Das Kind ist in den Brunnen gefallen*

in den Brunnen gefallen

das Kind im Brunnen, Original (c) Gerda Kazakou

Viele Weise und Unweise stehen um den Brunnen herum und debattieren. Was bekommt man da nicht alles zu hören ! Als erstes ertönt vielstimmig die Frage nach dem oder den Schuldigen: Wurde das Kind hineingeworfen und wenn ja, von wem? Wieso war der Brunnen nicht gesichert? Warum gibt es hier überhaupt einen Brunnen? Hatte der, der ihn angelegt hat, überhaupt eine Lizenz? Na, undsoweiter.

Eine zweifelnde Stimme: War es denn überhaupt ein Kind, das in den Brunnen fiel?  War es nicht vielmehr der Mond? – O, diese Romantiker!

Ist's vielleicht der Mond?

Das Kind im Brunnen, Detail

Einer fragt, ob es denn ein Kind war oder vielleicht einer dieser übermütigen Jugendlichen, die abends die Gegend unsicher machen. Ein Sprayer vielleicht. Oder wars ein Narziss, der sich, unsterblich in sich selbst verliebt, in seinem eigenen Spiegelbild ertränkte? So etwas, meint jemand, der sich in den antiken Mythen auskennt, kommt ja leider oft genug vor, man habe sogar eine ganze Gruppe psychischer Defekte nach dieser Form des stillen Selbstmords benannt. Nein, nein, nicht Nazismus! Narzissmus!!

Den Moralisten, Juristen und Psychologen schneiden die Logiker entschlossen das Wort ab. Für sie ist zuallererst die Grundsatzfrage zu klären: „Fiel überhaupt jemand hinein oder stieg nicht vielmehr jemand heraus aus dem Brunnen?“ Als zweites erhebt sich die Frage nach dem empirischen Beweis, und wenn der nicht zu finden ist, jedenfalls nach teilnehmenden Beobachtern: „Wer war beim Vorgang dabei?“ Man sucht nach Zeugen, man ereifert sich. Die einen sind den anderen zu grün, die anderen den einen zu blau. Und die goldenen Zeugen – na ja, auf die ist nichts zu geben, die verfolgen bekanntlich ihre eigenen Interessen.  Gibt es denn keine roten Zeugen?

IMG_1257  IMG_1259

Nein, leider nicht, dafür aber gibt’s recht schattige Burschen, denen man nachts besser nicht begegnet.

IMG_1260Und so wissen leider auch die Morgenzeitungen nichts Sicheres zu berichten*. Ein Kind jedenfalls wurde nicht herausgefischt aus dem Brunnen, trotz all der Geräte, die die

Herrschaften mit sich führten. IMG_1245  Am Ende wird man die ganze Geschichte vergessen, und ein stilles Leuchten am Grund des Brunnens wird das einzige sein, was uns dran erinnert.

Ein stilles Leuchten am Grunde des Brunnens. Elektronische Bearbeitung des Originals „Das Kind im Brunnen“ (c) Gerda Kazakou.

             Ruhe sanft, schöner Mond, schönes Kind! Ruhe sanft, geliebtes Griechenland, in deiner Muschel, und lausche dem Rauschen des Meeres!

Muschel

Muschel, elektronische Bearbeitung des Originals „Das Kind im Brunnen“ (c) Gerda Kazakou

*Für die, die keine Morgenzeitung lesen: Griechenland ist grad in den Brunnen gefallen, und rundum stehen die Weisen und beraten sich.

Über gkazakou

Humanwissenschaftlerin (Dr. phil). Schwerpunkte Bildende Kunst und Kreative Therapien. In diesem Blog stelle ich meine "Legearbeiten" (seit Dezember 2015) vor und erläutere, hoffentlich kurzweilig, die Bezüge zum laufenden griechischen Drama und zur Mythologie.
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7 Antworten zu Das Kind ist in den Brunnen gefallen*

  1. hellajm schreibt:

    Sehr schöne Bildbearbeitungen, listig-vieldeutiger Text, märchenhafter Ausklang.Hella

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  2. Myriade schreibt:

    Deine Bildbearbeitungen gefallen mir sehr gut. Was mich selbst wundert, weil ich eigentlich keine Bildbearbeitungen mag, aber offenbar habe ich bisher nur „die falschen“ gesehen🙂
    Und ein Text, der das schwierige Thema beleuchtet wie der Mond …

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    • gkazakou schreibt:

      Hallo Myriade, ich verstehe deine Abneigung gegen Bildbearbeitungen gut. Das gilt allerdings hauptsächlich, wenn die Bearbeitung eine Perfektion vortäuscht, die das Original nicht besitzt. Mir geht es nicht um Perfektion, sondern um Varianz, um Veränderung, um Deutung und Fluss, Wie verschiedene Bilder aus denselben Schnipseln hervorgehen, so die Bearbeitungen aus demselben Original. Es ist wie im Leben: Man kann jeden Tag auf denselben Weltausschnitt gucken, und doch ist es jedes Mal ein völlig anderes Erlebnis, wenn man es anders einfärbt, finde ich.

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  3. afrikafrau schreibt:

    wunderbarer Gedankenansatz, es kann so gesehen werden oder auch ganz anders, sehr interessant finde ich diesen Ansatz, eine besondere Kunst, Veränderungen ,Vergänglichkeit,
    etwas Neueskann entstehen……Könnte mit dies sehr gut in einem video vorstellen,
    derjenige der es liest und darüber nachdenkt, wird es sicherlich ncht vergessen….
    trotzdem denke ich es wäre wichtig , etwas davon weiterzugen……….

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    • gkazakou schreibt:

      danke herzlich Afrikafrau! Ich habe tatsächlich vor, ein paar Bildreihen als Video zu produzieren. Leider stehe ich mit der Technik nicht auf besonders gutem Fuß, mir macht das Produzieren von Bildern und Texten sehr viel mehr Spaß als mich mit Fragen der Präsentation rumzuschlagen. ich hoffe, eine Freundin macht mir das Video. Dann will ich Bilder und Video in einer Ausstellung zeigen. Vielleicht auch in Deutschland. Mal sehen.

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      • afrikafrau schreibt:

        ja, so etwas kostet etwas Zeit, diese benötigen Künstler in erster Linie für die Kunst, die Präsentation bzw.Verbreitung benötigen Unterstützung von technisch versierten Menschen… die es sicherlich gibt, die das gerne übernehmen….fände ich super…
        Die Kunst sollte sich kreativ vernetzen, bzw. zusammenarbeiten, um bestimmten ungesunden Tendenzen entgegenzuwirken,,,, umgestalten…….

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