Das Orakel

Man nähere sich dem Orakel gut vorbereitet. Wie soll man seine Frage formulieren? Ist die Fragestellung verworren, wird auch die Antwort unklar sein.

Ein Bittsteller aus Sparta wollte zum Beispiel wissen, was das Beste für den Menschen sei. Die Antwort: „Erkenne dich selbst“. Das war vor ca 2600 Jahren.

Beispiele dafür, dass auch klare Antworten in die Irre führen können, gibt es zu Hauf. Viel diskutiert wurde der Spruch, den der lydische König Krösus zu hören bekam. Dieser reichste Mann des Altertums wünschte zu erfahren, ob er Persien bekriegen solle. „Wenn du Persien angreifst, wirst du ein großes Reich vernichten“, war die Antwort. Sie war korrekt, aber missverständlich. Denn das Reich, das der König zerstörte, war sein eigenes.

Zur Pythia von Delphi, dem berühmtesten aller Orakel, pilgerten tausend Jahre lang Bittstellerinnen und Bittsteller, um Hilfe bei wichtigen Entscheidungen zu erhalten, guten Rat in Notlagen zu holen oder um Schutz vor Verfolgung zu flehen.

IMG_3036 AusschnittHeute geht keiner mehr nach Delphi. Heute geht man, wenn man nicht mehr ein und aus weiß, nach Brüssel, zu den Vertretern der drei „Institutionen“ (IWF, EZB und EE). In meinem Bild sind es griechische Hausfrauen, die wissen möchten, ob sie ihr Erspartes unter der Matratze aufheben, in Versichungspolicen anlegen oder außer Landes schaffen sollen. Bleiben wir im Euroland? Gehen wir pleite? Die Antwort der Institutionen ist ein leises Murmeln und Flüstern, ein Schreien und Blöken, aus dem sie immer wieder heraushören: „Du musst deine Hausaufgaben machen“. Und das wäre? fragen sie zurück. Aber da schweigt das Orakel.

Erkenne dich selbst

Das Orakel (c) Gerda Kazakou

Ich aber sehe, dass es tief im Innern des Heiligtums eine vierte Kraft gibt, größer und dunkler als die anderen, und die spricht wie immer schon: Gnothe sauton. Erkenne dich selbst.

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Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
Dieser Beitrag wurde unter Allgemein, alte Kulturen, Ökonomie, die griechische Krise, Leben, Mythologie abgelegt und mit , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Das Orakel

  1. kwirsch schreibt:

    Erkenne dich selbst…und warte bis die Europäer in der Realität ankommen – möchte man sagen
    Worunter die Institutionen stehen erinnert mich an die Angel mit der Möhre für den Esel, der immer hinterherennt und sie nie bekommt. Und hier hängt das Bündel auf Seiten derer, die es als Lohn für absurde Hausaufgaben gewähren, um es dann gleich wieder einzukassieren. Denn die Frauen auf dem Bild werden nichts davon sehen.

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    • gkazakou schreibt:

      Na, auch das Baby im Bauch der einen und im Tuch der anderen wird noch blechen müssen….Und deren Babys auch. Damit die Banken nicht pleite gehen. wär ja auch schad drum, so schöne Paläste!

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