger die Frühlinge schön sind,

Und von neuem ein Jahr unserer Seele beginnt.

 

Doppelbogen

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Dichtung, die schöne Welt des Scheins, Fotografie, Krieg, Leben, Mythologie, Natur, Philosophie, Psyche, Tiere, Träumen | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , | 14 Kommentare

Kunst zum Sonntag: Bogen und Leier, Heraklit und Abramovic

„Des Bogens Name ist Leben, sein Werk aber Tod“, stellt Heraklit von Ephesos, ca 500 v. Chr. in einem berühmten Wortspiel fest. (Bios auf der ersten Silbe betont bedeutet „Leben“, auf der zweiten „Bogen“)

Bogen und Leier (Lyra) sind Attribut des Gottes Apoll, Sonnen- und Heilgott, der jeden Abend stirbt und die Reise in die Unterwelt antritt, und der jeden Morgen aufersteht und die Reise über die Erde beginnt. Dem Bogen und der Lyra ist gemeinsam, dass Sehnen zwischen die Enden gebogener Hölzer gespannt werden.

Die Einheit der Widersprüche zu verstehen, falle den Menschen schwer, meint Heraklit.  Wie kann etwas, das auseinanderstrebt, zugleich zueinander streben? Und doch tun das der Bogen und die Leier. „οὐ ξυνιᾶσιν ὅκως διαφερόμενον ἑωυτῶι συμφέρεται• παλίντονος ἁρμονίη ὅκωσπερ τόξου καὶ λύρη.“ Die Spannung der Sehne und die des Holzes sind unauflöslich miteinander verbunden, sind „ein und dasselbe“. Gerade dadurch, dass die Enden auseinander streben, wird die funktionale Einheit hergestellt, die im Falle der Lyra Musik ermöglicht, im Falle des Bogens den Tod herbeiführt. So ist es mit allen Dingen: „Es ist immer dasselbe, Lebendes wie Totes, Waches wie Schlafendes, Junges wie Altes. Das eine schlägt um in das andere, das andere wiederum schlägt in das eine um.“ (Heraklit)

Die „gegenstrebende Fügung“ (palintonos harmonie) – die Harmonie der auseinanderstrebender Kräfte von Leben und Tod, von weiblichem und männlichem Prinzip, von Aktivität und Passivität, von Vertrauen und Angst haben Marina Abramovic und Ulay 1980 in einer atemberaubenden Performance sichtbar gemacht. Die beiden waren damals ein Liebespaar.

Hier auch die ganze Performance von 1980 als Video.

In einer TED-Veranstaltung erzählt Marina Abramovic, wie sich ihre Performance-Kunst entwickelt hat und was sie damit bezweckt. Schau dir das Video an! Ich kann es wärmstens empfehlen. Du wirst die Welt danach ein wenig anders sehen. Denn was auch immer du von dieser Künstlerin halten magst: ihr Mut und ihre Ausstrahlung sind unübertroffen.

Zum Ausklang ein sehr femininer Apoll aus Pompeji, den ich unlängst im Archäologischen Museum von Neapel sah. Er hat den Bogen abgelegt, ist nur mehr der sanftmütge Gott der schönen Künste. Die roten Hintergründe habe ich digital eingefügt.

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, events, Kunst zum Sonntag, Leben, Philosophie, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , | 31 Kommentare

Einen Bogen schlagen – zu den Anfängen dieses Blogs

Bögen überwölben die Behausungen der Menschen, beschützen sie seit altersher. Der Bogen markiert den Eingang zum Heiligtum oder zur  Stadt, er überbrückt Flüsse und Gräben, er überdacht. Er hüllt ein und gibt Sicherheit, er beruhigt die Seele.

Heute möchte ich einen Bogen schlagen zum Anfang meiner Bloggerei: Als ich 2015 mit diesem Blog begann, erzählte ich Geschichten, indem ich die Schnipsel zerrissener oder zerschnittener älterer Gemälde zu immer neuen Bildern zusammenlegte. Ich hatte eine neue Art des Kunst-Recyclings erfunden.

Viele kennen diese Arbeiten noch nicht. Und so suchte ich heute ein paar dieser „Legebilder“ heraus, um mit ihrer Hilfe Aspekte des Bogens als Bildelement zu demonstrieren. Und vor allem: Um mich und euch noch einmal mit diesen vergnüglich-tiefsinnigen Bildern zu unterhalten. Den damals aktuellen politischen Bezug (2015 bekamen wir die „Erste linke Regierung Griechenlands“) kannst du nachlesen, wenn du die Links in den Titeln anklickst.

Das Mondschaf

 

Das Kind ist in den Brunnen gefallen

Alabama Song

Das Orakel

 

Veröffentlicht unter Allgemein, alte Kulturen, Commedia dell'Arte, die griechische Krise, die schöne Welt des Scheins, Leben, Legearbeiten, Methode, Mythologie, Psyche | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | 17 Kommentare