Ein Schwanen-Doppelbogen oder: Menons Klagen um Diotima (Hölderlin)

Nach dem dramatischen Heraklit-Abramovic-Ulay-Auftritt von gestern hatte ich das Bedürfnis nach Harmonie und Stille. Nicht immer, so meine ich, muss Krieg zwischen den Gegensätzen herrschen, es darf auch ein friedliches Miteinander sein. Und so suchte ich in meinem Foto-Archiv nach dem Doppelbogen der Schwanenhälse, die „zufrieden gesellt“ sich im See der Bostoner Parkanlagen spiegelten. Und stellte einige der Strophen von Friedrich Hölderlins Elegie „Memons Klagen um Diotima“ (ca 1802) dazu.

Aber wir, zufrieden gesellt, wie die liebenden Schwäne,

Wenn sie ruhen am See, oder, auf Wellen gewiegt,

Niedersehn in die Wasser, wo silberne Wolken sich spiegeln,

Und ätherisches Blau unter den Schiffenden wallt,

So auf Erden wandelten wir. Und drohte der Nord auch,

Er, der Liebenden Feind, klagenbereitend, und fiel

Von den Ästen das Laub, und flog im Winde der Regen,

Ruhig lächelten wir, fühlten den eigenen Gott

Unter trautem Gespräch; in Einem Seelengesange,

Ganz in Frieden mit uns kindlich und freudig allein.

….

Aber ach, der „Eine Seelengesang“ ist eingebettet in Verlust und Trauer. „Hinauf irret der Geist und hinab, Ruh erbittend.“ „Wechselnd und streitend, so tost droben vorüber die Zeit Über sterblichem Haupt“

Und so hat eben doch Heraklits Krieg der Gegensätze, die, einander zugleich fliehend und anziehend, in ein Joch gespannt sind, das erste Wort in der Welt.

Oder sollte es umgekehrt sein? Ist das, was wir Wirklichkeit nennen, wenn der Tod uns den Geliebten entreißt, selbst nur ein Traum? Wäre es möglich, „Daß unsterblicher doch, denn Sorg und Zürnen, die Freude / Und ein goldener Tag täglich am Ende noch ist“ ?

Hier die ganze Elegie, die wieder einmal zu lesen mir ein Bedürfnis war.  

Menons Klagen um Diotima

[78] 1

Täglich geh ich heraus, und such ein Anderes immer,

Habe längst sie befragt, alle die Pfade des Lands;

Droben die kühlenden Höhn, die Schatten alle besuch ich,

Und die Quellen; hinauf irret der Geist und hinab,

Ruh erbittend; so flieht das getroffene Wild in die Wälder,

Wo es um Mittag sonst sicher im Dunkel geruht;

Aber nimmer erquickt sein grünes Lager das Herz ihm,

Jammernd und schlummerlos treibt es der Stachel umher.

Nicht die Wärme des Lichts, und nicht die Kühle der Nacht hilft,

Und in Wogen des Stroms taucht es die Wunden umsonst.

Und wie ihm vergebens die Erd ihr fröhliches Heilkraut

Reicht, und das gärende Blut keiner der Zephyre stillt,

So, ihr Lieben! auch mir, so will es scheinen, und niemand

Kann von der Stirne mir nehmen den traurigen Traum?

2

Ja! es frommet auch nicht, ihr Todesgötter! wenn einmal

Ihr ihn haltet, und fest habt den bezwungenen Mann,

Wenn ihr Bösen hinab in die schaurige Nacht ihn genommen,

Dann zu suchen, zu flehn, oder zu zürnen mit euch,

Oder geduldig auch wohl im furchtsamen Banne zu wohnen,

Und mit Lächeln von euch hören das nüchterne Lied.

Soll es sein, so vergiß dein Heil, und schlummere klanglos!

Aber doch quillt ein Laut hoffend im Busen dir auf,

Immer kannst du noch nicht, o meine Seele! noch kannst dus

Nicht gewohnen, und träumst mitten im eisernen Schlaf!

Festzeit hab ich nicht, doch möcht ich die Locke bekränzen;

Bin ich allein denn nicht? aber ein Freundliches muß

Fernher nahe mir sein, und lächeln muß ich und staunen,

Wie so selig doch auch mitten im Leide mir ist.

3

Licht der Liebe! scheinest du denn auch Toten, du goldnes!

Bilder aus hellerer Zeit, leuchtet ihr mir in die Nacht?

Liebliche Gärten seid, ihr abendrötlichen Berge,

Seid willkommen und ihr, schweigende Pfade des Hains,

Zeugen himmlischen Glücks, und ihr, hochschauende Sterne,

Die mir damals so oft segnende Blicke gegönnt!

Euch, ihr Liebenden auch, ihr schönen Kinder des Maitags,

Stille Rosen und euch, Lilien, nenn ich noch oft!

Wohl gehn Frühlinge fort, ein Jahr verdränget das andre,

Wechselnd und streitend, so tost droben vorüber die Zeit

Über sterblichem Haupt, doch nicht vor seligen Augen,

Und den Liebenden ist anderes Leben geschenkt.

Denn sie alle, die Tag und Jahre der Sterne, sie waren

Diotima! um uns innig und ewig vereint;

4

Aber wir, zufrieden gesellt, wie die liebenden Schwäne,

Wenn sie ruhen am See, oder, auf Wellen gewiegt,

Niedersehn in die Wasser, wo silberne Wolken sich spiegeln,

Und ätherisches Blau unter den Schiffenden wallt,

So auf Erden wandelten wir. Und drohte der Nord auch,

Er, der Liebenden Feind, klagenbereitend, und fiel

Von den Ästen das Laub, und flog im Winde der Regen,

Ruhig lächelten wir, fühlten den eigenen Gott

Unter trautem Gespräch; in Einem Seelengesange,

Ganz in Frieden mit uns kindlich und freudig allein.

Aber das Haus ist öde mir nun, und sie haben mein Auge

Mir genommen, auch mich hab ich verloren mit ihr.

Darum irr ich umher, und wohl, wie die Schatten, so muß ich

Leben, und sinnlos dünkt lange das Übrige mir.

5

Feiern möcht ich; aber wofür? und singen mit Andern,

Aber so einsam fehlt jegliches Göttliche mir.

Dies ists, dies mein Gebrechen, ich weiß, es lähmet ein Fluch mir

Darum die Sehnen, und wirft, wo ich beginne, mich hin,

Daß ich fühllos sitze den Tag, und stumm wie die Kinder,

Nur vom Auge mir kalt öfters die Träne noch schleicht,

Und die Pflanze des Felds, und der Vögel Singen mich trüb macht,

Weil mit Freuden auch sie Boten des Himmlischen sind,

Aber mir in schaudernder Brust die beseelende Sonne,

Kühl und fruchtlos mir dämmert, wie Strahlen der Nacht,

Ach! und nichtig und leer, wie Gefängniswände, der Himmel

Eine beugende Last über dem Haupte mir hängt!

6

Sonst mir anders bekannt! o Jugend, und bringen Gebete

Dich nicht wieder, dich nie? führet kein Pfad mich zurück?

Soll es werden auch mir, wie den Götterlosen, die vormals

Glänzenden Auges doch auch saßen an seligem Tisch,

Aber übersättiget bald, die schwärmenden Gäste,

Nun verstummet, und nun, unter der Lüfte Gesang,

Unter blühender Erd entschlafen sind, bis dereinst sie

Eines Wunders Gewalt, sie, die Versunkenen, zwingt,

Wiederzukehren, und neu auf grünendem Boden zu wandeln. –

Heiliger Othem durchströmt göttlich die lichte Gestalt,

Wenn das Fest sich beseelt, und Fluten der Liebe sich regen,

Und vom Himmel getränkt, rauscht der lebendige Strom,

Wenn es drunten ertönt, und ihre Schätze die Nacht zollt,

Und aus Bächen herauf glänzt das begrabene Gold. –

7

Aber o du, die schon am Scheidewege mir damals,

Da ich versank vor dir, tröstend ein Schöneres wies,

Du, die Großes zu sehn, und froher die Götter zu singen,

Schweigend, wie sie, mich einst stille begeisternd gelehrt;

Götterkind! erscheinest du mir, und grüßest, wie einst, mich,

Redest wieder, wie einst, höhere Dinge mir zu?

Siehe! weinen vor dir, und klagen muß ich, wenn schon noch.

Denkend edlerer Zeit, dessen die Seele sich schämt.

Denn so lange, so lang auf matten Pfaden der Erde

Hab ich, deiner gewohnt, dich in der Irre gesucht,

Freudiger Schutzgeist! aber umsonst, und Jahre zerrannen,

Seit wir ahnend um uns glänzen die Abende sahn.

8

Dich nur, dich erhält dein Licht, o Heldin! im Lichte,

Und dein Dulden erhält liebend, o Gütige, dich;

Und nicht einmal bist du allein; Gespielen genug sind,

Wo du blühest und ruhst unter den Rosen des Jahrs;

Und der Vater, er selbst, durch sanftumatmende Musen

Sendet die zärtlichen Wiegengesänge dir zu.

Ja! noch ist sie es ganz! noch schwebt vom Haupte zur Sohle,

Stillherwandelnd, wie sonst, mir die Athenerin vor.

Und wie, freundlicher Geist! von heitersinnender Stirne

Segnend und sicher dein Strahl unter die Sterblichen fällt,

So bezeugest du mirs, und sagst mirs, daß ich es andern

Wiedersage, denn auch andere glauben es nicht,

Daß unsterblicher doch, denn Sorg und Zürnen, die Freude

Und ein goldener Tag täglich am Ende noch ist.

9

So will ich, ihr Himmlischen! denn auch danken, und endlich

Atmet aus leichter Brust wieder des Sängers Gebet.

Und wie, wenn ich mit ihr, auf sonniger Höhe mit ihr stand,

Spricht belebend ein Gott innen vom Tempel mich an.

Leben will ich denn auch! schon grünts! wie von heiliger Leier

Ruft es von silbernen Bergen Apollons voran!

Komm! es war wie ein Traum! Die blutenden Fittige sind ja

Schon genesen, verjüngt leben die Hoffnungen all.

Großes zu finden, ist viel, ist viel noch übrig, und wer so

Liebte, gehet, er muß, gehet zu Göttern die Bahn.

Und geleitet ihr uns, ihr Weihestunden! ihr ernsten,

Jugendlichen! o bleibt, heilige Ahnungen, ihr

Fromme Bitten! und ihr Begeisterungen und all ihr

Guten Genien, die gerne bei Liebenden sind;

Bleibt so lange mit uns, bis wir auf gemeinsamem Boden

Dort, wo die Seligen all niederzukehren bereit,

Dort, wo die Adler sind, die Gestirne, die Boten des Vaters,

Dort, wo die Musen, woher Helden und Liebende sind,

Dort uns, oder auch hier, auf tauender Insel begegnen,

Wo die Unsrigen erst, blühend in Gärten gesellt,

Wo die Gesänge wahr, und länger die Frühlinge schön sind,

Und von neuem ein Jahr unserer Seele beginnt.

 

Doppelbogen

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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14 Antworten zu Ein Schwanen-Doppelbogen oder: Menons Klagen um Diotima (Hölderlin)

  1. kormoranflug schreibt:

    Selten höre ich die Schwäne bei uns so lange klagen ausser über ihre (dieses Jahr 7) Plagen.

    Gefällt 2 Personen

  2. Ulli schreibt:

    Liebe Gerda, die Spannung der Gegensätze müssen wir wohl oder übel lernen auszuhalten, die Liebe und die Angst, die Freude und die Trauer etc., die Verwandlung jedoch des einen in das andere ist damit nicht ausgeschlossen, wie Hölderlin es schreibt, war gerade noch tiefe Trauer und entlockte ihm manche Träne bei seinem Erinnern, so findet er am Ende doch Trost (und Freude?):Und von neuem ein Jahr unserer Seele beginnt.
    Schöne Schwanenbilder hast du aus Boston mitgebracht –
    Herzensgrüße an dich, Ulli

    Gefällt 2 Personen

  3. kopfundgestalt schreibt:

    Ich frage mich des öfteren, woher Agression und Destruktivität rührt.
    Mit Kindheitsgeschichte ist das nicht erklärt. Kann es sein, daß sich ein Dämon (neuronal) verfestigt, lässt man ihn rein und zu? Und füttert ihn?
    Es gibt aber auch Geschöpfe, denen von Grund auf Empathie und Mitfühlen fehlt. Es gibt das alles.
    Ich wollte schon immer darüber ein Buch lesen, was da alles möglich ist. Aber mir schaudert es einfach.
    Da aber vieles möglich ist und nicht alle gewillt sind, wie Schwäne ohne Zank, ohne Missgunst, territorale Ansprüche, Gier, ect zu leben, ist das Leben der Schwäne leider ein schönes Sinnbild.

    Möchtest Du eigentlich lustwandeln in einer Welt ohne rechte Gegensätze, wie in einem Kunstgarten einst (vorgestellt) die barocken Frauen und Männer? Das wiederum wäre das andere Extrem – und ein recht langweiliges.

    Gefällt 3 Personen

  4. kowkla123 schreibt:

    toller beitrag, mein PC ist in Reparatur, darum nur ein kurzer Gruß, hab einen guten Tag.

    Gefällt 1 Person

  5. www.wortbehagen.de schreibt:

    Wie schön und wahrlich friedlich ist Dein Schwanendoppelbogen, liebe Gerda
    und dann Menons Klagen um Diotima.
    Ich mußte mich schon sehr konzentrieren, um alles zu erfassen, was der große Dichter hier schreibt. Durch tiefes Leid und viele Jahre am Ende doch auch innigstille Freude winkt…

    Ich muß es nochmal lesen, wenn ich nicht so halb dösend hier herumsitze und zusehe, wie es draußen dusterer wird. Es schläfert mich nach und nach ein…, das Nachsommerwetter

    Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      schön, wenn du es wieder liest. Wieder und wieder müssen diese Verse gelesen werden. Es ist für uns Heutige nicht leicht, die Wenigsten mögen sich drauf einlassen. Sprache und Bilderwelt Hölderlins scheinen ihnen so fern, so abgelegen oder überspannt. Lieber lesen sie Lebensberater-Neusprech. Nun ja. du bist anders. Ich auch, wobei mir die Nähe zum Griechentum hilft.

      Gefällt 1 Person

      • www.wortbehagen.de schreibt:

        Es ist nicht ganz einfach, Hölderlins Gedanken zu folgen, aber es lohnt sich sehr, weil hier nicht nur Schönheit, sondern auch große Weisheit verborgen liegt.
        Du, liebe Gerda, hattest sicher das Glück, schon früh von seinen Werken zu lesen oder auch die vielen anderen großen Dichter zu lesen. Ich fand sie spät, aber nicht zu spät und bin sehr froh darüber. Lese aber immer noch nach und nach… und vergesse so einiges wieder, leider *lächel*
        Deine Nähe zum Griechentum ist etwas, um was ich Dich sehr beneide

        Gefällt 1 Person

    • gkazakou schreibt:

      Nun, liebe Bruni, so doll war es mit meiner Bildung leider nicht, bevor ich mich selbst darum bekümmerte. Unsere Schule hatte da nichts zu bieten, und meine Mutter hatte zwar einen Bildungshintergrund, aber der schloss Hölderlin durchaus nicht ein. Auch heute bin ich ein ziemlicher Analphabet, was das angeht. Ich habe eine wirklich gebildete Freundin, die einen Arbeitskreis über Hölderlins „Hyperion“ leitete, leider in Deutschland, und allein komme ich damit auch nicht zurecht. Sie war ein wenig enttäuscht von mir, als ich ihr gestand, dass ich über die erste Seite nicht hinauskam. Aber bei kleineren Foraten geht es.

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  6. www.wortbehagen.de schreibt:

    Lebensberater mag ich gar nicht *lach*

    Gefällt 1 Person

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